Die klinisch-ethische Falldiskussion

Ist der Zahntechniker der verlängerte Arm des Zahnarztes?

„Zahntechniker/innen fertigen und reparieren festsitzenden und herausnehmbaren Zahnersatz sowie zahn- und kieferregulierende Geräte.“ So steht es geschrieben (etwa bei berufenet.de). pixs4u – stock.adobe.com

Kommentar von Dr. Gero Kroth

Beide Parteien haben sich rechtlich und moralisch falsch verhalten! 

Im vorliegenden Fall hat der Zahntechniker M. im Auftrag des Zahnarztes Dr. W. Nachbesserungen an einem noch nicht eingegliederten Zahnersatz vorgenommen. Solange diese Nachbesserungen außerhalb des Mundes der Patientin vorgenommen wurden, ist dies eine völlig normale Situation in einem oftmals sehr komplexen Behandlungsablauf. Zahntechniker M. hat diesen Zahnersatz danach jedoch in seinem Labor, außerhalb der Praxis und ohne dass der Zahnarzt zugegen war, definitiv eingegliedert. 

Es gilt, zwei verschiedene Perspektiven zu vertreten: 

1. Zahnarzt Dr. W. hat Praxisaufgaben zur Optimierung seiner betriebswirtschaftlichen Abläufe an den Zahntechniker delegiert. Er hat damit gegen standesrechtliche Normen verstoßen.

2. Zahntechniker M. hat eine prothetische Arbeit im Mund der Patientin – im Auftrag des Zahnarztes Dr. W., aber ohne dessen Anwesenheit und außerhalb der Praxisräume – definitiv eingegliedert. Auch aus dieser Perspektive wurde gegen berufsrechtliche Normen verstoßen. 

Aus der Fallschilderung geht nicht klar hervor, ob Dr. W. sich der Normverletzung bewusst war, es muss aber festgestellt werden, dass er es hätte wissen müssen.

Zahntechniker M. ist sich seines Fehlverhaltens bewusst. Er weiß, dass er rechtliche Normen nicht beachtet hat, erklärt den Verstoß jedoch mit dem Konkurrenzdruck unter den Zahntechnikern. Darüber hinaus ist ihm auch klar, dass er einen Schaden für die Patientin billigend in Kauf genommen hat, indem er, ohne über die notwendige fachliche Qualifikation und die rechtliche Legitimation zu verfügen, zahnärztliche Leistungen erbracht hat.

Zahnarzt Dr. W. hat Zahntechniker M. angewiesen, die fragliche Arbeit während seiner Abwesenheit fertigzustellen und einzusetzen. Offensichtlich hat M. dem Auftrag nicht widersprochen, so dass aus Dr. W.s Sicht nichts dagegensprach, in den Urlaub zu fahren.

Zahntechniker M. sah sich der Bitte von Zahnarzt Dr. W. ausgesetzt, die bewusste Arbeit fertigzustellen. Ihm war zwar klar, dass diese Vorgehensweise nicht den gültigen Normen entsprach, aber solche Leistungen gehörten in seinem Umfeld nun mal zum „Service“, den ein Labor heutzutage zu erbringen hat, um sich bei zunehmendem Konkurrenzdruck auf dem Markt zu behaupten.

Folgende ethische Probleme und Fragestellungen lassen sich herausarbeiten:

1. Darf ein Zahnarzt originäre zahnärztliche Behandlungsmaßnahmen an seinen Zahntechniker – aus welchen Gründen auch immer – delegieren, unabhängig davon, ob der Zahntechniker dazu technisch in der Lage ist?

2. Warum haben beide Parteien bewusst gegen Konventionen verstoßen?

3. Müsste der Verstoß anders gewertet werden, wenn die Patientin zufrieden gewesen wäre?

Zu 1.: Durch seine besonderen Berufspflichten darf ein Zahnarzt zahnmedizinische Leistungen nicht an Zahntechniker übertragen. Dr. W. hat das ihm von seiner Patientin entgegengebrachte Vertrauen zu rechtfertigen, wonach alle Regelungen zum Schutz ihrer Gesundheit eingehalten werden, auch wenn sie darüber im Einzelfall keine Kenntnis hat. Das entspricht dem Nichtschadensgebot (Non-Malefizienz) und dem Wohltunsgebot der Prinzipienethik nach Beauchamp und Childress.

Zu 2.: Zahnarzt Dr. W. hat von einer Möglichkeit Gebrauch gemacht, die ihm einen deutlichen wirtschaftlichen und organisatorischen Vorteil verschafft. Er hat das Vertrauen seiner Patientin missbraucht, indem er Leistungen auf nicht dafür qualifiziertes Personal übertrug, wobei er allerdings das Selbstbestimmungsrecht vordergründig beachtet hat, da er seine Patientin über diese Delegierung unterrichtet hat und diese einverstanden war.

Zahntechniker M. hat sich dem Konkurrenzdruck gebeugt und wirtschaftliche Zwänge über rechtliche Beschränkungen gestellt. Medizinethische Prinzipien werden hier allerdings weniger berührt als wirtschaftsethische Regeln. Beide Parteien haben ihr Eigeninteresse über das Interesse der Patientin gestellt.

Zu 3.: Unabhängig von einem zu erwartenden oder eingetretenen Schaden muss der Zahnarzt alle Regeln der zahnmedizinischen Berufsausübung befolgen. Da von seinen Patienten nicht erwartet werden kann, dass sie diese Regeln kennen, müssen sie sich auf ihren Zahnarzt verlassen können. Dieses Abhängigkeitsverhältnis bedingt eine besondere Fürsorgepflicht vonseiten des Zahnarztes, was die Zurückstellung eigener Interessen hinter den Wunsch und Willen des Patienten bedeuten kann.

Arbeitskreis Ethik

Der Arbeitskreis verfolgt die Ziele:

  • das Thema „Ethik in der Zahnmedizin“ in Wissenschaft, Forschung und Lehre zu etablieren,
  • das ethische Problembewusstsein der Zahnärzteschaft zu schärfen und 
  • die theoretischen und anwendungsbezogenen Kenntnisse zur Bewältigung und Lösung von ethischen Konflikt- und Dilemmasituationen zu vermitteln.

www.ak-ethik.de

Beide Parteien haben sich sowohl rechtlich als auch moralisch falsch verhalten. Der Umstand, dass die Übertragung von zahnärztlichen Aufgaben an Zahntechniker weit verbreitet ist, macht aus einem Fehlverhalten kein Wohlverhalten. Unabhängig davon, ob der Patientin ein direkter Schaden entstanden ist, haben beide das Vertrauen der Patientin missbraucht, indem sie gegen ihnen bekannte Regeln zum eigenen Vorteil verstoßen haben.

Die Lösung eines solchen Problems kann nur darin bestehen, dass Zahnarzt und Zahntechniker sich ihrer besonderen Verantwortung den Patienten gegenüber bewusst werden und darüber auch miteinander sprechen. Die Patientin in diese Diskussion einzubeziehen, würde deren Vertrauen in die jeweiligen Behandler stören beziehungsweise zerstören. Gründe für die Übertragung von zahnärztlichen Aufgaben an den Zahntechniker sollten lediglich organisatorischer, keinesfalls aber wirtschaftlicher oder fachlicher Natur sein und betreffen ausschließlich das Innenverhältnis zwischen Zahnarzt und Zahntechniker. Die Patienten sind für die ökonomische Zwangslage des Zahntechnikers nicht verantwortlich. Die Aufgabe des Zahntechnikers ist hier nicht die Aufklärung oder gar Empfehlung an einen anderen Zahnarzt, sondern lediglich die Unterlassung der unzulässigen Tätigkeit. Er kann sich seiner Pflicht, den Auftrag abzulehnen, nicht entziehen. Auch dann nicht, wenn es dadurch zum Verlust eines Kunden käme. Die jeweilige Innung und die zuständige Zahnärztekammer einzubeziehen, ist zweifellos möglich, ein persönliches Gespräch zwischen Zahnarzt Dr. W. und Zahntechniker M. aber sicherlich zielführender. 

Aufruf

Schildern Sie Ihr Dilemma!

Haben Sie in der Praxis eine ähnliche Situation oder andere Dilemmata erlebt? Schildern Sie das ethische Problem – die Autoren prüfen den Fall und nehmen ihn gegebenenfalls in diese Reihe auf.

Kontakt: Prof. Dr. Ralf Vollmuth
vollmuth@ak-ethik.de

Letztlich bleibt festzustellen, dass der Verstoß gegen gültige Rechtsnormen oder Konventionen auch dann falsch gewesen wäre und damit nicht anders bewertet werden kann, wenn der implantatgetragene herausnehmbare Zahnersatz im Oberkiefer zur Zufriedenheit der Patientin eingegliedert worden wäre.

Ein echtes ethisches Dilemma besteht letztlich nur dann, wenn die zur Verfügung stehenden Alternativen gleichermaßen negative Folgen hätten. Das Recht der Patienten auf maximalen Schutz vor negativen Folgen einer Behandlung ist höher zu bewerten als das Recht des Zahntechnikers auf wirtschaftlichen Erfolg.

Dr. Gero Kroth
Habichtweg 7, 50859 Köln
mail@DrKroth.de

Richtig oder falsch? Ein Behandlungsplan ist nicht in Stein gemeißelt. Auf dem Weg zu einer konsentierten Therapieplanung liegen dennoch oftmals viele Stolpersteine, die alle Beteiligten gemeinsam aus dem Weg schaffen sollten.

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