Erfolgreiche Präventionsarbeit

Zeig mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wie (zahn-)gesund Du bist!

Gesundheit ist nicht gerecht verteilt. Aber nicht nur arm macht krank, auch unser Umfeld bestimmt, wie fit wir sind. Was muss erfolgreiche Prävention also leisten, wenn sie erfolgreich sein will? Wir stellen Ansätze aus der Zahnmedizin vor, die das Problem der ungleichen Mundgesundheit lösen sollen.

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Gesundheitliche Ungleichheit ist ein Phänomen, das sich wie ein roter Faden durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Besonders betroffen sind aber Menschen mit einem niedrigen Sozialstatus. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Flüchtlinge und Asylbewerber, Menschen mit geistiger Behinderung oder Demenzerkrankungen, Drogenabhängige und Obdachlose oder Personen und Familien, die in Armut leben. Auch Pflegebedürftige können betroffen sein. „Diese Menschen sind für uns Zahnärzte, aber auch für die anderen Akteure im Gesundheitswesen sehr schwer zu erreichen“, erklärt Prof. Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK).

Daraus folgt für ihn: „Als Zahnärzte sind wir zur Versorgung und Prävention in allen gesellschaftlichen Schichten verpflichtet und müssen versuchen, Menschen, die nur bedingt für sich selbst sprechen können, eine Stimme zu geben. Das heißt, wir müssen uns aktiv in die Gesetzgebung einmischen und immer wieder auf die Bedürfnisse sozial schwacher Bevölkerungsschichten hinweisen.“

Das Umfeld entscheidet: gesund oder krank

Beim Kongress „Armut und Gesundheit“ am 16. und 17. März in Berlin stellte der BZÄK-Vizepräsident beim Thema Mundgesundheit in der Einwanderungsgesellschaft einen Zusammenhang zwischen Mundgesundheit und sozialem Status her, der nicht nur auf viele Flüchtlinge, sondern auf alle, die gesundheitliche Ungleichheit erfahren, zutrifft: Menschen am unteren Ende der sozialen Skala sind häufiger Krankheiten ausgesetzt als Menschen aus höheren Schichten. Und sie sterben früher. In anderen Worten: Das soziale Umfeld, in dem ein Mensch aufwächst und lebt, bestimmt über sein Gesundheitsverhalten und seine Gesundheitschancen.

Dass soziale Umwelteinflüsse maßgeblich verantwortlich für Gesundheit, Lebensqualität und -erwartung sind, hat die Forschung längst belegt. Sie spricht in diesem Zusammenhang von den sozialen Determinanten für Gesundheit. Dazu zählt beispielsweise, welche Bildung und Fürsorge ein Mensch als Kind erfahren hat, welchem Stresslevel er im Alltag ausgesetzt ist, wie sicher sein Arbeitsplatz ist oder unter welchen Bedingungen erarbeitet. Einkommensunterschiede, die soziale Teilhabe und die Wohnsituation sowie die Kosten für Lebensmittel bestimmen ebenfalls über die individuelle Gesundheit.

Mit den sozialen Determinanten von Krankheit und Gesundheit und speziell ihren Auswirkungen auf die Mundgesundheit setzt sich ein im Februar 2017 veröffentlichter Aufsatz des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) auseinander. Festgestellt wird auch hier, dass sich gesundes Verhalten umso schwerer aufrechterhalten lässt, je weiter unten auf der sozialen Leiter sich jemand befindet. Die IDZ-Experten machen dabei aber eine wichtige Anmerkung: Gesundheitliche Ungleichheit ist kein Phänomen, dass allein in den unteren Gesellschaftsschichten zu finden ist. Es sind nicht nur die ganz Armen, die überproportional von Krankheiten und gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen sind. Die Forscher identifizieren vielmehr ein soziales Gesundheitsgefälle, „das sich in linearer, schrittweiser Art und Weise von oben nach unten durch die gesamte Gesellschaft zieht“.

Die Forschung verwendet dafür den Begriff des sozialen Gradienten. Der Begriff drückt aus, dass „diejenigen in der jeweils niedrigeren sozialen Gruppe eine schlechtere Gesundheit aufweisen als diejenigen, die hinsichtlich Einkommen, Bildung oder sozialem Status eine Stufe darüber stehen“. Gesundheitliche Ungleichheit ist also nicht per se ein mit Armut assoziiertes Problem. Insbesondere das Vorhandensein der Möglichkeit, selbstbestimmt über sein Leben zu entscheiden – ein Privileg, das auch in höheren Schichten nicht immer gegeben ist –, wirkt sich auf die psychische und die körperliche Gesundheit aus.

Der Raucher war schuld

Um effektiv auf diese Problematik zu reagieren, plädiert das IDZ für eine Kehrtwende bei den Maßnahmen zur Förderung von (Mund-)Gesundheit. Bisher habe man sich zu stark auf den Lebensstil eines Menschen fokussiert. Ausschließlich verhaltensbasierte Interventionen zum Beispiel bei Rauchern oder Übergewichtigen berücksichtigten jedoch nicht die grundlegend entscheidenden sozialen Determinanten. Vielmehr machten sie die Erkrankten allein verantwortlich. „Statt sich vornehmlich auf Strategien zu konzentrieren, die individuelle Verhaltensänderungen zum Ziel haben, muss sich der ärztliche und zahnärztliche Berufsstand den ‚Ursachen der Ursachen‘ widmen, das heißt den sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktoren, die gesundheitsbeeinträchtigendes Verhalten hervorrufen. Menschen leben ihr Leben nicht in der Isolation, sondern werden von einer großen Anzahl von Faktoren beeinflusst, die sich häufig außerhalb ihrer direkten persönlichen Kontrolle befinden“, schlussfolgern die IDZ-Experten. „Erforderlich ist eine radikale Neuorientierung in der Zahngesundheitsversorgung, die ihren Schwerpunkt auf Prävention und Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit setzt. Nur so kann die allgemeine Verbesserung der Mundgesundheit gefördert und können Ungleichheiten in der Mundgesundheit in Angriff genommen werden.“ Das IDZ formuliert in diesem  Sinne einen „gemeinsamen Risikofaktorenansatz“, den „Common Risk Factor Approach“ (CRFA). Die These: Mundgesundheit lässt sich wahrscheinlicher durch eine sektoren- und disziplinübergreifende Zusammenarbeit erreichen sowie über Strategien, die sich auf die vorgelagerten, zugrunde liegenden Determinanten von Munderkrankungen konzentrieren.


BZÄK-Symposium

Einen ausführlichen Bericht über das Symposium mit deutschen und britischen Experten am 15. und 16. Mai in Berlin lesen Sie hier:
http://www.zm-online.de/home/nachricht/Der-soziale-Gradient-ist-entscheidend_403434.html#1


Auch in anderen Staaten Europas existiert ein Zusammenhang zwischen sozialen Determinanten und (Mund)Gesundheitsungleichheiten. Bei einem zweitägigen Symposium in der Bundeszahnärztekammer am 15. und 16. Mai in Berlin (siehe Kasten) tauschten sich deutsche und britische Zahnmediziner über die Thematik aus und diskutierten Lösungsansätze:

Gesundheitliche Ungleichheiten müsse man gemeinsam – auf internationaler Ebene – angehen, stellte Prof. Dr. Richard Watt vom University College London fest. Er plädierte für eine enge Partnerschaft zwischen Wissenschaft, zahnärztlichen Organisationen und Politik. Ein gutes Beispiel dafür sei das International Centre for Oral Health Inequalities Research and Policy (ICOHIRP). Das Aktionsbündnis, an dem auch die BZÄK beteiligt ist, setzt sich aus wissenschaftlichen und zahnärztlichen Organisationen aus 15 Ländern zusammen. Internationale Kooperationen wie das ICOHIRP seien sehr wichtig, betonte Dr. Sebastian Ziller, Leiter der Abteilung Prävention und Gesundheitsförderung der BZÄK: „Wir brauchen solche Plattformen, die Forschung und Politik miteinander verknüpfen, um den Daten auch Taten folgen zu lassen. Im ICOHIRP diskutieren wir über Landesgrenzen hinweg Forschungstrends und tauschen uns über Best-Practice-Modelle aus, um mehr gesundheitliche Chancengleichheit insbesondere für sozial benachteiligte Patienten zu erreichen.“

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