Interview mit dem Bundesentwicklungsminister

„Wir investieren in Menschen, nicht in korrupte Kanäle“

Allein bei der Bundeszahnärztekammer sind über 60 zahnärztliche Hilfsorganisationen gelistet – rechnet man noch die privat organisierten Hilfseinsätze hinzu, steigt die Zahl schnell auf mehrere Hundert Initiativen pro Jahr. Jeder Einzelne leistet hier Großartiges. Und doch muss man sich die Frage stellen: Wie sinnvoll ist das überhaupt?

Dr. Gerd Müller ist seit Dezember 2013 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. © BMZ Photothek

© DGCI e.V

Herr Minister Müller, viele zahnärztliche Hilfsorganisationen beklagen Reibungsverluste, wenn nationale Behörden bei der Entwicklungshilfe integriert sind. So werden Spendengelder lieber zweimal im Jahr im Rucksack durch den Himalaya transportiert, als die offiziellen Strukturen vor Ort zu nutzen. Etwas provokant gefragt: Ist das Bundesentwicklungsministerium hier überflüssig? Kann echte Hilfe nur und ausschließlich im Kleinen zwischen zwei Hilfsvereinen geleistet werden?
Gerd Müller: Die Arbeit von Hilfsvereinen und Nichtregierungsorganisationen ist ein unverzichtbarer Pfeiler der Zusammenarbeit – sie kommen an Zielgruppen heran, die wir mit der zwischenstaatlichen Entwicklungszusammenarbeit nicht erreichen. Das Ziel der staatlichen Zusammenarbeit muss es aber sein, nicht nur bei den Symptomen anzusetzen, sondern bei den Ursachen – also auch bei den Strukturen vor Ort. Jedes Land braucht eine leistungsfähige Verwaltung, die transparente und nachvollziehbare Entscheidungen trifft. Dies ist ein Kernbereich unserer Entwicklungszusammenarbeit – übrigens ebenso wie der Aufbau von Rechnungshöfen oder Steuerbehörden.


Spendengelder im Rucksack

Der Zahnarzt Maik Wieczorrek leistet seit 2004 mit seinem Verein „Ladakhpartners-Partnership Local Doctors“ Entwicklungshilfe in der Region Ladakh im Norden Indiens. In regelmäßigen Abständen reist er mit weiteren Helfern in das Dorf Lingshed auf 5.000 Metern Höhe, um dort die Amchis – Naturärzte – bei der Zahnbehandlung zu unterstützen. Außerdem hat das Hilfsteam zwei Photovoltaikanlagen auf ein Ärztehaus und die Schule im Dorf gebaut. Bis vor zwei Jahren hatte der Verein kein Konto in Indien. Spendengelder wurden im Rucksack durch den Himalaya transportiert – für Wieczorrek die „effektivste Methode“ der Entwicklungshilfe.

„Ein Dorf mit 60 Einwohnern mitten im Himalaya möchte einen sicheren Weg durch die Berge an einem Fluss entlang bauen, etwa einen Kilometer lang. Vor einer Woche erreicht mich der ‚Kostenvoranschlag‘ mit Material-, Arbeits- und Transportkosten, insgesamt 5.000 bis 6.000 Euro. Hätte ich das Geld, würde ich es hinbringen, zusammen mit dem Councillor Sonam Dorjay Material besorgen und dann ginge es morgen los.
Ein anderer Weg ist der der innerstaatlichen Zusammenarbeit. Dieser ist länger, schafft aber Strukturen, ähnlich wie in Deutschland. Theoretisch ist das sicher richtig, praktisch aber habe ich so meine Zweifel. Und wie teuer ist dieser Weg am Ende ...?
Ich würde mir wünschen, dass unsere Art Projektarbeit von Regierungsseite genau-so gefördert wird wie große Projekte. Wünschenswert wäre auch, mehr Vertrauen zu spüren in Menschen, die in Problemgebieten vor Ort tätig sind und sich auskennen. Am Ende zählt die Bilanz; und ich könnte mir vorstellen, dass 60 und mehr Projekte, die mit viel Herzblut betrieben werden, staatlichen Großprojekten in nichts nachstehen.
Spendengelder, die vor Ort übergeben werden, gelangen nicht nur in die Hände der Menschen, sondern auch in ihre Herzen. Das gibt uns die Gewissheit, dass es da ankommt, wo es helfen soll.“

Maik Wieczorrek


Dazu kann auch gehören, dass wir uns bewusst für den arbeitsintensiveren Weg entscheiden. Ein Beispiel: Anstatt selbst eine Schule zu bauen, setzt die Verwaltung des Partnerlandes den Schulbau um und wir unterstützen sie beim gesamten Umsetzungsprozess – von der Planung über die Ausschreibung bis zum Bau und der Abnahme. Das dauert unter Umständen länger, legt aber wichtige Strukturen in dem Land.

Sie haben nun das neue Projekt der Klinikpartnerschaften ins Leben gerufen. Was versprechen Sie sich davon?
Mit der Initiative wollen wir die Gesundheitsversorgung in Entwicklungs- und Schwellenländern verbessern. Schon in der ersten Förderrunde konnten wir zusammen mit der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung 50 Projektideen in 27 Ländern unterstützen. Im Fokus stehen die Fort- und Weiterbildung und die Beratung von Fachkräften. Dieses Wissen kommt auch deutschen Fachkräften zugute – zum Beispiel durch neue Expertise zu bei uns seltenen Krankheitsbildern und alternativen Behandlungen.

Auslöser für das Projekt Klinikpartnerschaften war die Ebola-Krise in Westafrika im Jahr 2015. Sie sagten damals „die Krise hat uns gezeigt, dass wir in einer Welt leben“. Wie sieht diese eine Welt für Sie derzeit aus?
Wir haben nach der Ebola-Krise schnell reagiert und investieren seither verstärkt in den afrikanischen Gesundheitssektor. Damit verbessern wir die Gesundheitsdienstleistungen und machen die Gesundheitssysteme fit, um den Ausbruch neuer Epidemien zu verhindern. Dafür haben wir auch eine schnell einsetzbare Expertengruppe aufgebaut. Dieses Einsatzteam hat zum Beispiel in Togo im vergangenen und in Benin dieses Jahr dazu beigetragen, den Ausbruch von Lassafieber-Epidemien zu verhindern. Das Engagement nützt sowohl den Menschen in Afrika als auch uns. In einer vernetzten Welt, in der man innerhalb von Stunden mehrere Länder überfliegen kann, machen Krankheiten vor Grenzen nicht halt. Nur gemeinsam können wir eine Welt gestalten, in der alle Menschen Zugang zu Basisgesundheit, Bildung und Nahrung haben.

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