Tagung „Zahnmedizin und Nationalsozialismus“

Von der Blockade zur fachlichen Aufarbeitung

Walter Artelt – die entnazifizierte Kontinuität

Dr. Florian Bruns, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik der Medizin der Charité Berlin, beschäftigte sich in seinem Vortrag mit Walter Artelt und der Rolle von Geschichte und Ethik in der NS-Medizin. Der Zahnarzt und Medizinhistoriker Walter Artelt (1906–1976) zählte in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu den wichtigsten Vertretern der Medizingeschichtsschreibung in Deutschland. Nach kurzer zahnärztlicher Assistenzzeit an der Universität Freiburg wurde Artelt von dem 1929 nach Berlin berufenen Medizinhistoriker Paul Diepgen (1878–1966) für die medizinhistorische Arbeit gewonnen, ausgebildet und gefördert. Artelt übernahm 1937 die Leitung des „Reichsinstitutes für Geschichte der Zahnheilkunde“ und 1938 die Leitung des „Senckenbergischen Institutes für Geschichte der Medizin“ in Frankfurt am Main. Nach Kriegseinsatz und „Entnazifizierung“ kehrte er 1948 in diese Position zurück und bestimmte die Entwicklung und Ausrichtung des Faches im Nachkriegsdeutschland entscheidend mit. Einer seiner Forschungsschwerpunkte war die Geschichte der Zahnheilkunde.

In den 1960er-Jahren auftretende Konflikte um die nationalsozialistische Vergangenheit einzelner Medizinhistoriker warfen erstmals ein Licht auf die Rolle der Medizingeschichte zwischen 1933 und 1945. Nicht wenige Fachvertreter hatten in dieser Zeit versucht, Ideologie und Moral der nationalsozialistischen Medizin historisch zu begründen und zu rechtfertigen. Artelt hatte hierbei nur partiell mitgewirkt, blockierte aber nach dem Krieg wie viele seiner Fachkollegen eine kritische Aufarbeitung der eigenen Fachgeschichte. Stattdessen bemühte er sich, alte Verbindungen und Traditionen möglichst bruchlos fortzuführen.

Doch diese Strategie der Verdrängung scheiterte. Die vergangenheitspolitischen Konflikte führten 1964 zur Spaltung der Fachgesellschaft und Artelts Lebenswerk stand zur Disposition. Im Vortrag wurde auf Basis unveröffentlichter Dokumente aus dem Nachlass Artelts und anderen Archiven nicht nur dessen Biografie nachgezeichnet, sondern auch die Legitimationsfunktion der Medizingeschichtsschreibung während der NS-Zeit und die spät einsetzende Aufarbeitung der Fachgeschichte nach 1945 wurden thematisiert.


Info

Die drei Spitzenorganisationen der Zahnärzteschaft in Deutschland – BZÄK, KZBV und DGZMK – haben beschlossen, die Geschichte der Zahnheilkunde im Nationalsozialismus wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Dazu haben sie ein Forschungsvorhaben in den zm sowie in der DZZ und im Deutschen Ärzteblatt ausgeschrieben.

Das Vorhaben wird sich vorrangig mit der Geschichte der zahnärztlichen Wissenschafts-, Verbands- und Berufspolitik der drei genannten Organisationen beziehungsweise deren Vorgängerorganisationen im Zeitraum 1933 bis 1945 zuzüglich der unmittelbaren Zeiträume vor und nach der nationalsozialistischen Epoche befassen.

Dabei sollen die Themenschwerpunkte der Relegation aus politischen und „rassischen“ Gründen, die Aus- und Fortbildung in der Zahnheilkunde sowie Formen der zahnärztlichen Opposition gegen das NS-Regime mit bearbeitet werden. Die maximale Höhe der Förderung des Forschungsvorhabens beträgt 90.000 Euro.

Die obigen Organisationen fördern das Vorhaben durch Unterstützung beim Zugang zu Archiven, bei der Kontaktaufnahme zu wichtigen Persönlichkeiten der Zahnheilkunde sowie durch das Verfassen von Empfehlungsschreiben gegenüber weiteren Förderinstanzen. Die Ausschreibung ist beendet, Anfang des Jahres wird unter Beteiligung wissenschaftlichen Sachverstands eine Auswahl unter den Bewerbungen erfolgen.

Die zm haben beispielsweise Themen aufgearbeitet wie „Zahnmedizin in der NS-Zeit – Erinnerung und Aufklärung“, zm 24/2008, S. 80-88, „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft in Alt Rhese: Ein trügerisches Idyll“, zm 4/2011, S. 100-106, oder „Die Sammlung Proskauer/Witt: Das historische Gedächtnis der Zahnärzte“, zm 19/2012, S. 96-102.

Eine aktuelle Zusammenstellung von Veröffentlichungen des Arbeitskreises Geschichte der Zahnheilkunde zur NS-Zeit in der DZZ finden sich unter: www.dgzmk.de/dgzmk/fachgruppierungen/arbeitskreis-geschichteder-zahnheilkunde/publikationen-desak-geschichte-2000&


Dr. Gisela Tascher

Mitglied im Vorstand des Arbeitskreises Geschichte der Zahnheilkunde der DGZMK

Holzerplatz 4

66265 Heusweiler

Die Autorin, Dr. Gisela Tascher, hielt auf der Tagung ebenfalls einen Vortrag. Sie zeigte auf, dass die Gründung des Saarländischen Zahnärztesyndikats 1948 als freie und unabhängige Berufsvertretung eng mit der Gründung des Saarländischen Ärztesyndikats 1948 verknüpft war. Die Gründung ist im Zusammenhang mit der Entwicklung des Gesundheitswesens vor, während und nach der NS-Diktatur zu sehen. Mehr dazu im Interview auf der nächsten Seite. Mehr zum Arbeitskreis Geschichte der Zahnheilkunde in der DGZMK: www.dgzmk.de/dgzmk/fachgruppierungen/arbeitskreisgeschichte-der-zahnheilkunde.html


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