Vorbereitungsmaßnahme für nachfolgende laborgefertigte Restaurationen

Temporäre Bisshebung mit Komposit im Spritzgussverfahren

Erwärmtes seitenzahntaugliches Hybridkomposit wird in den Hohlraum einer Übertragungsschiene gespritzt (Spritzgusstechnik). Manhart

 

Die zeitlich ausgedehnte langzeitprovisorische Phase mit den intraoral in der Spritzgusstechnik additiv direkt aufgebauten noninvasiven semipermanenten kauflächenbedeckenden Kompositrestaurationen ("semipermanente Schiene") gestattet eine umfassende funktionelle Überprüfung ("Probefahrt") der Reaktion aller beteiligten Gewebe sowie der Adaptation der Unterkieferposition an die neue horizontale Bisslage und Vertikaldimension der Okklusion (Ahlers & Edelhoff 2015; Edelhoff et al. 2012b; Gutowski & Stegmaier 2015).

Dadurch lässt sich eine hohe Vorhersagbarkeit für den Erfolg der in der nächsten Behandlungsphase anzufertigenden umfangreichen definitiven laborgefertigten Versorgungen erzielen. Gleichzeitig minimiert sich das Risiko für Komplikationen bzw. einen therapeutischen Misserfolg. Bei der vorgestellten Patientin wurde nach einer 6-monatigen komplikationslosen klinischen Funktionszeit mit der fest sitzenden "semipermanenten Schiene" die letzte Phase der Therapie mit der Umsetzung der geplanten definitiven Versorgungen begonnen. Diese bestanden aus makroretentiven Verbundkronen im Seitenzahnbereich (Schweiger et al. 2013a, 2013b, 2014) und adhäsiv befestigten Teilkronen aus hochfester Glaskeramik für die Unterkieferfront.

Zusammenfassung des klinischen Vorgehens

Um mit dem vorgestellten intraoralen Spritzgussverfahren ein vorhersagbares und reproduzierbar hochwertiges Ergebnis zu erzielen, ist es wichtig, folgende Punkte zu beachten:

– Die vestibulär liegenden Einspritzöffnungen an den Schienen sollen im Durchmesser der Größe der Kompulenauslassöffnungen des verwendeten Komposits entsprechen, sodass die Kompulen exakt angeflanscht werden können. Dies garantiert einen ausreichenden Druckaufbau des zu injizierenden Komposits im Hohlraum der Schiene und sorgt somit für eine exakte Ausformung der Innenseite des Formträgers mit dem erwärmten Komposit ohne Einschluss von Luftblasen. Gleichzeitig entsteht so auf der bukkalen Außenseite kein Materialstau. Es ist darauf zu achten, dass diese vestibulären kreisförmigen Perforationen für jeden einzelnen aufzubauenden Zahn in vertikal und horizontal mittiger Position der Wachsaufbauten angebracht werden. Sind die Einspritzöffnungen zu weit okklusal positioniert, führt dies zur negativen Beeinträchtigung der okklusalen Gestaltung der Kompositaufbauten mit deutlichem Mehraufwand in der Ausarbeitung und zu einer Störung der aufgewachsten statischen und dynamischen Okklusion. Werden sie zu weit in zervikaler Richtung angebracht, wird ein Teil des einzubringenden Materialstroms von der Bukkalfläche des Zahnes blockiert.

– Anbringen von oralen Entlüftungsöffnungen an gleicher vertikaler und horizontaler Position wie die vestibulären Einspritzöffnungen, um dem überschüssig eingebrachten Kompositmaterial einen leichten und vor allem in der Richtung gesteuerten Abfluss zu erlauben. Dies minimiert das Risiko eines unerwünschten Abfließens überschüssiger Kompositmasse in approximal-zervikale Zahnbereiche, wo derartige Materialansammlungen bei positionierter Übertragungsschiene nur sehr schwierig zu versäubern wären. Durch die korrekte Positionierung der Entlüftungsöffnungen reduziert sich somit die Ausarbeitungszeit deutlich, ebenso wie die Gefahr der Ausbildung entzündlicher Prozesse im marginalen Parodont aufgrund verbliebener Materialüberschüsse.

– Während das erwärmte Komposit in die Hohlform der Schienen eingespritzt wird, müssen diese von der Assistenz an den mesialen bzw. distalen Abstützpunkten gut fixiert werden, damit sich die Schienen durch den Druck des einfließenden Materials nicht verformen oder aus der Endposition bewegen und somit Passungenauigkeiten in den Kompositaufbauten entstehen.

– Verwendung eines hochviskösen, abrasionsstabilen, seitenzahntauglichen Hybridkomposits. Dieses wird durch Erwärmung in einen fließsfähigen Zustand überführt (Viskositätsmodifikation), in dem es blasenfrei in den Hohlraum der Übertragungsschiene gespritzt werden kann. Nach Kontakt mit den aufzubauenden Zähnen erreicht es durch Wärmeleitung (Konduktion) schnell wieder seine ursprüngliche stand-feste Konsistenz. Dadurch ist in Verbindung mit den passgenauen Einspritz- und Entlüftungsöffnungen eine gute Kontrolle der Ausbreitungsrichtung des Materials möglich. Im Gegensatz hierzu wären bei Verwendung eines permanent niedrigviskösen, fließfähigen Komposits kein ausreichender Druckaufbau für eine blasenfreie Befüllung des Hohlraumes und darüber hinaus keine Kontrolle über die Ausbreitungsrichtung des überschüssigen Materialvolumens möglich. Ein fließfähiges Komposit könnte sich in den kaum zugänglichen Approximalräumen, wo sich die Überschussentfernung extrem schwierig gestaltet, ansammeln und so ein hohes Risiko für die Entstehung einer Gingivitis und Parodontitis bzw. Periimplantitis mit sich bringen.

– Bei der Auswahl des lichthärtenden Kompositmaterials ist darauf zu achten, dass beim einschrittigen Aufbau der Kauflächen deren Schichtstärke dessen maximale Durchhärtungstiefe nicht überschreitet. Üblicherweise beträgt diese bei konventionellen Kompositen ca. 2mm. Wird in extrem seltenen Fällen die Vertikaldimension so weit angehoben, dass eine 2-mm-Kompositschicht im Seitenzahnbereich pro Kiefer nicht ausreichen sollte, empfiehlt sich die Verwendung von hochviskösen Bulk-Fill-Kompositmaterialien. Diese können in einzelnen Schichtstärken von 4 bis zu 5 mm licht-gehärtet werden (Alrahlah et al. 2014; El­ Damanhoury & Platt 2014; Ilie et al. 2013). Das für die Übertragungsschienen angefertigte Wax-up gibt über die benötigten Schichtstärken genaue Auskunft.

– Zur Erzielung eines ausreichenden Polymerisationsgrads des Kompositmaterials und somit von guten mechanischen und physikalischen Eigenschaften sowie einer hohen Abrasionsstabilität ist eine adäquate Lichthärtungstechnik bei ausreichender Härtungszeit unter Verwendung einer lichtstarken Polymerisationslampe obligatorisch (Ferracane et al. 2013; Price et al. 2015; Roulet & Price 2014; Strassler & Price 2014a, 2014b).

– Unterstützung des Behandlers durch zwei Assistenzen: Assistenzperson 1 sorgt für den schnellen Nachschub der erwärmten Kompositkompulen aus dem Wasserbad, Assistenzperson 2 kümmert sich am Patienten um das Abhalten von Wangen und Zunge und fixiert gleichzeitig zuverlässig die Übertragungsschienen auf den Abstützungsarealen.

Wird das Verfahren wie beschrieben umgesetzt, lassen sich die fest sitzenden temporären Kauflächen nach Beendigung der Okklusionsschienentherapie mit minimalem intraoralem Nacharbeitungsbedarf zeitsparend und somit wirtschaftlich in der Praxis aufbauen. Als Zeitbedarf muss bei perfekter Vorbereitung der Übertragungsschienen im zahntechnischen Labor ein Aufwand von etwa 1 1⁄2-2 Stunden pro Kiefer am Patienten angesetzt werden.

Diskussion

Einige klinische Studien zeigen für Bisshebungen mit direkt intraoral aufgebauten Seitenzahnkauflächen aus Komposit gute Ergebnisse, allerdings existieren hierzu erst wenige Untersuchungen (Attin et al. 2015) mit einer jeweils eher geringen Patientenzahl (n=6 bis18) über bisher nur mittelfristige Beobachtungszeiträume (Attin et al. 2012; Hamburger et al. 2011; Ramseyer et al. 2015; Schmidlin et al. 2009b). Bei niedergelassenen Zahnärzten trifft die Methode der Bisshebung mit direkten Kompositen aber trotzdem bereits auf eine gute Akzeptanz (Attin et al. 2015; Tauböck et al. 2012). In einem Review-Artikel aus dem Jahr 2012 wird die Durchführung von Bisshebungen mit direkten Kompositrestaurationen zwar als eine Methode mit guter mittelfristiger Prognose bezeichnet, auf langfristige Sicht erscheinen Metall- oder Keramikonlays aufgrund werkstoffkundlicher Überlegenheit (z.B. Verschleissverhalten) aber geeigneter (Abduo & Lyons 2012).

Der Vorteil direkter Kompositrestaurationen liegt vor allem in deren Defektorientierung und somit geringen Invasivität, der einfachen Reparaturmöglichkeit und den im Vergleich zu indirekten Verfahren geringeren Kosten (Abduo & Lyons 2012; Bart­lett 2016; Opdam et al. 2016; Reston et al. 2012; Tauböck & Attin 2016). Bei der Anwendung direkter Kompositrestaurationen zum ausschließlichen Aufbau der verloren gegangenen okklusalen anatomischen Bereiche entfallen im Regelfall zusätzliche Präparationsmaßnahmen an den betroffenen Zähnen. Bei indirekten Versorgungen muss abhängig vom verwendeten Verfahren und Restaurationswerkstoff eine zusätzliche Präparation an den beteiligten Zähnen durchgeführt werden, wenn das Ausmaß der Bisshebung die Mindestschichtstärke des Werkstücks unterschreitet (Attin et al. 2015). Allerdings ist bei Patienten, die unter stark fortgeschrittenem, generalisiertem erosiv-abrasivem Zahnhartsubstanzverlust mit deutlichem Absinken der Vertikaldimension leiden, eine komplexe Rekonstruktion mit indirekten Restaurationen (Table Tops, Teilkronen, Kronen) oft vorteilhaft bzw. unvermeidbar (Jaeggi et al. 2006; Peutzfeldt et al. 2014). Dies trifft vor allem auf klinische Situationen zu, in denen Bereiche ausgeprägten okklusalen Hartsubstanzverlustes in gleichzeitig vorhandene bukkal-erosive Läsionen übergehen bzw. mit Defekten von Zahnhalskaries zusammenfallen, oder auf Zähne, bei denen die ursprüngliche Zahnform nur mehr schwer erkennbar ist (Jaeggi et al. 2006; Peutzfeldt et al. 2014).

Gegebenenfalls können bei einer Bisshebungstherapie mit der direkten Komposittechnik orale bzw. bukkale Zahnhartsubstanzdefekte oder kariöse Läsionen vorab mit separaten Kompositversorgungen restauriert und anschließend die okklusalen Kompositrestaurationen unter Anwendung spezieller Adhäsivtechniken an diesen befestigt werden (Attin et al. 2015).

Das in diesem Artikel vorgestellte Vorgehen mit semipermanenten Kauflächenanteilen aus Komposit ist eine Möglichkeit, bei komplexen prothetischen Versorgungen mit Anhebung der Vertikaldimension der Okklusion die Phase zwischen der herausnehmbaren Okklusionsschiene und der Anfertigung der definitiven Restaurationen zu überbrücken. Üblicherweise wird während dieser für einen Zeitraum von circa sechs bis zwölf Monaten angesetzten Phase der "Probefahrt" ansonsten mit laborgefertigten Langzeitprovisorien, im Dentallabor konventionell bzw. mit CAD/CAM-Verfahren hergestellten Repositions-Onlays/-Veneers aus Kunststoff bzw. Komposit oder mit direkten Kompositrestaurationen gearbeitet (Ahlers & Edelhoff 2015; Edelhoff et al. 2012a, 2012b; Willhite 2012).

Es sei ausdrücklich betont, dass die in diesem Artikel präsentierte Technik nicht zur permanenten Versorgung geeignet ist, da mit einer derart ausgeführten Spritzgusstechnik keine separierten Einzelzahnrestaurationen hergestellt werden, sondern eine Verblockung ganzer Segmente stattfindet, mit allen hiermit verbundenen Nachteilen, insbesondere der für den Patienten stark eingeschränkten Möglichkeit, die betroffenen Interdentalräume suffizient zu reinigen. Diese Methode sollte somit auch nur bei Patienten mit guter Mundhygiene und hoher Compliance eingesetzt werden.

Im Gegensatz zu jenen Verfahren, die eine längerfristige Bisshebung mit direkten Kauflächenaufbauten aus Komposit zum Ziel haben (Ahlers & Edelhoff 2015; Attin et al. 2012; Friese 2004; Hamburger et al. 2011, 2015; Hamburger 2014; Opdam et al. 2016; Perrin et al. 2013; Schmidlin et al. 2009a, 2009b, 2009c; Spreafico 2010; Tauböck et al. 2011, 2012; Tepper & Schmidlin 2005) und daher deutlich kompliziertere bzw. schwieriger durchzuführende, chairside aufwendigere und zeitintensivere Techniken zur Applikation des Komposits und zur Einzelzahnseparation (Matrizen, Teflonband) – die unter den Übertragungshilfen (Schienen, Silikonstempel) teilweise kompliziert einzusetzen sind – anwenden, ist diese lediglich auf temporären Verbleib ausgerichtete Methode, bei entsprechender Vorbereitung im zahntechnischen Labor, am Patienten schnell und somit relativ kostengünstig umzusetzen.

Das Vorgehen mit adhäsiv befestigten langzeitprovisorischen Kompositaufbauten bringt für die zu einem späteren Zeitpunkt erfolgende Herstellung und Eingliederung von indirekten Versorgungen mehrere bedeutende Vorteile. Neben einer funktionellen Überprüfung und der Möglichkeit der Durchführung eventuell notwendiger Korrektur- bzw. Feinjustierungsmaßnahmen an der neuen statischen und dynamischen Okklusionsbeziehung auf Basis einer gesicherten neuen Vertikaldimension und horizontalen Bisslage besteht für das Behandlungsteam die Möglichkeit, den Patienten in dieser Phase mit anti-erosiven/-abrasiven Strategien mit Blick auf die Nahrungsaufnahme, bei den Mundhygienemaßnahmen und gegebenenfalls bei der Kontrolle von Habits bzw. Bruxismus zu unterstützen.

Einen großen Vorteil stellt bei der Anfertigung der definitiven Restaurationen die Option dar, einen komplexen Fall, der alle Zähne eines oder beider Kiefer umfasst, in ein segmentweises, z.B. sextantenweises, Vorgehen mit weniger gleichzeitig zu präparierenden und abzuformenden Zähnen mit jeweils kürzeren und den Patienten wie das Behandlungsteam weniger belastenden Therapiesitzungen aufzuteilen (Mizrahi 2008; Stumbaum et al. 2010). Werden alle Zähne eines Kiefers auf einmal präpariert, besteht die Möglichkeit, die erarbeitete Kieferrelation wieder zu verlieren, wenn nicht geeignete Vorsichtsmaßnahmen – wie z.B. die Verwendung eines zuvor hergestellten Artikulatorregistrats (Hajto et al. 2008; Heimann & Jahn 2008) – zur Vermeidung dieses Risikos ergriffen werden; dieses Risiko ist beim sextantenweisen Vorgehen nahezu ausgeschlossen. Nicht zuletzt bieten die befestigten, anatomisch korrekt ausgeformten okklusalen Kompositaufbauten die Möglichkeit einer einfachen Anfertigung der Chairside-Provisorien für die Zeit der Laborphasen.

In den Schlussfolgerungen zweier Review-Artikel desselben Erstautors zum Themenkomplex der Bisshebung aus dem Jahr 2012 wird bei korrekter Indikationsstellung ein dauerhaftes Anheben der Vertikaldimension um bis zu 5 mm als sicheres und vorhersagbares Verfahren ohne schädliche Konsequenzen für das stomatognathe System beschrieben (Abduo 2012; Abduo & Lyons 2012). Für Behandlungsmaßnahmen zur Anhebung der Vertikaldimension der Okklusion wird bei Patienten ohne craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) eine Schienentherapie als nicht nötig erachtet, da eine herausnehmbare Schiene unter Umständen Beschwerden und Symptome hervorruft, die offenbar eher auf das Tragen der Apparatur als auf die eigentliche Bisshebung zurückzuführen sind (Abduo 2012; Abduo & Lyons 2012).

Allerdings beruht diese Erkenntnis auf der Auswertung einer nur sehr kleinen Anzahl (n=9) von Studien, die zudem sehr heterogen imexperimentellen Design sind (Abduo 2012). Im vorliegenden Patientenfall fand eine Bisshebung auf Implantaten statt. Bei implantatgetragenen Restaurationen sind ein Anstieg der Bisskraft und eine Reduktion des Feedbacks von Mechanorezeptoren aus dem parodontalen Ligament zu verzeichnen (Ormianer & Palty 2009). Diese Faktoren können die Fähigkeit eines Implantatpatienten vermindern, sich an eine neue Vertikaldimension der Okklusion anzupassen, bzw. können durch die erhöhten Kräfte die Unversehrtheit der Implantate und implantatgetragener Restaurationen gefährdet werden (Ormianer &Palty 2009).

In solchen Fällen ist das Risiko von Frakturen von Keramikverblendungen im Vergleich zu natürlichen Zähnen deutlich erhöht (Kinsel & Lin 2009; Walther 2016). Implantatgetragene fest sitzende prothetische Restaurationen zeigen zwar hohe Überlebensraten nach zehn Jahren intraoraler Verweildauer, allerdings stellen Abplatzungen der Verblendkeramik (20 Prozent) eine häufige Komplikation dar (Wittneben et al. 2014).

Attrition ist dabei mit einem signifikant erhöhten Risiko für Keramikchipping und -frakturen vergesellschaftet. Keramikfrakturen an fest sitzenden implantatgetragenen Versorgungen wurden mit einer Prävalenz von 10,9 Prozent, 21,9 Prozent und 26,9 Prozent in Dentitionen ohne, mit lokal begrenztem bzw. mit generalisiertem Auftreten von Attrition festgestellt (Wittneben et al. 2014). Die Problematik der Keramikabplatzungen wird auch in einer Konsensuserklärung zu restaurativen Materialien und Techniken bei Implantatbehandlungen thematisiert (Wis­meijer et al. 2014). Bei der Patientin des hier beschriebenen Fallberichts wurde in der Eingangsuntersuchung Bruxismus dokumentiert. Bruxismus stellt aufgrund der auftretenden exzessiven Kräfte im Regelfall ein klinisches Problem mit potenziell schädlichen Konsequenzen für dentale, parodontale und muskuläre bzw. skelettale Gewebe dar, ebenso wie für zahnärztliche Restaurationen und Implantate (Lobbezoo et al. 2006b). In einem systematischen Review aus dem Jahr 2014 wird Bruxismus als Risikofaktor für mechanische Komplikationen – wie Keramikchipping bzw. -frakturen, Schraubenlockerung und Abutmentfrakturen – bei implantatgetragenen Restaurationen aufgeführt (Mafredini et al. 2014). In einem weiteren Review-Artikel zu Implantatversorgungen wurde ebenfalls ein erhöhtes mechanisches und technisches Risiko bei Bruxern festgestellt (Salvi &Bragger 2009).

Implantatgestützte metallkeramische Einzelkronen und Brücken weisen ein signifikant höheres Risiko für Keramikfrakturen bei Patienten mit Bruxismus auf (Kinsel &Lin2009). Das Risiko für Keramikabplatzungen ist auch gesteigert, wenn die Gegenbezahnung ebenfalls implantatgetragen ist (Kinsel &Lin 2009). Aufgrund der hohen Kräfte, die bei Bruxismus auf implantatgetragene Restaurationen einwirken, ist zur Vermeidung von Keramikfrakturen der Einsatz von Metallkauflächen in Erwägung zu ziehen (Misch 2002). Dies wird in der heutigen Zeit allerdings vielfach nicht mehr toleriert, da die ästhetischen Ansprüche der meisten Patienten auch im Seitenzahnbereich mittlerweile sehr hoch sind. Generell sollten Patienten mit deutlich ausgeprägtem Bruxismus von einem Prothetiker, der mit den aktuellen Konzepten der Therapie von CMD und Bruxismus vertraut ist, sorgfältig und vorsichtig behandelt werden (Manfredini & Poggio 2016).

Veränderungen an der horizontalen Kieferposition (in zentrischer Relation) oder eine Anhebung der Vertikaldimension im Rahmen umfangreicher zahnärztlicher Therapiemaßnahmen sollten nur aufgrund fundierter prothetischer Erfordernisse (z.B. Retentionsprobleme an stark abradierten Zähnen, ungenügende intermaxilläre Platzverhältnisse zur Restauration bzw. zum Ersatz von Zähnen oder ästhetische Erfordernisse) erfolgen, und die erfolgreiche Adaptation an diese neue Position sollte zuvor über einen längeren Zeitraum mit Interimsrestaurationen getestet werden (Celenza 1984; Manfredini & Poggio 2016). Die Anwendung langzeitprovisorischer Restaurationen und deren Einsatz als Prototypen für die Anfertigung der definitiven Versorgungen ist voraussichtlich immer noch die beste Option, um umfassende komplexe prothetische Rehabilitationen mit irreversiblen okklusalen Veränderungen an funktionsgesunden Patienten genauso wie an Patienten mit CMD-Problemen und/oder Bruxismus mit größtmöglicher Sicherheit abzuschließen, auch wenn dieses Vorgehen mehr auf praktischen Erfahrungen als auf wissenschaftlicher Evidenz basiert (Manfredini & Poggio 2016).

Komplexen prothetischen Behandlungsfällen mit multiplen betroffenen Zahneinheiten muss daher speziell bei Bruxismuspatienten aufgrund der möglichen schwerwiegenden biologischen und mechanischen Konsequenzen bereits in der Planungsphase entsprechend hohe Aufmerksamkeit zuteil werden, es ist ein den potenziellen Risiken angemessener Therapieansatz zu wählen, und große Sorgfalt in der Ausführung der Heilbehandlung ist obligatorisch (Lobbezoo et al. 2006a, 2006b; Manfredini et al. 2011; Manfredini & Poggio 2016).

In den Schlussfolgerungen eines systematischen Reviews einer multinationalen Expertengruppe zur Thematik der Behandlungsoptionen bei Zahnverschleiß aus dem Jahr 2014 wird ein mehrschrittiges Verfahren zur Therapie des Abrasionsgebisses – beginnend mit einer herausnehmbaren Schiene, gefolgt von langzeitprovisorischen Versorgungen und abgeschlossen mit der Anfertigung der definitiven Restaurationen – empfohlen (Muts et al. 2014). Es wird bemängelt, dass zu dem Thema derzeit keine evidenzbasierten Leitlinien existieren, die dem Zahnarzt helfen könnten, die am besten geeignete Therapievariante auszuwählen (Hurst 2011; Muts et al. 2014). Im Moment kann sich der Kliniker nur an Expertenmeinungen orientieren (Muts et al. 2014). Um den zuvor genannten Aspekten eines deutlich erhöhten Risikos prothetischer Rekonstruktionen auf Implantaten bzw. bei Patienten mit Bruxismus Rechnung zu tragen, wurde daher im Fall der hier beschriebenen Patientin, die im Seitenzahnbereich bis auf einen Prämolaren eine ausschliesslich auf Implantaten abgestützte Okklusion bei gleichzeitig manifestem Bruxismus aufwies, für maximale Sicherheit und Vorhersagbarkeit der geplanten Bisshebung ein 3-schrittiges Vorgehen (Brix &Edelhoff 2011; Edelhoff et al. 2011a, 2011b, 2012; Güth et al. 2012, 2014; Mehta et al. 2012; Mizrahi 2008; Schweiger &Edel­hoff 2012; Stumbaum et al. 2010) angewendet, wenngleich dies heute bei funktionsgesunden Patienten nicht mehr generell empfohlen wird (Abduo &Lyons 2012).

Nach der erfolgreichen Überprüfung der neuen therapeutischen Position des Unterkiefers in der zentrischen Kondylenposition bei gleichzeitiger Anhebung der Vertikaldimension mit einer herausnehmbaren Positionierungsschiene im ersten, zu jedem Zeitpunkt vollkommen reversiblen Schritt wurde diese Kieferrelation im zweiten Schritt mit einem temporären Aufbau der Kauflächen sämtlicher Unterkieferseitenzähne mit Komposit als "fest sitzende Schiene" (höherer Patientenkomfort, nicht auf Compliance des Patienten in Bezug auf das Tragen der Schiene angewiesen) für einen längeren Zeitraum geprüft. In diesem Zeitraum der langzeitprovisorischen "Probefahrt" kann eine sich gegebenenfalls noch als notwendig herausstellende Feineinstellung der statischen und dynamischen Okklusion erfolgen. Der abschließende dritte Schritt (nicht Gegenstand dieses Artikels) bestand im Austausch der semipermanenten Kompositkauflächen durch definitive makroretentive Verbundkronen im Seitenzahnbereich (Schweiger et al. 2013a, 2013b, 2014) und adhäsiv befestigte Teilkronen aus hochfester Glaskeramik in der Unterkieferfront.

Schlussfolgerung

Im vorgestellten Fallbericht wird eine praxisrelevante, zeitsparende Möglichkeit zum direkten intraoralen Aufbau von langzeitprovisorischen Kompositkauflächen mit einem Spritzgussverfahren inklusive des kompletten zahnärztlichen und zahntechnischen Workflows vorgestellt.

 

Abstract: ManhartJ:Temporary increase of occlusal vertical dimension with direct composite using a simplified injection molding technique – Prearrangement for subsequent lab-made restorations (in German). SWISS DENTAL JOURNAL SSO127: 413–429 (2017) The comprehensive dental rehabilitation of complex prosthetic cases is often associated with increasing occlusal vertical dimension and transferring horizontal mandibular position in centric relation. The newly defined position of the mandibula should be functionally and esthetically evaluated for a longer time period before irreversible measures are performed. This case report discusses in detail a time-saving and economic direct method for increasing occlusal vertical dimension with longterm provisional composite restorations using a simplified injection molding technique and illustrates the complete intraoral and laboratory workflow.

Dieser Artikel ist ein Nachdruck aus dem Swiss Dental Journal SSO 127/2017.


Prof. Dr. Jürgen Manhart
Poliklinik für Zahnerhaltung und
Parodontologie der Universität
München
Goethestrasse 70
D-80336 München
E-Mail: manhart@manhart.com
Internet: www.manhart.com,
www.dental.education

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