Grundlagenforschung

Bitte nicht nur Feierabendforschung!

Erhebliche Unterschiede in Größe und Leistungsfähigkeit der (zahn)medizinischen Wissenschaftsstandorte hat jüngst bereits der Wissenschaftsrat beschrieben. Und auch auf der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Grundlagenforschung (AfG) in der DGZMK sind einige Hochschulstandorte präsent, andere quasi unsichtbar. Die Vorsitzenden sehen die Gründe in ökonomischen Zwängen und fragwürdigen Anreizen, die gegenwärtig das Wissenschaftssystem prägen.

Grafische Darstellung des Programms der 49. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Grundlagenforschung in der DGZMK. Zu sehen sind die Anzahl der Vorträge und Poster und ihre „akademische Herkunft“. © Beate Lion

Die Grafik illustriert die Forschungsaktivitäten der einzelnen Universitätszahnkliniken auf den AfG-Jahrestagungen, sortiert nach Vorträgen (gelb) und Postern (blau) über die vergangenen 30 Jahre. Dargestellt ist die relative Häufigkeit. © J. Wiprich
© J. Wiprich
© J. Wiprich
© J. Wiprich
© J. Wiprich

Ohne Zweifel ist in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Grundlagenforschung auch heute noch notwendig. Dies sind wir unseren Patienten schuldig und auch den Steuerzahlern, die die Forschung finanzieren. Auf der alljährlich im Januar in Mainz stattfindenden Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Grundlagenforschung (AfG) in der DGZMK war es jahrelang so voll, dass man auf der Hörsaaltreppe gerade noch einen Platz bekam. In den vergangenen Jahren ging die Zahl der Beiträge wie auch der Teilnehmer deutlich zurück, möglicherweise auch deshalb, weil viele neue Arbeitsgemeinschaften innerhalb der DGMZK gegründet wurden, deren Teilnehmer sich vorher im Rahmen der AfG getroffen hatten. 2017 sind die Zahlen endlich wieder gestiegen.

Die Veranstaltung ist attraktiv und wertvoll, stehen doch die Forschungsinhalte aus allen Grundlagenbereichen der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde im Vordergrund. Die Diskussionen dienen dem tiefem Verständnis und regen den fachübergreifenden Austausch an, nicht selten entstehen gerade so und ungeplant neue Ideen, Fragestellungen und ungewöhnliche Kooperationen.

Es gibt Preise für Nachwuchswissenschaftler, wobei die Preisträger ihren Vortrag am jeweils nachfolgenden Deutschen Zahnärztetag vorstellen. In der ungezwungenen Atmosphäre fühlen sich Newcomer schnell wohl und fassen Vertrauen in die eigene Arbeit. Und wer möchte, der kann sogar 14 Fortbildungspunkte einreichen.

Freiräume für die Forschung entfallen

Wir müssen aber auch Probleme ansprechen: Zur Analyse der Beitragsanmeldungen über die vergangenen 30 Jahre haben wir für jede Tagung eine Landkarte zusammengestellt (Grafik links), die die Anzahl der Beiträge und die Universitäten, aus denen sie stammen, aufzeigt. So wurde deutlich, dass es Standorte gibt, aus denen über Jahre hinweg regelmäßig zahlreiche Beiträge kommen und es wurden auch Universitätszahnkliniken erkennbar, von denen jahrzehntelang kein Beitrag auf der AfG vorgestellt wurde (Grafik rechts).

Sicher ist die Forschungsaktivität unregelmäßig, aber man sollte nicht davon ausgehen, dass es Standorte gibt, an denen keine Grundlagenforschung stattfindet. Es sollte eher angenommen werden, dass die Kollegen andere Kongresse aufsuchen und der AfG fernbleiben. Auf der Suche nach den Gründen haben wir im vergangenen Jahr recht offensiv das Gespräch mit den wissenschaftlich tätigen Kollegen gesucht. Dabei wurde offenbar, wie sehr sich seit der Gründung der AfG im Jahr 1968 die Bedingungen, unter denen die Forschung stattfinden kann, geändert haben.

Die Trias von „Forschung, Lehre und Krankenversorgung“, die so im Logo und in der Reihenfolge an vielen Standorten das Motto darstellt, wird nicht mehr eingehalten. Oft sind die Belastungen in Lehre und Krankenversorgung so hoch, ohne dass Freiräume für Forschung fest eingerichtet sind. Die aktive Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragestellungen wird auf die Abend- und Wochenendzeit verschoben. Viele der Beiträge auf den AfG-Jahrestagungen stammen aus solch einer „Feierabendforschung“.

Nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Forschung haben die Betriebswirte, die in regelmäßig steigender Zahl an den Universitätseinrichtungen anzutreffen sind, einen sehr großen Einfluss gewonnen und dominieren mit dem Versuch, die „Leistung“ auch hier zu quantifizieren.

Geforscht wird nur, was Impact-Punkte bringt

Die Höhe der zugeteilten Forschungsetats ist eng verknüpft mit den „Impact-Faktoren“, die mit den Publikationen erzielt werden. An manchen Standorten gibt es überhaupt keine bedingungslose Grundausstattung mehr, so sind viele Forscher gezwungen, nach möglichst hohen „Impact-Faktoren“ zu streben, obwohl sich die Scientific Community weltweit einig ist, dass dies kein probates Mittel ist, die Qualität der Forschung festzustellen. Für wissenschaftliche Karrieren, seien es Habilitationen oder Berufungen, werden vielerorts wider besseren Wissens immer wieder Impact-Factoren herangezogen.

Gezwungenermaßen richten die Kollegen ihre Aktivität danach aus, wie sie rein quantitativ überzeugen können. An entscheidenden Stellen wird oft nicht gelesen, was geschrieben wurde. Stattdessen werden Punkte aufsummiert. Nicht mehr die wissenschaftliche Neugier steht im Vordergrund, sondern es wird vor allem das bearbeitet, was in absehbarer Zeit friktionsarm und effektiv publikabel ist, also Punkte bringt. Wenn Quantitäten ohne Inhalt im Vordergrund stehen, wird der fachliche Austausch sekundär.

Wer zur AfG-Jahrestagung kommt, wird dagegen Zeuge eines regen fachlichen Austauschs. Dies hält auch die Teilnehmer nicht ab, nach Mainz zu kommen, von denen viele erstaunlicherweise ihre Reisekosten für die Kongressteilnahme nicht von ihren Dienststellen erstattet bekommen, an manchen Standorten muss sogar Urlaub genommen werden, um eine Tagung zu besuchen.

Die Vorsitzenden der AfG tragen die Idee der Gründungsväter weiter, die ein Forum für den freimütigen Gedankenaustausch aller Wissenschaftler geschaffen haben, das für jeden Teilnehmer einen wirklichen Gewinn für eigene Forschungsvorhaben darstellt, überregionale und fachübergreifende Kooperationen fördert und Kenntnisse für den Unterricht für Dozenten und Studenten ermöglicht. So stand es im Bericht über die erste Jahrestagung – und so soll es bleiben!

• Die 50. Jahrestagung der AfG findet am 11./12. Januar 2018 in Mainz statt.

Prof. Dr. Dr. Ralf J. Radlanski, (1. Vorsitzender der AfG), PD Dr. M. Wolf (2. Vorsitzender der AfG)
Dr. A. Voigt (Schriftführer der AfG), Prof. Dr. Dr. Ralf J. Radlanski
Charité - Campus Benjamin Franklin at Freie Universität Berlin,
Center for Dental and Craniofacial Sciences Dept. of Craniofacial Developmental Biology
Aßmannshauser Str. 4-6, 14197 Berlin, ralfj.radlanski@charite.de


Kommentar von Prof. Bernd W. Sigusch

Interessant ist, dass sich die deutsche Zahnmedizin durch gute Grundlagenforschung auszeichnet, ohne dass ein größerer Teil der Ergebnisse, wie früher meist üblich, zu den Jahrestagungen der AfG präsentiert wird.
Eine Ursache hierfür könnte sein, dass der wissenschaftliche Nachwuchs heute deutlich stärker gefordert ist, seine Resultate im Rahmen von internationalen Publikationen vom weltweiten Reviewer-Kollegium kritisch bewerten zu lassen. Das blockiert wahrscheinlich, aufgrund der wachsenden Anforderungen in Lehre und Klinik, die meisten der früher „freien Valenzen“, unter anderem auch Tagungen zu besuchen.
Herr Kollege Radlanski bestätigt, dass die wissenschaftliche Laufbahn heute nicht unbedingt nur davon abhängt, wie oft und gut jemand seine Ergebnisse vorträgt, sondern vor allem wie hochwertig er diese veröffentlichen kann. Neben den Publikationen mit möglichst hohem Impactfaktor werden aber zunehmend auch gut vernetzte und möglichst finanziell hochdotierte Drittmittelprojekte gefordert, die dann idealerweise auch noch zu den Forschungsschwerpunkten der Medizinischen Fakultät am jeweiligen zahnmedizinischen Standort passen sollten.
Zur Vernetzung der Wissenschaftsstandorte und vor allem zur Erhöhung der DFG-Kompetenz in der Zahnmedizin könnte die AfG insgesamt einen noch stärkeren Beitrag leisten. Denn um sich wissenschaftlich zu vernetzen, muss man sich kennen und vor allem auch wissen, in welchen Bereichen an den einzelnen Standorten geforscht wird. Wenn die Leitung der AfG speziell diesen Aspekt stärker in den Fokus nimmt, insbesondere durch eine entsprechende Profilierung, dann wird die Attraktivität dieses Podiums für den wissenschaftlichen Nachwuchs deutlich steigen.
Die „Alte AfG“ müsste in diesem Sinn neue Wege beschreiten, dann könnte sie perspektivisch zu einer modernen Plattform zur Etablierung wissenschaftlicher Netzwerke in der Zahnmedizin avancieren.

Univ.-Prof. Dr. Dr. B. W. Sigusch, Direktor der Poliklinik für Konservierende Zahnheilkunde und Parodontologie des Universitätsklinikums Jena



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