Volker Looman zu Zinsen für den Notgroschen

4 Prozent ist weniger als 0,01

Der Autor ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Stuttgart. Jede Woche veröffentlicht er in der BILD und in der FAZ einen Aufsatz über Geldanlagen. Außerdem unterstützt er Zahnärzte auf Honorarbasis bei der Gestaltung des Privatvermögens. privat

Werte Zahnärzte beiderlei Geschlechts!

Erinnern Sie noch an den Schlusssatz meiner letzten Kolumne? Da habe ich an Sie appelliert, sich in den ersten Berufsjahren um den Aufbau einer finanziellen Rücklage zu kümmern. Was für Hänschen gilt, ist natürlich auch für Hans gültig. Es ist egal, ob Sie heute 40 oder 50 oder 60 Jahre alt sind. Der Notgroschen ist das finanzielle Fundament des Selbstständigen. Wer keine Rücklage in Höhe eines halben Jahresgewinns hat, ist in meinen Augen ein armer Hund. Bei zum Beispiel einem Überschuss von 200.000 Euro nach Steuern sollte eine Rücklage von mindestens 100.000 Euro vorhanden sein, um in schlechten Zeiten nicht bei Banken um Geld betteln zu müssen. Das ist doch nachvollziehbar, oder nicht?

Nun muss ich eine Schippe drauflegen: Bitte versuchen Sie nicht, aus dieser Rücklage noch Zinsen herauszupressen. Sicherheit und Verfügbarkeit sind oberste Gebote, und für solche Anlagen gibt es, dem Himmel sei‘s geklagt, keine Zinsen mehr. Wer heute 100.000 Euro in Festgeld oder Geldmarktfonds anlegt, weil in einem Jahr ein neues Auto oder ein neues Laborgerät nötig ist, kann das Prozentrechnen vergessen. Eigentlich. In der vergangenen Woche hat mir eine Zahnärztin berichtet, ihre Bank zahle für 100.000 Euro nur noch „läppische“ 0,01 Prozent pro Jahr, und das sei doch wirklich eine Schweinerei.

Der Fast-Null-Zins hat die Bank bewogen, der Dame ein Angebot zu unterbreiten, dass man wie bei der Cosa Nostra eigentlich nicht ablehnen kann. 4 Prozent pro Jahr habe die Bank angeboten, schrieb die Anlegerin und wollte wissen, wie ich dazu stehe. Ich habe mir, neugierig wie ich bin, die Offerte in Ruhe angesehen und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass nicht der Zins, sondern das Angebot eine Ferkelei ist. Die Sache scheint kein Einzelfall zu sein, so dass ich einmal im Detail vorrechnen möchte, was Ihnen droht, wenn Sie sich auf die Pirsch nach hohen Zinsen begeben. Das kann Sie, um im Bild zu bleiben, ein Schweinegeld kosten!

Die 4 Prozent gelten für den halben Anlagebetrag und für einen Zeitraum von sechs Monaten. 100.000 Euro geteilt durch zwei sind 50.000 Euro, und 50.000 Euro mal 2 Prozent ergeben 1.000 Euro. Die erste Hälfte der 100.000 Euro steigt also im Lauf von sechs Monaten von 50.000 Euro um 1.000 Euro auf 51.000 Euro. Anschließend gilt wieder der kümmerliche Zins von 0,01 Prozent pro Jahr, so dass das Festgeld nach zwölf Monaten bei 51.002,55 Euro stehen wird. Darauf sind Abgaben von 264,42 Euro fällig, so dass der Kontostand in einem Jahr effektiv 50.738,13 Euro betragen wird.

Die anderen 50.000 Euro wandern in einen Aktienfonds. Richtig! Die Reserve wird an der Börse geparkt. Mir stehen bei diesem Vorhaben zwar die Haare zu Berge, doch was soll man dazu sagen? Der Opfergang beginnt mit dem Ausgabeaufschlag von 5 Prozent. Das sind 2.500 Euro, so dass in den Investmentfonds nur 47.500 Euro fließen.

Nun kommt es! Wie hoch muss die Rendite der Aktien sein, damit die 47.500 Euro auf 49.269 Euro und 23 Cent steigen? Der krumme Betrag ist die Differenz zwischen dem Endwert von 100.007,36 Euro, den die Anlegerin für die risikolose Geldanlage zu 0,01 Prozent bekommen würde, und den 50.738,13 Euro, die die ersten 50.000 Euro erbringen. Die Antwort lautet 3,72 Prozent pro Jahr.

Nun haben wir es fast geschafft! Die 3,72 Prozent müssen noch durch 0,73625 geteilt und um 180 Basispunkte erhöht werden.

Hinter der ersten Zahl stecken die Abgeltungsteuer und der Solidaritätszuschlag, und die zweite Zahl ist die jährliche Gebühr für die Verwaltung der Aktien. Folglich müsste der Wert der Aktien im Lauf des ersten Jahres um 6,85 Prozent steigen, damit die Anlegerin für ihre 100.000 Euro eine nominale Verzinsung von 0,01 Prozent pro Jahr erzielt.

Sollte die Zahnärztin weiterhin an dem frommen Wunsch festhalten, für die gesamten 100.000 Euro jährlich 4 Prozent zu bekommen, müsste es an der Börse richtig knattern. Der Endwert von 104.000 Euro minus das Festgeld von 50.740 Euro erfordern einen Depotwert von 53.260 Euro. Das ist im Verhältnis zum Startwert von 47.500 Euro ein Zuwachs von 12,13 Prozent. Hinzu kommen die Steuern und die Verwaltungsgebühr, so dass die notwendige Rendite bei 18,28 Prozent pro Jahr liegt.

Ich bitte Sie um Nachsicht, Sie mit so vielen Zahlen malträtiert zu haben. Das soll nicht wieder vorkommen, war aber nötig, um Ihnen in aller Deutlichkeit vor Augen zu führen, dass Sie nach Strich und Faden hinters Licht geführt werden, wenn Sie nicht wie ein Schießhund auf Ihr gutes Geld aufpassen. Das optische Frisieren von Zinsen ist so alt wie die Menschheit, doch in Zeiten magerer Zinsen ist die Gefahr besonders groß, von arglistigen Rosstäuschern aufs Kreuz gelegt zu werden. Ich kann Ihnen, wenn es um die Anlage finanzieller Rücklagen geht, nur zwei Dinge zurufen: Bitte achten Sie auf Sicherheit und Verfügbarkeit, und finden Sie sich bitte damit ab, dass es für solche Anlagen im Moment keine Zinsen gibt. Das ist kein Beinbruch, davon geht die Welt nicht unter. Viel schlimmer sind Verluste, die Sie in wenigen Monaten durch Kredite kompensieren müssen. Das ist der (un)freiwillige Gang in die „Gefangenschaft“!

• Kolumnen entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.


Die neuesten Kolumnen von Volker Looman

Die Finanzierung von Eigenheimen ist eine triviale Angelegenheit. Eigentlich. Wie einfach es ist, selbst genutzte Häuser zu finanzieren, und was Ihnen blüht, wenn Sie den gesunden Menschenverstand ausschalten.

Hier geht's zum Artikel

Sie sind 33 Jahre jung. Sie haben harte Lehrjahre hinter sich. Sie haben geschuftet. Sie haben Geld gespart und 50.000 Euro auf dem Konto. Nun sind Sie bereit für den „Absprung“ in die eigene Praxis. Hand aufs Herz, meine Damen, werte Herren! Sind Sie wirklich fit?

Hier geht's zum Artikel

Die eigene Praxis und das eigene Dach über dem Kopf stehen, wenn‘s um finanzielle Wünsche geht, bei jungen Zahnärzten an erster Stelle. Ich kann das gut verstehen, weil beide Investitionen hohe Erträge abwerfen, wenn die Rendite nicht in Geld, sondern in Gefühlen ausgedrückt wird.

Hier geht's zum Artikel

Erinnern Sie sich noch an die Epoche, in der Praxen und Immobilien mithilfe von Festdarlehen und Kapitalversicherungen finanziert wurden? Das waren jene Zeiten, in denen Hypotheken zwar 6 oder 7 Prozent kosteten, in denen es für solide Versicherungen aber auch 5 bis 6 Prozent gab. Die Zinsdifferenzgeschäfte waren sowohl für Zahnärzte als auch für Vermittler ein lukratives Geschäft.

Hier geht's zum Artikel

Der Abschluss hoher Risikolebensversicherungen scheint in vielen Familien (k)ein Problem zu sein. Der Mann ist, falls er der Ernährer ist, sowohl Versicherungsnehmer als auch Versicherter. Der Zweite oder Dritte im Bunde ist der Begünstigte – in der Regel die Ehefrau. Erkennen Sie sich in dieser „Gemengelage“ wieder?

Hier geht's zum Artikel

Erinnern Sie sich an meine letzte Kolumne, liebe Zahnärztinnen, werte Zahnärzte? Da habe ich Ihnen vorgerechnet, dass Sie im Laufe des Lebens locker vom Hocker eine Million (Euro) in die gesetzliche Krankenkasse einzahlen.

Hier geht's zum Artikel

Mir ist bekannt, liebe Zahnärzte, dass sich Ihre Begeisterung für Zahlen in Grenzen hält. Trotzdem muss ich Sie heute mal wieder bitten, sich einen Taschenrechner zu schnappen. Genauso von Vorteil wären Papier, Bleistift und Radiergummi. Es geht um Ihre finanzielle Absicherung bei Krankheit, und ich möchte Sie ohne Umschweife fragen: Nun sagt, wie haben Sie‘s mit der Kasse – gesetzlich oder privat?

Hier geht's zum Artikel

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Fahrlässigkeit, Krankheit und Erwerbsunfähigkeit können in Bruchteilen von Sekunden ganze Existenzen vernichten. Folglich kommt es beim Aufbau des Vermögens nicht nur darauf an, Chancen zu erkennen und zu nutzen. Genauso wichtig ist es, Gefahren aus dem Weg zu gehen oder Maßnahmen zu treffen, um gegen die finanzielle Auswirkungen dieser Risiken gewappnet zu sein.

Hier geht's zum Artikel

Ordnung und Überblick sind das halbe Leben. Dazu gehört in besonderem Maß der Überblick über das liebe Geld. Ich blicke Woche für Woche in lange Gesichter, wenn ich Zahnärzte frage, wie hoch Umsatz, Gewinn und Steuern sind. Stecknadeln höre ich fallen, wenn ich die Frage gestellt habe, wie hoch die festen und die variablen Privatausgaben sind. Das veranlasst mich zu der Offerte, Ihnen zu zeigen, wie Sie mit wenigen Girokonten viel Licht ins Dunkel und noch mehr Ruhe in Ihren stressigen Alltag bringen. Das hat doch was, oder wie sehen Sie das?

Hier geht's zum Artikel

Werte Zahnärzte beiderlei Geschlechts!
Erinnern Sie noch an den Schlusssatz meiner letzten Kolumne? Da habe ich an Sie appelliert, sich in den ersten Berufsjahren um den Aufbau einer finanziellen Rücklage zu kümmern. Was für Hänschen gilt, ist natürlich auch für Hans gültig. Es ist egal, ob Sie heute 40 oder 50 oder 60 Jahre alt sind. Der Notgroschen ist das finanzielle Fundament des Selbstständigen.

Hier geht's zum Artikel

Der finanzielle Start ins Berufsleben ist kein Honigschlecken: Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, Privathaftpflichtversicherung, Erwerbsunfähigkeitsversicherung und Hinterbliebenenversicherung.

Hier geht's zum Artikel

Wussten Sie, dass in Stuttgart, dieser Perle zwischen Wald und Reben, fast 152.000 Bankiers leben? Wenn nicht, ist das natürlich ein klarer Fall von Bildungslücke. Unter www.volksbank-stuttgart.de können Sie sich davon überzeugen, dass die Besitzer der Volksbank in Stuttgart nicht sieben Schwaben, sondern 152.000 (!) wackere Genossen sind.

Hier geht's zum Artikel

Anfang des Jahres hatte ich Ihnen angekündigt, mir Gedanken darüber zu machen, die Schreiberei an den Nagel zu hängen, um mich um „anlehnungsbedürftige Zahnärztinnen“ und ihre Millionen zu kümmern. Ich habe mir die Sache bei Champagner und Hummer in der Bretagne durch den Kopf gehen lassen.

Hier geht's zum Artikel


Der Autor ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Stuttgart. Jede Woche veröffentlicht er in der FAZ einen Aufsatz über Geldanlagen. Außerdem unterstützt er Zahnärzte auf Honorarbasis bei der Gestaltung des Privatvermögens.

64880626455793645580364558046488063 6488064 6455807
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare