Risikofaktor Gelenküberbeweglichkeit

Kiefergelenkprobleme durch Hypermobilität?

Zahnärzte und Kieferorthopäden stellen bei jugendlichen Patienten gelegentlich eine erhöhte Gelenküberbeweglichkeit fest. Auch können in dieser Altersgruppe häufiger Geräusche in den Kiefergelenken im Sinne eines Knackens gefunden werden. Der Beitrag gibt einen Überblick über Prävalenz, Symptomatik, Diagnostik und Zusammenhänge dieser beiden Entitäten.

Hippokrates-Handgriff zur Reposition bei Kiefergelenkluxation © Universitätsklinikum Leipzig AöR - I.Riemer

Beispiel für ein hypermobiles Hand- und Daumengelenk gemäß den Beighton-Kriterien (hier: generalisierte konstitutionelle Hypermobilität) © O. Schierz
Bücken mit gestreckten Beinen, so dass die Hände flach auf dem Boden liegen (hier: Leistungshypermobilität) © O. Schierz
Foto: O. Schierz Magnetresonanztomogramm bei habitueller Luxation des Condylus articulare; * Tuberculum articulare # anterior dislozierter Condylus articulare --- Position des Condylus articulare in habitueller Okklusionsposition © Universitätsklinikum Leipzig AöR - I.Riemer

Viele Menschen haben über das normale Maß hinaus bewegliche Gelenke. Dies kann beispielsweise Personen betreffen, die in ihrer Jugend Gymnastik oder Ballett betrieben haben (sogenannte Leistungshypermobilität). Als eine ätiologisch andere Form ist die reversible, hormonell bedingte Schwangerschaftshypermobilität abzugrenzen.

Im Gegensatz zu diesen erworbenen Formen der Hypermobilität gibt es angeborene Formen. Die betroffenen Personen können ihre Gelenke weiter als ihre Mitmenschen bewegen. So beherrschen sie „Kunststücke“, wie zum Beispiel den Daumen bis an den Unterarm biegen zu können. Einige können sogar ihr Gelenk aus der Gelenkgrube dislozieren. Diese abnorme, über das übliche Maß hinausgehende Beweglichkeit von Gelenken nutzen etwa sogenannte „Schlangenmenschen“ bei ihren Darbietungen.

Der medizinische Begriff für Gelenke, die sich weiter als normal bewegen lassen, ist „Hypermobilität“. Bei nur einem überbeweglichen Gelenk spricht man von einer lokalen pathologischen Hypermobilität, die zum Beispiel nach Traumata auftreten kann.

Davon abzugrenzen ist die generalisierte Gelenkhypermobilität (sogenannte benigne generalisierte konstitutionelle Hypermobilität), die eher eine Varianz der Norm darstellt. Bedingt durch Erkrankungen des Bewegungs- und Stützsystems (zum Beispiel Marfan-Syndrom, Ehlers-Danlos-Syndrom, diverse kongenitale mesodermale Dysplasien) kann auch eine generalisierte pathologische Hypermobilität bestehen, wobei der Übergang zur konstitutionellen Hypermobilität fließend ist.

Es kann durch ungewollte Überdehnung von Sehnen, Kapseln und Muskeln wiederholt zu Schmerzen um das betroffene Gelenk kommen. Falls die betroffenen Gelenke über mehr als drei Monate schmerzhaft sind, wird vom Gelenk hypermobilitätssyndrom gesprochen, dessen Schweregrad mit der Anzahl der betroffenen Gelenke zunimmt.

Ehlers-Danlos-Syndrom im Bereich des Kiefers

Auch andere Erkrankungen sind bei den Betroffenen häufiger zu finden. So imponieren beim Ehlers-Danlos-Syndrom im oralen Bereich gehäuft ein Fehlen des lingualen Frenulums, eine weite Mundöffnung (über 50 Millimeter) und eine volontäre Kiefergelenk(sub)luxation [Castori et al., 2012]. Die Kondylusluxation ist durch eine unzureichende Limitation der Bewegungskapazität des Unterkiefers bedingt. Je nach Muskeltonus und Ausprägung des Gelenkhöckerchens kann die Luxation entweder nahezu unbemerkt oder unter Eigenmanipulation des Patienten reponieren.

In seltenen Fällen ist eine Fremdmanipulation zur Reponierung notwendig (Abbildung 1). Auch besteht insbesondere nach Eingriffen, die eine langanhaltende weite Mundöffnung erfordern (Entfernung von Weisheitszähnen, Wurzelbehandlungen im Seitenzahnbereich) das Risiko der Kondylusluxation. Eine spontane Luxation ohne Autoreposition ist bei Jugendlichen und Erwachsenen selten und tritt aufgrund des veränderten Muskeltonus und der Abflachung des Tuberculum articulare vorwiegend bei pflegebedürftigen Senioren in Ruhephasen auf.

Anderseits – und wesentlich häufiger – kann es durch überbewegliche Bänder (Ligamentum discotemporale und L. discocondylare) zu Verlagerungen des Discus articulare im Kiefergelenk kommen, wobei eine Kausalbeziehung bislang noch nicht schlüssig bewiesen ist [Dijkstra et al., 2002]. Diese als Diskusdislokation mit beziehungsweise ohne Reposition bekannten Phänomene können Knackgeräusche beziehungsweise Limitationen der Bewegungskapazität des Unterkiefers bewirken. Auch können gelegentlich Schmerzen hierauf zurückgeführt werden beziehungsweise es bestehen psychosoziale Belastungen durch die von anderen Personen wahrnehmbaren Geräusche während der Nahrungsaufnahme.

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