Volker Looman zu langlaufenden Krediten

Sondertilgungen – geistige Verirrung betuchter Seelen

Der Autor ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Stuttgart. Jede Woche veröffentlicht er in der BILD und in der FAZ einen Aufsatz über Geldanlagen. Außerdem unterstützt er Zahnärzte auf Honorarbasis bei der Gestaltung des Privatvermögens. privat

Die Zinsen für Hypotheken sind im Keller. Das hat sich herumgesprochen. Niedrige Zinsen und geringe Tilgungen bedeuten mäßige Raten. Das scheint auch bekannt zu sein. Niedrige Raten führen zu langen Laufzeiten. Sogar diese Botschaft scheint nicht mehr neu zu sein. Ich weiß aber nicht, wie viele Akademiker sich mit solcherart Hypotheken an der Nase herumführen lassen. Die beliebte Aussage, mit Hilfe von Sondertilgungen könne die Laufzeit verkürzt werden, ist zwar richtig, in vielen Fällen aber glatter Selbstbetrug, weil die Mittel für Sondertilgungen überhaupt nicht vorhanden sind. Die Probleme werden in folgendem Fall deutlich.

Ein typisches Ehepaar, er 38 Jahre alt, sie ist 37 Jahre jung. Das Paar hat zwei Kinder. Die Tochter ist fünf Jahre, der Sohn vier Jahre alt. Das Quartett lebt seit drei Jahren im Eigenheim. Nun stecken die Eltern bis über alle Ohren in Schulden. Sie haben 1.200.000 Euro aufgenommen. Der Zins beträgt 2 Prozent. Die Tilgung liegt bei 1 Prozent. Das sind „angenehme“ Raten von 3.000 Euro pro Monat. Ich gehe davon aus, dass das Ehepaar weiß, worauf es sich eingelassen hat. Irgendwo im Anhang des Kreditvertrages steht der Hinweis, dass der Kredit etwa 660 – in Worten: sechshundertsechzig – Monate laufen wird und insgesamt 1.979.150 Euro und 9 Cent zu bezahlen sein werden. Mir geht es, wie Sie sich vorstellen können, gar nicht um die Zinsen von 779.150 Euro, sondern um die Laufzeit von 55 Jahren. Die Tilgung der Schulden bis zum 93. – auch hier zur Sicherheit in Worten: dreiundneunzigsten – Geburtstag des Vaters, ist doch im besten Sinne des Wortes eine „lebensfüllende“ Aufgabe. Oder wie sehen Sie das?

Ich habe zu diesem Fall mehrere Fragen. Sind die 3.000 Euro die finanzielle Schmerzgrenze der Familie? Wenn die Eltern finanziell Luft nach oben haben, würde ich gerne wissen, was das Ehepaar mit dieser Luft macht. Wird das Geld in Anlagen gesteckt, deren Renditen über den Kreditkosten liegen? Oder machen sich die Eltern mit dem Geld einen schönen Lenz? Falls die Eigenheimer weder Genießer noch Verschwender sind, frage ich mich, was die Leute davon abhält, bei der Tilgung von Anfang an aufs Gaspedal zu drücken. Der pauschale Kommentar, den ich in der Regel zu hören bekomme, lautet ungefähr so: „Wir sind solide Leute. Wir wollen uns finanziell nicht übernehmen. Daher haben wir niedrige Raten vereinbart. Wir haben das Recht, jährliche Sondertilgungen von bis zu 5 Prozent der Darlehenssumme leisten zu dürfen.“ Das sind lyrische Wendungen über den (un)vernünftigen Umgang mit Geld.

Ich werde bei niedrigen Monatsraten und jährlichen Sondertilgungen misstrauisch und nervös, weil diese Kombination der ideale Nährboden für Altersarmut auf hohem Niveau ist. In meinen Augen sollten die Eltern, wenn sie das Haus entschulden wollen, mit der Tilgung in 15 Jahren fertig sein. Sonst wird es eng mit der Ausbildung der Kinder oder dem Aufbau der Zusatz- rente. Die Laufzeit von 180 Monaten verlangt, wenn monatlich nur 3.000 Euro bezahlt werden, insgesamt 15 Sondertilgungen à 54.563 Euro. Hand aufs Herz: Haben die Eltern dieses Geld oder hoffen sie es zu haben? Ich hoffe natürlich, dass sie es haben, und wenn sie es haben, dass sie auf den „Mist“ mit den Sondertilgungen verzichten und in Zukunft monatliche Raten von jeweils 7.505 Euro bezahlen. Jede andere Lösung ist in meinen Augen grober Unfug. Ich betrachte niedrige Monatsraten und jährliche Sondertilgungen als geistige Verirrung betuchter Seelen, wenn ich das einmal in dieser Deutlichkeit ausdrücken darf. Oder gibt es plausible Gründe, von Januar bis November niedrige Raten und im Dezember hohe Raten zu bezahlen?

Freiwillige Sondertilgungen sind in meinen Augen sinnvoll, wenn man mit Geld rechnet, sich aber doch nicht sicher ist, ob dieses tatsächlich in die Kasse kommen wird. Bitte ziehen Sie aus dieser Aussage keine falschen Schlüsse! Ich meine nicht Geld, das hoffentlich kommen wird, um den Kredit tilgen zu können, sondern ich spreche von Geld, das kommen kann und die Laufzeit verkürzen würde. Dazwischen liegen Welten! Wer sich mit Raten von 3.000 Euro begnügt, weil er in den kommenden 15 Jahren mit einer Erbschaft rechnet, ist auf zuverlässige Erblasser angewiesen. In fünf Jahren ist eine Zahlung von 774.000 Euro erforderlich, und in zehn Jahren ist eine Zuwendung von 855.000 Euro nötig. Sonst ist die vollständige Tilgung der Schulden in 15 Jahren nicht möglich, weil die Monatsraten von 3.000 Euro nur regelmäßige Tröpfchen auf den heißen Stein sind. Ich finde es aber besser, sowohl den Zeitpunkt als auch die Höhe der Erbschaft offen zu lassen. Das nimmt den Druck, bei künftigen Familien- feiern ständig über Geld und Gesundheit sprechen zu müssen. Stattdessen plädiere ich für hohe Standardraten. Dann muss sich niemand grämen, wenn das Erbe in siebeneinhalb Jahren „lediglich“ 300.000 Euro beträgt, weil der alte Gönner vor seinem Tod noch einmal eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt hat. Die 300.000 Euro verkürzen die Laufzeit des Kredites um 45 Monate, so dass das „schöne“ Leben in elfeinviertel Jahren beginnen kann – wenn alles so kommt wie eben beschrieben!

• Kolumnen entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.


Alle Kolumnen von Volker Looman (2016)

Der letzte Artikel dieses Jahres kann, ich sage es lieber gleich, bei der einen oder oder anderen Zahnärztin zu Schluckbeschwerden führen. Es geht um das Verhältnis von Frauen zu Geld. Das ist ein abendfüllendes Thema und wenn ich jetzt als Mann auch noch zu sagen wage, das Verständnis für Geld und Zahnärztinnen sei für Männer ein Berufsbild mit goldener Zukunft, drohe ich mich um Kopf und Kragen zu schreiben. Trotzdem: Attempto! Ich wage es wie weiland Graf Eberhard im Barte, der Gründer der Universität zu Tübingen.

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In wenigen Wochen ist wieder Weihnachten. Folglich wird es höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, wen Sie in Kürze womit beglücken werden. Darf ich Sie bitten, in diesem Jahr auch mal an Ihre liebe Hausbank zu denken? Mir schweben freilich keine gehäkelten Topflappen aus heimischer Produktion vor.

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Kann ich mit Ihnen heute mal über Risiken bei Geldanlagen sprechen? Mir ist bewusst, dass das Thema heikel ist, weil Risiken für die meisten von Ihnen der Vorhof der Hölle sind. Arbeit, Ehe und Leben enthalten Risiken.

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Ich bin Mitglied in einem Club, der weiland eine feste Burg für Männer war, im Laufe der letzten Jahre aber von Frauen geschleift worden ist. Natürlich werde ich – das ist Ehrensache – den Namen dieses Clubs nicht preisgeben. Ich verrate Ihnen aber aus Gründen der Geldräson, dass ich in dem Mitglieder-Magazin vor einiger Zeit bemerkenswerte „Gedanken über Geldanlagen in Zeiten der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank“ gelesen habe.

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Haben Sie gerade 10.000 Euro auf dem Konto? Haben Sie vielleicht 500.000 Euro geerbt? Wissen Sie nicht, was Sie mit dem Geld machen sollen? Dann hätte ich da eine Idee.

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Alter schützt vor Spielsucht nicht. Ich kann Ihnen nicht erklären, warum das so ist. Es geht um einen Anleger, der 66 Jahre alt ist und zwei Millionen Euro auf dem Konto hat.

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Jüngst hat mich ein Abendessen bei Freunden ziemlich mitgenommen. Dort berichtete die Gastgeberin von einer Kollegin, die 38 Jahre jung ist und sich auf ihr zweites Kind freut. Nun ist ihr Mann, ein Jahr älter, beim Joggen tot umgefallen.

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Bestimmt wissen Sie, dass Hamburg das Tor zur Welt und München die Weltstadt mit Herz ist. Da ist es kein Wunder, dass Eigenheime ihren Preis haben. Immobilien in Weltstädten gehen nicht ins kleine, sondern große Geld.

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Vorsicht, im Überschwang ist eine dynamische Kapitalversicherung schnell unterschrieben. Und dann beginnt das lange Leiden. Unser Autor Volker Looman erklärt, warum.

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Geldanlage ist finanzieller Mehrkampf: Inventur des Gesamtvermögens, Festlegung der Ziele, Verteilung auf Anlageklassen, Auswahl der Finanzprodukte und Überwachung des Privatvermögens. Die härtesten Disziplinen sind die Verteilung, die Umsetzung und die Überwachung. Dafür ist Disziplin nötig, wenn dieses Wortspiel erlaubt ist.

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Die private Altersvorsorge ist ein heißes Eisen. Sie ist absolut nötig, doch das ständige Trommeln, regelmäßig Geld auf die hohe Kante zu legen, um im Ruhestand finanziell nicht unter die Räder zu kommen, bewirkt in meinen Augen das Gegenteil: Die einen Anleger können das Trommeln nicht mehr hören, und die anderen Sparer sind wegen des Lärms längst taub.

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77 Prozent aller Deutschen glauben, Geld mache frei. Die Zahl ist allen Unkenrufen zum Trotz keine Schnapszahl, und ich will den Wert auch nicht in Zweifel ziehen, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Leute zu 99 Prozent arme Schlucker sind. Wenn ich mit Anlegern, die wirklich Geld haben, ins Gespräch komme, merke ich schnell, dass diese Leute stolz sind, nicht am Hungertuch nagen zu müssen, doch von „Freiheit“ spüre ich in der Regel nicht viel.

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Die Kalkulation mit Hochprozentigem ist für viele Menschen selbst in nüchternem Zustand höhere Mathematik. Das halten Sie für üble Nachrede? Dann sollten wir die Probe aufs Exempel machen.

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Ein Mann sollte – so will es die Tradition – im Leben drei Dinge tun: ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen. Ich weiß nicht, ob das Haus zum Glück nötig ist, doch wer glaubt, eine Villa bauen zu müssen, dem sei gesagt, dass es um mehr als nur um das Eigenheim geht.

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Darf ich Sie mal was Intimes fragen? Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie bemerken, jahrelang betrogen worden zu sein? Ich meine jetzt nicht, was Sie wahrscheinlich vermuten, sondern es geht um Geld, das Sie für Leistungen bezahlt haben, die Sie gar nicht erhalten haben. Bitte überlegen Sie gut, was Sie sagen, weil alle Urteile, die Sie nun fällen, auch auf Sie zutreffen könnten.

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Das Thema der heutigen Erbauungsstunde lautet: Die Bedeutung des Ratenkredits für die deutsche Volkswirtschaft unter besonderer Berücksichtigung von Medizinern. Sie haben richtig gelesen, liebe Anhänger dieser Kolumne, es geht um das Schuldenmachen im Allgemeinen und um den (zahn)ärztlichen Konsum auf Pump. Bitte glauben Sie bloß nicht, rote Zahlen seien das Privileg niederer Stände.

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Knicken! Lochen! Abheften! Ich habe keine Ahnung, wie viele Ärzte sich jedes Jahr über den schweißtreibenden Dreikampf von Beamten und Bürokraten ärgern.

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Es geht um Ihr gutes Geld, liebe Doktores, und ich werde Ihnen ab sofort alle 14 Tage (finanziell) auf den Zahn fühlen. Was hat mich zu diesem Schritt bewogen? Ich bin jetzt 60 Jahre jung, und ich habe in den vergangenen 30 Jahren eine besondere Beziehung zu Zahnärzten aufgebaut.

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