Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 17

Hermann Euler – der enttarnte DGZMK-Präsident

Als Koautor des damaligen Standard-„Lehrbuch der Zahnheilkunde“ etablierte sich Hermann Euler (1878–1961) als fachliche Kapazität, dann wurde er – international hoch angesehen – der wirkmächtigste Hochschullehrer seiner Zeit. Von 1928 bis 1945 und von 1949 bis 1954 war er, länger als jeder andere, Präsident der DGZMK. Später kam heraus, dass er in seiner Autobiografie, die sein Bild auf Jahrzehnte geprägt hatte, seine Rolle im Dritten Reich geschönt hatte.

zm-Archiv

Euler wurde am 13. Mai 1878 im pfälzischen Karlsberg geboren [Staehle/Eckart, 2005; Maretzky, 1961; Zilkens, 1961; Harnisch, 1961; Wasserfuhr, 1969]. Nachdem er 1897 in Landau die Hochschulreife erlangt hatte, schrieb er sich in Erlangen für das Studium der Medizin ein – zunächst mit dem Ziel, Psychiater zu werden. Nach Stationen an den Universitäten Heidelberg und Freiburg absolvierte er 1902 sowohl die ärztliche Prüfung als auch seine Promotion mit bestem Erfolg. Es folgte eine Tätigkeit als Assistenzarzt an der Mittelfränkischen Heil- und Pflegeanstalt Erlangen. 1904 nahm Euler ein Zweitstudium der Zahnheilkunde auf, das er 1905 mit der Note „sehr gut“ abschloss. 

Bis 1911 war er dann als Assistent am Zahnärztlichen Universitätsinstitut in Heidelberg tätig, wo er sich 1907 mit der Arbeit „Pulpentod, natürliche und synthetische Nebennierenpräparate“ für das Fach Zahnheilkunde habilitierte. 1911 wurde er außerordentlicher Professor an der Universität Erlangen. 1915 publizierte er mit Gottlieb Port das „Lehrbuch der Zahnheilkunde“, das unter dem Namen „Port-Euler“ jahrzehntelang als Standardwerk galt und Euler zu einer vielzitierten fachlichen Größe werden ließ [Port/Euler, 1951]. 1921 erlangte er ein Extraordinariat für Zahnheilkunde an der Universität Göttingen; hier wurde er 1922 zum ordentlichen Professor ernannt. 1924 wechselte Euler als Direktor an das Zahnärztliche Institut der Universität Breslau, wo sich sein Aufstieg zum wirkmächtigsten zahnärztlichen Hochschullehrer seiner Zeit vollzog. Bereits 1928 wurde Euler Präsident der heutigen DGZMK – ein Amt, das er auch im „Dritten Reich“ behielt und das enge Absprachen mit Reichszahnärzteführer Ernst Stuck bedingte. 1930 sowie von 1933 bis 1936 amtierte er zudem als Dekan der Medizinischen Fakultät in Breslau. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg schien Eulers Karriere ins Wanken zu geraten [Staehle/Eckart, 2005 und 2008]: 1945 wirkte er kurzzeitig als Gastprofessor an der Universität Leipzig, wurde dort jedoch bereits im November 1945 wieder entlassen. 1946 wurde er in Coburg in einem Spruchkammerverfahren als Mitläufer eingestuft, und 1947 konnte er auf Vermittlung seines Kollegen und Freundes Karl Zilkens einen Lehrauftrag an der Universität Köln wahrnehmen, der ihm half, fachlichen Anschluss zu finden, bevor er 1949 erneut (zunächst vorläufig) zum Präsidenten der rekonstituierten DGZMK gewählt wurde. Jenes Amt bekleidete er wiederum bis 1954 [Groß/Schäfer, 2009]. In dieser Zeit publizierte er weitere Fachbücher, unter anderem zur „Karies-Ätiologie“ [Euler, 1948], zur Behandlung und Verhütung des Gebissverfalls [Euler, 1950a und b] und zur Behandlung des devitalen Zahnes [Euler, 1951]. 1949 veröffentlichte er seine Memoiren [Euler, 1949]. 

In den Folgejahren erfuhr Euler hochrangige Ehrbezeugungen, etwa das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, die Ehrenpräsidentschaft der DGZMK, die Gründung einer „Hermann-Euler-Gesellschaft“, die Stiftung und Etablierung der „Hermann-Euler-Medaille“ durch die DGZMK, die Ehrung mit dem hochangesehenen Miller-Preis und ein Ehrendoktorat der Universität Leipzig. Hinzu kam eine insgesamt zweistellige Zahl von Ehrenmitgliedschaften in Fachgesellschaften des In- und Auslands [Groß et al., 2016]. 

Euler starb am 17. April 1961 als international hoch angesehener Hochschullehrer. Bereits im Jahr nach seinem Tod (1962) gab die „Fédération Dentaire Internationale“ eine Gedenkmedaille für Hermann Euler heraus. Zu Eulers Schülern gehörten so einflussreiche Ordinarien wie Carl-Heinz Fischer, Rektor der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf, und Reinhold Ritter, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg und Ehrenmitglied der „Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie“ wie auch der „Vereinigung der Hochschullehrer für ZMK-Heilkunde“ [Groß et al., 2016; Kristen, 1983].

„Sich der Möglichkeiten im Reich würdig erweisen“

Der Ruhm Eulers in der Nachkriegszeit steht in auffälligem Kontrast zu seiner Rolle im „Dritten Reich“ [Groß et al., 2016]: Euler war seit 1933 Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB), seit 1934 Mitglied in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), dem Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) und dem Nationalsozialistischen Altherrenbund, seit 1937 (nach Aufhebung der Mitgliedssperre) Mitglied in der NSDAP sowie seit 1938 Mitglied im Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund (NSDÄB) und gehörte dem (1935 aus dem NSLB als eigenständige Organisation hervorgegangenen) Nationalsozialistischen Dozentenbund an. Er trug als Dekan der Medizinischen Fakultät an der Universität Breslau die Verantwortung für umfassende „Säuberungsaktionen“ an der Fakultät. Gemäß eines Protokolls vom 9. März 1934 sollten etwa nach Eulers Empfehlung 15 von 20 „nichtarischen“ Hochschullehrern der Medizinischen Fakultät „eliminiert“ werden [Staehle/Eckart, 2005 und 2008]. 1934 skizzierte er die Rolle der DGZMK nach der politischen Gleichschaltung mit folgenden Worten [Euler, 1934]: „Viel weiter sind jetzt ihre Grenzen gesteckt, ganz neue Aufgaben und Möglichkeiten sind ihr erwachsen, seit auch sie […] in den gemeinsamen Stand im neuen Reich eingegliedert worden ist. Mit dem neuen Aufgabengebiet wurde ihr ein Vertrauen ausgesprochen, das würdig ist der 75-jährigen Tradition. Nun heißt es erst recht arbeiten und sich des Vertrauens würdig erweisen.“

Ernst Klee [2013] verweist in seinem „Personenlexikon zum Dritten Reich“ auch auf Eulers Beiratstätigkeit in der 1942 gegründeten „Deutschen Gesellschaft für Konstitutionsforschung“. Erwähnenswert erscheint außerdem die von Euler betreute und von Viktor Scholz (1940) verfasste Doktorarbeit „Über die Möglichkeit der Wiederverwendung des Goldes im Munde der Toten“. In besagter Dissertation werden das Staatsinteresse an der Rekrutierung beziehungsweise dem Erhalt von Gold sowie dessen bedeutende Rolle als Wirtschaftsfaktor herausgestellt. Die Arbeit trug dazu bei, die Plünderung des Zahngoldes ermordeter Menschen hoffähig zu machen.

Trotz dieser vielfältigen Hinweise auf die politische Verstrickung Eulers in den Nationalsozialismus wurde er im Nachkriegsdeutschland von Fachkollegen als politisch völlig unbeteiligt geschildert. Eulers Autobiografie trug hierzu maßgeblich bei, denn er zeichnet von sich das Bild eines politisch unbeteiligten Hochschullehrers, der seinen fachlichen Aufgaben im „Dritten Reich“ ohne wesentliche Einschränkungen oder Veränderungen nachgegangen sei [Euler, 1949]. Er beschreibt sich als völlig unpolitische Person, die 1933 gegen ihr eigentliches Bestreben als DGZMK-Präsident bestätigt worden sei. Zudem behauptet er retrospektiv, selbst von der NSDAP kritisch beäugt worden zu sein. So betont er, 1935 auf Betreiben der NSDAP trotz eines ersten Listenplatzes nicht nach Leipzig berufen worden zu sein [Euler, 1949]: „Da erhob eine maßgebliche parteipolitische Stelle so nachdrücklich Einspruch gegen meine Person, da ich politisch zu ungeeignet sei, daß tatsächlich von der Erteilung eines Rufes an mich Abstand genommen wurde.“ 

Seine Rolle bei den „Säuberungen“ in Breslau erwähnt Euler in der Autobiografie mit keinem Wort. Auch die NS-Gesundheitspolitik wird nicht thematisiert – bis auf eine irritierende Bemerkung zur Euthanasie. So führt Euler aus, er verstehe unter Euthanasie „natürlich nicht das [,] was im 3. Reich aus diesem Begriff bei Geisteskranken gemacht wurde“, sondern denke an folgenden Anwendungsfall: „Ein älterer Mann, unheilbar geisteskrank, ja nicht einmal besserungsfähig, für seine Familie nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sonst für die Zukunft einzelner Familienangehöriger eine außerordentliche Belastung, bekommt ein inoperables Karzinom. Kann in diesem Falle die Euthanasie nicht wirklich das werden, was ihr Wortlaut sagt?“ [Euler, 1949]. Besagte Bemerkungen erinnern in Inhalt und Wortwahl („nicht besserungsfähig“, „wirtschaftliche Belastung“) auffällig an das unter dem Schlagwort „Ballastexistenzen“ geführte Argumentationsmuster der Nationalsozialisten. 

Eulers geschönte Autobiografie verfehlte ihre Wirkung nicht. So äußerte Maretzky 1961 in einem Nachruf auf Euler: „Es war ein besonderes Glück, dass er, der dem Nationalsozialismus seinem ganzen Wesen nach innerlich völlig fern stand, sich bewegen ließ, die Stellung als Leiter der wissenschaftlichen Organisation auch in den Jahren fest in der Hand zu halten, in denen die Wissenschaft vielfach politisch bevormundet wurde. Es wurde dadurch der deutschen Zahnheilkunde und ihrem internationalen Ansehen viel Schaden erspart.“ In den folgenden Jahrzehnten hatte das hier skizzierte Euler-Bild Bestand [Harnisch, 1961; Wasserfuhr, 1969]. 

Erst 1998 revidierte sich das Bild

Erst Ekkhard Häussermann wies 1998 in den „Zahnärztlichen Mitteilungen“ darauf hin, dass Euler die Karrieren jüdischer Fachkollegen negativ beeinflusst und eine maßgebliche Rolle bei der „Entjudung“ der Medizinischen Fakultät der Universität Breslau gehabt habe. Es folgten kritische Äußerungen und Hinweise unter anderem von Groß [1999], Wündrich [2000], Stöckel [2002] und Bruziewicz-Miklaszewska [2004] sowie entsprechende Angaben zu Euler in einzelnen einschlägigen Lexika [Voswinckel, 2002; Klee, 2013]. Ein vielschichtiger, kritischer Beitrag von Staehle/Eckart [2005] über Euler führte dann zu der Entscheidung des damaligen DGZMK-Vorstands, ein Gutachten zur Rolle Eulers im „Dritten Reich“ einzuholen. Konkreter Anlass war die Frage, ob die Vergabe der 1955 eingeführten „Hermann-Euler-Medaille“ künftig noch zu rechtfertigen sei. Der Gutachter verneinte [Groß, 2005]. Auf Beschluss der DGZMK wird seit nunmehr elf Jahren statt der „Hermann-Euler-Medaille“ die „DGZMK-Ehrenmedaille“ vergeben.

Univ.-Prof. Dr. mult. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät
RWTH Aachen University, MTI II
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

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