Dental Education Award

Am Phantomkopf mit zugeklebtem Auge üben?

Einäugig Füllungen am Phantom legen? Das Beschleifen der Zähne für Teilkronen mit Torwarthandschuhen üben? Gaga, oder? Prof. Annette Wiegand, Göttingen, hat ihre Studenten genau das tun lassen - und dafür zusammen mit ihren Kollegen den Dental Education Award bekommen.

zm-online:  Frau Prof. Wiegand, die Teilnehmer Ihrer Studie mussten auf dem Petziball sitzend oder auch einäugig die zahnärztliche Behandlung trainieren. Warum sind sie besser als die konventionell arbeitende Kontrollgruppe?

Prof. Dr. Annette Wiegand: Üblicherweise werden feinmotorische Handlungsfertigkeiten im Zahnmedizinstudium zunächst am Phantom durch wiederholendes Üben und Bewegungskorrektur gelernt. Das differenzielle Lernen versucht durch eine Vergrößerung der Fluktuationen der Bewegungsdurchführung einen zentralnervösen Selbstorganisationsvorgang beim Lernenden zu initiieren, welcher zu einem individuell optimierten und stabileren Bewegungsmuster führen soll.

Beim differenziellen Lernen geht man zunächst davon aus, dass sich Bewegungen vermutlich nie exakt wiederholen lassen und dass das Gehirn aus den neuen Anteilen einer Bewegung lernt, indem es sich an diese anpasst. Daher sollen bewusst Varianzen in eine Bewegung eingebaut werden, um die neuen Anteile zu verstärken. Wenn während einer Übung immer die gleichen Reize angeboten werden, wie zum Beispiel bei Wiederholungen, können sich nur für diese Reize neuronale Verbindungen entwickeln. Wir gehen daher davon aus, dass die Testgruppe effektiver gelernt hat, weil sie nicht immer gleichförmig geübt hat.


Höchster Lehrpreis der deutschen Zahnmedizin

Torwarthandschuhe, Gipsarm und Petziball sind eher ungewöhnliche Lehrmittel in der Ausbildung von Zahnmedizinen. In dem neuartigen und nun prämierten Lehr- und Lernkonzept für Zahnmedizinstudierende spielen sie aber eine wichtige Nebenrolle.

Die Studie "Auswirkungen des differenziellen Lehr- und Lernansatzes auf den Prüfungserfolg im Phantomkurs der Zahnerhaltungskunde" hat nämlich herausgefunden, dass Studierende spezielle Fertigkeiten für eine zahnärztliche Behandlung besser lernen, wenn sie selbst Bewegungsabläufe unter wechselnden Bedingungen üben. Dazu gehört beispielsweise auch das Üben einer Behandlung auf dem Petziball sitzend oder mit zugeklebtem Auge.

Prof. Dr. Annette Wiegand und Dr. Sven-Olav Pabel, beide Poliklinik für Präventive Zahnmedizin, Parodontologie und Kariologie, sowie Xenia Schulz, Institut für Medizinische Statistik der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), haben dafür den höchsten Lehrpreis der Zahnmedizin in Deutschland erhalten: den 1. Preis des Dental Education Award 2016 der Kurt-Kaltenbach-Stiftung. Der Preis ist mit 7.000 Euro dotiert, die Verleihung fand bereits am 11. November 2016 im Rahmen des Deutschen Zahnärztetags 2016 in Frankfurt am Main statt.

In der prämierten Arbeit wird gezeigt, dass Studierende im Phantomkurs der Zahnerhaltungskunde im Vergleich zu konventionell unterrichteten Studierenden einen besseren Lernerfolg bei der Präparation von Zähnen haben, wenn gezielt Unterschiede und Variationen in die Bewegungsführung eingebaut werden.

Zahnmedizinstudenten erlernen praktische Fertigkeiten, wie das Legen von Füllungen, das Beschleifen von Zähnen oder die Zahnentfernung, in Simulationskursen am Phantomkopf, bevor sie im klinischen Studienabschnitt dann auch Patienten behandeln. Üblicherweise trainieren sie die praktischen Arbeitsschritte durch wiederholendes Üben der Aufgabe.

Im Rahmen der Studie wurden sie im Phantomkurs dagegen mit dem sogenannten "differenziellen Lernansatz" unterrichtet, der auf Veränderungen der Bewegungsaufgaben und der Umgebungsbedingungen während der Übungsphase setzt. Auf diese Weise soll ein individuell optimiertes und stabiles Bewegungsmuster beim Lernenden erreicht werden.

Konkret bedeutet dies für die Studierenden, dass sie die Behandlung kombiniert mit verschiedenen anderen Aufgaben durchführen mussten. Sie übten das Beschleifen der Zähne für Teilkrone unter anderem mit Gipsarm, auf einem Petziball sitzend, mit Torwarthandschuhen, mit der nicht-dominanten Hand oder mit einem abgeklebtem Auge. Die Studierenden, die nach dieser neuen Methode unterrichtet wurden, zeigten in der praktischen Prüfung fünf Monate nach der Lerneinheit signifikant bessere Ergebnisse als Studierende, die konventionell unterrichtet wurden.


Die Dental Education Awards der Kurt-Kahlenbach-Stiftung werden jährlich unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und der Vereinigung der Hochschullehrer für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (VHZMK) ausgeschrieben.

Gestiftet wird der Preis von der Kurt-Kaltenbach-Stiftung. Ziel ist die Förderung der zahnmedizinischen Lehre in Deutschland. Der Preis wird für herausragende Arbeiten in der universitären zahnmedizinischen Lehre vergeben. Dies gilt sowohl für neue Formen der Lehre als auch für Verbesserungen bei Umsetzung theoretischer und praktischer Veranstaltungen einschließlich e-Learning.


Welche Möglichkeiten sind denn denkbar, um die Bewegungsführung zu variieren?

Sehr einfache und kostenlose Möglichkeiten sind zum Beispiel Übungen mit der nicht-dominanten Hand oder Variationen in der Behandlungsposition (Behandlung im Stehen statt im Sitzen, 3-Uhr-Position statt 9-Uhr-Position) oder Patientenlagerung.

Etwas aufwendigere Maßnahmen sind zum Beispiel das Anlegen einer Gipsmanschette oder die Verwendung einer Umkehrbrille. Diese Variationen haben wir unter anderem in unserer Studie verwendet.

Und wie lange muss man die Methodik anwenden, um auch signifikant bessere Ergebnisse in der praktischen Prüfung zu zeigen?

Zumindest für die Zahnmedizin ist noch nicht genau bekannt, wie lange man die Methode anwenden muss und in welcher Dauer und Frequenz die Variationen angeboten werden sollten. Das versuchen wir gerade im Rahmen anderer Studien zu ermitteln. Aus dem Sporttraining ist allerdings bekannt, dass Anfänger mit weniger Variationen unterrichtet werden sollten als Fortgeschrittene.

Wie wichtig ist hier die Rolle des Lehrenden?

Der Lehrende nimmt sich bei diese Form des Lernens stark zurück, weil Bewegungskorrekturen bewusst vermieden werden sollen, um den Studierenden zu ermöglichen, ihre eigene optimale Bewegungsausführung zu entwickeln. Es gibt also kein Feedback durch die betreuenden Assistenten.

Und wo hat der "differenzielle Lernansatz" seine Wurzeln?

Der differenzielle Lern- und Lehransatz ist ein bewegungswissenschaftlicher Lernansatz, der von dem Sportwissenschaftler Prof. Wolfgang Schöllhorn entwickelt wurde und seine Wurzeln im Sport hat.  Mein Kollege Dr. Sven-Olaf Pabel ist selber sportlich sehr aktiv und hat Idee, die im Training zahlreicher Sportarten schon erfolgreich angewendet wurde, in die Zahnmedizin übertragen.

Prof. Dr. med. dent. Annette Wiegand ist Direktorin der Poliklinik für Präventive Zahnmedizin, Parodontologie und Kariologie an der Georg-August-Universität Göttingen. Die Studie befindet sich derzeit noch sich im Begutachtungsprozess.

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