Interview mit ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening

"Dass jetzt eine Frau an der Spitze steht, ist nur konsequent!"

Gabriele Regina Overwiening (58) ist seit Dezember Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Sie ist die erste Frau an der Spitze der deutschen Apotheker, einer Branche, die traditionell weiblich ist. Im zm-Interview nimmt sie Stellung zum Führungspositionsgesetz und erklärt, warum mehr Männer sich für die Arbeit in der Apotheke interessieren sollten.

Gabriele Regina Overwiening studierte von 1983 bis 1986 Pharmazie in Hamburg, ihre Approbation erhielt sie 1987. Seit 2000 ist sie Inhaberin einer Apotheke, mitterweile mit zwei Filialen. Seit 2001 ist sie Mitglied des Vorstandes der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, seit 2009 dort Präsidentin. 2021 wurde sie zur Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) gewählt. ABDA

Sie sind die erste ABDA-Präsidentin – erfüllt Sie das mit Stolz? Bei der ABDA-Wahl hatten Sie zwar keine Konkurrenten, aber im Vorfeld war dies schon der Fall. Wie sind Sie damit umgegangen?
Gabriele Overwiening: Es ist ganz normal, wenn es in der Berufspolitik unterschiedliche Interessen, Kritik und auch Konkurrenz gibt. Ich kann in Auseinandersetzungen sehr hart in der Sache sein, versuche aber immer dabei persönlich respektvoll zu bleiben.

Dass sich bei der ABDA-Mitgliederversammlung nun so viele Delegierte hinter mir versammelt haben, freut mich sehr und ist vielleicht auch ein Beleg dafür, dass dieser Stil anerkannt wird. Da ist ein Vertrauensvorschuss, aber deshalb natürlich auch eine Verantwortung und Verpflichtung für mich und unser gesamtes Team im Geschäftsführenden Vorstand und in der Geschäftsstelle.

Dass jetzt eine Frau an der Spitze der Bundesorganisation steht, ist nur konsequent, da in der Pharmazie mehrheitlich Frauen beschäftigt sind. Ich fände es gut und richtig, wenn auch in anderen Freiberuflerorganisationen mehr Frauen in Spitzenpositionen kommen.

Wie stellt sich die Thematik „Frauen in Führungspositionen“ aus Ihrer Sicht dar? Braucht es Gesetze – wie das Zweite Führungspositionsgesetz – um die Anzahl der Frauen in Führungspositionen zu regeln oder sollte das von Angebot und Nachfrage bestimmt sein?
Das ist das alte Dilemma der Diskussion um ‚Quotenfrauen‘. Werden Frauen in Spitzenpositionen gesetzlich gefördert, gibt es immer noch den leichten Hautgout, sie hätten es nicht aufgrund ihrer Qualifikation dorthin geschafft.

Es gibt zahllose hoch qualifizierte, motivierte und führungsstarke Frauen, deren Potenzial in Unternehmen und Organisationen verschenkt wird, wenn sie nicht in entscheidenden Positionen mitgestalten. Deshalb sehe ich das Führungspositionsgesetz eher als Katalysator, als Beschleuniger für eine überfällige Entwicklung, an deren Ende die Geschlechterfrage keine Rolle mehr spielt und die Besten beiderlei Geschlechts gemeinsam auf der Brücke stehen.

Apotheker und PTA sind traditionell „weibliche Berufe“ – was werden Sie speziell für Apothekerinnen tun?
In der Tat sind die Apothekenberufe sehr weiblich geprägt. Das heißt zum Beispiel, dass man für die PKA-Ausbildung und die PTA-Schulen durchaus mehr junge Männer begeistern könnten und sollten.

70 Prozent der Pharmazeuten in Deutschland sind Frauen, aber bei den Apothekeninhabern halten Männer und Frauen sich fast die Waage. Zum Schritt in die Selbstständigkeit muss man beide Geschlechter motivieren und von Kammer- und Verbandsseite bestmöglich unterstützen. Dasselbe gilt natürlich auch für ein Engagement in der Berufspolitik.

Welche Inhalte des Führungspositionsgesetzes finden Sie gut, wo sollte vonseiten der Politik noch nachgearbeitet werden?
Es geht mir weniger um bestimmte Details. Ich begrüße den Grundtenor des Gesetzes. Ob große Unternehmen und öffentliche Institutionen damit wirklich einen großen Schritt nach vorne machen, hängt nicht so sehr von den Einzelregelungen ab. Die Unternehmens- und Führungskulturen müssen sich ändern und sich zügiger an die gesellschaftliche Realität anpassen. Das wird aber noch ein paar Jahre dauern.
Bringt eine Frauenquote etwas?

Frauen sollten und müssen dann gefördert werden, wenn es Mechanismen oder Traditionen gibt, die sie vom beruflichen oder sozialen Aufstieg abhalten. Sie brauchen gleiche Chancen, sich beweisen zu können. In diesem Sinne sind Quoten hilfreiche Übergangsinstrumente, aber langfristig hoffe ich, dass sie obsolet werden. Als Freiberuflerin muss ich zugleich sagen, dass ich zu viel Regulierung auch ablehne.

Es muss also eine Balance geben, die wir – zumindest glaube ich das für die Apothekerschaft – immer besser hinkriegen. Aber wir sind da vielleicht schon ein Stück weiter als manche andere Branche.

Was können Frauen in Führungspositionen besser? Wo haben Männer mehr Talent?
Frauen können Kommunikation und haben Sozialkompetenz – das ist meine feste Überzeugung. Männer haben Selbstvertrauen und Führungsanspruch. Das ist in der Apotheke nicht anders als in anderen Lebensbereichen. Aber das sind natürlich auch Klischees, die vielen Menschen nicht gerecht werden – und die vor allem auch kein „Besser“ oder „Schlechter“ ausdrücken, sondern nur ein „Anders“.

Insofern wünsche ich mir, dass jeder Mensch – egal ob Mann oder Frau – die eigenen Stärken, aber auch die eigenen Schwächen erkennt und reflektiert. Gerade in den Apotheken geht es doch um die bestmögliche Versorgung der Patientinnen und Patienten – und nicht darum, wer im betriebsinternen „Schönheitswettbewerb“ am meisten glänzt.

Was sind die wichtigsten Punkte Ihrer politischen Agenda?
Kurz nach dem Inkrafttreten des Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetzes und mit Blick auf die Bundestagswahl im Herbst und die folgende Legislaturperiode geht es mir vor allem darum, die Apotheke vor Ort langfristig zu stabilisieren. Neue, vergütete pharmazeutische Dienstleistungen sollen einen wichtigen Impuls für das Berufsbild geben und auch viele junge Menschen in die Apothekenberufe bringen.

Der Trivialisierung des Arzneimittels als bloße Handelsware müssen wir auch entschieden entgegenwirken. Und die Digitalisierung – Stichwort E-Rezept ab 2022 – beschäftigt uns natürlich massiv. Berufsstandsintern geht es mir vor allem um eine Kultur des respektvollen Miteinander.


Sie sind seit 20 Jahren in der Standespolitik tätig, was hat Sie damals dazu bewogen und was sind heute Ihre Beweggründe?
In der Berufspolitik mitzuarbeiten, war mir immer ein Herzensanliegen. Gerade die jungen Apothekerinnen und Apotheker für die Arbeit in den öffentlichen Apotheken zu begeistern, macht mir besondere Freude.

Dafür ist die eigene Apotheke ein guter Ort, aber ich will auch auf Landes- und Bundesebene dazu beitragen, die Rahmenbedingungen der pharmazeutischen Arbeit und das Berufsbild für die Zukunft weiterzuentwickeln und mitzugestalten. Dazu gehört für mich auch unbedingt eine offene und gute Kommunikation – in der Apotheke innerhalb des Teams und mit den Patienten, in der Berufspolitik, dann mit den ehren- und hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen sowie nach außen natürlich auch mit Politikern, Experten und Journalisten.

Welchen beruflichen Weg haben Sie hinter sich?
Geboren wurde ich in Reken in Westfalen, also in der Stadt, in der ich auch heute wieder beruflich und persönlich fest verankert bin. In den 1980er Jahren habe ich in Hamburg Pharmazie studiert und später eine Familie gegründet.

Seit 2000 bin ich Apothekeninhaberin und seit 2001 aktiv in Vorständen der Apothekerschaft engagiert. Aus der Apotheke verabschiedet habe ich mich deshalb aber noch lange nicht – mindestens einmal pro Woche will ich auch künftig noch am Handverkaufstisch in der Offizin stehen und mit meinen Patienten sprechen.

Werden wir in 20 Jahren noch so etwas wie ein Führungspositionsgesetz brauchen?
Vielleicht brauchen wir auch in 20 Jahren noch Gesetze, die das Verhalten in Führungspositionen regeln, aber nicht mehr im Hinblick auf die Geschlechter, sondern mit Fokus auf Werte und Verhalten.

Vor etwa fünf Jahren haben wir Apothekerinnen und Apotheker in einem mehrmonatigen Prozess unser Perspektivpapier „Apotheke 2030“ entwickelt und formuliert, das uns auch heute noch den Weg in die Zukunft weist. Dort haben wir vor allem festgehalten, was uns als Heilberufler auch in Zukunft noch auszeichnen muss und wird – nämlich Kriterien wie Kompetenz, Leistungsfähigkeit, Vertrauen, Empathie. Es wird also auch in Zukunft noch ganz stark auf menschliche Qualitäten ankommen – und die Interaktion mit anderen Menschen.

Die Fragen stellte Silvia Meixner.

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