zm-Serie: Täter und Verfolgte im „Dritten Reich“

Otto Loos – „Reichsdozentenführer“

Otto Loos, Professor für Zahnheilkunde am Carolinum in Frankfurt am Main, starb bereits drei Jahre nach der Machtergreifung Hitlers. Warum er in dieser Reihe trotzdem als Täter ausgewiesen wird? Seine Nähe zur Wehrmacht und sein Bekenntnis zum Nationalsozialismus blieben nicht ohne Folgen. Nach dem Krieg wurde seine Rolle allerdings völlig umgedeutet: Statt ihn als Täter zu brandmarken, widmete die Zahnärzteschaft ihm sogar noch Preise.

Otto Loos

Otto Loos DZMK 3 (1936)

Otto Loos wurde am 16. Februar 1871 in Neuenbürg an der Enz als Sohn eines Fabrikbesitzers geboren.1-4 Nach dem Abitur in Stuttgart entschloss er sich 1890 zum Studium der Medizin. Hierzu schrieb er sich an der Kaiser-Wilhelm-Akademie in Berlin – der „Pépinière“ – ein. 1894 absolvierte er bereits seine ärztliche Prüfung und noch im selben Jahr promovierte er über „Hypnotismus und die Suggestion“ an der Universität Berlin zum Dr. med.

1896 erlangte er die Approbation und wurde Sanitätsarzt in Straßburg. Hier stieg er später bis zum Regimentsarzt in der 30. Division auf. 1900/01 folgte ein China-Aufenthalt als Stabsarzt. Loos gehörte der deutschen Truppe an, die die dortige, gegen den Kolonialismus gerichtete Befreiungsbewegung („Boxeraufstand“) niederschlug; hierfür erhielt er nach seiner Rückkehr die China-Denkmünze.

Anschließend kehrte er nach Straßburg zurück und nahm den Dienst als Stabsarzt beim Infanterie-Regiment Nr. 128 auf. Zudem schrieb er sich hier für das Zweitstudium der Zahnheilkunde ein. 1906 erhielt er die zahnärztliche Approbation und errichtete alsbald die erste zahnärztliche Militärabteilung in Straßburg, die „Abteilung für Zahnkranke“ im Garnisonlazarett 1. Mittlerweile hatte er sich zu einer wissenschaftlichen Laufbahn im Fach Zahnheilkunde entschlossen. Eine zentrale Etappe auf diesem Weg war die Habilitation für Zahnheilkunde, die er 1909 in Berlin abschließen konnte – mit dem Thema „Zahnelongationen bei fehlenden Antagonisten“.

1911 wurde Loos Oberstabsarzt. Aber auch wissenschaftlich kam er weiter voran: 1914 wurde er Institutsleiter am Frankfurter zahnärztlichen Universitätsinstitut „Carolinum“ – einer jüdischen Stiftung; damit verbunden war eine (zunächst nicht etatmäßige) außerordentliche Professur für Zahnheilkunde an der Universität Frankfurt.

Nach Kriegsausbruch fungierte Loos als Chefarzt des Feldlazaretts 3 des XV. Armee-Korps. Doch bereits 1915 konnte er auf seine Position als Leiter des zahnärztlichen Universitätsinstituts nach Frankfurt zurückkehren; hier war er nun auch für das dortige Kieferlazarett verantwortlich. 1919 arrivierte Loos zum planmäßigen außerordentlichen Professor; zugleich nahm er – im Rang eines Generaloberarztes – Abschied aus dem Heeresdienst. Ein Jahr später wurde er – ebenfalls in Frankfurt – persönlicher ordentlicher Professor für Zahnheilkunde.

Loos wirkte bis 1936 als Direktor des Instituts und Leiter der chirurgischen Abteilung ebenda. Seine Emeritierung erfolgte mit Wirkung vom 30. März 1936 – und damit nur einen Tag vor seinem Tod, der ihn am 1. April 1936 in Schönberg ereilte.2,5

Wie aber war Loos‘ Verhältnis zum Nationalsozialismus, und warum erscheint er in dieser Reihe als „zahnärztlicher Täter“?6

Ein glühender Nationalsozialist

Zunächst ist festzustellen, dass Loos bereits vor 1933 durch eine „militante und offensiv antidemokratische Einstellung“ auffiel.7 Dementsprechend begrüßte er 1933 den Machtwechsel und trat fortan als glühender Nationalsozialist auf. Seine Nähe zur Wehrmacht und sein Bekenntnis zum Nationalsozialismus blieben nicht ohne Folgen: Bereits im März 1933 wurde er im Rahmen der Gleichschaltung (Zentralisierung) des Berufsstands zum zahnärztlichen „Reichsdozentenführer“ ernannt. Als solcher führte er den Kreis der Hochschullehrer an, während Hermann Euler8-10 der nationalen wissenschaftlichen Fachgesellschaft – der DGZMK11 – vorstand. Beiden war Ernst Stuck als „Reichszahnärzteführer“ übergeordnet.12

Loos‘ Ernennung wurde von den zahnärztlichen Hochschullehrern ausdrücklich begrüßt: Im Frühjahr 1933 schlossen sich insgesamt 38 führende zahnärztliche Professoren und Privatdozenten zur „Einheitsfront der Zahnärzte“ zusammen, die sich zu „völliger Anerkennung einer einheitlichen Führung und des Autoritätsprinzips“ bereitfanden.13, 14 Dies beinhaltete auch die Selbstverpflichtung auf den Reichszahnärzteführer und – für den universitären Bereich – auf den Reichsdozentenführer Loos.

Sein Ziel: Unreife und Ungeeignete ausmerzen

Loos war in dieser Eigenschaft mitverantwortlich für die Erarbeitung einer Studienreform. Sein erklärtes Ziel für die Zukunft der zahnärztlichen Forschung und Lehre war es, „durch Ausmerzung der großen Masse Unreifer und Ungeeigneter aus der Universität“ eine gewisse „Hochzüchtung der Heilkundigen zur Mitwirkung in der Pflege der Volksgesundheit – und der Rasse!“ zu erreichen.

Weiter führte er aus, der künftige Zahnarzt müsse „sich bewußt der Idee der Hochschule im Dritten Reich, mit dem Ziel der Heranziehung von Führern und Helfern in der Volksgemeinschaft auf der hohen Warte einer nationalsozialistisch und biologisch begründeten Weltanschauung unterwerfen“15. Loos konnte dabei auf die Rückendeckung von Reichszahnärzteführer Ernst Stuck zählen: Laut Stuck war Loos „der aktivste Kämpfer der deutschen Zahnärzte [...] soweit es [...] seine Stellung zuließ“; weiterhin würdigte er ihn als „Nationalsozialist insofern, als er keinen Standesdünkel kannte“5. Loos‘ Amt als zahnärztlicher Reichsdozentenführer wurde nach seinem plötzlichen Tod von Karl Pieper übernommen, der seine Position – anders als Loos – als weitgehend unabhängig von Stuck interpretierte.16

Für Loos sind Mitgliedschaften im Stahlhelm und im Nationalsozialistischen Ärztebund dokumentiert. Dagegen findet sich sein Name nicht in der (freilich unvollständigen) NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv Berlin; auch in der sonstigen archivalischen und gedruckten Literatur findet sich kein Beleg für eine Parteimitgliedschaft.17 Dies ist jedoch nicht allzu ungewöhnlich – auch andere prominente, nationalsozialistisch orientierte Hochschullehrer wie etwa der Frauenarzt Walter Stoeckel18 oder der Radiologe Karl Frik19 waren keine Parteimitglieder –, entscheidend war die politische „Linientreue“, die bei Loos angesichts seiner pronationalsozialistischen Äußerungen und Verhaltensweisen und der ihm übertragenen Führungsposition nicht infrage stand.

Im Nachkriegsdeutschland schien Loos‘ prominente Rolle als zahnärztlicher Dozentenführer dann – wohl auch aufgrund seines frühen Todes – weitgehend in Vergessenheit zu geraten. Hierzu trugen auch unkritische Doktorarbeiten bei. So blendete die Dissertation von Elke Bald-Duch (1977) die Rolle von Loos im „Dritten Reich“ weitgehend aus und zeichnete ein positivistisches Bild („Otto Loos war ein geachteter und verehrter Lehrer“).2 Die Standespolitik schien in Loos in dieser Zeitphase sogar eine Identifikationsfigur zu sehen. Jedenfalls rief die Landeszahnärztekammer Hessen 1967 den „Otto-Loos-Preis“ ins Leben; 1981 wurde zudem die „Otto-Loos-Medaille“ etabliert.3, 20

Doch kurze Zeit später kam es zu einem öffentlichen Diskurs um die Eignung von Loos als Namensträger für Ehrenpreise: Die „Vereinigung Demokratische Zahnmedizin e.V.“ (VDZM) erhob 1982 die Forderung, künftig keine nach Loos benannte Ehrung mehr zu verleihen. Loos habe „als Steigbügelhalter der Nationalsozialisten nicht nur großen Einfluss auf die Personalpolitik reichsdeutscher Universitätszahnkliniken ausgeübt“, sondern zudem „als Leiter der jüdischen Stiftung Carolinum der Frankfurter Zahnklinik rassistische Ziele“ verfolgt.3 1983 publizierte die von der VDZM etablierte Zeitschrift „der artikulator“ eine Sonderausgabe über die Thematik „Zahnmedizin im Faschismus“ und nahm dabei auch auf die nach Loos benannten Auszeichnungen Bezug.20 Es folgten zum Teil persönlich geführte Auseinandersetzungen. Letztlich erforderte die offensichtliche politische Verstrickung von Loos ein Einlenken der Standespolitiker: Seit Anfang der 1990er-Jahre wurden keine nach Loos benannten Auszeichnungen mehr vergeben.

Dies bedeutete freilich nicht, dass sich ein kritischer Blick auf Loos auf breiter Front durchgesetzt hätte. Noch 2008 erschien eine Publikation, in der Loos‘ Verhältnis zum Nationalsozialismus geradezu umgedeutet und suggeriert wurde, er sei dem Regime unerschrocken entgegengetreten. Hierin hieß es: „Als jüdische Stiftung war das Carolinum nach Hitlers Machtergreifung stark gefährdet. Mit Besonnenheit und persönlichem Mut gelang es Otto Loos, den Namen und die Trägerschaft zu erhalten.“21

Aus dem Täter wird eine Identifikationsfigur

Bei aller notwendigen Kritik an Loos‘ politischer Rolle im „Dritten Reich“ – es wäre zu kurz gegriffen, in ihm ausschließlich den nationalsozialistischen Führer der zahnärztlichen Hochschullehrer zu sehen. Loos war nämlich auch ein durchaus anerkannter Wissenschaftler: So erhielt er bereits 1917 einen Ruf nach Straßburg auf die Professur, die Otto Römer innegehabt hatte. Römer galt als ein herausragender Vertreter der deutschen Zahnheilkunde – und sollte 1928 der erste zahnärztliche Hochschullehrer werden, der das Amt des Rektors erlangte. Loos lehnte den Ruf an seine Heimatuniversität jedoch ab und handelte stattdessen in Frankfurt die Erlaubnis zur Errichtung einer Bettenabteilung aus.2 Zudem gehörte Loos – zusammen mit Oskar Weski22, Hans Sachs und dem Oralpathologen Herbert Siegmund23 – zu den deutschen Nestoren der Parodontologie.24-26 Darüber hinaus etablierte er 1920 in Frankfurt den Bereich Kieferorthopädie durch die Berufung beziehungsweise Förderung von Peter-Paul Kranz und Rudolf Winkler. Besonders bekannt wurden neben den parodontologischen Publikationen seine Arbeiten zur Zahnpflege in der Armee und zur zahnärztlichen Ausbildungsfrage.15, 27-28 Auch zur Kieferchirurgie, zur Röntgenologie und zur Herdforschung lieferte er Beiträge. Trotz seines frühen Todes veröffentlichte Loos insgesamt mehr als 60 Publikationen.2

Loos erlangte bereits vor der Machtübernahme Hitlers etliche Ämter und Ehrungen: 1924 wurde er Vorsitzender des Frankfurter Zahnärztlichen Vereins (bis 1929), 1926 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Paradentose (ARPA) – der Vorläuferorganisation der heutigen Deutschen Gesellschaft für Parodontologie –, 1928 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für dentale Anatomie und Pathologie und 1930 Vorsitzender der zahnärztlichen Dozentenvereinigung. 1931 wurde ihm anlässlich des 60. Geburtstags eine Festschrift gewidmet29; zudem wurde er Mitbegründer der ARPA internationale. 1932 erfolgte schließlich seine Ernennung zum Ehrenpräsidenten der ARPA.2, 4

Damit ist Loos ein prototypisches Beispiel für zahnärztliche Hochschullehrer, die sich dem Nationalsozialismus verschrieben, obwohl sie bereits vor 1933 eine beachtliche Karriere erreicht hatten. Häufiger waren freilich diejenigen Zahnärzte, die sich dem Regime in der Hoffnung auf einen Karrieresprung andienten.

Zweifellos gab es Zahnärzte, die im Unterschied zu Loos direkt in die NS-Verbrechenskomplexe verwickelt waren30-33 – bis hin zu Kapitalverbrechen wie Mord und Totschlag. Immerhin wurden allein 15 Zahnärzte nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.34 Dass Loos dennoch in diese „Täter“-Reihe aufgenommen wurde, hat nicht zuletzt mit seiner bemerkenswerten Nachkriegsrezeption zu tun: Seine Biografie zeigt in geradezu mustergültiger Weise, wie sehr – und wie erfolgreich – die Nachkriegsgeneration die politische Verstrickung von Fachvertretern im „Dritten Reich“ ausblendete oder exkulpierte35 – bis hin zu der Entscheidung, Loos posthum mit einer Namensträgerschaft zu ehren und damit zu einem Honoratior zu erheben. Gerade auch die Auseinandersetzung mit derartigen Phänomenen ist ein notwendiger Teil der Aufarbeitung der NS-Geschichte.36, 37

Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Klinisches Ethik-Komitee des Universitätsklinikums Aachen MTI 2,
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

1-4 Robert Volz, 1931, 1152; Bald-Duch, 1977; Kirchhoff/Heidel, 2016; Groß, 2020,
2; 5 Stuck, 1936, 787f.;
6 Groß, 2018a;
7 Kirchhoff/Heidel, 2016, 42–106, hier 57;
8-10 Staehle/Eckart, 2005, 677–694; Groß/Schmidt/Schwanke, 2016; Groß, 2018b;
11 Groß/Schäfer, 2009;
12 Vogt, 2013
13,14 Zahnärztl. Mitt., 1933, 728; Bitterich/Groß, 2020 (in press);
15 Loos, 1933, 1473–1480, insb. 1476 u. 1480;
16 Groß/Westemeier/Schmidt, 2018, 15–37, insb. 20–22;
17 BA Berlin, R 4901/13270;
18 Stoeckel, 2005, 604;
19 Frik, 2005, 168;
20 Vereinigung Demokratische Zahnmedizin, 1933,
21 Kopp/Schopf, 2008, 58–63
22 Groß, 2018c, 96f.;
23 Rinnen/Groß, 2020 (in press);
24-26 Strobel, 2011, 56; Loos, 1935, 361–368; Loos, 1936, 101–127;
27-28 Loos, 1936, 101–127; Jessen/Loos/Schlaeger, 1904;
29 Festschrift anlässlich des 60. Geburtstages, 1931;
30-33 Westemeier/Groß/Schmidt, 2018, 93–112; Schmidt/Groß/Westemeier, 2018,
113–127; Heit et al., 2019; Schwanke/Groß, 2020;
34 Rinnen/Westemeier/Gross, 2020 (in press);
35 Groß/Krischel, 2019;
36, 37 Schwanke/Krischel/Gross, 2016, 2–39; Groß et al., 2018

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