Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 11

Georg Axhausen – Erstbeschreiber der aseptischen Nekrose

Georg Axhausen war einer der führenden Kieferchirurgen seiner Zeit. Neben seinen Pionierarbeiten zur Nekrose von Knochen setzte er neue operative Standards auf dem Gebiet der fazialen Kriegschirurgie, bei der Spaltchirurgie und bei Dysgnathie-Operationen.

Foto: Archiv

Georg Axhausen gehört zu den Nestoren der deutschen Kieferchirurgie [Hammer, 1948 und 1952; Bauer, 1967; Mostofi, 2005; Groß, 2016]. Er wurde am 24. März 1877 in Landsberg an der Warthe als Sohn des Fabrikanten Albert Axhausen geboren und legte 1895 in seinem Heimatort das Abitur ab. Anschließend absolvierte er von April 1895 bis Oktober 1901 an der Pépinière, der Militärärztlichen Hochschule („Kaiser-Wilhelm-Akademie“) in Berlin, das Studium der Humanmedizin. Nach dem Studienabschluss und dem Erhalt der Approbation am 6. Juli 1901 promovierte er am 31. Mai 1902 mit dem Thema „Antiseptik oder Aseptik im Felde“ [Axhausen, 1902]. 

Nach einem Forschungsaufenthalt in Baltimore (USA) war er von 1904 bis 1907 als Oberarzt bei Heinrich Helferich (1851–1945) in der Chirurgischen Klinik in Kiel tätig. Hier fasste er den Entschluss, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. 1907 wechselte er für ein knappes Jahr als Volontärassistent an die Abteilung für Pathologische Anatomie im Berliner Krankenhaus am Friedrichshain, die von dem renommierten Pathologen Ludwig Pick (1868–1944) geleitet wurde. Bei Pick konnte er umfassende pathologisch-anatomische Kenntnisse erwerben und so sein fachliches Profil erweitern [Hammer, 1948 und 1952; Bauer, 1967].

Von 1908 bis 1924 war er dann an der Chirurgischen Klinik der Berliner Charité unter Otto Hildebrand (1858–1927) tätig. Bereits einige Monate nach Dienstantritt gelang ihm mit dem Thema „Die histologischen und klinischen Gesetze der freien Plastik auf Grund von Tierversuchen“ die Habilitation. 1909 folgte die Ernennung zum Privatdozenten und 1912 wurde er im Alter von 35 Jahren ebenda zum Oberarzt der Klinik und Leiter der Poliklinik sowie zum Titularprofessor ernannt [Hammer, 1948 und 1952; Bauer, 1967].

War Axhausens Karriere bis zu diesem Zeitpunkt zügig und weitgehend reibungsfrei verlaufen, so geriet sie in den folgenden Jahren erkennbar ins Stocken: Erst neun Jahre nach der Titularprofessur – 1921 – wurde er zum außerordentlichen Professor (Extraordinarius) ernannt; zur angestrebten Berufung auf ein Ordinariat kam es jedoch zunächst nicht [Bauer, 1967]. 1924 verließ Axhausen schließlich die Charité und verdingte sich fortan v. a. als Privatchirurg für Krankenkassen und Berufsgenossenschaften. Parallel nahm er ein Zweitstudium im Fach Zahnheilkunde auf, das er 1928 in Halle an der Saale mit der Approbation abschließen konnte [Hammer, 1948 und 1952; Bauer, 1967]. Offensichtlich erhoffte er sich durch die Doppelapprobation einen späten Karriereschub. 

Tatsächlich gelang der Karriereschritt: Noch im selben Jahr wurde Axhausen – im Alter von nunmehr 51 Jahren – in Berlin das Ordinariat für Zahn-, Mund- und Kieferchirurgie angetragen. Axhausen nahm den Ruf an und wurde mit der Leitung der chirurgischen Abteilung des Zahnärztlichen Universitäts-Instituts betraut. Trotz einiger Widerstände gelang es ihm, seine fachliche Position an der Charité auszubauen und ebenda 1930 eine „Kieferklinik“ zu etablieren [Bauer, 1967]. 

Es folgte eine produktive und fachlich höchst erfolgreiche Zeit. Doch im April 1939 ersuchte Axhausen, 62-jährig, um vorzeitige Emeritierung; als Grund gab er gesundheitliche Probleme an. Kurz nach Kriegsbeginn – im Herbst 1939 – wurde Axhausen dann als Leiter der Kiefer-Gesichtsabteilung des Luftwaffenlazaretts Berlin eingesetzt. Neben seiner Tätigkeit im Kriegslazarett fand er in diesen Jahren Zeit für eine Reihe von Schriften zur Kriegschirurgie [Bauer, 1967]. 

Im Dezember 1944 wurde er aus der Wehrmacht entlassen. Nur neun Monate nach Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ – im Februar 1946 – nahm Axhausen in Berlin seine alte Funktion als Ordinarius für Zahn-, Mund- und Kieferchirurgie wieder auf. 1949 erfolgte schließlich, im Alter von 72 Jahren, die Emeritierung; allerdings war Axhausen noch einige Jahre lang in einer Privatklinik als Behandler tätig [Bauer, 1967].

Georg Axhausen starb am 19. Januar 1960 als hochgeschätzter Wissenschaftler und Kieferchirurg. So hatte er 1948 und 1950 die Ehrendoktorwürden der Universitäten Kiel und Buenos Aires erhalten. Zudem war er zum Ehrenmitglied zahlreicher internationaler zahnärztlicher Gesellschaften ernannt worden. Ebenso wurde ihm 1952 die Ehrenmitgliedschaft der „Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ (DGZMK) verliehen [Groß/Schäfer, 2009]. 

Erst auf Linie, dann auf Distanz zum NS-Regime

Georg Axhausen gehört aus verschiedenen Gründen zu den Wegbereitern der Oral- und Kieferchirurgie. Im internationalen Kontext wurde er vor allem für seine Pionierarbeiten zur aseptischen Nekrose gewürdigt [Axhausen, 1911 und 1912]. So heißt es etwa im Online-Lexikon „Who named it“ [Whonamedit, 2017]: Axhausen „is noted as the first to use the word aseptic necrosis. [...] In an article he published in 1910, Axhausen wrote that necrosis occurred at the bone-ends of every fracture, and that this stimulated and was replaced by periosteal proliferation“. Auch Mostofi [2005] nimmt in seinem internationalen Lexikon „Who’s Who in Orthopedics“ auf diese Studien Bezug. Dank Axhausen etablierte sich der Terminus „aseptic necrosis“ („aseptische Nekrose“) als Bezeichnung für Nekrosen von Knochen, die in Abwesenheit einer Infektion (insofern „aseptisch“) aufgrund einer Minderversorgung mit Blut entstehen. Erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der betreffende Begriff sukzessive durch den Terminus „avaskuläre Nekrose“ abgelöst. Besondere Beachtung fanden auch Axhausens (mit der Nekroseforschung eng verbundene) Schriften zur Ätiologie der „Arthritis deformans“ [Axhausen, 1911, 1912 und 1954]. 

Im deutschsprachigen Raum gilt Axhausen zudem als Schrittmacher des jungen, aufstrebenden Faches Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie. Schon früh vertrat Axhausen die Ansicht, dass optimale kieferchirurgische Leistungen nur auf der Basis einer spezialisierten Ausbildung erreicht werden können; dabei hielt er ein abgeschlossenes Studium der Zahnheilkunde für wesentlicher bzw. unverzichtbarer als das Studium der Humanmedizin [Bauer, 1967]. Auch operativ setzte er neue Standards: Vor allem seine Arbeiten auf dem Gebiet der (fazialen) Kriegschirurgie [Axhausen, 1941a], der Spaltchirurgie und der Dysgnathie-Operationen weisen ihn als einen der führenden Kieferchirurgen seiner Zeit aus. Zu den bekanntesten der von ihm entwickelten Operationsmethoden gehört die „Knochenvorpflanzung nach Axhausen“, mit der Knochentransplantationen im Kieferbereich maßgeblich erleichtert wurden [Axhausen, 1928], sowie die Brückenlappenplastik zum Verschluss von Gaumenspalten, die eine rasch etablierte Modifikation der oftmals unbefriedigenden Uranoplastik von Bernhard von Langenbeck darstellte [Axhausen, 1941b]. Bemerkenswert sind des Weiteren Axhausens Beiträge zur Modifikation der Le-Fort-I-Osteotomie, zur Ätiologie und Therapie der pyogenen odontogenen und spezifischen Infektion, der Kiefergeschwülste und der Kiefergelenkserkrankungen [Bauer, 1967]. 

Axhausen hinterließ rund 300 Veröffentlichungen. Er galt nicht nur als bedeutender Operateur und Wissenschaftler, sondern zudem als begabter Hochschullehrer, Lehrbuchautor [Axhausen, 1940] und Rhetoriker [Bauer, 1967].

Seine Rolle im „Dritten Reich“ ist nicht frei von Ambivalenzen: Zunächst schien er sich dem NS-Regime bereitwillig anzudienen. So gehörte er nach Hitlers Machtübernahme 1933 zu den 37 Mitunterzeichnern der „Einheitsfront“ der zahnärztlichen Dozentenschaft, die sich dazu bekannte, dass „die großen Aufgaben [...], die auch die deutsche Zahnärzteschaft im neuen Reich zu erfüllen habe“, „nur in engster Zusammenarbeit, unter völliger Anerkennung einer einheitlichen Führung und des Autoritätsprinzips“ zu lösen seien [Einheitsfront, 1933]. Axhausen wurde auch die Ehre zuteil, im Oktober 1934 als erster Tagungspräsident der (zwischenzeitlich widerstandslos gleichgeschalteten) DGZMK das wissenschaftliche Jahressymposion in Berlin zu leiten, auf dem zugleich das 75-jährige Jubiläum der DGZMK-Vorgängerinstitution, des „Central-Vereins deutscher Zahnärzte“, begangen wurde [Groß/Schäfer, 2009]. Auch die Tatsache, dass Axhausen 1937 mit der Großen Medaille der DGZMK ausgezeichnet wurde, verstärkt den Eindruck, dass Axhausen sich im Einklang mit dem politischen Regime befand [Groß/Schäfer, 2009]. 

Doch tatsächlich geriet Axhausen mit den Jahren in zunehmende Distanz zu den Machthabern des NS-Staates: So sprach er sich 1938 und 1939 entschieden gegen eine Zwangssterilisation von Trägern einer Lippen-, Kiefer- beziehungsweise Gaumenspalte nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ aus. Er stellte sich damit schützend vor seine Patienten, verwies auf die Möglichkeiten und Erfolge operativer Therapien und begab sich in einen direkten fachlichen Gegensatz zu seinem Kollegen Martin Waßmund (1892–1956), der offen für Zwangssterilisationen der betroffenen Patienten eintrat [Thieme, 2012]. Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass Axhausen 1939, wie erwähnt, unter Verweis auf seinen Gesundheitszustand die vorzeitige Emeritierung beantragte. Zu den Hintergründen des Rückzugs finden sich allerdings nur Angaben aus zweiter Hand: So führte Axhausens früherer Mitarbeiter Heinrich Hammer 1952 im Rahmen einer Laudatio aus, Axhausen habe 1939 seine Position aufgeben müssen, weil „er infolge seiner politischen Zurückhaltung den damaligen Machthabern nicht genehm“ gewesen sei [Hammer, 1952]. Bereits 1948 hatte Hammer darauf hingewiesen, dass man Axhausen für politisch nicht mehr tragbar gehalten habe: „Als ihn die Medizinische Fakultät der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin 1939 zum Dekan vorschlug, wurde dieser Vorschlag von der Regierung aus politischen Gründen verworfen; ähnlich war es mit dem ‚Dr. med. dent. honoris causa’, wofür ihn alle Professoren der Medizinischen Fakultät anlässlich seines 60. Geburtstags 1937 vorgeschlagen hatten“ [Hammer, 1948].

Nach 1945 gereichte Axhausen ebendiese politische Distanz zum Vorteil, gehörte er doch zu den ersten zahnärztlichen Ordinarien, die an ihre frühere Hochschulkarriere anknüpfen und aufgrund „politischer Unbedenklichkeit“ auf einen Lehrstuhl zurückkehren konnten. 

Univ.-Prof. Dr. mult. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät
RWTH Aachen University, MTI II
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

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