40 Jahre Mundakupunktur

Therapie Punkt für Punkt

Der Zahnarzt ist in seiner Praxis immer wieder mit Problemfällen konfrontiert, die nicht wie üblich verlaufen. In solchen Fällen erweist sich die Vielseitigkeit und Offenheit des Praktikers für alternative Methoden manchmal als vorteilhaft. Hier wird eines der komplementären Verfahren – die Mundakupunktur – vorgestellt.

Abbildung 1: Am Tuber maxillare findet sich häufig eine Drucksensibilität, speziell bei Funktionsstörungen im Nasen-Nebenhöhlenbereich, sowie bei Dysfunktion des Musculus pterygoideus lateralis. © Gleditsch JM, 2005

Abbildung 2: Die Schleimhautpunkte der Mundakupunktur lassen sich differenzieren in den Zähnen zugehörige Vestibulumpunkte sowie in spezielle Areale im Retromolar-Bereich – dem ’Neuner-Areal’. © Gleditsch JM, 2005
Abbildung 3: Mittels Punkten der Akupunktur-Mikrosysteme (MAPS) – Ohr-,Schädel-, Mund-, Hand-Akupunktur – lassen sich funktionelle Störungen therapieren: Die Abbildung zeigt Punkte, die bei Dysfunktion der HWS auftreten. Erfolgreiche Therapie an einem der MAPS löscht zumeist Signalpunkte an anderen MAPS aus. © Gleditsch JM, 2005
Abbildung 4: Aktive drucksensible Punkte im Retromolargebiet (Neuner-Areal 39 / 49) sind therapeutisch wirksam bei Dysfunktion der HWS, speziell der Kopfgelenke, des Nackenrezeptorfeldes sowie bei Funktionsstörung des Musculus pterygoideus medialis. © Gleditsch JM, 2005
Abbildung 5: Der Lymphbelt zeigt lymphwirksame Punkte an, speziell auf der Mitte des Sternum, am Sternoklavikulargelenk sowie unter den Klavikeln. Diese Punkte stehen in Wechselwirkung mit Mundpunkten, speziell an den unteren Prämolaren. © Gleditsch JM, 2005
Abbildung 6: Extraorale Punkte finden sich speziell im Lippenbereich an der Durchstich-Stelle vom inneren Mundpunkt aus. Die Punkte vor den unteren Canini sind oftmals effektiv bei Schmerzen und Funktionsstörungen an Hüfte und Knie. © Gleditsch JM, 2005
Abbildung 7: Der Reflexpunkt gegen den Würgereiz auf der Medianen im Kinngrübchen © Gleditsch JM, 2005
Abbildung 8: In der Schmerztherapie hat sich auch der Einsatz von Softlaser-Einstrahlung bewährt (Laser-Akupunktur). © Gleditsch JM, 2005

Die Methode der Mundakupunktur entstammt nicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), sondern zählt zu den, in den letzten 70 Jahren entdeckten, somatotopischen Mikrosystemen (MAPS = Mikro-Aku-Punkt-Systeme) der westlichen Akupunktur.

Ein Rückblick

Angeregt wurde die Mundakupunktur durch die in den 1960er Jahren aufgekommene Elektroakupunktur (EAV). Deren Begründer Reinhold Voll hatte gemeinsam mit dem Zahnarzt Fritz Kramer Wechselbeziehungen zwischen speziellen Zahn-Kiefer-Arealen und den Akupunktur-Meridianen entdeckt und zwar aufgeteilt in fünf Zahn-Gruppen: gleiche Beziehungen zu jeweils Inzisivi, Canini, Prämolaren, Molaren und Weisheitszähnen in jedem der vier Kieferquadranten. Aus dieser Erkenntnis leitete Voll diagnostische Schlüsse ab.

Etwa zeitgleich konnte beobachtet werden, dass es drucksensible Areale am Tuber maxillare gibt. Eine dort gesetzte Lokalanästhesie-Injektion erwies sich als optimale alternative Therapie der Sinusitis. Hierüber wurde bereits im Jahre 1976 auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde anhand von 400 dokumentierten Fällen referiert [Gleditsch, 1979]. Als grundlegend hat sich die Palpation erwiesen, die sich auch auf weitere Mundschleimhaut-Areale ausdehnt. Hierbei ergaben sich häufig streng lokalisierte, oft nur einseitige Druckdolenzen: und zwar bukkal-labial der Zähne, oft verbunden mit geringer aber doch tastbarer Induration des Gewebes. So war es naheliegend, diese Befunde mit den Aussagen der EAV in Verbindung zu bringen und an diesen Stellen eine Therapie mittels Lokalanästhesie anzusetzen.

Damals war unter Ärzten wie Zahnärzten die Heilinjektion weit verbreitet und auch über Jahrzehnte mit den Pflichtkassen abrechenbar. Ebenso wurde damals die Neural- therapie nach Huneke als therapeutische Lokalanästhesie mit ihren möglichen Fernwirkungen von vielen Ärzten praktiziert und in ihrer Wirkung bestätigt (Abbildung 1).

Mundakupunktur als Reflextherapie

Da in der Mundschleimhaut keine Nadeln – wie sonst in der Akupunktur – gesetzt werden können (Aspirationsgefahr), erwies sich die Lokalanästhesie-Injektion als optimale Alternative. Die Bezeichnung ‚Mundakupunktur’ weist auf die erwähnten Wechselbeziehungen vom Zahn-Kiefer-System zu den Akupunktur-Systemen hin – den Meridianen und Funktionskreisen. Die an spezifischen Punkten, beziehungsweise Arealen, gesetzten Injektionen lassen sich auch als Reflextherapie interpretieren.

Während bei der Neuraltherapie und Störfeld-Diagnostik die an ein vermutetes Areal gesetzte Lokalanästhesie-Injektion zu nicht voraussehbaren Fernwirkungen führen kann, ist die an spezifischen Akupunktur-Punkten gezielt angesetzte Therapie in ihrer Fernwirkung gebahnt durch die erwiesenen Beziehungen zu den Meridianen und Funktionskreisen (Abbildung 2). Diese Wechselwirkungen bedingen eine gegenseitige Beeinflussbarkeit: Das Zahn-Areal (Zahn samt Halteapparat und Umgebung) kann Funktionsstörungen innerer Organe signalisieren, was sich zumeist in der circumscripten Druckdolenz der Schleimhaut anzeigt. Umgekehrt kann vom Zahn-Areal ein Störreiz zur korrelierenden inneren Funktion ausgehen. Wie alle funktionellen Wechselwirkungen im Organismus dienen solche gebahnten Reflexe der gegenseitigen Kompensation und sollten nicht sofort als pathologische Befunde gewertet werden [Voll R., 1977 ; Kramer F., 1976].

Auf derartige an der Körperoberfläche auftretende ‚Signale’ hat vor 120 Jahren Henry Head, der Begründer der Neurophysiologie und Entdecker der Segment-Ordnung, hingewiesen: Der Organismus reagiert laut Head als erstes mittels vegetativer Früh- Zeichen. Danach kommt es zu funktionellen Symptomen, speziell an Bindegewebe und Muskulatur. In diesen frühen Stadien – so forderten Head und sein Mitstreiter Mackenzie – sollte die Therapie ansetzen im Sinne der Prävention.

Diese Frühdiagnostik verlangt eine ‚hands-on-Palpation’, an der es in der modernen Medizin mangelt. Head entdeckte mittels Palpation innerhalb der Segmente auffällig drucksensible ‚Maximalpunkte’, die er als viscerocutane Reflexe definierte und dia-gnostisch nutzte. An diesen Orten setzte er seine cutiviscerale Segment-Therapie an [Head H., 1898].


Leserbriefe zum Artikel "Therapie Punkt für Punkt"

Mit großer Freude habe ich den Artikel über die Mundakupunktur nach Dr. Gleditsch (zm 1/17) gelesen, aber auch mit Befremden die Meinung eines Kollegen im Leserforum (zm 2/17).

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Leserbrief zum Beitrag „Fremdkörper in der Kieferhöhle“, zm 23/2016, S. 52–58. Sehr geehrte Kollegen Dres. Buttchereit und Kämmerer, vielen Dank für Ihren interessanten Artikel in der zm vom 1.12.2016, dem ich in vielen Punkten zustimme.

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Sehr geehrter Kollege,
vielen Dank für diese wichtige Ergänzung. Wir möchten allerdings darauf hinweisen, dass es sich bei einer vorsichtigen Ausräumung eines Fremdkörpers aus der Kieferhöhle mit Schonung der Kieferhöhlenschleimhaut, Anlage eines temporären Nasenfensters und osteoplastischem transoralem Zugang nach Feldmann nicht um eine Caldwell-Luc-Operation handelt.

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In solcher ‚Innen-Außen-Verschaltung’ wird die Parallele zur Jahrtausende alten Akupunktur offensichtlich, wobei diese in ihren Leitbahnen (‚Meridianen’) – anders als die horizontalen Segmente – eine vertikale Ordnung erkennen lässt. Die weitgehende Übereinstimmung der Head’schen Maximalpunkte mit Akupunktur-Punkten ist in Studien nachgewiesen. Auch in der Tradition der chinesischen Medizin galt die Akupunktur vorrangig der Prävention.

Das Punkt-Phänomen

In 40-jähriger Erfahrungszeit haben sich spezielle Areale der Mundschleimhaut extrem häufig als drucksensibel beobachten lassen: so das erwähnte Gebiet bukkal-distal am Tuber maxillare. Dieses Symptom findet sich bei der Sinusitis, ist aber ebenso häufig Ausdruck einer Dysfunktion, einer Tension des lateralen Pterygoid-Muskels. Eine hier ansetzende Injektions-Therapie hat einen spasmolytischen Effekt auf diesen wichtigsten Kaumuskel.

Die an druckschmerzhaften Punkten gezielt anzusetzende Injektion erfolgt erfahrungsgemäß am besten mittels eines schwach-prozentigen Lokalanästhetikums (wie Procain 0,5 Prozent ohne Vasokonstriktor!). Die anschließende palpative Kontrolle verrät, ob noch drucksensible Stellen verblieben sind und nachtherapiert werden sollten. Es gilt dabei, in dem Areal eine völlige Schmerzfreiheit zu erreichen. Bei tiefer Injektion mit hochprozentiger Lokalanästhesie ist die weite Umgebung analgesiert und erlaubt keinen Rückschluss auf persistierende Punkt-Signale. Diese Beobachtung belegt die Bedeutung des Punkt-Phänomens: Es geht nicht um die Analgesie des Areals, sondern um das ‚Stumm-Werden’ der punktuell auftretenden Signalmeldungen [Gleditsch JM, 2005].

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