Aktualisierte Fassung

S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie odontogener Infektionen

Die ehemalige S2-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie odontogener Infektionen wurde überarbeitet und dabei methodisch zur S3-Leitlinie aufgewertet.

Archivbild aus dem Beitrag "Nekrotisierende Fasziitis odontogenen Ursprungs" Kämmerer

Federführend durch die DGMKG und die DGZMK wurde in Zusammenarbeit mit 15 weiteren beteiligten Fachgesellschaften und Institutionen eine evidenzbasierte und breit konsentierte Orientierungshilfe zur Diagnostik und Therapie odontogener Infektionen ohne/ mit Ausbreitungstendenz und ohne/ mit lokalen und systemischen Komplikationen vorgelegt. Die Leitlinie gilt nun bis September 2021.

Die Leitlinie beinhaltet folgende konsensbasierte Empfehlungen:


Die odontogene Infektion sollte in Infiltrat, lokale odontogene Infektion ohne oder mit Ausbreitungstendenz und ohne oder mit lokalen oder systemischen Komplikationen unterteilt werden (Empfehlungsgrad B: LoE IIb [17]; LoE 1b [18]).

Lokale und systemische Komplikationen odontogener Infektionen:

  • Kann keine odontogene Ursache nachgewiesen werden, insbesondere, wenn nach Inzision kein Eiter fließt oder verläuft die Therapie nicht adäquat, sollte eine bakterielle/nicht bakterielle Entzündung oder ein gut oder bösartiger Tumor ausgeschlossen werden.

Klinische Diagnostik bei odontogenen Infektionen ohne Ausbreitungstendenz:

  • sollte auf mögliche Risikofaktoren für eine chirurgische Intervention sowie auf Risikofaktoren, die den Verlauf verschleiern können, besonders eingegangen werden (Empfehlungsgrad B: LoE IV [109]; LoE IIIa [110] LoE IV [1] LoE IV [54]; LoE IV [60]).
  • Vor der klinischen Therapie sollte bei Patienten mit V.a. eine odontogene Infektion eine extra- und enorale Untersuchung durchgeführt werden.

Klinische Diagnostik bei odontogenen Infektionen mit Ausbreitungstendenz:

  • Es soll auf Zeichen der Ausbreitungstendenz geachtet werden, wie z.B. Mundöffnungseinschränkung, Druckschmerz am Kieferwinkel/Augenwinkel (V. angularis), extraorale Schwellung (ist der Unterkieferrand durchtastbar?), Schluckbeschwerden/ Atemnot/ angehobener Mundboden, kloßige Sprache, Fieber/ Exsikose

Lokale und systemische Komplikationen odontogener Infektionen:

  • Um den Verlauf der Infektion widerzuspiegeln, können bei Ausbreitungstendenz und/oder Komplikationen die Messung der Mundöffnung, die Kontrolle der Körpertemperatur, des u.a. Creaktiven Proteins und/oder der Leukozyten durchgeführt werden (Empfehlungsgrad 0: LoE IIIb [117]; LoE IIIb [118])

Bildgebende Diagnostik bei odonogenen Infektionen ohne Ausbreitungstendenz:

  • Eine radiologische Diagnostik sollte im Verlauf die klinische Diagnostik vervollständigen.

Bildgebende Diagnostik bei odontogenen Infektionen mit Ausbreitungstendenz:

  • Die Diagnostik kann durch eine Ultraschalluntersuchung vervollständigt werden (Empfehlungsgrad 0: LoE IIIb [120]; LoE IV [121]; LoE IIIb [122]).
  • Bei fehlender odontogener Ursache bzw. Verschlechterung trotz adäquater Therapie kann eine weiterführende Bildgebung (z.B.: Computertomographie/ digitale Volumentomographie/ Magnetresonanztomographie/ Szintigraphie) durchgeführt werden (Empfehlungsgrad 0: LoE V [123], LoE IIIb [124]; LoE V [125]).

Odontogene Infektionen ohne Ausbreitungstendenz:

  • Die Behandlung des Infiltrates oder der lokalen odontogenen Infektion soll aus Drainage (z.B. Trepanation, Inzision, Scaling/ Kürettage) und Beseitigung der odontogenen Infektionsursache bestehen. Es können im Verlauf Folgetherapien notwendig sein, um die odontogene Ursache zu beseitigen.
  • In die Inzisionswunde sollte eine Drainage eingelegt werden.
  • Handelt es sich um ein Infiltrat und entleert sich kein Pus aus der Inzisionswunde, kann eine Antibiotikatherapie durchgeführt werden.
  • Handelt es sich um eine lokalisierte odontogene Infektion ohne Ausbreitungstendenz und entleert sich Pus, soll auf eine Antibiotikatherapie verzichtet werden, wenn keine allgemeinmedizinischen Risikofaktoren bestehen (Empfehlungsgrad A: LoE V [128]; LoE IIIa [129]).
  • Die Beseitigung der odontogenen Ursache soll, entweder zeitgleich mit der chirurgischen Intervention oder im Therapieverlauf erfolgen.
  • Wird die odontogene Ursache in einem zweiten Eingriff beseitigt, sollte der Patient bereits bei der chirurgischen Therapie der odontogenen Infektion über den notwendigen zweiten Eingriff aufgeklärt werden.

Chirurgische Therapie:

  • Bei odontogenen Infektionen mit Ausbreitungstendenz soll umgehend eine chirurgische Therapie eingeleitet werden (Empfehlungsgrad A: LoE IV [31]; LoE IV [60]).
  • Es kann die chirurgische Intervention in Allgemeinanästhesie erforderlich sein.
  • Patienten mit einer odontogenen Infektion mit Ausbreitungstendenz sollten stationär überwacht werden, und es sollte zusätzlich zur chirurgischen Therapie unverzüglich eine Antibiotikatherapie eingeleitet werden (Empfehlungsgrad B: Loe IV [54]; LoE IIIa [136]; LoE IIIa [129]).
  • Zeigt sich eine Ausbreitungstendenz oder bestehen Allgemeinerkrankungen, kann es erforderlich sein, eine Antibiotikatherapie bereits vor der chirurgischen Intervention zu beginnen (Empfehlungsgrad 0: LoE IV [31].
  • Wird die odontogene Infektion in Allgemeinanästhesie therapiert, sollte die odontogene Ursache, wenn möglich, ebenfalls beseitigt werden (Empfehlungsgrad B: LoE IIIb [91]).
  • Um den Verlauf der Infektion widerzuspiegeln, können bei Ausbreitungstendenz und/oder Komplikationen die Messung der Mundöffnung, die Kontrolle der Körpertemperatur, u.a. des Creaktiven Proteins und/oder der Leukozyten durchgeführt werden (Empfehlungsgrad 0: LoE IIIb [118]; LoE IIIb [117]).

Antibiotikatherapie:

  • Für die empirische Antibiotikatherapie sollte das effektivste und verträglichste Antibiotikum angewendet werden, wie z.B. Penicillin oder Amoxicillin (Empfehlungsgrad B: LoE IV [138]: LoE V [139]
  • Clindamycin kann bei Patienten mit einer Penicillinallergie eingesetzt werden Empfehlungsgrad 0: LoE Ib [83]; LoE IIIb [91]; LoE IV [138]; LoE V [139]; LoE IIIb [140]

Intervention bei Komplikationen odontogener Infektionen mit Ausbreitungstendenz:

  • Ein Aminopenicillin ggf. mit Betalaktamaseinhibitor ist das Mittel der Wahl bei einer Ausbreitungstendenz einer odontogenen Infektion, wenn keine Kontraindikation gegen dieses besteht. Dies gilt auch, wenn eine odontogene Infektion bereits mit einem Penicillin oder Aminopenicillin ohne Betalaktamaseinhibitor vorbehandelt wurde (Empfehlungsgrad A: LoE Ib [83]; LoE IV [138]; LoE V [139]; LoE IIIb [140]; LoE IIIb [143])
  • Eine Erregerdiagnostik kann intraoperativ angestrebt werden, um bei Vorliegen des mikrobiologischen Befundes bei Bedarf auf eine gezielte Antibiotikatherapie wechseln zu können (Empfehlungsgrad 0: LoE IIIb [7, 78]. LoE IV [80].
  • Eine chirurgische Revision in Allgemeinanästhesie und eine Anpassung der Antibiotikatherapie auf das Erregerspektrum nach Antibiogramm kann notwendig sein (Empfehlungsgrad 0 LoE IIIb [91]).
  • Bei einer vital bedrohlichen Ausbreitung der odontogenen Infektion, z.B: nach intrakraniell oder ins Mediastinum, soll eine interdisziplinäre Zusammenarbeit frühzeitig angestrebt werden (good clinical practice, LoE IV [57]; LoE IV [48]; LoE IV [49]; LoE IV [50]).       

Odontogene Infektion ohne Ausbreitungstendenz:

  • Die Nachsorge sollte bis zum Abklingen der Symptome der odontogenen Infektion regelmäßig und in kurzen Abständen erfolgen.
  •  Bei ambulant geführten Patienten sollte der eingelegte Drain spätestens jeden zweiten bis dritten, Tag gewechselt werden.

Odontogene Infektion mit Ausbreitungstendenz:

  • Bei einer bestehenden Ausbreitungstendenz der odontogenen Infektion kann die postoperative Überwachung stationär erforderlich sein.

Die odontogene Infektion mit Ausbreitungstendenz kann für den Patienten eine lebensgefährliche Situation darstellen, in der schnell und ohne lange Verzögerungen eine chirurgische Intervention durchgeführt werden soll (Empfehlungsgrad B; LoE IV [145]). Eine odontogene Infektion ohne Ausbreitungstendenz kann bei fehlenden allgemeinen Risikofaktoren in der Regel ambulant und ohne systemische Antibiotikatherapie behandelt werden.


Die Langfassung der Leitlinie gibt es auf der Webseite der DGZMK.

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