Zahnärztliche Ergonomie

Taugt der Sattel in der Praxis?

Der Sattelstuhl erfreut sich in Zahnarztpraxen und an den Universitäten zunehmender Beliebtheit. Im Vergleich zum konventionellen Arbeitsstuhl werden seine Vorteile primär mit den Vorzügen und dem Komfort eines Reitsattels begründet. Dieser Beitrag überprüft, ob diese Vorzüge den anatomisch-physiologischen Gegebenheiten gerecht werden.

Sattelstühle: Im ersten Teil analysieren die Autoren die Haltung und die Bewegungen ei- nes Reiters, der in einem (englischen) Reitsattel sitzt. Im zweiten Teil werden die Arbeits- haltung und die Bewegungsfreiheit eines Zahnarztes untersucht, der auf einem Sattelstuhl behandelt. Foto: zm-mg

Die Einführung des Sattelstuhls in den 80er-Jahren war sofort ein Hit. Der Stuhl ist leicht verstellbar und bietet die Möglichkeit, in einer höheren Position zu sitzen. Dies ist vor allem vorteilhaft für nicht so große Zahnärzte und Zahnmedizinische Fachangestellte. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass man mit geneigten Oberschenkeln sitzen kann. Alles Eigenschaften, die der traditionelle Arbeitsstuhl nicht hat: Um bei diesem eine höhere Sitzhöhe zu erreichen, muss man nach vorne rutschen und sich auf den vorderen Sitzrand setzen [Hokwerda, 2007]. Dadurch geht der wichtige Kontakt mit der Rückenlehne verloren. 

Woher aber kam das Bedürfnis, höher sitzen zu wollen? Grund ist, dass der Patientenstuhl seit der Verbreitung der vierhändigen Behandlungsweise vor circa 50 Jahren als Liege unverändert mit einer festen Rückenlehne, Sitzfläche und Beinstütze sowie mit einer verstellbaren Kopfstütze ausgestattet ist. Darunter befindet sich der ziemlich viel Raum einnehmende Sockel. Bei einem horizontal gelagerten Patienten gibt es deshalb zu wenig, meist sogar keinen Freiraum für die Beine des sitzenden Behandlungsteams. Selbst die höchste Position der meisten Patientenstühle ist zu niedrig für einen großen Zahnarzt. 

Diese Bauweise beeinträchtigt die Arbeitshaltung des Behandlerteams oft enorm. Vor allem, wenn die Kopfstütze bei der Behandlung im Oberkiefer eingestellt, in einer (für Rechtshändler) Neun- bis Elf-Uhr-Position behandelt und auf einem traditionellen Arbeitsstuhl mit horizontaler oder leicht nach vorne geneigter Sitzfläche gesessen wird. Es ist dann schwer, ohne körperliche Anstrengung den Mund des Patienten zu erreichen. Als Ausgleich – allerdings nur bis zu einem gewissen Grad – wird der Arbeitsstuhl höher als die Unterschenkellänge eingestellt. Da der Sattelstuhl dies vom Prinzip her erleichtert, ist dies wahrscheinlich einer der Gründe für seine Beliebtheit.

Problemstellung

Welche Anforderungen an einen Arbeitsstuhl sind nun Voraussetzung, um das Arbeiten ohne physische Beschwerden in einer sitzenden Position zu erleichtern und auf welche Weise kann der Sattelstuhl dazu beitragen? Um diese Frage zu beantworten, werden nach einer kurzen Einführung über das richtige Sitzen nachfolgend die Haltung und die Bewegungen eines Reiters analysiert, wie er zu Pferde im Sattel sitzt und wie dies in der Reitschule gelehrt wird. Im Vergleich dazu werden die Arbeitshaltung und die Bewegungsfreiheit eines Zahnarztes, der auf einem Sattelstuhl sitzt und seine feinmotorischen Fähigkeiten anwendet, untersucht.

Richtig sitzen

Eine falsche Arbeitshaltung ist die Hauptursache von Skelett-Muskel-Erkrankungen [Engels/Hokwerda, 2014; Rucker/Sunell, 2002; Skovsgaard, 2013; Valachi/Valachi, 2003; Yamalik, 2007]. Dies gilt für stehende und sitzende Arbeiten gleichermaßen. Bürostühle sind mit Sitzen und Rückenlehnen versehen, die ein Zurücklehnen mit dem Ziel erleichtern sollen, eine körperliche Überbelastung zu vermeiden. In der Zahnmedizin ist es jedoch unmöglich, zurückgelehnt zu arbeiten. 

Die Konsequenzen statischer Arbeit in sitzender Position werden im ISO-Standard 11226 anhand von Richtlinien bezüglich der maximalen Hebung und Beugung des Kopfes, des Rumpfes und der Gliedmaßen beschrieben [ISO 11226, 2000]. Bereits 1981 haben Hokwerda und Plasschaert auf die besondere Notwendigkeit des aufrechten Sitzens hingewiesen, um eine symmetrische Arbeitshaltung beizubehalten. Diese Bedingung wurde aktuell von Rotgans detailliert herausgearbeitet [„Richtig sitzen“, zm 14/2017, S.74–78].

Abbildung 1 zeigt das Prinzip einer symmetrischen Haltung im Stehen in der Front- und in der Seitenansicht: Die senkrechte Mittel-, Lot- oder Balanceachse ist Referenz für alle Horizontalen – durch Pupillen, Schulter, Brustwarzen, Hüfte und Knie. Bei der Seitenansicht zeigt sich diese Mittelachse ebenfalls als eine Senkrechte. Sie verläuft von der Mitte des Schädels (sella turcica) zentral durch Schultergelenk, Hüftgelenk und die Mitte des Knöchels. Die auf die unterschiedlichen Teile des menschlichen Körpers einwirkende Schwerkraft endet idealerweise in der Mitte des Fußes.

Übertragen auf das Sitzen bedeutet dies, dass die Sitzfläche des Stuhls horizontal ausgerichtet sein sollte – und zwar mit einer Horizontallinie, die zur Stabilisierung und Sicherung der Balance genau unter den Sitzknochen verläuft. Dann stehen die Füße fest auf dem Boden und tragen so zur Stabilität des gesamten Körpers bei.

Ein Arbeitsstuhl muss eine zweiteilige Sitzfläche haben [Engels/Hokwerda, 2014]: einen kurzen horizontalen Teil hinten, um auf den Sitzknochen sitzen zu können, und einen nach unten geneigten vorderen Teil, der den Oberschenkel unterstützt. Ist dies gegeben, bleibt die Bewegungsfreiheit der Ober- und der Unterschenkel praktisch vollkommen erhalten. Außerdem muss ein Arbeitsstuhl mit einer Beckenlehne versehen sein, die ausschließlich die Crista iliaca anterior superior (Darmbeinkamm) stützt. Solch eine Lehne unterscheidet sich von Stühlen mit einer Rückenlehne, die einen größeren Teil des Rückens mit abstützt und durch die die Rückenmuskeln und die Wirbelsäule unnötig irritiert werden. Die Beckenlehne hingegen ermöglicht es dem Körper, kontinuierlich die korrekte Arbeitshaltung beizubehalten. De Bruyne et al. haben diese Anforderungen im Prinzip bestätigt [De Bruyne et al., 2016].

Abbildung 1: Prinzip einer symmetrischen Haltung im Stehen mit den entsprechenden Horizontalen und Lotlinien | Quelle: P.A. Engels

1. Form und Funktion eines Reitsattels

Die Beobachtung, dass Dressurreiter in einer typischerweise voll ausbalancierten, aufrechten Haltung auf dem Pferd sitzen, war wahrscheinlich Auslöser der Idee, einen Sattelstuhl in der Zahnarztpraxis zu verwenden, um aufrecht und ausbalanciert – wie ein Dressurreiter sitzend – zu behandeln. Deshalb greifen Form und Funktion des zahnärztlichen Sattelstuhls auf die des Reitsattels zurück. 

a) Der Reitsattel: Die Teile, aus denen sich ein englischer Reitsattel zusammensetzt, zeigt Abbildung 2.

b) Das Sitzen: Das Wichtigste für einen Reiter ist die richtige Haltung: aufrecht und gestreckt mit leicht angehobenen Brustbein und horizontal gestrecktem Schultergürtel, um beide Arme unabhängig und getrennt voneinander bewegen zu können [Lehmann, 2015]. Bei vorgebogenem Schultergürtel jedoch wird eine Vorwärtsbewegung der Schultern möglich: Die posterioren Muskeln, die den Kopf im Gleichgewicht halten, werden angespannt, indem sich der Kopf an allen Armbewegungen zwangsweise beteiligt. 

Abbildung 2: Teile eines englischen Reitsattels | Quelle: Montana/WikipediaModification by Montana, original image by Alex brollo – Image modified from Image:English saddle.jpg, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org/w/index.php, bearbeitet durch PA Engels

Bei der (zuerst erwähnten) richtigen Haltung des Reiters wird die Wirbelsäule voll gestreckt, um von ihren flexiblen Eigenschaften profitieren zu können. Die Beine liegen so am Sattel an, dass die Oberschenkel sich frei bewegen können, während der Kontakt zum Pferd über die Waden erfolgt. Die Füße werden mit den Ballen auf die Steigbügel gesetzt und können sich frei nach oben und unten bewegen. 

Im Ergebnis sitzt der Reiter – im Gegensatz zum Stehen – mit gespreizten Beinen und angewinkelten Knien auf dem Pferd. Die Füße befinden sich in einer Linie mit den Hüftgelenken [Lehmann, 2015; Engels, 2015]. Da die Lotlinie auf einem Pferd im Wesentlichen dieselbe ist wie die seitliche Lot- oder Balancelinie von der Mitte des Schädels durch die Mitte der Schulter- und Hüftgelenke und schließlich noch durch die Mitte des Fußes [Lehmann, 2015], bilden Reiter und Pferd eine Einheit (Abbildung 3).

c) Das Reiten: Wenn der Reiter auf dem Pferd sitzt, ist sein Becken wegen der Form des Sattels leicht nach vorne geneigt. Die Pauschen am vorderen Rand des Sattels bilden eine Begrenzung für die Oberschenkel, wodurch die Schrägstellung des Beckens beschränkt wird, um die stoßdämpfenden und flexiblen Eigenschaften der Wirbelsäule zu gewährleisten. Der Vorderzwiesel ist der abgerundete, vorderste Teil des Sattels und stellt damit den Rand von Sitzfläche und Sitz dar: Dies ist der Teil des Sattels, der dem Pferderücken am nächsten anliegt, sich seiner Kontur anpasst und somit die Bewegungsfreiheit des Pferdes gewährleistet. Die Höhe des Sattels im Verhältnis zur Breite ist wichtig, um ein Ausrasten des Hüftgelenks des Reiters zu verhindern. Ein richtig angefertigter Sattel gewährleistet auch die Bewegungsfreiheit des Reiters. Diese Bewegungsfreiheit ermöglicht die ganze Kunst des Dressurreitens.

Abbildung 3: Gleichgewicht auf einem Pferd | Quelle: links: C Lehmann, rechts: PA Engels

Wenn der Reiter sein Becken nach hinten kippt, erhält das Pferd einen Vorwärtsimpuls und wird sich dementsprechend bewegen. Dieser vom Reiter erteilte Vorwärtsimpuls wird mit einem gewissen Druck kombiniert, der durch die Waden des Reiters erzeugt wird. Damit das Pferd in Gang bleibt, müssen diese Impulse immer wieder gegeben werden. Auf diese Weise erfolgt ein rhythmisches Vor- und Zurückkippen des Beckens des Reiters. Sieht man von den Zügeln ab, entwickelt sich ein Zusammenspiel zwischen Mensch und Pferd: Der Reiter kann durch Sitzen und Antreiben, durch Positionieren und Bewegen seiner Beine nach oben, unten und vorne das Pferd zu den Gangarten Schritt, Kanter, Galopp und sogar zur Vollführung von komplizierten Manövern anspornen.

Bei gleichmäßigem Druck auf beiden Sitzknochen des Reiters wird das Pferd geradeaus weitergehen. Bei ungleichmäßigem Druck wird sich das Pferd nach rechts oder nach links bewegen. Bei der Dressur verändert sich die Lot- oder Balancelinie des Reiterkörpers nicht, der Reiter wird sich auf dem Pferd nie nach vorne beugen. Eine leichte Drehung der Wirbelsäule hingegen ist möglich sowie eine leichte Biegung zur Seite.

Abbildung 4: Mm.-Iliopsoas-Gruppe | Quelle: Primal Pictures

Schlussfolgernd ergibt sich, dass im Pferdesport der Sattel fein auf die Funktionsweise des menschlichen Körpers abgestimmt ist, um die Dynamik des Reitens zu unterstützen. Ein gut angepasster, maßgefertigter (!) Sattel ermöglicht es sowohl dem Reiter als auch dem Pferd, sich gegenseitig dynamisch zu beeinflussen [Byström et al., 2010; Back, 2013; De Cocq et al., 2009; Nevison/Timmis, 2013].

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