Mundgesundheit von Migranten

Die Zahnarztpraxis als Ort der Verständigung

BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel (2. von links): „Wo das interkulturelle Vertrauensverhältnis stimmt, erzielt man in der Praxis bessere Ergebnisse.“ zm-sf
DGZMK-Präsidentin Prof. Bärbel Kahl-Nieke: „Nur wenn wir die neue Klientel und deren Befunde möglichst exakt erfassen und analysieren, können wir auch Lösungen entwickeln.“ zm-sf
Dr. Ghazal Aarabi, HH-Eppendorf: „Bei der Mundgesundheit von Flüchtlingen sind kultureller Hintergrund, Sprache und Geschlechterrolle relevant!“ zm-sf
Staatsministerin Aydan Özoguz (3. von links) und die BZÄK initiierten das Gespräch. zm-sf

Kinder erziehen ihre Eltern

Wie die Kinder durch ihr erworbenes Wissen im Setting „Kita“ oder „Schule“ im Sinne einer umgekehrten Pädagogik quasi zu Erziehern ihrer Eltern werden, schilderte der Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), Dr. Peter Engel. Er wünscht sich, dass der Dialog infolge des Fachgesprächs zu großen Lösungen führt und betonte: „Der Zuzug von Flüchtlingen und Asylbewerbern schafft in diesem Zusammenhang keine neuen Probleme, sondern verstärkt die vorhandenen mundgesundheitlichen Herausforderungen der jetzigen Migrationsgesellschaft.“ Ziel sei, dass diese Bevölkerungsgruppe genauso vom hohen Standard der zahnärztlichen Versorgung in Deutschland profitiert wie alle anderen auch. Um das zu erreichen, müsse man die Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem langfristig abbauen und die Datenlage zügig verbessern.

Zu den Daten: „Mit etwa elf Jahren gleicht sich die Mundgesundheitssituation von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund an“, erläuterte Dr. Liane Schenk von der Charité Berlin. Dann schlagen sich die Erfolge aus prophylaktischen Maßnahmen nieder. Ausschlaggebend sei, ob das Kind einen ein- oder einen beidseitigen Migrationshintergrund hat. Der größte Risikofaktor für ein prekäres Mundgesundheitsverhalten seien die beidseitige Migration und ein niedriger Sozialstatus, betonte sie mit Verweis auf die KIGGS-Studie, bei der die Daten von 17.000 Kindern von null bis 17 Jahren in Deutschland ausgewertet wurden. Dabei verhalten sich Jungen – ob Migrant oder Nichtmigrant – riskanter als Mädchen. Bei den Migrantenkindern habe sich allerdings gezeigt, dass ihre Ernährungsmuster durch den erhöhten Konsum zuckerhaltiger Nahrungsmittel negativ beeinflusst werden.

BZÄK-Vizepräsident Prof. Dietmar Oesterreich benannte die Sprachbarriere als Kernproblem der erschwerten Behandlungssituation. Die vorhandenen Anamnesebögen in verschiedenen Sprachen erleichterten jedoch die Lage. Zugleich verfügten viele Zahnarztpraxen durch Zahnärzte und Helferinnen mit Migrationshintergrund über ein enormes Potenzial, was die Verständigung angeht. Diese Mitarbeiter könnten sowohl als Vermittler wie als Vertrauenspersonen agieren. Auch das von der BZÄK entwickelte Piktogrammheft für die Zahnarztpraxis sei ein Hilfsmittel, um einen informierten Konsens zwischen Patient und Behandler herzustellen. Oesterreich warb dafür, die Prophylaxeaktivitäten für Migranten und ihre Aufklärung zu verstärken und kulturspezifische Faktoren im Behandlungsalltag zu beachten.

„Die Veranstaltung heute hat auch die große Bedeutung der Freiberuflichkeit für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung herausgestellt“, stellte Engel zum Abschluss heraus: „Denn dort, wo das interkulturelle Vertrauensverhältnis zwischen Zahnarzt und Patient intakt ist, werden gemeinsam deutlich bessere Ergebnisse erreicht!“

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