Gesellschaft

Eine Chance für die Pflege

Im Pflegesektor fehlt es an Arbeitskräften. Hier sollten Einrichtungen auch auf ältere Arbeitnehmer und Menschen mit Behinderung setzen, empfiehlt das Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen.

Geht es nach dem Gelsenkirchener Institut für Arbeit und Technik, könnten bald vermehrt Ältere und Behinderte in der Pflege arbeiten. yagiyu - Fotolia.com

Nach Berechnungen des statistischen Bundesamtes und des Bundesinstituts für Berufsbildung werden im Jahr 2025 rund 150.000 Pflegekräfte in Deutschland fehlen. Eine 2013 veröffentlichte Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI und der Unternehmensberatung Accenture beziffert den Mangel auf 200.000 fehlende Fachkräfte im Jahr 2030.

Potenziale ausschöpfen

„Viele ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen sind hoch motiviert, im Beruf ihr Können und ihre Zuverlässigkeit zu beweisen. Das ist eine Chance für Pflegeeinrichtungen“, sagt Dr. Ileana Hamburg, Leiterin der Studiengruppe „Life Long Learning“ am IAT. 

Dieses Potenzial werde bisher nicht ausgeschöpft, fügt sie hinzu: „Viele Arbeitgeber zögern bei der Einstellung von Bewerbern aus den beiden Gruppen. Ein Gegenargument, das wir ab und zu hören, ist die Sorge der Betriebe, dass Mitarbeiter aus unseren beiden Fokusgruppen öfter krank sind.“ Hier gelte es, Vorurteile durch eine gute Information der Betriebe abzubauen.

Ältere Fachkräfte scheiden zu früh aus

Das IAT will vor allen Dingen Arbeitnehmer ab 55 Jahren und Menschen mit leichten körperlichen oder Lernbehinderungen als Fachkräfte im Pflegesektor integrieren. Besondere Bedeutung kommt dabei nach Aussage von IAT-Mitarbeiter Stephan von Bandemer Älteren mit Berufserfahrung im Pflegesektor zu. „Momentan scheiden viele ältere Fachkräfte frühzeitig aus dem Job aus, weil sie dem psychischen und physischen Stress im Pflegealltag nicht mehr gewachsen sind“, erklärt der Gesundheitsökonom und Politikwissenschaftler, der am IAT für die Bereiche Versorgungsforschung, Innovationsmanagement und Internationalisierung verantwortlich ist. 

Die hohen Ausstiegszahlen lassen sich laut dem Experten reduzieren, indem Pflegeeinrichtungen stärker auf eine lebenslange Personalentwicklung setzen. Dazu gehört es, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass Ältere auch dann noch beschäftigt werden können, wenn ihre körperliche Leistungsfähigkeit abnimmt.

Die Erfahrung der Älteren

Als Möglichkeiten nennt von Bandemer unter anderem den vermehrten Einsatz Älterer im Bereich Dokumentation. „Dank ihrer langjährigen Erfahrung im Job können sie Aufgaben wie Patienten-Screenings oder Berechnungen, welchen Unterstützungsbedarf ein Pflegebedürftiger hat, übernehmen“, führt er aus. 

Darüber hinaus empfiehlt das IAT Betrieben, mehr technische Hilfsmittel einzusetzen, die die Mitarbeiter zum Beispiel beim Heben der Patienten entlasten. „Solche Investitionen zahlen sich langfristig aus, denn sie sorgen für eine stabile Personalsituation. Das kann durchaus ein Wettbewerbsvorteil sein“, hält von Bandemer fest.

Mentoren sollen für Akzeptanz sorgen

Der Einsatz technischer Hilfsmittel eröffnet auch behinderten Menschen den Weg in die Pflege, betont Ileana Hamburg. Zum Beispiel ermöglichten es Sehhilfen Sehbehinderten, Verwaltungsaufgaben zu erledigen. Mitarbeiter aus dieser Gruppe könnten außerdem leichte körperliche Aufgaben wie das Füttern Pflegebedürftiger übernehmen oder sie zu Arztbesuchen begleiten.

„Voraussetzung für die Beschäftigung Älterer und behinderter Menschen ist es, dass die Arbeitgeber ein freundliches Klima ihnen gegenüber im Betrieb schaffen“, sagt Hamburg. Mentoren und Diversity Manager könnten dazu beitragen, Akzeptanz und Integration zu fördern. „Als Mentoren kommen Angestellte in Frage, die im Betrieb etabliert sind, zum Beispiel die Pflegedienstleitung“, erklärt Stephan von Bandemer. „Sie können dafür werben, dass es in einem Team unterschiedliche Kompetenzen und Leistungspotenziale gibt, die sich aber gut ergänzen. Das ist definitiv eine Führungsaufgabe.“

Einen Weg in die Arbeit finden

Das IAT ist an verschiedenen Forschungsprojekten beteiligt, die Älteren und behinderten Menschen den Weg in die Arbeit ermöglichen sollen. Dazu gehört auch das Projekt „Diversity and Mentoring Approaches to Support Active Ageing and Integration“ (DIMENSAAI). In dessen Rahmen hat das IAT in Zusammenarbeit mit anderen europäischen Fachverbänden und Forschungsinstituten unter anderem Richtlinien für Mentoring-Programme erarbeitet sowie Maßnahmen zur Gestaltung von angemessenen Arbeitsplätzen für Senioren und Menschen mit Behinderungen zusammengestellt.

Mit diesen Vorschlägen will das IAT den Pflegeeinrichtungen einen Teil der zeitaufwendigen Integrationsarbeit abnehmen und ihnen Impulse geben. „Ich glaube nicht, dass wenige Ältere und Behinderte in der Pflege arbeiten, weil sich die Betriebe bewusst gegen sie entscheiden. Das Problem ist eher eine Ignoranz gegenüber ihren Potenzialen“, sagt Stephan von Bandemer. „Das kann ich gut verstehen, denn im hektischen Arbeitsalltag fehlt einfach die Zeit, sich intensiv mit den Möglichkeiten zu beschäftigen, die sich durch ältere und behinderte Fachkräfte eröffnen.“