Fünf Zahnärzte berichten

Das bewegen wir in der FDI!

Der Weltzahnärzteverband FDI mit Sitz in Genf wurde im Jahr 1900 als Fédération Dentaire Internationale von Charles Godon und fünf weiteren Zahnärzten in Paris gegründet. Mittlerweile umfasst er mehr als 150 nationale Mitgliedsverbände in mehr als 130 Ländern, die zusammen fast 1 Million Zahnärzte vertreten. Doch was passiert dort eigentlich? Fünf deutsche Zahnärzte berichten.

Dr. Michael Frank, Lampertheim, Präsident der europäischen Regionalorganisation (ERO) des Weltzahnärzteverbandes FDI:

Sie haben zum ersten Mal als Präsident die Sitzung der ERO geleitet. Welche Ziele haben Sie sich bezüglich einer Neuorganisation gesteckt – und waren Sie erfolgreich?
Dr. Michael Frank: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass die Ziele, die man sich als neuer Präsident einer Organisation wie der ERO steckt, gemeinhin nicht im Rahmen einer ersten Sitzung zu erreichen sind. Eines meiner Ziele ist es, die ERO und das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die sehr ähnliche Strukturen aufweisen, stärker aneinander anzunähern. Dass Bestrebungen dieser Art von einer breiten Mehrheit mitgetragen werden, ist aber bereits nach der letzten Zusammenkunft beim FDI-Jahreskongress in San Francisco erkennbar und betrifft nicht nur die ERO als Teil der FDI, sondern die FDI als Ganzes. So haben wir uns als FDI dem Code of Practice zur ethischen Rekrutierung von Gesundheitskräften der WHO angeschlossen. Dies ist ein erfolgreicher Schritt und ganz im Sinne meiner persönlichen Ziele, aber ein Schritt, den wir gemeinsam gehen und den ich nicht allein mache.

Welche Ziele verfolgen Sie als Präsident für die ERO in den nächsten zwei Jahren?
 Mein Ziel ist, den Einfluss der deutschen Delegation in der ERO und der europäischen Zahnärzteschaft auf die internationale Gesundheitspolitik zu stärken und ausbauen. Aus deutscher Sicht sind der Erhalt von Freiberuflichkeit und Selbstverwaltung und die Sicherung der hohen Standards in Deutschland die oberste Direktive. Wir alle sehen die eindeutigen Tendenzen zur Aufweichung der nationalen Beschränkungen der Berufsausübung. Brüssel möchte einen funktionierenden Binnenmarkt mit größtmöglicher Freizügigkeit und leistet hierfür einer Nivellierung der Standards Vorschub. Dies kann aber nicht in unserem Sinne sein. Hier müssen wir gegensteuern, im Interesse der Zahnärztinnen und Zahnärzte aber natürlich auch der Patientinnen und Patienten. Wir wollen die Messlatte nicht tiefer, sondern höher hängen; einheitliche Qualitätsstandards für die Aus- und Weiterbildung in der Zahnmedizin gehören dazu. Langfristig ist die Verwirklichung dieses Anspruchs im Sinne aller Mitgliedsstaaten der ERO. Diese Ziele innerhalb der Europäischen Union zu realisieren ist natürlich die vorrangige Aufgabe des CED, des Council of European Dentists. Das CED fungiert als politische Vertretung der Zahnärzteschaft in den europäischen Mitgliedsstaaten.

Welchen Einfluss hat die ERO auf die FDI-Generalversammlung?
Unter den verschiedenen Regionalverbänden unter dem Dach der FDI zählt die ERO hinsichtlich ihrer Struktur und Organisation zu den besten. Dies macht unser Handeln effizient und gibt uns Gelegenheit, die europäischen Anliegen und Vorschläge in Gremien wie die Generalversammlung einzubringen, dass wir gehört und verstanden werden. Was die Richtlinien, Zielsetzungen und Verlautbarungen des Weltverbandes der Zahnärzte angeht, sind dies jedoch immer gemeinschaftlich getroffene Entscheidungen einer demokratisch aufgebauten Organisation, die viele regionale Untereinheiten mit besonderen Bedürfnissen in sich vereinigt.

 

Dr. Jürgen Fedderwitz, Wiesbaden, Vorsitzender des Fortbildungsausschusses (Education Committee):

Sie haben als Vorsitzender des Education Committees der FDI am wissenschaftlichen Programm mitgearbeitet. Was war diesmal besonders?
Dr. Jürgen Fedderwitz: In San Francisco fand der FDI-Kongress gemeinsam mit der American Dental Association (ADA) statt. Die rund 30.000 Teilnehmer sind für die ADA nicht überraschend. Während wir sonst in anderen, kleineren Ländern bei unseren FDI-Kongressen weniger Teilnehmer erwarten und die Referenten in fünf bis sieben Räumen parallel vortragen lassen, waren es in diesem Jahr rund 40 Räume. Das mussten wir als FDI, die wir ja wesentlich die internationalen Referenten auswählen und einladen, erst einmal stemmen.


Was hat Ihr Ausschuss in der Generalversammlung erreicht?
Zukünftig wird Fortbildung wesentlich mehr über digitale Konzepte und Angebote laufen. Das ist zum einen der Anspruch der Kolleginnen und Kollegen, aber auch für die FDI Pflicht und Chance zugleich. Das Education Committee der FDI gestaltet nicht nur den jährlichen Weltkongress, wir sind auch wesentlich für die kontinuierliche Fortbildung in Entwicklungs- und Schwellenländern verantwortlich. Da werden e-Learning-Programme mehr und mehr eine Rolle spielen. Die Generalversammlung hat dazu jetzt eine Grundpositionierung verabschiedet. Dazu nebenbei: Auf meinen Vorschlag hin haben wir hier in San Francisco ein e-Learning-Forum veranstaltet, dessen Ergebnisse die Basis für die künftige digitale Ausrichtung der FDI-Fortbildung sein sollen.

Was sind die nächsten Aufgaben bis Shanghai 2020?
Naja, wir werden im kommenden Jahr dieses Thema mit zwei geplanten Workshops weiter angehen und in ersten Schritten umsetzen. Der Kongress in Shanghai 2020 steht, die internationale Referentenliste ist inklusive der Zusagen der Referenten komplett. Ab Ende Oktober bereiten wir den FDI-World-Congress 2021 in Sidney vor.

 

Dr. Helfried Bieber, leitender Flottenzahnarzt der Bundeswehr, Vorsitzender der Section of Defence Forces Dental Services (SDFDS), die militärzahnärztliche Sektion der FDI:


Sie sind seit einem Jahr – also seit Buenos Aires – Vorsitzender der SDFDS – der militärzahnärztlichen Sektion der FDI. Skizzieren Sie Ihre Arbeit in diesem Jahr.

Dr. Helfried Bieber: Ich freue mich, dass ich als erster Deutscher zum Chair der SDFDS gewählt wurde und sehe dies auch als internationale Anerkennung der Leistungsfähigkeit und des Vertrauens, den die Zahnmedizin in der Bundeswehr weltweit im Einsatz genießt. Für mich steht die Zusammenarbeit auf Augenhöhe und das kollegiale „voneinander Lernen“ im Mittelpunkt. So ist für mich spannend zu sehen, wie ähnlich – bei allen gesellschaftlichen Unterschieden – die Herausforderungen der Zahnmedizin sind und Militärzahnärzte versuchen, im Sinne der zu versorgenden Soldaten Lösungsstrategien zu entwickeln. Hier sehe ich die SDFDS und mich als Chair als einen zentralen Dreh- und Angelpunkt.

Welche Themen liegen Ihnen am Herzen?
Mir liegen die Mundgesundheit der Soldatinnen und Soldaten im Einsatz wie deren adäquate zahnärztliche Versorgung besonders am Herzen. Hier sind wir Militärzahnärzte gefordert und haben sozusagen nicht nur den „Alleinvertretungsanspruch“, sondern auch die Verpflichtung, unter zum Teil schwierigen Bedingungen zahnärztliche Behandlung anzubieten und durchzuführen.
Im Erfahrungsaustausch mit anderen Nationen möchten wir hier eine noch bessere Betreuung der Soldaten erreichen. Die besonderen Bedingungen im Einsatz wie Stress, Klima, Unterbringung fordern und fördern neue Gedankengänge. So führen wir zum Beispiel wehrmedizinische Forschungsvorhaben aus dem Bereich der Prävention einsatzbedingter Verschlechterungen der Mundgesundheit von Soldaten durch. Oder denken Sie an die besonderen Lebensbedingungen in Gemeinschaftsunterkünften. Hier bekommt die Schnarchtherapie eine weitere noch größere Bedeutung.

Was kann die deutsche Bundeswehr für die Mundgesundheit in der Welt tun?
Die Mundgesundheit gehört tatsächlich nicht zu unseren Aufgaben, wir hätten dazu weder Kräfte noch Mittel. Wie in weiten Teilen der NATO wird auch in der Bundeswehr seit Jahren sehr erfolgreich ein zahnärztliches Risikoqualifizierungssystem in Form der sogenannten Dental Fitness Class (DFC) praktiziert und gelebt. Mir kommt es darauf an, diesen zielführenden Ansatz weltweit mit anderen Militärkollegen zu diskutieren und ihn als quasi natürlichen Anspruch jedes Soldaten weiterzugeben: Gesund beginnt im Mund!

Prof. Dr. Reinhard Hickel, München, ist im ständigen Ausschuss Wissenschaft (Science) aktiv und leitet das Dental Material Task Team:

Sie haben in San Francisco Ihre angekündigten Stellungnahmen zu „Repair of Restorations“ und zur Erstversorgung von Läsionen vorgelegt. Was haben Sie erreicht?
Prof. Dr. Reinhold Hickel: Beide Policy Statements wurden von der Generalversammlung angenommen. Bei der Erstversorgung von Läsionen gab es zwar vorab noch Widerstand aus den USA, sprich von der American Dental Association (ADA). Nach umfangreichen Gesprächen und einer minimalen Ergänzung – es ging um das Wort Silberdiaminfluorid – haben sie zugestimmt.


Gibt es Neues zum Umgang mit Amalgam zu berichten?
Einige Länder aus Afrika haben den Antrag gestellt, „Amalgam Phase-down“ zu verkürzen und in „Phase-out“ – Ausstieg – umzuwandeln. Die FDI bleibt letztlich bei ihrer Stellungnahme. Sicherlich wird Phase-down wie vorgesehen in den verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Wegen und Geschwindigkeiten durchgeführt.

Welche Projekte sind in Vorbereitung für Shanghai 2020?
Wir werden bis Shanghai ein Policy Statement zum Umgang mit lichthärtenden Kunststoffmaterialien erarbeiten, weil hier oft unbewusst viele Fehler gemacht werden.
Das übernehme ich. Weiterhin wird es um Nebenwirkungen von e-Zigaretten (vaping) gehen. Weitere Themen sind die Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte sowie die örtliche und systematische Anwendung von Antibiotika bei parodontalen Erkrankungen.

 

Dr. Michael Sereny, Hannover, Vorsitzender des Ausschusses Zahnärztliche Praxis (Dental Practice):

An welchen Projekten hat Ihr Ausschuss im Vorfeld von San Francisco gearbeitet?
Dr. Michael Sereny: Das Dental Practice Committee (DPC) war verantwortlich für die Stellungnahmen Malokklusion und Mundgesundheit (wie die Bedeutung der Kieferorthopädie für die Mundgesundheit; Gefahren der Selbst-Behandlung), Infektionsvermeidung und -kontrolle (Gesetze und Richtlinien nur in Zusammenarbeit mit der Zahnärzteschaft; angemessene Erstattung der Kosten) und ethische Grundsätze für die internationale Rekrutierung von Zahnärzten und zahnärztlichem Personal (etwa ausreichende Ausbildung im eigenen Land; Gesundheitssysteme in den Herkunftsländern nicht gefährden; Anforderung an die zugewanderten Zahnärzte). Wir haben an dem Endodontic Chairside Guide und am Projekt Partially Dentate (Teilbezahnte) mitgearbeitet. Außerdem war ich an den Stellungnahmen des Task Teams zahnärztliche Materialien, Reparatur von Restaurationen und Kariesläsionen und ihre erste restaurative Behandlung beteiligt.


Was hat der Ausschuss in der Generalversammlung erreicht?
Alle unsere Stellungnahmen wurden in San Francisco mit einer Zweidrittel-Mehrheit angenommen – ein Blick auf die Webseite der FDI lohnt sich (https://www.fdiworlddental.org ).

Was sind die nächsten Aufgaben bis Shanghai 2020?
Für 2020 stehen die Überarbeitungen der Stellungnahmen Aktion gegen die illegale zahnärztliche Berufsausübung und die Rolle des zahnärztlichen Teams an. Richtlinien für die Einführung eines Qualitätssystems und Hinweise für Nachhaltigkeit und Umweltschutz in der Zahnmedizin sollen ebenfalls erstellt werden.

Sie haben den Vorsitz abgegeben. Wie geht es für Sie bei der FDI weiter?
Nach drei Jahren habe ich den Vorsitz zwar satzungsgemäß abgegeben, aber bis 2020 bin ich noch an der Erarbeitung der Vision 2030 beteiligt, die dem Berufsstand die notwendigen Antworten auf die Veränderungen des beruflichen, sozialen und gesellschaftlichen Umfeldes aufzeigen soll. Bis 2021 bin ich außerdem im Beirat für die Validierungsstudie für das Adult Oral Health Standard-Set – einer Methode zur Messung der Mundgesundheit. Ob ich weiterhin den Vorsitz der Oral Health Observatory-Arbeitsgruppe führen werde, entscheidet der Rat der FDI und ob ich im nächsten Jahr für eine Position im Rat der FDI kandidieren soll, muss der Vorstand der BZÄK entscheiden. Die Arbeit in der FDI ist vielseitig, für die Kollegenschaft auch in Deutschland relevant, und ich würde mich gerne weiter einbringen.

Die Fragen stellte Anita Wuttke.

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