Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 19

Oskar Weski – Nestor der Parodontologie

Oskar Weski (1879–1952) steht für die Verwissenschaftlichung der Parodontologie, weil er die Fachsprache systematisierte und die parodontalen Krankheitsbilder erforschte. Außerdem machte er die radiologische Diagnostik für die Parodontologie fruchtbar und brachte das Fach institutionell voran – durch die Gründung einer Forschungsgemeinschaft mit eigener Fachzeitschrift.

zm-Archiv

Weski wurde am 8. August 1879 als Sohn des Gerichtsaktuars Rudolph Weski und der Malermeistertochter Katharina Weski, geborene Gratzki, als das älteste von fünf Kindern in Bischofsburg in Ostpreußen geboren. Nach dem Abitur in Allenstein schrieb er sich 1897 in Königsberg zum Medizinstudium ein und wechselte nach dem sechsten Semester nach Greifswald, wo er am 4. Juni 1902 das ärztliche Staatsexamen ablegte. Drei Tage später wurde er mit der Dissertation „Beiträge zur Kenntnis des mikroskopischen Baus der menschlichen Prostata“ zum Dr. med. promoviert, am 23. Juni erlangte er die ärztliche Approbation.

Es folgte eine einjährige Assistenzzeit in Königsberg, bevor Weski nach Swinemünde und Kiel weiterzog. Sein Bruder Johannes hatte Zahnmedizin studiert und machte Oskar das junge, noch nicht akademisierte Fach schmackhaft: 1904 nahm Oskar als approbierter Arzt ein Zweitstudium der Zahnheilkunde auf und bereits nach zwei Semestern folgte die zahnärztliche Prüfung: Am 21. November 1905 erhielt er die zahnärztliche Approbation, nur wenige Wochen später eröffnete er in Berlin-Schöneberg eine zahnärztliche Praxis. Zeitgleich bildete sich Weski an der Berliner Charité in der Radiologie weiter – einer aufstrebenden Fachdisziplin, die nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen 1895 sowohl in der Medizin als auch in der Zahnheilkunde eine rasante klinische Entwicklung durchlief. 1906 trug er sich nach einjähriger Ausbildung in Berlin als Fachröntgenologe ein. Er hatte nun Expertisen in den beiden Fachdisziplinen erworben, die sein weiteres Berufsleben bestimmen sollten: Zahnheilkunde und Radiologie [Koch, 1969].

Ende 1910 gründete Weski mit dem Zahnarzt Hans Sachs eine zahnärztliche Gemeinschaftspraxis am Kurfürstendamm. Beide gingen jedoch nach zwei Jahren wegen persönlicher Differenzen wieder getrennte Wege. Weski übernahm die Räume seines Kollegen und baute sie zu einem Röntgeninstitut aus [Koch, 1969]. 

Auch Weskis privates Leben verlief diskontinuierlich: 1909 hatte er Wanda Behrens, die Tochter eines Kunsthändlers, geheiratet. Die Ehe, aus der 1913 ein Sohn namens Herbert hervorging, wurde 1919 wieder geschieden, nachdem beide schon längere Zeit in Trennung gelebt hatten. Noch im selben Jahr ging Weski die Ehe mit Käthe Bode ein. Doch auch diese Verbindung endete 1936 in einer Scheidung. Anschließend lebte Weski mit seiner Mitarbeiterin Leonie Salzer zusammen, die er im „Dritten Reich“ aufgrund ihrer Einordnung als „Halbjüdin“ nicht heiraten konnte. Letzteres holte das Paar nach dem Zweiten Weltkrieg nach. Die beiden letzten Ehen Weskis blieben kinderlos, nicht zuletzt weil Weski – wie viele Radiologen der ersten Generation – Strahlenschäden davongetragen hatte. Er hatte eine Azoospermie entwickelt; damit blieb Weskis Sohn Herbert, der ebenfalls den Arztberuf ergriff, sein einziges Kind [Koch, 1969]. 

Schon im Ersten Weltkrieg war bei Weski ein „nervöses Herzleiden“ diagnostiziert worden, das ihn als „nicht kriegsverwendungsfähig“ einordnete. Allerdings wurde er aufgrund seiner Medizinkenntnisse zum leitenden Arzt der Röntgenabteilung des Reservelazaretts Rennbahn-Grunewald bestellt und er war in den Lazaretten Rathenow und Spandau tätig. Nach dem Krieg richtete Weski seinen Fokus auf die zahnärztliche Röntgenologie. Er betonte auf Vortragsreisen die wachsende Bedeutung des zahnärztlichen Röntgenbildes und verwies auf die Möglichkeiten der radiologischen Diagnostik „paradentaler“ Erkrankungen [Koch, 1969].

Im „Dritten Reich“ gelang es Weski, „unbehelligt“ zu bleiben, obwohl er mit einer Halbjüdin liiert war und auch seine wichtigste Mitarbeiterin Anna Schneider jüdischer Abstammung war [Koch, 1969]. Allerdings war es Weski nicht vergönnt, seine Karriere mit einem Ordinariat zu krönen. Selbst die Titularprofessor ließ lange auf sich warten: Erst 1943 im (vergleichsweise hohen) Alter von 63 Jahren erhielt er die Berechtigung, diesen Titel zu führen. Auch in der DGZMK erreichte er keine wichtigen Ämter [Koch, 1969; Groß/Schäfer, 2009]. Nach Kriegsende zog er mit seinem Röntgeninstitut in die Richard-Wagner-Straße, wo er bis zu seinem Lebensende 1952 tätig blieb. Im letzten Lebensabschnitt litt er an einer generellen Arteriosklerose und an einem Diabetes mellitus. Außerdem machte ihm eine Altersdepression zu schaffen. Weski starb am 22. November 1952 an den Folgen einer Rücken-Phlegmone. Er wurde in Zehlendorf beigesetzt [Harndt, 1953; Groß, 1953; Koch, 1969].

Sein ‚Paradentium‘ wurde offiziell Nomenklatur

Was waren die konkreten Verdienste Weskis um das Fach Parodontologie [Harndt, 1953; Groß, 1953; Koch, 1969]? Zunächst ist festzuhalten, dass er zu Beginn der 1920er-Jahre die Begriffe „Paradentium“ und „Paradentose“ prägte. Auch wenn Weski schwerlich als Schöpfer dieser Termini gelten kann, war er es doch, der sie in die klinische Fachsprache einführte und näher definierte. Demnach stand die „Paradentose“ nach Weski für alle marginalen Veränderungen am Parodont, wobei er zwischen einer „Atrophia paradentii marginalis totalis“ und einer „Atrophia paradentii marginalis partialis“ (mit und ohne „Taschenvertiefung“) differenzierte. Darüber hinaus unterschied er zwischen supra- und infraalveolären Taschen sowie zwischen ulzerierten und nicht-ulzerierten Taschenwänden. Den bis dahin weit verbreiteten Begriff „Alveolarpyorrhoe“, der im Wesentlichen für den Eiterfluss aus Zahnfleischtaschen gebraucht worden war, lehnte er ab [Koch, 1969]. 

Mit den parodontalen Krankheitsbildern beschäftigte sich Weski in seinem bahnbrechenden Beitrag „Die chronischen marginalen Entzündungen des Alveolarfortsatzes mit besonderer Berücksichtigung der Alveolarpyorrhoe“ innerhalb der „Röntgenologisch-anatomischen Studien aus dem Gebiete der Kieferpathologie“ [Weski, 1921b, 1922]. Wegweisend waren Schriften wie „Die Röntgendiagnostik bei marginalen Paradentosen“ [Weski, 1921a, Witt, 1939].

Vor allem Weskis Terminus „Paradentose“ wurde kritisiert, weil er nicht an entzündliche Erkrankungsformen denken lasse. Dennoch wurde dieser Begriff 1931 auf Antrag der Terminologie-Kommission der F.D.I. offiziell empfohlen – auch, weil man ihn für gut etabliert und international verständlich erachtete. In Paris war damit „zum ersten Mal eine Erkrankung des Zahnhalteapparates in seiner Gesamtheit anerkannt worden. ‚Paradentium‘ im Sinne Weskis war jetzt offiziell Nomenklatur“ [Koch, 1969]. Dabei ist wichtig, dass Weski unter „Paradentium“ den gesamten Zahnhalteapparat verstand, also das Zahnfleisch, den Alveolarknochen, die Wurzelhaut mit den Sharpey-Fasern und das Wurzelzement. Den Terminus „Paradentose“ benutzte Weski für alle Erkrankungen des Zahnhalteapparats, das heißt für entzündliche und nicht-entzündliche Erscheinungsbilder. Auch wenn seine Kritiker behaupteten, dass der Begriff „Paradentose“ ausschließlich degenerative Krankheitsbilder beinhalte, ist zu betonen, dass es in der Medizin viele Begrifflichkeiten gab – und gibt –, die das Suffix „-ose“ tragen und trotzdem entzündliche Krankheitsbilder subsumieren (etwa Thyreose, Dermatose). 

Das zweite Verdienst Weskis bestand darin, die radiologische Diagnostik für die Parodontologie fruchtbar gemacht zu haben. 

Auch die 1928 von Weski aufgestellte „Konstitutionsformel der Paradentose“ ging in die Geschichte ein. Sie bezeichnete die Hypothese, dass der Parodontose ein „endogener Ursachenkomplex“ zugrunde liege, womit Weski auf die komplexen ätiologischen Hintergründe von Parodontalerkrankungen abhob [Koch, 1969]. Es ging ihm darum, deutlich zu machen, dass Disposition und Konstitution bei der Entstehung von Parodontalerkrankungen eine große Rolle spielen. Seine Diagnostik umfasste einen „Dreiklang“ aus anatomisch-radiologischem Lokalbefund, funktionellem (Artikulations-)Befund und klinischem Bild, wobei Letzteres in einem „Paradentose-Status“ festgehalten wurde. Den PA-Status hatte Weski bereits 1925 entwickelt. Diese diagnostische Trias korrespondierte mit einer therapeutischen Trias aus Lokaltherapie (etwa Taschenausräumung), Entlastungsbehandlung (etwa Beseitigung von Artikulationshindernissen beziehungsweise Schienung) und Internbehandlung (mit diversen „lokal-umstimmenden“ Methoden) [Koch, 1969].

Auch in institutioneller Sicht wirkte Weski als Pionier: 1924 gründete er mit zwei Kollegen die „Arbeitsgemeinschaft für Paradentosen-Forschung“ (ARPA), die mit dem „Paradentium“ ein eigenes Organ hervorbrachte. Ihr folgte, ebenfalls auf Weskis Initiative, 1932 die erste Tagung der „ARPA Internationale“, die Weski 1939 zu seinem 60. Geburtstag zum Ehrenmitglied ernannte. Die deutsche ARPA hatte bis 1970 Bestand; ihr folgte die „Deutsche Gesellschaft für Parodontologie“ [Koch, 1969; Groß/Schäfer, 2009].

Außerdem setzte Weski sich für eine systematische Behandlung der Zahnbetterkrankungen im Rahmen der Sozialversicherung ein. So kam 1932 ein „PA-Vertrag“ zwischen dem „Reichsverband der Zahnärzte Deutschlands“ und dem „Verband kaufmännischer Berufskassen“ zum Abschluss. Weitere Verträge dieser Art folgten. Basis jeder PA-Behandlung wurde der besagte PA-Status [Koch, 1969]. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Weskis Termini sukzessive ersetzt. Statt „Paradentium“ setzte sich „Parodontium“ durch. Dabei wurde nun explizit auf den Begriff „Parodontitis“ abgehoben und betont, dass das Suffix „-itis“ für entzündliche und die Endung „-ose“ für atrophisch-degenerative Prozesse stehe. Umgangssprachlich blieb der Begriff „Parodontose“ jedoch weiterhin lebendig. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte Weski seine prägende Rolle im Fach Parodontologie längst eingebüßt. Er musste sich eingestehen, „daß man ihn in seinem Denken und in seinen Leistungen nicht nur eingeholt hatte, sondern daß die Entwicklung [...] stürmisch weiterging“ [Koch, 1969]. Dies korrespondiert mit der Tatsache, dass Weski nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch zwei – wenig beachtete – Fachbeiträge veröffentlichte. Stattdessen wurden ihm diverse Ehrenmitgliedschaften angetragen, etwa 1948 von der ARPA, aber auch von vielen Fachgesellschaften des Auslands. Doch derartige Auszeichnungen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Weski in seinen letzten Lebensjahren zu einem einsamen Mann geworden war, der das Gefühl hatte, „nur noch als ‚Ehrengreis‘ herumgereicht zu werden“ [Koch, 1969]. 

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Medizinische Fakultät
RWTH Aachen University
MTI II, Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de
 

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Die Entwicklung eines Faches hängt in erheblichem Umfang von genialen oder wegweisenden Ideen einzelner Fachvertreter ab. Bisweilen reicht es allerdings auch, dass eine bestimmte Person zum richtigen Zeitpunkt am rechten Ort eine Initiative startet, die dann eine prägende beziehungsweise dynamische Wirkung entfaltet.

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