Implantologie

Reicht ein Implantat im zahnlosen Unterkiefer?

Der folgende Beitrag widmet sich der Frage, ob es ausreichend ist, Zahnersatz im zahnlosen Unterkiefer mit einem mittigen Implantat über ein Kugelkopfattachment zu stabilisieren, so dass diese Versorgung als kostengünstige Alternative auf unkomplizierte Weise in den Praxisalltag integriert werden kann.

Kugelkopfattachment Maltzahn

Der folgende Beitrag widmet sich der Frage, ob es ausreichend ist, Zahnersatz im zahnlosen Unterkiefer mit einem mittigen Implantat über ein Kugelkopfattachment zu stabilisieren, so dass diese Versorgung als kostengünstige Alternative auf unkomplizierte Weise in den Praxisalltag integriert werden kann. 

Der demografische Wandel – konkret die prognostizierte Zunahme der Anzahl älterer Menschen in den nächsten 40 Jahren – hält auch Einzug in den zahnmedizinischen Alltag. Bis ins Jahr 2060 wird ein Anstieg der Lebenserwartung auf 90,4 Jahre bei Frauen und 86,7 Jahre bei Männern gemutmaßt. Für das Jahr 2060 wird vermutet, dass jeder Dritte in Deutschland älter als 65 Jahre alt sein wird. Dies bedeutet für Frauen 7,6 Jahre und für Männer 9,0 Jahre mehr Lebenszeit als im Jahr 2010/2012 [Pötzsch and Rößger, 2015]. Das steigende Alter und die entsprechenden zahnmedizinischen Bedürfnisse älterer Menschen werden in der Zukunft immer mehr in den Praxisalltag integriert werden müssen.

Im Jahr 2005 lag der Anteil der 65- bis 74-Jährigen mit Totalprothesen in Deutschland bei 30,5 Prozent [Micheelis and Schiffner, 2006] Trotz immer besserer Behandlungsmethoden zur konventionellen Versorgung des zahnlosen Ober- und Unterkiefers geben immerhin 10 bis 30 Prozent der Prothesenträger eine Unzufriedenheit mit ihrem Zahnersatz an [van Waas, 1990]. Genannt werden Schmerzen bei Unterkieferbewegungen, Probleme bei der Nahrungsaufnahme sowie beim Sprechen, Defizite beim äußeren Erscheinungsbild und ein insuffizienter Prothesenhalt. Diese Defizite können – gerade bei älteren Patienten – unter Umständen schwerwiegende Folgen (Mangelernährung und soziale Isolation) haben und infolgedessen die Lebensqualität deutlich reduzieren [Fiske et al., 1998]. Die größten Probleme scheinen insbesondere auf die geringe Stabilität und Retentionsmöglichkeit der Totalprothesen im atrophierten Unterkiefer zurückzuführen zu sein. 

Zur Optimierung des Prothesenhalts sind konventionelle Möglichkeiten im Rahmen einer Unterfütterung des Zahnersatzes oder einer chirurgischen Vorbehandlung des Prothesenlagers möglich, doch führen diese nicht immer zum gewünschten Erfolg. Eine sichere Alternative bietet dagegen die Abstützung des Zahnersatzes auf dentalen Implantaten, die bei guter Verteilung über den Zahnbogen dem Zahnersatz mehr Retention und Lagestabilität verleihen können. Einigen Patienten erscheinen jedoch die (unter Umständen aufwendigen) erforderlichen chirurgischen Interventionen, zum Beispiel Knochenaugmentationen, sowie die mit dieser Versorgung einhergehende finanzielle Belastung als nachteilig. Dies ist vor allem deswegen problematisch, da Zahnlosigkeit oft mit geringem Einkommen assoziiert zu sein scheint. Diesen Zusammenhang evaluierten Marcus et al. in einer umfangreichen Studie, in der die Autoren Zahnlosigkeit bezogen auf die demografische Entwicklung der Bevölkerung in den USA untersuchten [Marcus et al., 1994]. Erforderlich ist, eine geeignete Lösung für diese Patientengruppe zu finden, die eine funktionell adäquate Versorgung bei gleichzeitig akzeptablem Aufwand und akzeptablen Kosten ermöglicht.

Üblicherweise galten zwei Implantate im zahnlosen Unterkiefer als minimalinvasives Mittel der Wahl für implantatgetragenen Zahnersatz [Feine et al., 2002; Thomason et al., 2009]. Zwei interforaminär gesetzte Implantate weisen laut diverser Studien eine hohe Erfolgsaussicht auf [Gotfredsen and Holm, 2000; Feine et al., 1994; Kronstrom et al., 2010]. In einer Studie von Kappel et al. konnte für eine Versorgung von zwei Implantaten mittels Steg oder Locator eine Überlebensrate von 93,5 beziehungsweise 95,7 Prozent nach zwei Jahren evaluiert werden. Um den chirurgischen und prothetischen Aufwand weiter zu reduzieren und damit die finanzielle Belastung geringer zu halten, entstand die Idee eines mittig inserierten Implantats im Unterkiefer zur Abstützung einer Totalprothese. 

Evaluation des mittigen Implantats im UK

Untersucht wurde die Versorgung des Unterkiefers mit einem mittig inserierten Implantat erstmals im Jahr 1993 von Cordioli [Cordioli et al., 1997]. Er beobachtete eine Erfolgsrate von 100 Prozent nach fünf Jahren. Die Zufriedenheit der Patienten bei Versorgung mit einem Implantat gegenüber zwei Implantaten evaluierten Walton und Kollegen in einer Vergleichsstudie mit 86 Patienten nach zwölf Monaten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass beide Versorgungsmöglichkeiten gleichwertige Ergebnisse erzielten [Walton et al., 2009]. Harder et al. untersuchten in einer klinischen Studie zum mittigen Einzelimplantat Faktoren wie Kaustabilität und mundgesundheitsbezogene Lebensqualität nach Insertion des zentralen Implantats im Unterkiefer und kamen zu dem Ergebnis, dass sich mit der Versorgung eines zentralen Implantats in der Unterkiefermitte eine deutliche Verbesserung beider Parameter erzielen lässt [Harder et al., 2011]. 

Multizentrische Studie 

In einer von Prof. Dr. Matthias Kern, Kiel, und seiner Arbeitsgruppe initiierten DFG-geförderten, multizentrischen Studie, an der die Universitätskliniken Hannover, Hamburg, Greifswald, Dresden, Heidelberg, Aachen, Freiburg und Ulm beteiligt sind, wurde das mittige Einzelimplantat im Unterkiefer umfassend untersucht, damit das System als alltagstaugliche Alternative auch Einzug in die Praxis erhalten kann. 

Abbildung 1: Panoramaschichtaufnahme mit Röntgenmesskugel | Maltzahn

Abbildung 2: Panoramaschichtaufnahme nach Setzen des Implantats bei Sofortbelastung | Maltzahn

Untersucht wurden im Rahmen der Studie insgesamt 158 Patienten. Randomisiert wurden die Studienteilnehmer entweder der Gruppe mit Sofortbelastung des Implantats (n = 81) oder der Gruppe mit verzögerter Belastung nach drei Monaten Einheilungszeit (n = 77) zugeordnet. Voraussetzungen zur Teilnahme an der Studie waren (unter anderem) eine ausreichende Knochenhöhe von 11 bis 20 mm, keine Kontraindikationen für Implantate, ein Knochenlager, das keiner Augmentation bedarf, eine vorhandene, suffiziente Totalprothese im Ober- sowie im Unterkiefer mit bilateral balancierter Okklusion, die seit mindestens drei Monaten in situ ist, aber einen mangelhaften Halt im Unterkiefer aufweist. Für die präoperative Bildgebung wurde mithilfe einer Röntgenmesskugel, adjustiert an der Unterkieferprothese mit einem Durchmesser von 4 mm, eine Panoramaschichtaufnahme erstellt und das Knochenlager entsprechend für das Setzen eines enossalen Implantats (Camlog Screw Line, Camolg Biotechnologies, Wimsheim, Länge 13 mm, Durchmessser 3,8 mm) beurteilt (Abbildungen 1 und 2). Die Implantation folgte dem üblichen Vorgehen mit den zugehörigen Bohrern des Camlogsystems. Die Primärstabilität des Implantats wurde anhand des Osstell-Geräts (Osstell, Grothenburg, Schweden) beurteilt. 

Die Zeitabstände für den Recall betrugen einen, vier, zwölf und 24 Monate. Lediglich die Patienten der verzögerten Belastungsgruppe wurden zusätzlich einen Monat nach Implantation kontrolliert. Im Rahmen der Nachuntersuchungen wurden diverse Parameter wie die Kaustabilität, die gesundheitsbezogene Lebensqualität, die individuelle Beurteilung des Zahnersatzes sowie die Mundgesundheit untersucht. Auch parodontale Werte wurden erhoben und die Primärstabilität des Implantats wurde im weiteren Verlauf regelmäßig kontrolliert. 

Bisher wurden die Studieneilnehmer bis zu 24 Monate nachuntersucht. Im Jahr 2017 gelang es, eine weitere Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft für diese einmalige Studie einzuwerben, um eine multizentrische Fünf-Jahres-Nachuntersuchung durchzuführen. 

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