Ökologie in der Zahnarztpraxis

Grüne Prophylaxe

© Petmal - iStockphoto.com

Gebäude fressen Ressourcen

Zu den nächsten Schritten gehörte die Optimierung von Energieversorgung und Wärmeschutz durch zusätzliche Fassadenbegrünung, den Einbau einer Brennwertheizung und die Nutzung von Solartechnik für die Warmwassererzeugung. Das macht sich bezahlt, wie das Ehepaar berichtet: „Die Heizkosten sind drastisch gesunken, um mehr als 30 Prozent, die Energiekosten im letzten Jahrzehnt insgesamt stabil geblieben, inflationsbereinigt also tendenziell gesunken.“

Auch bei den verwendeten Produkten achten die Zahnärzte auf Umweltverträglichkeit und Abfallbilanz: So kommen zum Beispiel Sterilgutlagercontainer statt Einmalverpackungen zum Einsatz, Carpulensysteme zur Lokalanästhesie statt Einmalspritzen. Die Röntgentechnik läuft digital. Für weitere Maßnahmen bleiben Regine und Wolfgang Carl offen. Eine geplante Photovoltaik-Anlage zur gesamten Stromerzeugung erwies sich im Augenblick steuerlich als zu kompliziert. Doch auch Kleinigkeiten arbeiten mit an der Ökobilanz: etwa die Anschaffung einer Zeitschaltuhr für ein Untertisch-Warmwassergerät. Da die Toiletten der Praxis nicht durch die solarthermische Anlage mitversorgt werden konnten, überlegten sich die St. Ingberter Zahnärzte etwas anderes: „Das Warmwassergerät muss ja nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche durchheizen. Also haben wir uns für weniger als zehn Euro im Baumarkt eine Zeitschaltuhr besorgt und die Praxiszeiten einprogrammiert.“ Der Spareffekt ist vielleicht nicht gigantisch, aber auch ein kleiner ökologischer Gewinn kann befriedigend sein.

Es gibt viele Wege zur grünen Zahnarztpraxis – ob nun aufwendig gebaut wird oder man die vermeintlich kleinen Dinge des täglichen Betriebs verändert. Dass einige wenige Zahnarztpraxen zur ökologischen Vorhut zählen, beweisen Projekte wie das Holzhaus von Schöneiche oder die Praxis Mondzorg im niederländischen Middenmeer. Mondzorg wurde aus dem Holz heimischer Bäume errichtet, nutzt ein Gründach und Efeu zur Klimaregulierung und natürliche Stoffe auf der Grundlage von Holzfasern und Muscheln für die Dämmung. Die Praxis sieht aus wie ein Ferienhaus – und die Patienten lieben es.

Wer umbaut, nutzt die graue Energie

Wie genau könnte eine „Green Dentistry“ aussehen? Zunächst ein Blick aufs große Ganze: Am Anfang stellt sich oft die Frage „Neubau oder Umbau?“. Hier gilt: Umbauen ist nachhaltiger. Denn in jedem existierenden Bau steckt schon all die Energie, die zu seiner Errichtung „verbraucht“ wurde – man nennt das graue Energie. Die Baustoffe wurden bereits hergestellt, transportiert und verbaut, der Boden versiegelt. Die Modernisierung eines bestehenden Gebäudes schont aber nicht nur Ressourcen. Auch der Standort ist bereits erschlossen und Teil einer gewachsenen Baukultur. Das Gebäude wirkt vertraut – ein Pluspunkt für die Akzeptanz bei den zukünftigen Patienten.

Aber: Vorsicht vor Schadstoffen und anderen Altlasten. Belastende Stoffe wie Asbest, Formaldehyd, Pestizide Co. sind in heutigen Baumaterialien zwar verboten, können beim Umbau aber wieder ans Tageslicht kommen und zum – eventuell kostspieligen – Sanierungsfall werden. Das bestehende Gebäude sollte also zunächst einmal auf seine baubiologische Gesundheit untersucht werden – und dann auf seinen Energieverbrauch. Was muss in Wärme- und Schallschutz investiert werden?

Und wie hoch ist der Aufwand, um den vorhandenen Grundriss mit den Erfordernissen einer Zahnarztpraxis in Einklang zu bringen? Wie sieht es mit der Barrierefreiheit aus? Auf Nachhaltigkeit spezialisierte Architekten lassen sich über die Architektenkammern der Länder ausfindig machen. Meist gibt es hierfür eine Listenführung. Auch unterhalten die Kammern in allen größeren Städten Angebote für kostenfreie Initialberatungen. Wichtig für Bauherren ist, sich Experten zu suchen, die den Überblick im Dschungel der gerade aktuellen Förderungen und Zuschüsse haben. Wo wird etwa ein Gründach bezuschusst? Wo winken handfeste Steuervorteile? Und wo gibt es vielleicht öffentlichkeitswirksame Initiativen wie die Grüne Hausnummer?

„Energieberatungen werden unter anderem ebenso unterstützt wie Beratungen zur Nachhaltigkeit, beispielsweise durch das bafa, die KfW oder länderbezogene Förderungen“, erklärt Architekt Ulrich Jung von der Bayerischen Architektenkammer. Eins steht fest: Bewusst Ressourcen-schonend zu bauen, erfordert zunächst einmal eine gründlichere Planung. Auch die Investitionskosten können höher liegen. In der Regel werden sie aber durch niedrigere Nutzungskosten wieder ausgeglichen. Und am Ende steht eine grüne Immobilie, deren Wert wächst, auch wenn Rohstoff- und Energiepreise steigen.

Wer neu baut, kann gestalten

Wer neu baut, hat große gestalterische Freiheiten. Doch auch hier heißt es: Besonders nachhaltig ist ein Standort mit hoher Besiedlungsdichte und guter Infrastruktur. Von Vorteil sind die Nähe zu öffentlichen Verkehrsmitteln und Fußgängerfreundlichkeit innerhalb der Stadt. Ein Pendlerparkplatz, ein Supermarkt oder andere Versorgungseinrichtungen in Reichweite können dazu beitragen, dass Autofahrer verschiedene Termine auf einmal erledigen. Das ist nicht nur zeitsparend, es reduziert auch die CO2-Emmissionen. Vorhandene Fahrradwege tragen zu umweltfreundlicher Mobilität bei – und solide Fahrradständer zum Komfort für radelnde Patienten und Mitarbeiter.

Wird für den Neubau ein bereits bestehendes Gebäude abgerissen, dann sollte gelten: Bauschutt ist kein Müll, sondern ein Wertstoff. Idealerweise wird er von einem Anbieter übernommen, der für das Recycling der verschiedenen Stoffe sorgt. Wer am bislang unberührten Standort baut, sollte versuchen, den Eingriff in die Vegetation so gering wie möglich zu halten. Welche Bäume müssen wirklich gefällt werden? Und welche können dem Gebäude mit ihrem Schatten im Sommer als natürliche Kühlung dienen?

Ab in die Sonne

Auch die genaue Planung der Praxisgröße zahlt sich aus. Viel freier Raum wirkt zwar optisch luxuriös, aber: Kleiner ist effizienter. Beim Bau werden weniger Materialien verwendet und im laufenden Betrieb entstehen weniger Kosten durch Heizung, Kühlung und Beleuchtung. Und kürzere Wege innerhalb der Praxis sind gut für die Produktivität.

Eine wichtige Entscheidung fällt mit der Positionierung des Neubaus. Die Orientierung nach Himmelsrichtungen hat nicht nur Auswirkungen auf eine schöne oder nicht so schöne Aussicht. Sie spielt vor allem eine Rolle, falls die neue Praxis in ein Niedrigenergiehaus einziehen oder von Solarenergie profitieren soll. Das natürliche Licht wird am besten genutzt, wenn die längste Achse des Gebäudes parallel zur Sonnenbewegung ausgerichtet ist.

Sonneneinstrahlung – unterstützt von strategisch gut platzierten Fenstern – kann nicht nur helfen, die Energiekosten zu senken. Sie wird generell als angenehm und beruhigend empfunden. Gleiches gilt für ein bepflanztes Dach. Das Grün ist nicht nur ansprechend und wirkt der allgemeinen Boden-Versiegelung entgegen, es isoliert auch auf energiesparende Weise. Und der Pflegeaufwand dieser frei wachsenden Klimaanlage hält sich in Grenzen, wie Gründachbesitzer berichten. Wem das trotzdem zu bunt ist, der kann auf ein Dach in weißer oder heller Farbe zurückgreifen, das die Sonne im Sommer reflektiert und die Praxis nicht in eine Sauna verwandelt.

Baustoffe: think global, buy local

Ob Neubau oder Umbau – es ist von Vorteil, sich seine Baustoffe selbst aussuchen zu können. So können aufwendig produzierte Materialien wie Stahl, Beton oder Kunststoff durch biobasierte Alternativen aus nachwachsenden Rohstoffen ersetzt werden – am besten gesundheitlich unbedenkliche und lokal hergestellte, die keine langen Transportwege zurücklegen und die heimische Wirtschaft unterstützen. Und recyclingfähige. Denn das ökologische Ideal nennt sich „Cradle to Cradle“ – von der Wiege zurück zur Wiege. Dabei werden natürliche Materialien wie Holz bei einem späteren Abbruch des Gebäudes wieder in die Rohstoffkette eingebracht. Ökosiegel und Fachberater helfen bei der Auswahl der geeigneten Stoffe und Hersteller.

Unterstützung bieten hier die Architektenkammern der Länder, etwa mit WECOBIS (www.wecobis.de), dem ökologischen Baustoffinformationssystem der Bayerischen Kammer. „Im Modul Planungs- und Ausschreibungshilfen findet man dort materialökologische Anforderungen für verschiedene Baustoffgruppen“, sagt Architektin Petra Wurmer-Weiß von der Beratungsstelle BEN. „Was den Innenausbau betrifft, findet man in WECOBIS zum Beispiel Anforderungen an Bodenbeläge, Klebstoffe, Verlegewerkstoffe, Dichtstoffe und Oberflächenbeschichtungen wie Wandfarben und Lacke. Ob diese Materialien immer die erforderlichen Eigenschaften hinsichtlich Hygiene in Praxisräumen erfüllen, muss im Einzelfall geprüft werden.“ Ein wichtiger Punkt: Hygienebestimmungen gehen vor Ökobilanz! Sie müssen sich aber nicht immer ausschließen.

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