zm-Serie zum NS-Forschungsprojekt

Zahnärzte als Täter und Verfolgte im „Dritten Reich“

Das „Dritte Reich“ gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte. Rund 11.000 Zahnärzte waren zum Zeitpunkt von Hitlers Machtübernahme in Deutschland registriert – sie konnten von der weitreichenden Politik der Nationalsozialisten nicht unberührt bleiben1–4. Doch welche politische Rolle kam der Zahnärzteschaft zwischen 1933 und 1945 zu? Wer wurde zum Täter, wer verfolgt? Was sind die Kriterien für eine solche Einteilung und wo stoßen derartige Kategorien an Grenzen?

Selektion von neu angekommenen Juden an der „Todesrampe“ in Auschwitz, datiert auf Mai 1944 BArch, Bild 146–1984–020–17

Am 1. Januar 1934 waren im Deutschen Reich insgesamt 11.332 Zahnärzte gemeldet, darunter 1064 Personen, die von den Nationalsozialisten als Juden klassifiziert wurden. Das entscheidende Kriterium dabei war nicht die Religion, sondern die Abstammung, so dass unter den Verfolgten auch Protestanten, Katholiken und Menschen ohne Bekenntnis waren. Einige besaßen noch eine Zulassung zur Kassenpraxis.

Zweifelsfrei Verfolgte:

jüdische und politisch missliebige Zahnärzte
Rund 100 jüdische und jüdischstämmige Zahnärzte waren zu diesem Zeitpunkt bereits zwangsemigriert. Hieraus lässt sich schließen, dass der Anteil der jüdischen Behandler an der Zahnärzteschaft 1933 vor dem Machtwechsel bei immerhin rund 10 Prozent gelegen hatte.5 Sie sind ohne Zweifel als Verfolgte im Nationalsozialismus zu bezeichnen.

Analog zu den Ärzten waren beamtete Zahnärzte – darunter Hochschullehrer, an öffentlichen Häusern tätige Personen und Schulzahnärzte – bereits im April 1933 entlassen worden. Gleichzeitig entzog man „nicht-arischen“ Zahnärzten die Kassenzulassung. Ausnahmen gab es nur für wenige Personen, von denen die meisten im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst geleistet hatten. Dies bedeutete für viele über Nacht den wirtschaftlichen Ruin, der mit sozialer Ausgrenzung einherging.

Am 1. Januar 1938 gab es im gesamten Reichsgebiet nur noch 579 jüdische Zahnärzte, und bis zum 1. Januar 1939 ging ihre Zahl auf 372 zurück, von denen noch 250 eine Kassenzulassung besaßen. Zu diesem Zeitpunkt war die Gesamtzahl der Zahnärzte allerdings auf 15.006 angewachsen; demnach betrug der Anteil der Juden unter den zugelassenen Kassenzahnärzten gerade noch 1,6 Prozent.5-6 Infolge der „Achten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ vom 17. Januar 1939 wurde schließlich allen jüdischen Zahnärzten – vier Monate nach den Humanmedizinern – die Approbation entzogen.7 Nur eine sehr kleine Gruppe erhielt als „Zahnbehandler“ die Erlaubnis, die verbliebene jüdische Gemeinde in Deutschland zu versorgen.

Die Arbeitsgruppe um Matthis Krischel konnte zeigen, dass etwa zwei Drittel der verfolgten Zahnärzte aus Deutschland fliehen konnten. Die Emigration erfolgte häufig über mehrere Etappen; viele gingen zunächst in die Nachbarländer Deutschlands und mussten nach Kriegsbeginn erneut von dort flüchten. Die wichtigsten letztendlichen Zielländer waren die USA, Großbritannien und das britische Mandatsgebiet Palästina. Nur eine Minderheit konnte nach der Emigration wieder in ihrem Beruf arbeiten. Alternativen waren die Tätigkeit als Zahntechniker oder in ungelernten Berufen. Wer das Land vor Kriegsbeginn nicht verlassen hatte, war bald von der Deportation in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager bedroht. Etwa ein Viertel der verfolgten Zahnärzte erlitt dieses Schicksal. Nur wenige überlebten die Lager. Einige wählten den selbstbestimmten Suizid, um Schmähung, Misshandlung oder Deportation zu entgehen.

Neben der jüdischen Herkunft konnten aber auch andere Gründe dazu führen, dass Zahnärzte ins Fadenkreuz der Nationalsozialisten gerieten. Einige wurden bereits früh vom Beruf ausgeschlossen und zum Teil auch verhaftet, weil sie politisch als Sozialdemokraten oder Kommunisten in Erscheinung getreten waren. Später schlossen sich wenige Zahnärzte dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten an. Wer entdeckt wurde, war von Haft und Todesstrafe bedroht. Mehreren Zahnärzten wurden wegen ihrer sexuellen Orientierung der Doktorgrad und die Approbation aberkannt, in der Folge kam es in einigen Fällen zu Suiziden. Eine Zahnärztin wurde als psychiatrische Patientin Opfer der Krankenmorde im Rahmen der „Euthanasie“.

Noch sind nur einzelne Lebensgeschichten der verfolgten Zahnärzte detailliert erforscht; allerdings konnten von den Projektverantwortlichen seit 2017 bereits einige neue Einzelbiografien8-12 veröffentlicht werden. Ziel der zm-Reihe „Zahnärzte als Täter und Verfolgte im ‚Dritten Reich‘“ ist es ausdrücklich auch, mehr dieser Biografien einer zahnärztlichen Öffentlichkeit bekannt zu machen und so die diskriminierten, vertriebenen und ermordeten Kollegen ins kollektive Gedächtnis der Zahnärzteschaft einzuschreiben.

Zweifelsfrei Täter:

Waffen-SS-Männer, KZ-Zahnärzte, Kriegsverbrecher
So wie die vorgenannten Zahnärzte „klassische“ Verfolgtengruppen bildeten, so sind die Kollegen, die sich in der SS engagierten, die als KZ-Zahnärzte eingesetzt waren und/oder die nach 1945 als Kriegsverbrecher angeklagt wurden, eindeutig als Täter anzusprechen: Die SS, die „Schutzstaffel“ der NSDAP, war der radikalste Exponent der nationalsozialistischen Ideologie und Herrschaftspraxis. Sie steht wie keine andere NS-Organisation für Staatsterror und Massenmord. Die SS übte auf die Zahnärzteschaft offenkundig eine erhebliche Anziehungskraft aus:13-14 Ende 1938 waren bereits circa 1.400 Zahnärzte als SS-Mitglieder registriert. Im Oktober 1939 gab es in Deutschland 16.299 Zahnärzte; demnach gehörten damals bereits 9 Prozent aller deutschen Zahnärzte der SS an. Zum Vergleich: Zu jenem Zeitpunkt lag der Anteil der Ärzte in der SS bei etwa 5 Prozent und derjenige der Lehrer bei lediglich 0,4 Prozent.

Abzugrenzen von der allgemeinen SS sind die Vertreter der Waffen-SS: Sie verstanden sich als „Elitetruppe“ und Kämpfer für die NS-Weltanschauung. Die Arbeitsgruppe von Dominik Groß konnte 305 in der Waffen-SS organisierte Zahnärzte ermitteln.14 Viele erreichten den Rang eines SS-Hauptsturmführers. Oberster SS-Zahnarzt wurde Hugo Blaschke (1881–1960) – eigentlich ein Dentist, der in den USA den Doktorgrad erlangt hatte, er sollte es 1944 bis zum SS-General bringen. Größere Bekanntheit erlangte auch der Waffen-SS-Zahnarzt Helmut Kunz, der in den Mord an den Goebbels-Kindern verstrickt war.15

Rund 100 dieser Waffen-SS-Männer fungierten als Zahnärzte in Konzentrationslagern („KZ-Zahnärzte“). „Leitender Zahnarzt“ dieser KZs war bis 1943 SS-Sturmbannführer Paul Reutter, danach SS-Obersturmbannführer Hermann Pook16. Die KZ-Zahnärzte behandelten anfangs neben dem SS-Personal auch Häftlinge. Diese Tätigkeit ging jedoch mehr und mehr auf Häftlingszahnärzte und -dentisten über.

1940 begann in den Lagern die systematische Vernichtung durch Massenmord. Nicht nur Ärzte, sondern auch einzelne Zahnärzte beteiligten sich an den todbringenden „Selektionen an der Rampe“ und waren so in den Vernichtungsprozess der KZs aktiv involviert. Eine besondere Rolle kam den SS-Zahnärzten auch beim „Zahngoldraub“ zu: Jener Begriff steht für das Herausbrechen von Zahngold aus den Kiefern der ermordeten KZ-Häftlinge. Zumeist führten Häftlingszahnärzte diese Handlung auf Befehl und unter Aufsicht der KZ-Zahnärzte aus. Kein toter KZ-Häftling wurde zur Verbrennung freigegeben, bevor das Zahngold entnommen worden war. Darüber hinaus hatten die SS-Zahnärzte die Einschmelzung des Zahngoldes und dessen Aufbewahrung bis zur Ablieferung sicherzustellen.

Für einige KZ-Zahnärzte sind zudem sadistische bis mörderische Praktiken dokumentiert – so für Georg Coldewey, der an Häftlingen unter anderem Zahnextraktionen ohne Anästhesie vornahm und bereits Lebenden „Goldzähne“ entfernte. Oder für Walter Sonntag, der im „Frauen-KZ“ Ravensbrück weibliche Häftlinge misshandelte. Ähnliches gilt für Willi Jäger, der zu persönlichen Übungszwecken Amputationen an KZ-Häftlingen durchführte, wobei er die Opfer letztlich mit tödlichen Injektionen ermordete. Oder Werner Rohde, der vier Frauen im KZ Natzweiler-Struthof tödliches Phenol verabreichte.17

Zu den eindeutigen Tätern gehören auch diejenigen Zahnärzte, die von alliierten oder bundesdeutschen Gerichten als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt wurden. Bislang ging man davon aus, dass Zahnärzte kaum betroffen waren – zu den wenigen Ausnahmen zählte man Hermann Pook16, Willi Frank18 und Willi Schatz19. Tatsächlich konnte die Arbeitsgruppe von Dominik Groß jedoch im Projektverlauf nicht weniger als 48 Zahnärzte identifizieren, die von alliierten oder bundesdeutschen Gerichten angeklagt und verurteilt wurden – allein 15 zum Tod.20 Die härtesten Strafen fällten die französischen Tribunale (sechs Todesurteile), die mildesten die bundesdeutschen Gerichte. Zentrale Tatvorwürfe waren Mord und Totschlag, Misshandlungen sowie – insbesondere bei den angeklagten KZ-Zahnärzten – die todbringenden Selektionen und der erwähnte Zahngoldraub.

Schließlich wird man auch diejenigen Zahnärzte und Kieferchirurgen zu den Tätern zählen müssen, die sich in bestimmten Fällen für die Zwangssterilisation von Spaltträgern aussprachen – wie etwa die Professoren Reinhold Ritter21 und Martin Waßmund22 – oder die in ihrem Amt für die Entlassung und Entrechtung jüdischer Kollegen eintraten – wie Hermann Euler als Rektor der Universität Breslau.23-25

Reichszahnärzteführer Ernst Stuck vor deutschen Zahnärzten im Reichstagssitzungssaal in der Krolloper | zm-Archiv 

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