Aligner-Therapie aus dem Internet

Schöne Zähne per Post

Seit Ende 2017 vermarkten drei deutsche Firmen Aligner-Therapien im Internet. Dabei stellen Patienten ihren Zahnabdruck entweder selbst her oder besuchen zur Befundung mittels 3-D-Scan einen Shop. Zwischen 1.450 und 2.950 Euro kostet die Therapie. Die Schienen kommen per Post. Ja doch, Zahnärzte werden auch benötigt – zum Beispiel als Verkäufer im Shop.

Hat der Patient jeweils zwei Ober- und Unterkieferabdrücke Zuhause erfolgreich selbst erstellt, muss er sie per Rückumschlag an Sunshine Smile senden, um ein Therapieangebot zu erhalten. zm-mg

Vorreiter der Aligner-Therapie per Post war der „SmileDirectClub“. 2013 im US-amerikanischen Nashville gegründet, erlangte das Unternehmen in den USA schnell große Bekanntheit durch Social-Media-Kampagnen, TV-Werbung und millionenschwere Unterlassungsklagen gegen Zahnärzte und die Zahnärztekammer des Staates Michigan sowie durch einen Rechtsstreit mit seinem Konkurrenten Align Technology (Kasten S. 31). Am Ende kaufte sich Align Technology mit rund 60 Millionen Dollar bei SmileDirectClub ein – jetzt ist die Firma exklusiver Lieferant und hält 19 Prozent der Anteile. 

Nach eigenen Angaben hat SmileDirectClub bis jetzt mehr als 300.000 Patienten erfolgreich behandelt. Mittlerweile gibt es in den USA mit Orthly, Snapcorrect, CandidCo und Uniformteeth mindestens vier Unternehmen, die damit werben, die Anzahl der Kontrollbesuche zu reduzieren oder sogar komplett auf den persönlichen Kontakt zwischen Zahnarzt und Patient zu verzichten. Je nachdem versprechen sie den Kunden eine bequemere oder günstigere Versorgung (bis zu 70 Prozent billiger!) gegenüber einer konventionellen Therapie bei einem niedergelassenen Kieferorthopäden.

Der Erste, der die Idee nach Europa holte, war der Ire Graham Byrne. „Persönliche Betroffenheit“, beschreibt er sein Motiv, die Besuche beim Kieferorthopäden durch eine günstigere Selbstbehandlung mit einer per Post zugestellten Zahnschiene zu ersetzen. Auf der Suche nach der passenden Behandlung sei er auf den Webseiten der niedergelassenen Zahnärzte seines Heimatlands auf eine Vielzahl widersprüchlicher Aussagen und verwirrender Preismodelle gestoßen. Also verhandelte er mit Herstellern und Zahnarztpraxen, warb Investorengelder ein – und gründete im Januar 2016 schließlich „YourSmileDirect“. Damit schwappte das Geschäftsmodell über den großen Teich.

Ende 2016 forderte darum die Bundesversammlung den Vorstand der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) auf, auf nationaler wie europäischer Ebene dafür zu sorgen, dass Geschäftsmodelle zur Selbstbehandlung, etwa mit Alignern, strikt unterbunden werden. Mitte Mai 2017 veröffentlichte der BZÄK-Vorstand dann seine rechtliche und zahnmedizinische Bewertung: Ungeachtet des bestehenden Bedürfnisses medizinischer Laien, eine zahnmedizinische Selbstbehandlung durchzuführen, müssten sich gewerbliche Anbieter bei der Beratung von Patienten und der Vermittlung medizinischen Wissens an jene, „der eigenen Kompetenzgrenzen und entsprechenden ethischen Maßstäbe bewusst sein. Selbstbehandlung ist nicht vergleichbar geregelt wie die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde“, heißt es. „Umso mehr tragen Personen, die Selbstbehandlung lehren und vermitteln, die Informationen oder Geräte zur Verfügung stellen oder beraten, eine besondere Verantwortung, auf eine Reflexion ethisch und medizinisch gebotener Grenzen hinzuwirken und diese selbst einzuhalten.“

Der erste Schritt zur Selbstbehandlung: Das Set des Anbieters Sunshine Smile beinhaltet Abdrucklöffel, Masse sowie eine 23-seitige Anleitung. Patienten sollen damit jeweils zwei Ober- und Unterkieferabdrücke erstellen und zurückschicken.| zm-mg

Die Hoffnung von Teilen der Öffentlichkeit, die gesundheitlichen Vorteile einer zahnmediznischen Behandlung „unkompliziert, kostengünstig und ohne den Aufwand einer Behandlung“ genießen zu können, berge die Gefahr, die Komplexität der Materie zu unterschätzen. Zur Selbstbehandlung ungeeignet sind nach Auffassung der BZÄK die Feststellung und Behandlung von Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten“ – jene Diagnose und Therapie, die laut § 1 Abs. 2 Heilpraktikergesetz als berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen definiert ist. 

"Anbieter überschreiten durch Heilpraktiker- und Zahnheilkundegesetz gezogene Grenzen und führen insoweit strafbare Heilbehandlungen durch." BZÄK, Mai 2017

Außerdem weist die BZÄK darauf hin, dass nach § 1 des Zahnheilkundegesetzes jede von der Norm abweichende Erscheinung im Bereich der Zähne, des Mundes und der Kiefer als Krankheit anzusehen ist, einschließlich der Anomalien der Zahnstellung und des Fehlens von Zähnen. Gewerbliche Anbieter, die insbesondere Untersuchungsleistungen durchführen, Behandlungsziele bestimmen und planen, Therapieschritte festlegen, Zwischenergebnisse kontrollieren oder Verläufe aktiv überwachen, überschreiten nach der rechtlichen Bewertung der BZÄK die gezogenen Grenzen und führen insoweit strafbare Heilbehandlungen durch. 

Ungeachtet der deutschen Gesetze hat Graham Byrne sein Unternehmen bis Ende 2017 auf mehr als 50 Mitarbeiter vergrößert, die in sechs Shops – den „Smile Clinics“ – in Dublin, London, Manchester, Glasgow, Paris und Mailand die 3-D-Befundung und Therapieplanung anbieten. Projektiert sind Filialen in Australien und Neuseeland, wo es mit „ezSmile“ bereits einen Mitbewerber gibt. Auch für Deutschland meldet YourSmileDirect „coming soon“. Aber, räumt Byrne ein: „Eine tiefere Analyse der deutschen Vorschriften macht es nötig, das bisher verwendete Geschäftsmodell abzuändern. Wir stellen fest, dass kleinere Wettbewerber diese Herausforderung ignoriert haben.“ Die „kleineren Wettbewerber“ sind die Berliner Start-ups „SunshineSmile“ und „Dr.Smile“ sowie das Düsseldorfer Unternehmen „SmileMeUp“.

Webshops für Aligner-Therapie | zm

 

SunshineSmile: Die Vermittlung zwischen Patient und Zahnarzt als Geschäftsmodell 

Für Selbstbewusste: Website des Anbieters SunshineSmile | Screenshot zm

Tatsächlich sieht David Khalil, einer von drei Geschäftsführern der im November 2017 gegründeten „Sunshine Smile GmbH“, gar kein Problem in der in Deutschland geltenden Rechtslage – sein Unternehmen trete schließlich lediglich als Vermittler der Behandlung auf. Der Behandlungsvertrag werde zwischen dem Arzt und seinem Patienten geschlossen, erklärt Khalil auf Anfrage. Entsprechend liege es in der Verantwortung der Partner-Zahnärzte und -Kieferorthopäden, eine Lege-artis-Behandlung nach der geltenden Musterberufsordnung sicherzustellen. „Zahnärzte, für die die Berufsordnung einen persönlichen Kontakt mit dem Patienten vorschreibt, nehmen diesen Kontakt wahr“, erklärt er. Wo und wie dies geschieht, bleibt offen. SunshineSmile bietet im Unterschied zu Dr.Smile keinen 3-D-Scan vor Ort an, sondern verschickt Sets per Post, mit denen die Kunden ihren Zahnabdruck zu Hause dann selbst erstellen. Sollte sich im Rahmen der Behandlung die Notwendigkeit zur Verlaufskontrolle ergeben, schreibt Khali in seiner Stellungnahme vage, stellt das Start-up den Behandlern die nötige Telekommunikation als Hilfsmittel zur Verfügung. 

„Aus unserer Sicht ist das Modell in den USA und Teilen Europas voll etabliert und erfreut sich vor allem eines sehr großen und positiven Zuspruchs von Kundenseite“, erklärt der Internet-Unternehmer, der nach seiner Ausbildung an der privaten Wirtschaftshochschule WHU als Unternehmensberater bei Zalando und Rocket Internet sich darauf spezialisierte, angloamerikanische Geschäftsmodelle auf den deutschen Markt zu übertragen. Heute ist Khalil nicht nur bei SunshineSmile Geschäftsführer, sondern auch Verwaltungsratsvorsitzender bei der Spark Networks SE, die hinter der Partnerbörse eDarling steht, die er mitgründete. Außerdem wird er als Geschäftsführer von zwei Beteiligungsgesellschaften (Lino GmbH, Affinitas Phantom Share GmbH) sowie Director der Khalil Enterprises Ltd. und Mitinvestor von neun weiteren Start-ups gelistet. 

 

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G ZwielichRezessionen&Fenestration per Post
Wie der Kollege bereits bemerkte, ist ein Stripping nicht möglich und die Platzbeschaffung kann nur durch eine Expansion des Zahnbogens geschehen (transversal und frontal). Abgesehen von einer hohen Rezidivgefahr besteht das Risiko von parodontalen Rezessionen
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und Fenestrationen.
Ich zeige meinen Patienten den Youtube-Film eines Kollegen, der das sehr anschaulich dargestellt hat:
"What Invisalign does not tell " Jeffrey Miller
https://www.youtube.com/watch?v...Y

Vor 7 Monaten 1 Woche
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Stefan Mauß
Es wäre einmal sehr interessant, die Ergebnisse dieser Online-Behandlungen betrachten zu können. Leider wird bei der Aligner Diskussion in der Laienpresse/Netz häufig komplett außer Acht gelassen, dass bei den meisten Patienten, die eine solche Therapie
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bevorzugt zur Ausformung der OK/UK-Front wünschen, eine Engstand/Platzmangel besteht, der nach wie vor aufgelöst werden muss. Durch die approximale Schmelzreduktion verteilt auf mehrere Interdentalräume funktioniert das auch sehr gut. Das schaffen in den meisten Fällen die Schienen alleine eben nicht, dazu bedarf es einer Modellanalyse und eines Slicing-Protokolls, damit einerseits die Bewegung koordiniert durchgeführt werden kann, andererseits aber eben auch keine Restlücken nach der Behandlung übrig bleiben. Dazu bedarf es neben ein wenig Erfahrung auch eines Stripping-Tools und einer Messlehre, um genau den Platz interdental zu schaffen, den man benötigt. Ich frage mich, wie so etwas bei einer Online-Behandlung funktionieren soll: Bekommt der Patient dort eine Nagelfeile mitgeliefert, mit der er sich vor dem Badezimmerspiegel den nötigen Platz schafft?

Vor 7 Monaten 3 Wochen
1521668396
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