Studie der Bertelsmann Stiftung

Digitalisierung im Gesundheitswesen: Deutschland hinkt deutlich hinterher

Rang 16 von 17: Der digitale Fortschritt kommt bei Patienten in Deutschland nicht wirklich an. Zu diesem vernichtenden Urteil kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung.

Für den digitalen Wandel im Gesundheitswesen muss die Politik in Deutschland entschlossener handeln als in der Vergangenheit: Zu diesem Urteil kommt die Bertelsmann Stiftung. In ihrer Untersuchung erreicht Deutschland einen Digital-Health-Index von 30,02 Punkten. Zum Vergleich: Spitzenreiter Estland erreicht 81,92 Punkte und der Mittelwert liegt bei 58,99. Adobe Stock/vege

In der internationalen Vergleichsstudie der Bertelsmann Stiftung schneidet Deutschland schlecht ab und landet auf Rang 16 von 17 untersuchten Ländern. Die Stiftung hat analysiert, wie aktiv die Gesundheitspolitik in den Ländern bei der Digitalisierung handelt: Welche Strategien gibt es, welche funktionieren? Welche technischen Voraussetzungen sind vorhanden und inwieweit werden neue Technologien tatsächlich genutzt?

Spitzenreiter im Ranking haben effektive Strategien, politische Führung und eine nationale Koordinationsstelle - Deutschland nicht

Auf den ersten Rängen des Vergleichs landen Estland, Kanada, Dänemark, Israel und Spanien. In diesen Ländern sind digitale Technologien bereits Alltag in Praxen und Kliniken. So werden Rezepte digital übermittelt und wichtige Gesundheitsdaten der Patienten in elektronischen Akten gespeichert – Ärzte und Kliniken können direkt darauf zugreifen.

In Estland und Dänemark können alle Bürger ihre Untersuchungsergebnisse, Medikationspläne oder Impfdaten online einsehen und Zugriffsmöglichkeiten für Ärzte und andere Gesundheitsberufe selbst verwalten. In Israel und Kanada sind Ferndiagnosen und Fernbehandlungen per Video selbstverständlicher Teil der Gesundheitsversorgung. Hier geht es zur interaktiven Karte.

 

RangLandDigital-Health-Index
1Estland81,92
2Kanada74,73
3Dänemark72,47
4Israel72,45
5Spanien71,36
6Großbritannien (NHS)69,98
7Schweden68,26
8Portugal67,19
9Niederlande66,05
10Österreich59,81
11Australien57,31
12Italien55,81
13Belgien54,67
14Schweiz40,62
15Frankreich31,61
16Deutschland30,02
17Polen28,52

Quelle: Digitalisierungsstudien im Vergleich, Bertelsmann Stiftung, 2018

Bedingung für eine gelingende digitale Transformation im Gesundheitswesen sei ein Dreiklang aus "effektiver Strategie, politischer Führung und einer politisch verankerten Institution zur Koordination des Digitalisierungsprozesses".

Zur Methodik

Die empirica Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung hat für die Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung die Digitalisierungsstrategien und -fortschritte in Deutschland und 16 weiteren Ländern analysiert.

Einbezogen wurden 14 EU-Länder und mit Australien, Kanada und Israel drei weitere OECD-Länder. Studienziel war, Ableitungen für die Gestaltung des digitalen Wandels im deutschen Gesundheitswesen zu treffen. Es wurden deshalb gezielt Länder verschiedener Größe, mit unterschiedlichen Gesundheitssystemen und unterschiedlichen politischen Strukturen ausgewählt. Darüber hinaus wurden Länder einbezogen, die bereits vielfältige Erfahrungen im Kontext der Digitalisierung im Gesundheitswesen gemacht haben.

Für den ersten Studienteil wurde ein Digital-Health-Index erstellt – Basis waren die Angaben von einzelnen Experten aus den jeweiligen Ländern zu einem standardisierten Fragebogen bestehend aus 34 Indikatoren und rund 150 Einzelfragen. Im zweiten Studienteil wurden die Erfahrungen in fünf Ländern (Dänemark, Frankreich, Israel, Niederlande, Schweiz) durch Recherchen und Interviews mit Akteuren vor Ort analysiert.

Erfolgreiche Länder gehen laut Bertelsmann Stiftung strategisch in pragmatischen Schritten vor und führen einzelne Prozesse wie das digitale Rezept nach und nach ein. Die Politik gebe einen klaren Rahmen vor, sorge für Akzeptanz bei den Akteuren und treibe die Entwicklung voran.

In 15 der 17 analysierten Länder, in allen außer Deutschland und Spanien, gebe es „Agenturen für digitale Gesundheit“ auf nationaler Ebene. Diese sind etwa für die Definition von technischen Standards und Datenformaten für die Elektronische Patientenakte verantwortlich.

Status quo in Deutschland: Im Alltag kommt wenig an

Eigentlich habe Deutschland die ersten Schritte in Richtung Digitalisierung früh gemacht, heißt es in der Studie. Bereits 2003 hatte die Bundesregierung die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte beschlossen. Außerdem gibt es seit vielen Jahren erfolgreiche digitale Pilotprojekte auf regionaler Ebene – beispielsweise die Notfallversorgung von Schlaganfallpatienten oder das Telemonitoring von Menschen mit Herzerkrankungen.

Doch seien die neuen technologischen Möglichkeiten in Deutschland nicht bundesweit und für alle Patienten nutzbar: "Im Alltag der Versorgung ist bislang wenig angekommen", heißt es in der Studie.

"Die Politik hat in der Vergangenheit die Verantwortung für die digitale Transformation an die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen delegiert", sagt Studienleiter Thomas Kostera. "Hier haben sich die Akteure lange Zeit gegenseitig blockiert. Es ist noch nicht gelungen, alle Verantwortlichen hinter einem gemeinsamen Ziel zu versammeln."

In jüngster Zeit habe die Gesundheitspolitik ihre Führungsrolle ausgebaut. Allerdings sei nicht ausgemacht, dass die angedachten Entwicklungen etwa im Bereich der Elektronischen Patientenakten zum Erfolg führen. Der Blick in andere Länder helfe, Stolpersteine zu vermeiden.

"Während Deutschland noch Informationen auf Papier austauscht und an den Grundlagen der digitalen Vernetzung arbeitet, gehen andere Länder schon die nächsten Schritte. Mediziner in Israel beispielsweise setzen systematisch künstliche Intelligenz etwa zur Früherkennung von Krebserkrankungen ein. Unsere Gesundheitspolitik muss entschlossener handeln als in der Vergangenheit und ihre Führungsrolle bei der Gestaltung der Digitalisierung weiter ausbauen – nicht als Selbstzweck, sondern zum Nutzen der Patienten", ergänzt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Handlungsempfehlungen der Bertelsmann Stiftung

• Politische Führung ausbauen: Der digitale Wandel im Gesundheitswesen muss aktiv gestaltet werden. Die Politik muss dabei entschlossener handeln als in der Vergangenheit.

• Nationales Kompetenzzentrum etablieren: Entscheidend für eine erfolgreiche Digitalisierung ist die Koordination der Prozesse von zentraler Stelle. Das Kompetenzzentrum sollte verantwortlich sein für die Einbindung bestehender Institutionen, Interessengruppen, Experten und Nutzer sowie für die Standardisierung digitaler Anwendungen und die Definition von Schnittstellen. Es sollte politisch gesteuert und unabhängig von Akteursinteressen getragen werden.

• Entwicklungen Schritt für Schritt angehen: Bei der weiteren Ausgestaltung der Digitalisierung im Gesundheitswesen sollten einzelne Behandlungsbereiche und Prozesse gezielt angegangen werden – in pragmatischen Schritten. Handlungsleitend sollten dabei die erwartete Verbesserung der Versorgung sowie mögliche Effizienzgewinne sein.

• Akzeptanz fördern: Digitaler Wandel braucht Akzeptanz und eine breit geteilte Zielvorstellung. Die Politik sollte die Kommunikation Richtung Bürger, Ärzte und andere Gesundheitsberufe sowie den Dialog über notwendige und wünschenswerte Entwicklungen als strategische Aufgabe begreifen und angehen.

• Patienten und Ärzte als Nutzer systematisch einbeziehen: Bei der Entwicklung von Teilstrategien sowie digitalen Anwendungen und Prozessen sind die Nutzer – etwa Patienten und Ärzte – einzubeziehen. Dabei geht es um die Endnutzer selber, nicht deren Standesvertreter. Im Sinne der Akzeptanzförderung sollte der Nutzen von Anwendungen früh sichtbar werden.

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