Weltzahnärzteverband FDI in Buenos Aires

Das große Ganze im Blick

Es geht um den globalen Ansatz, wenn der Weltzahnärzteverband Fédération Dentaire Internationale (FDI) zum jährlichen Weltkongress einlädt. Zu den 4.000 Kongressteilnehmern gesellten sich Anfang September in Buenos Aires zahnärztliche Delegierte aus 130 Ländern, die sich für die Chancengleichheit (zahn)medizinisch unterversorgter Menschen einsetzen – ganz im Sinn der FDI-Strategie 2018–2021. Die deutsche Delegation hat eigens einen Resolutionsentwurf für den G20-Gipfel im Oktober in Buenos Aires vorgelegt.

Die deutsche Delegation bei der FDI-Generalversammlung in Buenos Aires Anita Wuttke

Während sich der Kongress traditionell mit allen Disziplinen der Zahnheilkunde beschäftigt und dabei die Prophylaxe besonders fokussiert, geht es in den gesundheitspolitisch geprägten Gremien der FDI um die Mundgesundheit aller Menschen und insbesondere um die (zahn)medizinisch unterversorgte Weltbevölkerung. Hier werden, analog zur WHO, die weltweit brennenden zahnärztlichen Themen diskutiert und Positionen verabschiedet. Das FDI-Strategieprogramm 2018–2021 wurde bereits beim letztjährigen Weltkongress in Madrid auf den Weg gebracht und jetzt in Buenos Aires konkretisiert. Was muss unter zahnmedizinischen Gesichtspunkten gefordert und getan werden, um die globalen Gesundheitsprobleme in den Griff zu bekommen? Zunehmende Antibiotika-Resistenzen, zunehmender Zuckerkonsum und vor allem die Konsequenzen, die globale Flucht- und Migrationsbewegungen auf den Gesundheitszustand der Betroffenen und damit auch auf Gesundheitssysteme haben, standen dabei im Zentrum der Diskussionen.

Politische Resolution für den G20-Gipfel

Mit dem Strategieprogramm 2018–2021 fordert die FDI, mehr Maßnahmen zu ergreifen, um jene Teile der Weltbevölkerung zu erreichen, die medizinisch unterversorgt sind, und zusätzlich die Betroffenen zunehmender globaler Flucht und Migration einzubeziehen. Entsprechend ist eine politische Resolution in Arbeit, adressiert an den G20-Gipfel, der im Oktober in Buenos Aires zusammenkommen wird. Den Entwurf hat die deutsche Delegation vorgelegt. Der darin enthaltene Appell richtet sich an die G20-Regierungschefs und deren Gesundheitsminister, sich dafür einzusetzen, dass weltweit alle staatlichen und nicht-staatlichen Gesundheitsorganisationen, insbesondere die zahnärztlichen Organisationen, dazu angehalten und dabei unterstützt werden sollen, sich diesen besonderen gesundheitspolitischen Herausforderungen zu stellen. Vor dem Hintergrund zunehmender Flüchtlings- und Migrationsbewegungen werden alle relevanten Interessenvertreter aufgefordert, sich aktiv daran zu beteiligen, das Ziel der Vereinten Nationen zur nachhaltigen Entwicklung zu unterstützen und die weltweite Chancenungleichheit im Bereich der Gesundheit zu reduzieren. Der Entwurf liegt dem Rat der FDI zur Verabschiedung vor. 

Das Präsidium der FDI: Sprecherin Dr. Susie Sanderson (Großbritannien), Geschäftsführer Enzo Bondioni (Schweiz), Präsidentin Dr. Kathryn Kell (USA), Präsident-elect Dr. Gerhard Seeberger (Italien) und der scheidende Schatzmeister Dr. Jack Cottrell (Kanada) | Anita Wuttke

Die mit überwältigender Mehrheit verabschiedeten Absichtserklärungen der FDI-Generalversammlung zielen auf die Verbesserung der globalen Mundgesundheit und konkretisieren zum Teil die vor einem Jahr in Madrid gefassten Beschlüsse: 

  • Der Weltzahnärzteverband möchte Maßnahmen ergreifen, um international mehr gesundheitliche Chancengleichheit zu erwirken. In Zeiten hoher weltweiter Fluchtbewegungen sollen etwa Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung und zur Stärkung der Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern gefördert werden. 
  • Vertriebenen und Flüchtlingen soll der Zugang zu einer zahnmedizinischen Grundversorgung ermöglicht werden. Regierungen und Parlamente der Aufnahmeländer werden aufgefordert, dafür den Weg zu ebnen. 
  • Der hohe Zuckerkonsum weltweit veranlasste die Generalversammlung, in einer Resolution die Forderungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Reduktion von Zucker zu unterstützen und die Aufklärung in diesem Bereich durch Kampagnen zu stärken. 
  • Die wichtige Rolle der Zahnärzte im Umgang mit schlafbezogenen Atmungsstörungen (Sleep-related Breething Disorders, SRBD) ist der FDI ein eigenes Positionspapier wert. Zahnärzte sollen einbezogen werden, um die Störung frühzeitig erkennen und behandeln zu können. Dazu fordert die FDI von nationalen Zahnärzteverbänden/-kammern und Universitäten die Aufnahme entsprechender Ausbildungsinhalte in die Curricula der Studiengänge.
  • Auch den Gefahren durch die weltweit steigende Zahl von Antibiotika-Resistenzen trägt die FDI Rechnung. Sie plädiert für einen verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika und spricht sich dafür aus, dass Antibiotika nur von qualifizierten Personen verschrieben und ausgegeben werden dürfen. Der Verkauf im Internet, als rezeptfreie und frei verkäufliche Produkte soll nicht mehr möglich sein. 
  • Das Thema „Nanopartikel in der Zahnarztpraxis“ und die gesundheitlichen Auswirkungen auf Personal und Patienten soll noch weiter erforscht werden. Für die Stellungnahme hat die FDI die Größe der zu untersuchenden Nanomaterialien auf 1 nm – 100 nm festgelegt. 
  • Der Zugang zu mehr Informationen im Bereich Gesundheit und Mundgesundheit mittels mobiler Smartphone- und Tablet-Apps, unter Berücksichtigung der Persönlichkeitsrechte der Nutzer/Patienten, wird von der FDI befürwortet. 

Das Präsidium der FDI: Sprecherin Dr. Susie Sanderson (Großbritannien), Geschäftsführer Enzo Bondioni (Schweiz), Präsidentin Dr. Kathryn Kell (USA), Präsident-elect Dr. Gerhard Seeberger (Italien) und der scheidende Schatzmeister Dr. Jack Cottrell (Kanada) | Anita Wuttke

Überarbeitete Stellungnahmen der FDI betreffen folgende Bereiche:

  • Im Hinblick auf die jüngst aufgekommenen Fluoriddebatten bekräftigt die FDI den wissenschaftlich nachgewiesenen Nutzen von fluoridhaltigen Zahnpasten und appelliert insbesondere an die Entwicklungsländer, den Zugang zu fluoridhaltigen Zahnpasten zu gewährleisten, um Karies wirksam vorbeugen zu können. 
  • Amalgam-Phase-down: Die FDI befürwortet die Reduzierung von Amalgam in der Zahnmedizin und unterstützt gleichzeitig die Bemühungen der WHO für mehr Prävention und Forschung im Bereich alternativer Behandlungsmöglichkeiten. 
  • Auf der Basis der Istanbul-Erklärung zur Zahnmedizin als integrale Komponente des allgemeinen Gesundheitszustands fordert die FDI alle nationalen zahnärztlichen Verbände auf, die Bedeutung der zahnärztlichen Arbeit in Bezug auf den Gesundheitszustand öffentlich hervorzuheben und medizinische Aspekte in dentale Curricula zu integrieren.
  • Im Statement „Globale parodontale Gesundheit“ empfiehlt die FDI die seit 2018 neu gefasste Klassifizierung zu parodontalen und periimplantären Erkrankungen, die von der Europäischen Gesellschaft für Parodontologie (EFP) auf der Europerio 9 in Amsterdam vorgestellt wurde. 

Die FDI-Familie wird größer

Die Generalversammlung stimmte mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit neuen Mitgliedschaften zu. Die Zahnärzteverbände von Peru, Papua-Neuguinea, Nicaragua und Ägypten werden aufgenommen.

Die zweijährige Amtszeit von FDI-Präsidentin Dr. Kathryn Kell von der American Dental Association geht in die zweite Halbzeit. Im nächsten Jahr wird in San Francisco ein neuer Präsident zu wählen sein. Mit Dr. Gerhard Seeberger vom italienischen Zahnärzteverband AIO, aktuell Präsident-elect, steht ein Europäer in den Startlöchern.

Anita Wuttke
Freie Journalistin aus München

Interview mit Prof. Reinhard Hickel

Prof. Dr. Reinhard Hickel, München, ist im ständigen Ausschuss Wissenschaft (Science) aktiv und leitet das Dental Material Task Team (DMTT): 

Prof. Dr. Reinhard Hickel | Privat

Welche Beschlüsse der FDI-Generalversammlung wurden im Wissenschaftsausschuss vorbereitet und welche Bedeutung haben sie?

Im DMTT und Science Committee wurden unter meiner Federführung auftragsgemäß Policy Statements (PS) zum Amalgam-Phase-down und zu Nanopartikeln erarbeitet, die beide in Buenos Aires von der FDI-Generalsversammlung verabschiedet wurden. Nanopartikel sind bei ihrer Einführung in die restaurative Zahnmedizin vor 15 bis 20 Jahren hochgelobt worden, nun aber – wie fast zu erwarten nach dem Hype – werden Bedenken wegen Nebenwirkungen diskutiert. Hier haben wir eine Risikoabschätzung vorgenommen und auch einen umfangreichen Übersichtsartikel zu diesem Thema im hochrangigen Journal „Dental Materials“ publiziert. Eine Kurzversion davon hat dann das IDJ (International Dental Journal) im Jahr 2018 abgedruckt. 

Im vergangenen Jahr haben Sie in Madrid angekündigt, dass das Policy Statement „Amalgam Phase-down“ von Ihrem Ausschuss vorbereitet werde, um in Buenos Aires verabschiedet zu werden. Das ist ja auch mit überwältigender Mehrheit geschehen. Ist der Beschluss so, wie Sie ihn sich gewünscht haben?

Der Beschluss, den wir erarbeitet hatten, wurde in Buenos Aires nochmals modifiziert, da Japan und Europa, insbesondere Skandinavien, gegenüber Amerika unterschiedliche Sichtweisen hatten. Letztendlich habe ich nach mehreren Gesprächen mit US-Vertretern und anderen Ländern eine Formulierung gefunden, die unsere Position weitestgehend beibehält und auch die anderen zufriedengestellt hat. Dies wurde dann von allen Vertretern begrüßt und in der General Assembly zugestimmt.

Was steht für San Francisco aus dem Dental Material Task Team an?

Für San Francisco haben wir den Auf-trag, wissenschaftliche Stellungnahmen zu „Repair of Restorations“ und zur Erstversorgung von Läsionen („initial lesions and first restorative treatment“) vorzulegen. Das ist exakt aufbauend auf dem Amalgam-Phase-down-Statement, in dem empfohlen wird, bei Erstversorgungen zukünftig möglichst kein Amalgam mehr zu verwenden.

Interview mit Dr. Michael Sereny

Dr. Michael Sereny | ZKN

Dr. Michael Sereny, Hannover, ist Vorsitzender des Ausschusses Zahnärztliche Praxis (Dental Practice).

Welche Stellungnahmen wurden für die Generalversammlung in Buenos Aires von Ihrem Ausschuss erarbeitet?

Vom Dental Practice Committee wurden in diesem Jahr drei Stellungnahmen zur Abstimmung in der Generalversammlung erarbeitet:

1. Dental Health Related Apps – eine Stellungnahme, die Anforderungen an Apps mit zahnärztlichem Bezug formuliert.

2. Dentistry and Sleep-related Breathing Disorders – eine Stellungnahme zur Rolle der Zahnärzteschaft in der Prävention, Früherkennung und Behandlung von schlafbedingten Atemstörungen, angefangen vom Schnarchen bis hin zu lebensbedrohlichen Atemaussetzern im Schlaf.

3. (Deep) Dentin Caries and Restorative Care – eine Stellungnahme, die den Paradigmenwechsel von der völligen Kariesentfernung hin zur vorsichtigen Erhaltung der Pulpa beschreibt, selbst unter Belassung des kariösen Dentins bei symptomlosen Zähnen mit der Möglichkeit einer dichten Restauration.

Sie haben das Projekt OHO-Survey (Oral Health Observatory) mit ins Leben gerufen. Was ist darunter zu verstehen und welche Ziele sind damit verbunden?

Nicht alle Länder können sich solch umfassende Mundgesundheitsstudien wie die DMS V leisten. Mithilfe einer App auf Tablets werden aktuell in elf Ländern, darunter etwa China, Indien oder Costa Rica, Daten zur Mundgesundheit in Praxen erhoben. Damit können nicht nur auf relativ einfachem Weg Daten zur Mundgesundheit erhoben und ausgewertet werden, sondern sie sind auch weltweit vergleichbar. Nach der Pilotstudie 2014/2015 beteiligt sich die BZÄK auch diesmal wieder an diesem Projekt.

Neues Handbuch zur Ethik in der Zahnmedizin

Ein langjähriges Projekt fand in Buenos Aires seinen Abschluss: die Herausgabe der zweiten Auflage des „Dental Ethics Manual 2“. Das neue Handbuch ist kein Update, sondern wurde komplett neu geschrieben und basiert auf einer Stellungnahme der FDI aus dem Jahr 2015 in Bangkok zur Förderung der Ethik in der Zahnmedizin. Ein internationales Expertenteam, darunter Dr. Michael Sereny aus Hannover, arbeitete drei Jahre an dem Handbuch, um eine umfangreiche Beschreibung der ethischen Anforderungen an die Zahnmedizin abzubilden. Das neue Handbuch fokussiert zwei Hauptzielgruppen: 1. den Zahnarzt als Praktiker und 2. Studenten der Zahnmedizin und ihre Ethik-Lehrer. Der neue Ansatz zielt nicht auf eine Wiedergabe ethischer Herausforderungen in der Praxis oder liefert ein theoretisches Fundament, sondern will zu ethischen Überlegungen anregen, bei der Entwicklung einer ethischen Analyse unterstützen und zur ethischen Diskussion in der Zahnarztpraxis, der Klinik oder im Hörsaal anregen. 

Die neue Auflage kann kostenfrei heruntergeladen werden von FDI-Webseite: www.fdiworlddental.org/resources/manuals/dental-ethics-manual-2

Interview mit Dr. Jürgen Fedderwitz

Dr. Jürgen Fedderwitz | KZBV-Axentis.de

Dr. Jürgen Fedderwitz, Wiesbaden, ist Vorsitzender des Fortbildungsausschusses (Education Committee) der FDI. 

Was haben Sie im Fortbildungsausschuss aus deutscher Sicht erreicht?

Im Education Committee ist es natürlich nicht einfach, nationale Interessen vorrangig durchzusetzen. Deutschland war im wissenschaftlichen Programm dennoch überproportional vertreten. Namhafte Referenten mit internationaler Reputation wie die Professoren Daubländer, Frankenberger, Listl, Schmalz und Schulze traten auf. Die FDI-Delegierten Sereny und Wolf stellten ihre Projektarbeit vor und Prof. Meyle stand dem hochkarätigen Paro-Fachausschuss vor. 

Die FDI lädt vereinbarungsgemäß immer nur ein Viertel der Referenten ein, drei Viertel stellt der lokale Veranstalter, hier also die Argentinier. 

Jedes Mitglied im Ausschuss macht zu den einzelnen Themenblöcken Vorschläge, anschließend gibt es ein internes Ranking. Ich denke, wir haben hervorragende Referenten nach Buenos Aires eingeladen.

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