Leitartikel

Mit dem Crashkurs zum Crash?

Dr. Jürgen Fedderwitz, Stellvertretender Vorsitzender der KZBV KZBV-Darchinger

Sylt sollte es aber zumindest sein! Sie haben die Wahl: Da ist das Eineinhalb-Tage-Seminar mit 15 Fortbildungspunkten (am ersten Tag drei, am zweiten neun Stunden) für schlappe 890 Euro: „Direkt im Anschluss an dieses Seminar sind Sie in der Lage, die Lachgassedierung auch in Ihrer Praxis einzusetzen ...“, heißt es vom Anbieter. Oder lieber doch vier Tage Sylt? Dann sind die orale Sedierung für alle Altersklassen und auch die Notfallmedizin im Programm enthalten. Der Fortbildungsstress wird dabei von Sansibar und Ellenbogen aufgelockert. Oder am besten wohl doch eine Lachgasqualifizierung, wie sie zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) anbietet, die noch durch eine fünf Jahre gültige Zertifizierung veredelt werden kann.

Eines sei vorweg klargestellt: Die Lachgassedierung hat einen unbestritten anerkannt sinnvollen Einsatzbereich – so sinnvoll, dass im anglo-amerikanischen Raum bereits die Studierenden in ihrer Ausbildung davon erfahren und in manchen europäischen Ländern die Sedierung in Lehre und Ausbildung integriert ist.

Und in Deutschland? Da sollen mal eben zwölf Stunden Ausbildung von Freitagnachmittag bis Samstagabend reichen? Wohlgemerkt: Hier geht es um eine Zusatzausbildung, keine klassische Fortbildung für den zahnmedizinischen Alltag und auch um keine fachorientierte Weiterbildung!

Mit dem Crashkurs zum Crash? Die Deutsche Gesellschaft für Dentale Sedierung vermeldet eine steigende Zahl von Zwischenfällen. Panikmache oder vielleicht Zeichen einer zu kurzen Ausbildung? Den Markt prägen auch hier Angebot und Nachfrage. Und so manches Angebot verfängt mit kurzer Dauer und niedrigem Preis. Wer im Internet auf den Bildergalerien mancher Fortbildungsanbieter landet, fühlt sich an Rentner-Kaffeefahrten für Rheumadecken erinnert. Oft wohl auch nicht unberechtigt, werden doch manche Veranstaltungen auch noch vom Gerätehersteller gesponsert.

Bedenklicher noch sind die vollmundigen Versprechungen. Da grenzt so manches an Dummenfang! Da wird ein Seminarinhalt angepriesen – „basierend auf einem Rechtsgutachten und in Anlehnung an internationale Standards wie CED ...“. Oder: Der Kurs „entspricht den derzeit gültigen Richtlinien und Empfehlungen der CED und ADA sowie den modifizierten Leitlinien der AAPD und EAP“. Wer sich vom bombastischen Buchstabensalat nicht beeindrucken lässt und ein wenig recherchiert, erfährt Folgendes: Die AAPD (American Academy of Pediatric Dentistry) bezieht sich auf die ADA (American Dental Association), und die verlangt eine Ausbildung von zweieinhalb Tagen mit verpflichtenden Auffrischkursen. Der CED (Council of European Dentists) fordert in seiner Entschließung Pflichtinhalte für einen zweitägigen Theoriekurs von zehn bis vier zehn Stunden.

Und das ist nicht alles: „Neben der Theorie müssen praktische Fähigkeiten anhand von ’Rollenspielen’ geübt werden. Nach der Schulung sollte der Auszubildende betreut werden und fünf Beurteilungen, fünf Beobachtungen und fünf behandelte Fälle nachweisen ... Die Ausbildung und Schulung muss von zugelassenen Personen in optimaler Umgebung stattfinden. Von vorrangiger Bedeutung ist die Zertifizierung der Auszubildenden nach Abschluss des Gesamtprogramms (Theorie, Prüfung, praktische und klinische Fähigkeiten)“.

Zumindest bei der DGKiZ hat man genau gelesen: Bei ihr dauert die Qualifizierung entsprechend länger. Und eine Qualifizierung sollte es wohl schon sein angesichts des umfangreichen Programms: Von den „historischen, philosophischen und psychologischen Aspekten der Bewältigung von Angst und Schmerz in der Zahnmedizin“ über „Pharmakologie, Indikation und Kontraindikation“ zu „Überwachung von Vitalzeichen und Reflexen“. Dazu noch glücklicherweise (?) die Vermittlung „rechtlicher Grundlagen“.

Das sind nur die Blockbuster aus einem umfangreicheren Themenkatalog. Es spricht für den beruflichen Anspruch eines jeden von uns, Neues zu erlernen, das Erlernte zu vertiefen, sich am State of the Art weiterzuentwickeln. Ebenso die Bereitschaft, Geld dafür auszugeben. An selbstfinanzierter Fort- und Weiterbildung macht uns Zahnärzten niemand etwas vor! Crashkurse dienen diesem Anspruch nicht. Kompetenz und Qualifikation erfordern meist mehr. Weniger tut dem gesamten Berufsstand nicht gut. Und den Patienten? Wer Qualität selbst bestimmen will, muss sie auch leisten. Und wenn es auf Sylt ist.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Jürgen Fedderwitz

Stellvertretender Vorsitzender der KZBV

Dr. Fedderwitz war von 2005 bis 2013 Vorsitzender des Vorstands der KZBV und anschließend bis Ende April 2017 stellvertretender Vorsitzender des Vorstands.

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