Conseuro 2019

Karies minimal- und nicht-invasiv behandeln

Prof. Dr. Sebastian Paris, Charité-Universitäts‧medizin Berlin, Tagungspräsident und Präsident der EFCD DGZ

Randspalt oder Chipping? Reparaturen im Sinne der Zahnerhaltung

Frau Prof. Marie-Charlotte Huysmans erklärte in ihrem Vortrag über Karies an Restaurationsrändern, dass Behandler allein aufgrund eines Spalts nicht auf das Vorhandensein von kariös erweichtem Dentin unter der Restauration schließen könnten [Kidd et al., 1994, 1995, 1996]. Sie stellte eine Studie aus dem Jahr 2018 vor, in der niedergelassene Kollegen und Experten Sekundärkaries diagnostizieren und Behandlungsvorschläge machen sollten. Herrschte bei der Diagnosestellung noch weitestgehend Einigkeit, wollten die niedergelassenen Zahnärzte doppelt so häufig die Restaurationen austauschen wie die Experten [Signori et al., 2018]. So sei die Sekundärkaries weniger ein Problem einer schwierigen Diagnosestellung. Huysmans sieht die Gefahr eher in der Überbehandlung.

So komme der Reparatur von teilweise defekten Restaurationen immer mehr Bedeutung zu – sowohl unter dem Aspekt der Zahnhartsubstanz-Schonung als auch unter Kostenaspekten.
Prof. Reinhard Hickel sprach über klinische Restaurationen mit Schwachstellen und zeigte in seinem Vortrag vier Entscheidungsoptionen für das weitere Vorgehen: Beobachten, Rekonturieren und Polieren, Reparieren (durch Einbringen von neuem Material) oder eine Neuanfertigung. Laut einem Review aus diesem Jahr [Kanzow et al., 2019] gibt es 84 Studien mit 71 Reparatur-Regimes. Generell werde darin empfohlen, die Oberfläche aufzurauen, Silikatkeramiken außerhalb des Mundes mit Flusssäure zu ätzen und ein Adhäsiv aufzutragen.

Für Frontzähne könnten Füllungsreparaturen ebenfalls ausreichen. Die Vorteile seien ein geringerer Verlust an Zahnhartsubstanz und eine kürzere Behandlungszeit als bei einem Austausch der Restauration [Van de Sande et al., 2019]. 

PD Dr. Falk Schwendicke, Charité-Universitätsmedizin Berlin, erläutert anhand eines Flussdiagramms die Entscheidungskriterien, zu welchem Zeitpunkt Zahnärzte in kariöse Prozesse eingreifen sollten. | DGZ

Prof. Dr. Rainer Haak, Universitätsklinikum Leipzig, forderte verbesserte bildgebende Verfahren. | DGZ

Postendodontische Versorgung im Seitenzahnbereich

Für endodontisch behandelte Prämolaren und Molaren wies Prof. Marco Ferrari aus Italien auf die Bedeutung einer Höckerüberkupplung und den Fassreifeneffekt hin, also die Präparation bis mindestens 2 mm in der natürlichen Zahnsubstanz.
Auch Direkt-Versorgungen postendodontischer Zähne seien denkbar, allerdings nur bei jungen Patienten, wenn noch viel Zahnhartsubstanz vorhanden sei – entscheidend sei hier das koronale Dentin. Ferner müsse noch ausreichend viel Schmelz zum Anätzen für eine adhäsive Versorgung zur Verfügung stehen. Prof. Ferrari zeigte, dass individuell angefertigte CAD/CAM-Stifte präziser im Wurzelkanal sitzen als vorgefertigte. Dadurch sei die Fuge des Einsetzmaterials nur sehr schmal. Zum Schluss verwies er auf eine Studie von Belleflamme et al., 2017, die nahelegt, auf wurzelgefüllte Molaren oder Prämolaren besser eine Endokrone zu zementieren (adhäsiv) als einen Stift zu setzen. Denn die Überlebensrate dieser Kronen lag in der vorgestellten Studie bei 99, die Erfolgsrate bei etwa 90 Prozent. Dieses Vorgehen sei besonders bei hohem koronalem Zahnhartsubstanzverlust und okklusalen Risikofaktoren wie zum Beispiel Bruxismus geeignet. Zudem sei es einfach und minimal invasiv.

10-MDP (10-methacryloyloxy-decyl-dihydrogen-phosphate). Die Phosphorsäure-Ester-Seite (blau) bindet ionisch an das Kalzium des Hydroxylapatits auf Zahnseite (Schmelz und Dentin). Die Methacrylat-Seite (gelb) interagiert mit der Restauration, zum Beispiel mit Zirkoniumoxid. Die Carbon-Brücke in der Mitte hält die beiden Gruppen auf Abstand und erzeugt ein hydrophobes Umfeld. | Bart van Meerbeek

Prof. Marco Ferrari von der Universität Siena, Italien, referierte über postendodontische Versorgungen | DGZ

Prof. Dr. Frauke Müller, Leiterin der Division für Gerodontologie und abnehmbare Prothetik der Universität Genf erläuterte die Herausforderungen im Umgang mit älteren Patienten. | DGZ

Prof. Lars Bjørndal, Direktor der Klinik für Kariologie und Endodontologie an der Universität zu Kopenhagen | DGZ

Alterszahnheilkunde im Fokus

Auch am Tag zwei der Conseuro fand sich ein großer Zuhörerkreis ein, um den Erläuterungen der internationalen Referenten zu den verschiedenen Herausforderungen im Umgang mit älteren Patienten und der Erhaltung von deren eigenen Zähnen zu folgen. Denn laut 5. Deutscher Mundgesundheitsstudie sank der DMFT-Wert bei den jüngeren Senioren (65–74 Jahre) von 22,1 im Jahr 2005 auf 17,7 im Jahr 2014.
Prof. Frauke Müller aus der Schweiz erläuterte, wie sich das orofaziale System im Alter verändere. Beispielsweise seien die Reizschwelle zur Stimulation der Muskeln und die Leitungsgeschwindigkeit der Nerven herabgesetzt, außerdem die mechanischen Eigenschaften der Schleimhaut. Die Zähne seien nicht mehr so elastisch und widerstünden Traumen daher schlechter. Sie reagierten zudem weniger deutlich auf Kältereize. Doch das Kausystem ist gerade für ältere Menschen sehr wichtig, denn sie sollten in der Lage sein, sich gut zu ernähren. Ein höherer BMI (25,01 bis 28) ist bei alten Menschen assoziiert mit einer reduzierten Morbidität und Mortalität [Weiss et al., 2008]. So kommt den Zahnärzten schon heute und verstärkt in der Zukunft eine wichtige Rolle zu. Denn die Menschen werden mit immer mehr eigenen Zähnen alt und wollen diese Zähne gerne erhalten. Zahnärzte treffen dabei auf folgende Gemengelage: eingeschränkte Mobilität, Multimorbidität, Einnahme vieler verschiedener Medikamente, Xerostomie, psychologische Einschränkungen aufgrund von Depression, Demenz oder Alzheimer. Ist der alte Mensch noch zur Zahnpflege zu motivieren? Was kann er oder das Betreuungspersonal leisten? Welche zahnärztlichen Behandlungen sind ihm zumutbar? Manchmal sind rechtliche Fragen zu klären, wenn pflegebedürftige, ältere Menschen einen Betreuer haben.

Doch gerade die Mundhygiene ist für alte, hospitalisierte Menschen enorm wichtig. Gerade sie sind sehr anfällig für Lungenentzündungen und versterben nicht selten daran. Prof. Müller stellte eine Studie vor, nach der in einem von zehn Fällen ein Versterben an einer Lungenentzündung bei hospitalisierten Patienten durch bessere Mundhygiene hätte verhindert werden können [Sjögren et al., 2008]. All diesen Herausforderungen begegnen Behandler am besten über einen individuellen, präventiv ausgerichteten Mundhygiene-Plan. Denn nicht zuletzt ist die orale Gesundheit ein Zeichen von Lebensqualität.
Prof. Avijit Banerjee vom Kings College aus London forderte in seinem Vortrag eine „Minimally invasive dentistry“ für ältere Menschen. Aktive Kariesläsionen könnten versiegelt und damit „geheilt“ werden. Restliche Dentinkaries könne unter einer Sealing-Schicht belassen werden. Ein invasives Vorgehen mit kompletter Kariesexkavation und definitiver Versorgung sei für alte Menschen oft nicht zu empfehlen. Dazu führte er in seinem Vortrag rund 20 Untersuchungen an, die dies belegten.
Prof. Meyer-Lückel aus Bern führte in seinem Vortrag aus, dass die Prävalenz von Wurzelkaries steige. Auch er plädierte dafür, dem mit – wenn möglich – nicht-invasiven Behandlungen zu begegnen. Zum Beispiel ist die tägliche Anwendung von 5000 ppm Fluorid-Zahnpasta geeignet, Wurzelkaries in ihrer Progression zu stoppen und deren Oberfläche zu härten [Wierichs und Meyer-Lückel, 2016]. Ebenso ist die Anwendung von Silberdiaminfluorid zur Arretierung der Karies erfolgversprechend [Wierichs und Meyer-Lückel, 2016].

Dr. med. dent. Kerstin Albrecht
Medizin-/ Dentaljournalistin
Düsseldorf
E-Mail: albrecht@sanustext.de
 

Das schrittweise Exkavieren der Karies

  • Entfernung von kariös erweichtem Dentin von peripher nach zentral. Ein Rest an weichem, kariös verändertem Dentin wird pulpanah belassen, um eine Eröffnung zu vermeiden (= selektives Exkavieren). Dieses kariöse Restdentin wird mit Calciumhydroxid abgedeckt. Im Anschluss wird für etwa zwölf Monate eine Glasionomerzement-Füllung gelegt.

  • Nach sechs bis zwölf Monaten wird das restliche kariöse und inzwischen erhärtete Dentin vollständig entfernt. In aller Regel sollte sich nach dieser Zeit eine Schicht von Tertiärdentin an der Stelle gebildet haben. Dadurch kann in vielen Fällen erneut eine Pulpaeröffnung vermieden werden. Im Anschluss wird eine definitive Füllung gelegt.  

Bedingungen für dieses Vorgehen:
1. Der Patient ist weitestgehend schmerzfrei, insbesondere existiert kein persistierender und kein Nachtschmerz.
2. Der Zahn ist vital und erhaltungswürdig.
3. Es gibt keine apikale Aufhellung an dem betroffenen Zahn auf dem Röntgenbild.

Quelle: Lars Bjørndal

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