Patientenfall

Die orale Situation einer Crystal Meth-Patientin

Weltweit sind geschätzt etwa 35 Millionen Menschen abhängig von Crystal Meth. Innerhalb kürzester Zeit macht die Droge abhängig und zerstört den Körper, unter anderem auch die Zähne. Hier die orale Situation einer jungen Patientin von 26 Jahren.

Abbildung 1: Klinische Situation einige Tage nach dem Unfall und der erfolgten Erstversorgung. Sowohl an der Ober- und Unterlippe als auch im Ober- und Unterkiefervestibulum zeigen sich Wundheilungsstörungen (weiße Pfeile). Es zeigt sich ein kariös tief zerstörtes Restgebiss mit zahlreichen kariösen Läsionen (weißer Kreis) sowie eine Vielzahl nicht erhaltungswürdiger, gelockerter Zähne. Pabst et al.

Abbildung 2: (A) regio 11-18 und 41-48, (B) regio 21-28 und 31-38. Es zeigt sich das charakteristische klinische Bild eines „Meth Mouth“ mit Zahnhals- und Glattflächenkaries (weise Kreise) und tief zerstörten, nicht erhaltungswürdigen Zähnen (weiße Pfeile). Pabst et al.
Abbildung 3: (A) Blick auf den Oberkiefer 18-28, (B) Blick auf den Unterkiefer 38-48. Charakteristisches Bild eines „Meth Mouth“ mit zahlreichen, kariös tief zerstörten, nicht erhaltungswürdigen Zähnen. Pabst et al.
Abbildung 4: Intraorale Situation am 21. postoperativen Tag mit stabilen Wundverhältnissen im Ober- (A) und Unterkiefer (B) ohne Anzeichen für frei liegenden, exponierten Kieferknochen. Pabst et al.

Fallbeschreibung

Eine 26-jährige Frau wurde nach einem Fahrradunfall in Begleitung der Polizei in unsere interdisziplinäre Notfallaufnahme mit multiplen und ausgeprägten extra- und intraoralen Weichteilverletzungen sowie einer Alveolarfortsatzfraktur des Ober- und Unterkiefers eingeliefert.

Die Patientin war stark desorientiert und agitiert. Die Fremdanamnese war bis auf einen langjährigen Crystal Meth-Abusus unauffällig, der polizeilich bestätigt wurde. In der CT-Kopf/Hals-Untersuchung konnten intrazerebrale Verletzungen ausgeschlossen und der zusätzliche klinische Verdacht einer Nasenbeinfraktur bestätigt werden.

Die weitere klinische Inspektion ergab intraoral den Befund eines kariös tief zerstörten Restzahngebisses mit multiplen, teils gelockerten, nicht erhaltungswürdigen Zähnen.

Zunächst erfolgte in Lokalanästhesie nach gründlicher Reinigung der Wunden und einer Tetanusauffrischung die mehrschichtige plastische Rekonstruktion der extra- und intraoralen Weichteilverletzungen mit gleichzeitigem Beginn einer intravenösen (i.v.) Antibiotikagabe (UnacidR). Im Anschluss wurde die Patientin zur weiteren Überwachung auf die Intensivstation verlegt.

24 Stunden später konnte sei bei deutlich verbessertem Allgemeinzustand auf unsere periphere Station rückverlegt werden und verließ die Klinik ohne weitere therapeutische Maßnahmen gegen ausdrücklichen ärztlichen Rat. Die weiteren engmaschigen Nachsorgetermine wurden von ihr zunächst nicht wahrgenommen.


Die Designerdroge "Crystal Meth"

  • Der Konsum der Mode- und Designerdroge Crystal Meth begann in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts in Kalifornien und breitete sich von dort über die USA aus [Mattson 2014]. Chemisch handelt es sich um das bitter schmeckende, weiße, kristalline Salz des Methamphetamin Hydrochlorids ((S)-N-Methyl-1-Phenyl-Propan-2-Amin).
  • Anfang 2000 gelangte Crystal Meth über die Tschechische Republik nach Europa und verbreitete sich von dort über ganz Ost-, Mittel- und Westeuropa aus [De-Carolis et al. 2015].
  • Aktuell gibt es ungefähr 35 Millionen Konsumenten weltweit [Rommel et al. 2016a]. Neben dem Begriff Crystal Meth sind weitere Namen für illegale Drogen auf Methamphetaminbasis in Gebrauch, wie zum Beispiel „Crystal”, „Meth”, „Ice”, „Krokodil”, „Crank”, „Crypto” und „Fire”.
  • Die kristallinen Formen wie Crystal Meth werden überwiegend geraucht, während zum Beispiel „Krokodil” intravenös injiziert wird [Mattson 2014, Basin et al. 2014, De-Carolis et al. 2015]. Weiterhin wird Crystal Meth häufig mit anderen Drogen kombiniert, zum Beispiel „Croak“ beziehungsweise „Shabu“ (mit Kokain) und Twisters (mit Crack) [Mattson 2014]. 
  • Neben dem extrem hohen Abhängigkeitspotenzial sowie einer Vielzahl an internistischen, neurologischen und psychiatrischen Nebenwirkungen wird als relevante Nebenwirkung im oralen und dentalen Bereich über den „Meth Mouth“ berichtet, der durch Xerostomie, ausgeprägte kariöse Läsionen, Schmelzerosionen, Knirschen und Bruxismus, Muskeltrismus und Kieferklemmen beziehungsweise Kiefersperren gekennzeichnet ist [De-Carolis et al. 2015, Rommel et al. 2015, 2016a,b].
  • Einzelne Case-Reports berichteten zusätzlich über die Entwicklung von oralen Knochennekrosen nach langjährigem Crystal Meth-Missbrauch, die klinisch der Antiresorptiva- beziehungsweise der Medikamenten-assoziierten Osteonekrose der Kiefer (MR-ONJ) ähneln [Pabst und Werkmeister 2016].
  • Basin et al. berichteten über Knochennekrosen bei Patienten nach “Krokodil”(Desomorphin)-Missbrauch in Russland, was in weiteren Berichten bestätigt wurde [Basin et al. 2014, Poghosyan et al. 2014, Hakobyan und Poghosyan 2017]. Dies führte zu der Hypothese, dass „Crystal Meth“ und andere Methamphetaminderivate möglicherweise eine weitere Ursache für die Entwicklung der MR-ONJ darstellen könnten [Pabst et al. 2015, Pabst und Werkmeister 2016].


Einige Tage später stellte sich die Patientin erneut in unserer Ambulanz mit einer ausgeprägten Wundheilungsstörung, einer beginnenden Superinfektion sowie einer beginnenden Weichgewebenekrose vor.

Nach erneuter stationärer Aufnahme und Wiederaufnahme der i.v. Antibiotikatherapie (UnacidR) erfolgte in Vollnarkose eine Wundrevision und Reposition der Nasenbeinfraktur. Zusätzlich erfolgte - mit Ausnahme der dentes caninii - die operative Entfernung der tief zerstörten und nicht erhaltungswürdigen Restbezahnung des Ober- und Unterkiefers in Kombination mit einer modellierenden Osteotomie sowie einem plastischen, speicheldichten Wundverschluss.

Basierend auf unseren bisherigen Erfahrungen bei Patienten mit Crystal Meth-Abusus orientierten wir uns bezüglich des postoperativen Prozederes am Management von MR-ONJ-Risikopatienten: also Fortführung der i.v. Antibiose (UnacidR), weiche Kost und Prothesenkarenz. Die histopathologische Aufarbeitung der entnommenen Knochenproben zeigte Anteile von nekrotischem Knochen, obwohl weder in der klinischen Inspektion, noch in der Bildgebung (OPG und CT) Anzeichen für eine Knochennekrose zu finden waren.

Am siebten postoperativen Tag konnte die Patientin unter Fortführung der oralen Antibiose in die Nachsorge entlassen werden. Am 21. postoperativen Tag erfolgte bei stabilen Wundverhältnissen die intraorale Nahtentfernung. Im weiteren Verlauf steht nun die kaufunktionelle und prothetische Rehabilitation der Patientin an.


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