Zahnärztlicher Hilfseinsatz in Bolivien

„Kaum ein Kind ist kariesfrei“

Der „Förderkreis Clinica Santa Maria e.V.“ unterstützt zahnmedizinische Projekte in Lateinamerika. Dr. Herbert Adler aus dem baden-württembergischen Sigmaringen hat in dem bolivianischen Projekt „Huancarani“ gearbeitet. Was der Zahnarzt, seine Kollegin Juliane Kraft und Zahntechniker Jan Viergutz dort vorfanden, hatten sie so noch nie gesehen: Kaum naturgesunde Kindergebisse – dafür aber Softdrinks und Süßigkeiten an jeder Ecke. Ein Erfahrungsbericht.

In kleinen Gruppen übt die angehende Zahnmedizinstudentin Anja Bagehorn das Zähneputzen. © H. Adler

Wer in Bolivien etwas wohlhabender ist, zeigt es auch in Form von goldenem Zahnschmuck – herzförmig labial offene „Fensterkronen“. Solche Kronen wurden auch in Deutschland in den 50er Jahren vom Berufsstand der Dentisten eingegliedert. © H. Adler
Zahnärztin Juliane Kraft behandelt ein bolivianisches Mädchen unter den Augen der großen Schwester, statt der Mutter werden Kinder oft von älteren Geschwistern begleitet. © H. Adler
Zahntechniker Jan Viergutz hatte das Privileg, als erster Zahntechniker im neuen, der Praxis angegliederten, Dentallabor zu arbeiten. Hier ist er mit der Herstellung von sogenannten „placas“ beschäftigt, einfache Kunststoffprothesen mit gebogenen Klammern, die man in Deutschland als Interimsprothesen einsetzt. © H. Adler

Ich wusste, wie es in Bolivien um die Zahngesundheit bestellt ist, aber es war doch immer wieder erschreckend, wie groß das Ausmaß der Zerstörung der Gebisse, vor allem von Kindern, ist. Cola, süße Getränke mit Fruchtgeschmack und Säuerungsmitteln – sogar in Zwei- und Dreiliter-PET- Flaschen und diverse Süßigkeiten gibt es an jeder Ecke zu kaufen. Überall auf den Märkten und an Straßenkreuzungen werden auch kleine Schlauchbeutel mit süßer, roter Gelatine angeboten, an denen die Kleinsten lange Zeit lutschen. Nicht nur der dramatische Zuckerkonsum zeigt hier verheerende Auswirkungen, sondern die Kombination mit fehlender Aufklärung und fehlender Zahnpflege. Auf dem Land sind Familien mit acht bis zehn Kindern keine Seltenheit, die Mütter oft überfordert und hinsichtlich Zahnpflege selbst nicht aufgeklärt. Zahnbürsten für die Kinder sind in den Familien oft nicht vorhanden, denn Bolivien ist eines der ärmsten Länder Südamerikas. Es existiert weder ein staatliches Gesundheitswesen noch eine schulische Gesundheitsaufklärung. Entsprechend sind tief zerstörte Milchzähne und bleibende Backenzähne an der Tagesordnung.

Wir haben dort also Basiszahnheilkunde betrieben, viele Komposit- und einige Amalgamfüllungen gelegt, Zahnreinigungen und Wurzelfüllungen gemacht, Abszesse eröffnet, und vor allem sehr viel extrahiert. Von den 275 Schülern, die wir untersucht haben, hatten nur zwei ein gesundes, kariesfreies Gebiss. Die gut spanisch sprechende Anja hat in kleinen Gruppen den Kindern Zahnpflegeanleitungen gegeben und jedes Kind bekam eine Zahnbürste geschenkt. Leider mussten schon mehreren siebenjährigen Kindern bleibende Sechsjahrmolaren entfernt werden, die erst ein Jahr dem Mundmilieu ausgesetzt waren. So war ich sehr froh, dass ich einige dünne Lindemannfräsen für die Turbine mitgebracht habe. Viele tief zerstörte Molaren hätten selbst mit der besten diamantierten Wurzelzange nicht entfernt werden können. Gern nahmen die Patienten auch zweistündige Wartezeiten in ihrer bolivianischen Gelassenheit hin, nur um von den „Dentistas Alemanes“ behandelt werden zu können und Platten und Kunststoffprothesen zu bekommen. Dieser einfache Zahnersatz wird auch „placa“ genannt.

Kaum Fisteln und Abszesse

Im Übrigen muss man festhalten, dass die indigene Bevölkerung von robusterer Natur ist, bei der auch größere Wunden ohne Naht völlig problemlos abheilen. Interessant war auch die Beobachtung, dass nur ganz selten Fistelungen oder gar Abszesse an zerstörten Milchmolaren auftraten. Bei Kindern haben wir uns deshalb hauptsächlich um die Sechser bemüht mit Fissurenversiegelungen und erweiterten Fissurenversiegelungen. Tief zerstörte, nicht schmerzende Milchmolaren haben wir unbehandelt gelassen, um wenigstens eine Platzhalterfunktion zu gewährleisten. Die druckluftgesteuerte brasilianische Behandlungseinheit hat sich als zuverlässig und unkompliziert erwiesen, trotz der schwachen Saugleistung. Den Vorteil der Druckluftsteuerung und des Druckluftantriebs habe ich mal bei einem halbstündigen Stromausfall zu schätzen gelernt, bei dem ich mit Stirnlampe und gefülltem Kompressor normal weiterarbeiten konnte.

Die Aufgabenteilung und der Erfahrungsaustausch zwischen einem jungen Zahnarzt und einem erfahrenen Kollegen hat sich nicht nur in unserem Fall sehr gut bewährt. Es bietet sich daher für frisch examinierte Kollegen geradezu an, nach dem Examensstress eine ganz andere Welt, Land und Leute auf einem anderen Kontinent kennenzulernen und praktische Berufserfahrung gemeinsam mit älteren Kollegen zu sammeln. Ich werde bestimmt noch einmal nach Bolivien gehen, weil ich das Land und die Leute kennen und lieben gelernt habe. Tief beeindruckt bin ich von der herzlichen Dankbarkeit der Patienten für unsere zahnärztliche Hilfe. Es ist ein schönes Gefühl, Menschen in einem Land der Dritten Welt (zahn-)ärztliche Hilfe geben zu können, die ihnen sonst niemand gibt oder die sie sich normalerweise nicht leisten können.

Dr. Herbert Adler

Mehr über die Arbeit des Förderkreises  Clinica Santa Maria unter www.fcsm.org

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