Die okklusale Konzeption – ein individuelles Praxiskonzept

Nie wieder Chipping!

Moderne Technologien und Materialien ermöglichen es uns, bei notwendiger Kronen- und Brückenversorgung minimalinvasiv zu rehabilitieren. Dies gilt auch für bruxierende Patienten. Hier stellen wir ein individuelles Therapiekonzept vor.

Fotos: Diether Reusch

In unserer Praxis werden die Seitenzahn-bereiche in der Regel mit 0,5 bis 0,7 mm starken, adhäsiv befestigten monolithischen 

Lithium-Disilikat LS2-Restaurationen als okklusale Veneers (Kauflächenveneers) oder Teilkronen rekonstruiert (e.max-press). Vollkronen mit einer Stärke von mehr als 0,8 mm müssen nicht adhäsiv, sondern können auch konventionell, zum Beispiel mit Glasionomer-Zement, befestigt werden. Die Frontzähne werden mit adhäsiv befestigten monolithischen Lithium-Disilikat-360°-Veneers mit einer Schichtstärke von 0,3 bis 0,5 mm, Teilkronen oder Veneers wiederhergestellt. 

Im Unterschied zu althergebrachten Materialien wie Gold, das sich bei Interferenzen verformt – bis hin zur Perforation – oder Metallkeramik, die bei Interferenzen chippt, sind moderne Materialien wie Zirkonoxid, aber auch Lithium-Disilikat praktisch unzerstörbar. Daher sind die Anforderungen, welche eine Rehabilitation mit diesen Materialien an uns stellt, im Hinblick auf die statische, aber ganz im Speziellen auf die dynamische Okklusion sehr hoch. 

Bei parafunktionierenden Patienten muss nicht nur der Einfluss der hohen Kräfte bei der Rekonstruktion berücksichtigt werden. Selbst individuell einstellbare Artikulatoren sind nicht in der Lage, Bewegungen des Unterkiefers bei parafunktionellen Aktivitäten exakt wiederzugeben. Nachfolgend wird ein praxisgerechtes Vorgehen vorgestellt, mithilfe dessen man das Kauorgan erfolgreich wiederherstellen kann – auch bei bruxierenden Patienten. 

Diagnostik und Behandlungsplanung

Unser Arbeitsprotokoll zeigt, wie bei einer komplexen Rehabilitation vorzugehen ist. Wir teilen die Rehabilitation in kleine überschaubare Teilstücke auf. Nur wenn ein Teilschritt perfekt abgeschlossen ist, darf der nächste Schritt angegangen werden. Dies ermöglicht auch weniger erfahrenen Kollegen, stets gute Behandlungsergebnisse zu erzielen (Tabelle 1).

Tabelle 1: Übersicht Fullmouth Rehabilitation mit Vertikalerhöhung; | Dieter Reusch

Die wenig zeitaufwendige Erstuntersuchung beginnt mit einer Befragung des Patienten nach seinen Problemen, Wünschen und Erwartungen. Darauf folgt eine ausführliche ärztliche und zahnärztliche Anamnese. Im Anschluss werden alle Anteile des Kausystems im „Screening-Verfahren“ untersucht. Zielsetzungen sind: Erstellen von Primär-diagnosen, das Aufdecken von kompensierten Störungen und von Befunden, die im Rahmen einer prothetischen Rehabilitation zu Problemen führen könnten. Obligat sind ein detaillierter Zahn-Kiefer-Status, ein Fotostatus und bildgebende Verfahren je nach Indikation. Fakultativ sind Manuelle Funktionsanalyse (MFA), Manuelle Strukturanalyse (MSA), Instrumentelle Analyse der Unterkieferbewegungen zur Artikulatorprogrammierung und/oder Funktions-, Strukturanalyse (IFA).

Im Rahmen der Vorbehandlung, der ein Mundhygiene-Intensivprogramm vorausgeht, werden Erkrankungen aus den Bereichen Parodontologie, Konservierende Zahnmedizin, Chirurgie, Implantologie und – falls nötig – Kieferorthopädie behandelt. Probleme aus den Bereichen Funktion und Struktur werden meist parallel zu den genannten Maßnahmen mittels funktions-therapeutischer Geräte oder wie hier im unten geschilderten Patientenfall mittels temporärer Behandlungsrestauration therapiert. Zielsetzungen sind neuromuskulär koordinierte Unterkieferbewegungen sowie eine stabile zahngetragene interkuspidale Position (IKP) oder eine physiologische, stabile gelenkbezogene Position (ZKP) als Referenz-Position (RP) bei den unterschiedlichen Teilschritten der durchzuführenden Rehabilitation.

Grundlagen unseres Okklusionskonzeptes

Hierbei ist es unerlässlich, sich an den Aufgaben der Zähne zu orientieren.

1. Nahrungszerkleinerung

Die Zahnreihen müssen hierbei im Nahkontakt aneinander vorbeigleiten können, um die mechanische Aufschlüsselung der Nahrung so effizient wie möglich zu gestalten. Konzepte, die Disklusion über steile Schneidezahn- und/oder steile Eckzahnpalatinalflächen erzwingen, sind daher zu verwerfen (Abbildungen 1a und b). Stampfhöcker sind rund, kräftig und bewegen den Bolus. Scherhöcker und Dreieckswülste haben schneidende Kanten. Sie übernehmen die Hauptzerkleinerungsfunktion.

Abbildungen 1a,b: Laterotrusion von bukkal / von lingual | Diether Reusch

Abbildungen 2a,b: Abstufung Länge und Inklination der Führungsflächen |  Diether Reusch

2. Sprache

Beim Sprechen kommt es speziell im Frontzahnbereich zu funktionellen Zahnkontakten. Dieser Funktion muss bei Erstellung eines künstlichen Okklusionskonzeptes Rechnung getragen werden.

3. Die Propriozeption

„Zähne sind Tastorgane“, Zitat Prof. Rudolf Slavicek aus Wien. Flüchtige Berührungen der Zähne, speziell im Frontbereich, paraachsiale Auslenkungen der Zähne und ultrastrukturelle Verformungen im Schmelz-Dentinbereich sind hochsensible sensorische Signale zur Steuerung der Kaumuskulatur. Dies muss Eingang in unser Okklusionskonzept finden.

4. Die Stressverarbeitung

Bei psychischer Belastung, aber auch bei körperlicher Kraftanstrengung kann und darf das Kauorgan hoch belastet werden. Für diese Aufgabe ist es bei einer durchzuführenden Rehabilitation in optimaler Weise vorzubereiten. Hierzu wurde eine Vielzahl von Okklusionskonzepten entwickelt. 

Wir folgen bis auf einige Modifikationen grundlegend immer noch dem „Konzept der sequentiellen Laterotrusion“ von Prof. Slavicek, das in unserem Buch „Rekonstruktion von Kauflächen und Frontzähnen“ bereits vor 27 Jahren ausführlich beschrieben wurde (Weitere Informationen unter: https://www.westerburgerkontakte.de/service/login.html).

Dynamische Okklusion

Die folgenden Ausführungen treffen zu bei der skelettalen Klasse I und tendenziell bei allen dentoalveolären Kompensationen.

Die anteriore Führung der Frontzähne ist gegenüber einer mittelwertigen Kondylenbahn-Neigung um etwa 10 Grad steiler. Die durchschnittliche Neigung der Führungsbahn beträgt bezogen auf die Achse Orbitale Ebene (A-O-Ebene) bei den Schneidezähnen etwa 55°, bei den Eckzähnen etwa 48°. Die Länge der Führungsbahn beträgt etwa 3 bis 5 mm (Abbildungen 2a und b). Eine zu steile Führung kann eine dorsal-cranial gerichtete Vermeidungsbewegung erzeugen, da der intercoronale Freiraum eingeengt ist.

Dorsal der crista transversa des ersten oberen Molaren sollte es keine laterotrusive Gleitführung geben. Eine Eckzahnführung ist einfacher zu etablieren als eine Gruppenführung. Eine 1:2-Verzahnung ist einfacher als eine 1:1-Verzahnung (GV 97). Bei exzentrischen Bewegungen fordern wir eine unmittelbare Disklusion, das heißt, keine Führungen auf der Mediotrusionsseite. Diese führen zu einer Erhöhung der Muskelaktivität. 

Abbildung 3: Prinzip der gegenseitigen Schutzfunktion |  Diether Reusch

Bei exzentrischer Gleitbewegung unter hohem Kraftaufwand (Bruxismus) wird die Führungsfunktion vom Gelenk und – in individueller Weise und Ausdehnung – von den anterior, außerhalb der Adduktorenschlinge liegenden Frontzähnen übernommen.

 

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