Medizinische Hochschule Hannover

Gerüstimplantat ermöglicht festsitzenden ZE innerhalb von sechs Wochen

Ein feinverzweigtes Gerüstimplantat aus Titan soll Patienten festsitzenden Zahnersatz innerhalb von sechs Wochen ermöglichen - auch in sehr schwierigen Fällen mit massiven Knochenschwund, teilt die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) mit.

Einer von 21 Patienten, die mit dem neuen Gerüstimplantat versorgt wurden: Dr. Richard I. (Mitte) mit Prof. Nils-Claudius Gellrich (links) und Dr. Björn Rahlf. MHH/Karin Kaiser

An der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der MHH setzen die Mediziner auf eine neue Methode: Sie implantieren ein funktionsstabiles einteiliges Gerüst, in das der Zahnersatz gesetzt wird.

"Mit diesem Verfahren können wir auch Patienten in scheinbar hoffnungslosen Situationen zu einem festen Gebiss verhelfen", erklärt Prof. Nils-Claudius Gellrich, Direktor der MKG-Klinik. Die Methode wurde patentiert, sie wird laut MHH zurzeit nur in Hannover angeboten.

Die Idee: ein feinverzweigtes Gerüstimplantat soll den Druck auf den Knochen verteilen

Gemeinsam mit dem Zahnarzt Dr. Björn Rahlf hat Gellrich das funktionsstabile einteilige Gerüstimplantat entwickelt: Das feinverzweigte Gerüst aus Titan, das den Patienten über die Mundhöhle implantiert wird, ersetzt den fehlenden Kieferknochen und beinhaltet zugleich auch schon die Implantatpfosten für die Zähne. Das Gerüst wird durch Schrauben an verschiedenen Stellen mit dem verbliebenen Knochenmaterial verbunden. "So wird der Druck auf den Knochen gut verteilt", erläutert Rahlf.

Rein funktional könnten die Patienten am selben Tag ein Schnitzel essen

Der Patient bekommt zunächst eine provisorische Prothese. Nach einer Einheilungszeit von etwa sechs Wochen wird diese durch festsitzende Zähne ersetzt. "Rein funktional könnten die Patienten am selben Tag ein Schnitzel essen", sagt Gellrich.

Die neue Methode kann für den Ober- und den Unterkiefer umgesetzt werden. "Das Verfahren eignet sich besonders für ältere und auch für sehr kranke Patienten, die sich nicht dem langwierigen Prozess des Knochenaufbaus mit eigenem Knochenmaterial aus dem Beckenkamm oder der Wade unterziehen wollen", erklärt Rahlf.

Gerüstimplantat wird für jeden Patienten maßgeschneidert

Bei dem neuen Verfahren kommt computer-assistierten Chirurgie (CAS) zum Einsatz: Mithilfe von dreidimensionalen Bildgebungen und Rekonstruktionen am Bildschirm ist es so möglich, das Gerüstimplantat patientenspezifisch zu planen. "Wir können vorher schon sehen, wie das Endergebnis einmal aussehen wird", sagt Gellrich. Auch die Herstellung des Gerüsts erfolgt digital. Es wird in einem Laserschmelz-Verfahren in 3-D-Technik gefertigt.

Bereits 21 Patienten wurden in Hannover versorgt

Im Jahr 2015 wendete Gellrich das Verfahren erstmals an. Seitdem wurden in der MKG-Klinik insgesamt 21 Patienten erfolgreich mit dem funktionsstabilen einteiligen Gerüstimplantat versorgt.

Zu ihnen gehört auch der 71-jährige Dr. Richard I. Nachdem der Mediziner schon jahrzehntelang immer wieder unter Schmerzen gelitten hatte, wurde bei ihm Anfang 2011 ein gutartiger Tumor im rechten Oberkiefer diagnostiziert und entfernt. Doch bereits Ende des Jahres trat die Geschwulst an derselben Stelle wieder auf und I. musste erneut operiert werden. "Offenbar war der Herd auch diesmal nicht vollständig beseitigt, denn fünf Jahre später bekam ich erneut Beschwerden in dem Bereich", erinnert sich der Patient.

Verfahren auch für komplizierte Fälle, wie Dr. Richard I.

Diesmal wandte sich I. an die MHH-Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Dort wurde ihm im Oktober 2016 in einer weiteren Operation der halbe Oberkiefer entfernt. Der entstandene Raum wurde vorübergehend mit Weichteilgewebe gefüllt. Da bei dem Patienten auf der rechten Seite nun überhaupt kein Oberkieferknochen mehr vorhanden war, mussten die Chirurgen in diesem Fall ausnahmsweise doch einen Knochenaufbau durchführen, um wenigstens eine minimale Basis für das Gerüstimplantat zu schaffen.

Nachdem die Knochenstückchen aus dem Beckenkamm eingewachsen waren, konnte im Mai 2018 das Gerüst eingesetzt werden. "Zurzeit habe ich noch einen provisorischen Zahnersatz und gewöhne mich daran, wieder beidseitig zu kauen", erzählt I. In den nächsten Wochen soll er dann seine endgültigen Zähne bekommen. "Ich bin optimistisch, dass mein Problem dann endgültig gelöst ist."

Gerüstimplantat ist auch für die Rekonstruktion der Augenhöhle geeignet

Das funktionsstabile Gerüstimplantat hat laut Gellrich zwei weitere große Vorteile: "Zum einen kann jeder erfahrene Zahnarzt in einer niedergelassenen Praxis damit umgehen und die Zähne in die Implantat Pfosten setzen. Und zum anderen können die Zähne und auch das gesamte Gerüst jederzeit wieder entfernt werden, falls es zu erneuten Komplikationen kommt."

Der MKG-Chirurg setzt das Verfahren seit vielen Jahren auch zur Rekonstruktion der Augenhöhle ein – auf diesem Gebiet gibt es bereits zahlreiche Nachahmer in USA, Australien und Mexiko, die sich ihr Know-how in Hannover geholt haben. "In der Methode steckt der Kerngedanke der individualisierten Medizin, sie wäre durchaus auch auf andere chirurgische Bereiche übertragbar", sagt Gellrich.

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