Blick auf die Zahlen

Konzentration aufs Implantat

Fremdinvestoren behaupten gerne, ohne sie stünde die ländliche Versorgung vor dem Aus. Die Wahrheit ist: Neun von zehn der derzeit am Markt befindlichen 75 Investoren-Z-MVZ sind in Regionen angesiedelt, in denen die Bevölkerung über ein überdurchschnittlich hohes Medianeinkommen verfügt. Höhere Fallwerte und Gesamtkosten je Fall im KCH-Bereich, mehr Neuversorgungen und dafür weniger Wiederherstellungen bei ZE kennzeichnen das Abrechnungsgeschehen.

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) hat ihre Zahlen zu Z-MVZ akualisiert. Ihre Arbeit wird dadurch erschwert, dass die Eigentumsverhältnisse der beteiligten Investoren oft sehr intransparent sind. Adobe Stock_Audrey Design

Aktuelle Zahlen der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV, Stand: 20. Dezember 2018) belegen: Alleine im 3. Quartal 2018 sind drei neue Großinvestoren in den deutschen Dentalmarkt eingestiegen – gerade Private-Equity-Gesellschaften investieren massiv. Die Wachstumsrate ist somit erheblich höher als es die eher konservativen Prognosen der KZBV bisher vermuten ließen. 

Alle Fremdinvestoren schließen spätestens in diesem Jahr die Phase des Markteintritts ab und bauen ihre Präsenz massiv aus. Mit dem Ziel, sich Anteile zu sichern und diese dann für den Aufbau von Ketten zu nutzen – was unmittelbar auf die durchschnittliche Größe einer Kette durchschlägt. Von den derzeit vier Z-MVZ-Ketten in Deutschland mit zehn Standorten oder mehr sind schon jetzt zwei im Besitz von Fremdinvestoren. Experten gehen davon aus, dass innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre alle Betreiber über Netzwerke verfügen, die weit jenseits dieser Größenordnung liegen. 

Die Fremdinvestoren-Z-MVZ sind regional stark konzentriert und siedeln sich vor allem in Großstädten, Ballungsräumen und einkommensstarken ländlichen Regionen an. Diese nach wie vor sehr dynamische Entwicklung hat entsprechend negative Auswirkungen auf die wohnortnahe, flächendeckende Versorgung: In Kombination mit dem demografischen Wandel des Berufsstands sind Engpässe in ländlichen und strukturschwachen Gebieten geradezu programmiert. Die Zahntechniker sind von dieser Entwicklung ebenfalls massiv betroffen: Auch sie bewerten diese Entwicklung– ebenso wie die Dentalindustrie – äußerst kritisch.

Das Krankenhaus bleibt das Tor

In anderen europäischen Ländern ist die Kommerzialisierung der zahnärztlichen Versorgung schon viel weiter fortgeschritten. Nicht ohne Grund äußerte der Dachverband der europäischen Zahnärzte (Council of European Dentists, CED) seine Sorge über die Sicherheit der Versorgung: Extreme Negativbeispiele aus Spanien, Großbritannien und Frankreich zeigen, was Patienten blühen kann, wenn die Rendite regiert. 

Unübersehbar ist auch, dass die durch das GKV-Versorgungsstrukturgesetz von 2011 erfolgten Änderungen zum Ausschluss versorgungsfremder Investoren, bei denen Kapitalinteressen im Vordergrund stehen, ins Leere laufen. So stellt das Krankenhaus immer noch ein beliebtes Zugangstor zum Markt dar. Die mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz eingeführte Zulassung von arztgruppengleichen MVZ in der zahnärztlichen Versorgung 2015 begünstigte weiterhin die oligopolartigen Marktstrukturen wie auch eben jene besonders finanzkräftigen Investoren, die das vier Jahre zuvor beschlossene GKV-Versorgungsstrukturgesetz eigentlich explizit vom MVZ-Markt auszuschließen beabsichtigte. 

Marktanalysten empfehlen: „High-End-Services“

Rund um die eigenen Strukturen werden Satellitenpraxen beziehungsweise Praxis-Netzwerke gebildet, zum einen um ein Zuweisernetzwerk für das eigene spezialisierte Flagschiff-Z-MVZ zu schaffen und zum anderen weitere potenzielle Übernahmepraxen zu generieren. Darüber hinaus werden eigene Dentallabore gegründet oder bestehende Labore übernommen, die zentral für die Versorgung sowohl des Netzwerks als auch der eigenen Z-MVZ sorgen sollen. Teils werden übliche Fortbildungsangebote für die Mitarbeiter zentralisiert und offensiv beworben. Derartige Strukturen sind für die Betreiber auch deshalb unabdingbar, weil sie ja einen vermeintlich zusätzlichen Mehrwert für besonders renditeträchtige Übernahmekandidaten bieten und als Investor besonders attraktiv erscheinen wollen. Schließlich gilt es, die Kette mit besonders konkurrenzstarken Praxen zu erweitern – und es wäre doch schade, wenn man diese „Cashcows“ an die Konkurrenz verliert. Der Kettenausbau erfolgt alsdann kontrolliert in weitere Regionen, wo neue sogenannte Z-MVZ-Hubs oder Flagschiffpraxen und Satelliten gegründet werden. Diese Marktkonsolidierung findet kontinuierlich, teilweise nacheinander oder auch parallel statt.

 

| Quelle: KZBV

Doch wie bestimmen diese von Investmentfirmen gegründeten oder aufgekauften Z-MVZ das Versorgungs- und Leistungsgeschehen? Die KZBV-Analysen ergaben: Sie konzentrieren sich am Anfang der Expansion meist auf möglichst gewinnbringende Leistungsbereiche wie die Implantologie. Beratungsgesellschaften wie zum Beispiel Clairfield International empfehlen in Marktanalysen ihren Kunden explizit eine Konzentration auf „High-End-Services“, also kostenintensive Leistungsbereiche wie die Implantologie. Hier steht die Renditenmaximierung, nicht die Patientenorientierung im Vordergrund.

Höhere Fallwerte und Gesamtkosten

Eine Untersuchung der KZBV zum Abrechnungsverhalten der Z-MVZ im Vergleich zur Einzelpraxis und BAG für das 1. Halbjahr 2018 (Stand 20. Dezember 2018) zeigt, dass die Z-MVZ insgesamt erheblich höhere Fallwerte und Gesamtkosten je Fall im Leistungsbereich konservierende und chirurgische Leistungen (KCH-Bereich) aufweisen. Im Bereich Zahnersatz (ZE) werden relativ mehr Neuversorgungen und dafür weniger Wiederherstellungen erbracht, was auf eine verstärkte Orientierung hin zu kostenintensiveren Behandlungen – unter Einbeziehung von Mehrkostenleistungen – hindeutet. Dass zeigt sich auch in den höheren GOZ-Kosten je Behandlungsfall in Z-MVZ gegenüber den anderen Praxisformen. 

Neuversorgung statt Wiederherstellung

Die Abrechnungsdaten Investoren-geführter Zentren im Vergleich zu den übrigen Z-MVZ erhärten die Vermutung, dass eine solche Strategie tatsächlich auch umgesetzt wird. So sind signifikante Unterschiede im Abrechnungsverhalten festzustellen – insbesondere im Bereich ZE, wo bei den Investoren-gesteuerten Z-MVZ ein Abrechnungsschwerpunkt zu erkennen ist. Auffällig sind zudem stark erhöhte KCH-Fallwerte, die bei Z-MVZ allgemein schon oberhalb der Vergleichswerte von Einzelpraxen und BAGs liegen, ein leicht erhöhter Anteil des GOZ-Honorars am Gesamtbetrag für Zahnersatz sowie eine höhere Abrechnungsintensität bei ZE-Neuversorgungen (insbesondere bei Einzelkronen und Brückenversorgungen). Eine bislang im Vergleich zu den übrigen Z-MVZ nochmals stärker ausgeprägte Tendenz zur Niederlassung in überversorgten Regionen mit überdurchschnittlich hohem Einkommen spricht ebenfalls für eine stärkere Renditeorientierung Investoren-geführter Z-MVZ.

Die größten MVZ-Ketten in Deutschland
Lfd. Nr.NameAnzahl der Standorte
1Dr. Z23
2MVZ-Gruppe Dr. Eichenseer13
3DDent MVZ GmbH12
4MVZ-Gruppe Dr. Hansen 11
5Fair Doctors8
6Dres. Tausend & Hirschmann7
7Meindentist
8Zahnstation GmbH6
9Dencia/MVZ Sachsen Praxen & Kollegen 5
10Dr. Markus Stredicke & Kollegen 5
11Dr. Masur & Kollegen 5
12Kieferorthopädicum MVZ GmbH5
13Par Aixcellence5
Quelle: KZBV

Konzentriert auf Citys und Ballungsräume

Aber was ist mit dem vermeintlichen Argument, das versorgungsfremde Investoren stets anführen: Eine räumliche Konzentration auf Großstädte und Ballungsräume würde durch sie nicht stattfinden? Insbesondere auf dem Land würden ihre Z-MVZ die Versorgung sicherstellen, ohne sie wäre die ländliche Versorgung in Zukunft gar nicht aufrechtzuerhalten. Vielmehr würde bewusst in ländliche Regionen investiert, auch weil dies ökonomisch Sinn mache. Schließlich sei pro Behandler eine viel größere Anzahl von potenziellen Patienten zu versorgen, das Marktpotenzial weitaus attraktiver. 

Die bisherigen Strukturdaten zu Investoren-geführten Z-MVZ belegen diese Behauptungen freilich nicht. Im Gegenteil: Die 75 Z-MVZ, die sich derzeit in der Hand von Groß- und Finanzinvestoren befinden, verteilen sich fast ausschließlich auf Großstädte und Ballungsräume. Dabei fällt die Konzentration auf gut bis sehr gut versorgte Regionen noch stärker aus, als dies ohnehin schon bei der Betrachtung über alle Z-MVZ der Fall ist. Insgesamt 86,7 Prozent der zahnärztlichen Investoren-MVZ finden sich im städtischen Bereich. Betrachtet man den gesamten Z-MVZ-Markt entfallen „nur“ knapp 81 Prozent auf Städte. 

Dort angesiedelt, wo das Geld sitzt

Noch extremer fällt die Konzentration bei der Verteilung der Z-MVZ nach Medianeinkommen ins Auge. Ganze neun von zehn (89,3 Prozent) aller Investoren-Z-MVZ sind in Regionen angesiedelt, in denen die Bevölkerung ein überdurchschnittliches Medianeinkommen erzielt. Zum Vergleich: Über alle Z-MVZ sind dies 78,9 Prozent. Kombiniert man die Stadt/Land-Verteilung und das Medianeinkommen (hoch/niedrig), stellt man fest, dass gerade einmal 5,3 Prozent der zahnärztlichen Investoren-MVZ in ländlichen Bereichen mit niedrigem Medianeinkommen liegen – also in strukturschwachen Gebieten, in denen am ehesten Engpässe und Unterversorgung drohen. Bei der Gesamtheit aller Z-MVZ sind dies immerhin noch 11,8 Prozent. Umgekehrt liegen 81,3 Prozent aller Investoren-Z-MVZ in städtischen Bereichen mit hohem Medianeinkommen. Bei der Verteilung der Investoren-Z-MVZ bezogen auf die entsprechenden (Bedarfs-)Planungsbereiche, ergibt sich das folgende Bild: Über 84 Prozent liegen in gut bis sehr gut versorgten Planungsbereichen.

Milliardenschwere Fremdinvestoren haben den deutschen Dentalmarkt für sich entdeckt. Was passiert, wenn Dentalketten die Versorgung übernehmen.

22600422259770225977122597722243963 2260043 2259775
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare