Ergonomisch arbeiten

Richtig sitzen

Nirgendwo verbringt der Zahnarzt mehr Zeit in der Praxis als auf seinem Stuhl. Entsprechend sollte man die eigene Sitzhaltung und die Qualität des Objekts kritisch betrachten. Doch wie sitzt man richtig und welcher Stuhl eignet sich am besten?

Stühle sind ein Gebrauchsgegenstand, die aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Sie sind so normal, dass wir sie meistens gar nicht mehr wahrnehmen. In den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde durch die Verbreitung des vierhändigen Behandlungskonzepts am liegenden Patienten der routinemäßige Einsatz von Arbeitsstühlen für Zahnarzt und Assistenz ebenso selbstverständlich. Offensichtlich so selbstverständlich, dass in den verschiedenen Werbungsmedien Behandlungsplätze ohne Arbeitsstühle abgebildet werden. Im Internet ist es manchmal schwierig, sich überhaupt zu dem zur Behandlungseinheit angebotenen Arbeitsstuhl durchzuklicken. Auch auf der Internationalen Dental-Schau 2017 wurde dem Arbeitsstuhl offensichtlich keine besondere Aufmerksamkeit beigemessen.

Der Unterschied zwischen einem normalen Stuhl und einem zahnärztlichen Arbeitsstuhl besteht natürlich darin, dass im häuslichen Leben der Stuhl vergleichsweise gelegentlich benutzt wird. Der Arbeitsstuhl hingegen meist über längere Zeitabschnitte, hochkonzentriert, dabei fokussiert auf ein oft mikroskopisch kleines Arbeitsfeld im Mund eines Patienten – in überwiegend statischer Arbeitshaltung. Dass an diesen Stuhl andere Anforderungen zu stellen sind, dürfte klar sein. Sie ergeben sich aus der Erkenntnis, dass die für den Zahnarztberuf typischen, häufig wiederkehrenden, statischen Arbeitshaltungen zu einer gesundheitsschädigenden Zunahme der Muskelspannung in der kinematischen Kette und somit zu den für den Zahnarztberuf fälschlicherweise als „typisch“ bezeichneten muskuloskeletalen Beschwerden, insbesondere zu Hals- und Rückenschmerzen führt.

Zahnärzte sitzen falsch

Dass die Zahnärzteschaft offensichtlich nicht richtig sitzt und daraus diese Beschwerden resultieren, ist in einer  Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen worden. So berichtet die Studie „Der Zahnarzt im Blickfeld der Ergonomie – Eine Analyse zahnärztlicher Arbeitshaltungen“, dass die Beschwerden sich zu 64 Prozent im Rücken- und zu 42 Prozent im Kopfbereich konzentrieren [Rohmert et al., 1988]. Andere Studien bestätigen, dass diese Beschwerden bei Zahnärztinnen noch häufiger auftreten [Hjalmers, 2006: 76 Prozent]. Sogar bei 70 Prozent der Studierenden der University of San Francisco wurden 2005 vergleichbare Beschwerden festgestellt, die vom ersten bis zum dritten Studienjahr in Ausdehnung und Intensität zunahmen [Rising et al., 2005].

Obwohl es durchaus interessant wäre, die Ursachen der Beschwerden genau nachzuvollziehen, liegt der Fokus dieses Beitrags auf dem richtigen Sitzen und der dazu gehörenden, möglicherweise innovativen Stuhlform mit ihren ergonomischen Vor- und Nachteilen – mit Verweis auf den Goldstandard. Also auf jenen Kriterien, die der Arbeitsstuhl erfüllen sollte, um den Rücken zu schonen.

Als Erstes ist dafür auf die ISO-Norm 7493:2006 zu verweisen, die 2015 überprüft und bestätigt wurde. Sie befasst sich mit Kriterien wie Sitzhöhe und Einstellbereich, Tragfähigkeit, Stabilität, Steifheit der Rückenlehne, Präsenz von Arm- und Körperstütze, Reinigung und Desinfektion sowie Entflammbarkeit. Mit dieser Norm mehr oder weniger verknüpft ist die ISO-Norm 11226:2000 „Evaluierung von Körperhaltungen bei der Arbeit“ , die ebenfalls 2015 überprüft und bestätigt wurde. Sie ist deswegen in dem Zusammenhang wichtig, weil ein idealer Arbeitsstuhl nichts nutzt, wenn man nicht richtig darauf sitzt.

Um diese Anforderungen für die Zahnärzteschaft und die Dentalindustrie ergonomisch begründet darzustellen, verfasste eine niederländische Mitgliedergruppe der European Society of Dental Ergonomics (ESDE) 2006 die „Anforderungen und Empfehlungen zur Gestaltung, Konstruktion und Auswahl von zahnmedizinischem Gerät“, upgedatet 2007 [Hokwerda et al.,2007] und 2012 ergänzt mit einer praktischen Checkliste [de Ruijter et al., 2012]. Beide Dokumente können unter www.esde.org heruntergeladen werden.

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