Aus der Wissenschaft

Füllungen reparieren statt austauschen!

Lohnt es sich, Kompositfüllungen beim Auftreten von Defekten zu reparieren oder sollten Zahnärzte sie besser komplett austauschen? Göttinger Wissenschaftler untersuchten die Langlebigkeit von Kompositfüllungen im Front- und im Seitenzahnbereich.

Abb. 1: Können Reparaturen den klinischen Verbleib einer Kompositfüllung verlängern?. AdobeStock_Chris

Nach dem Konzept minimalinvasiver Zahnerhaltung ist eine Füllungsreparatur von partiell defekten Füllungen sinnvoll – auch im Hinblick auf die entstehenden Kosten [Kanzow et al., 2016]. Die mittleren jährlichen Verlustraten für Kompositfüllungen liegen retrospektiven Studien zufolge über einen Zeitraum von zehn Jahren im Frontzahnbereich bei 3,1 Prozent [van de Sande et al., 2018] und bei Seitenzähnen bei 4,1 Prozent [Casagrande et al., 2017]. Mit Reparaturen lassen sich die Überlebensraten von Füllungen verbessern. Zum Beispiel reduzierte sich die mittlere jährliche Verlustrate von seitlichen Kompositfüllungen in einer Zwölf-Jahres-Beobachtung von 1,8 auf 0,7 Prozent [Opdam et al., 2012].

Fragestellung

Für Patienten wie für Zahnärzte ist es allerdings nicht nur wichtig, Kompositfüllungen mit partiellen Defekten mittels einer Reparatur guten Gewissens länger in situ belassen zu können. Interessant wäre es auch zu wissen, ob die reparierte Füllung genauso lange gut funktioniert, als hätte der Zahnarzt sie komplett ausgetauscht. Für die vorliegende retrospektive Studie Göttinger ForscherInnen lagen zwei Hypothesen zugrunde:

1. Reparaturen können das Überleben einer Füllung in situ verlängern.
2. Die Langlebigkeit von reparierten und ausgetauschten Füllungen unterscheidet sich nicht.

Material und Methode

Insgesamt wurden für die Studie 8.542 Kompositfüllungen nachverfolgt, die bei 3.239 PatientInnen zwischen 2000 und 2015 gelegt worden waren. Die Füllungen waren mindestens zwei-, maximal fünfflächig. Die Daten generierten die ForscherInnen anhand der digitalen Patientenakten und den dort enthaltenen Gebührenpositionen. Für die Beurteilung des Behandlungserfolgs wurden bei den betrachteten Originalfüllungen, aber auch separat bei den bereits einmal reparierten Füllungen und den zwischenzeitlich notwendig gewordenen neu angefertigten Füllungen drei verschiedene Definitionen zugrunde gelegt und die Ergebnisse miteinander verglichen:

  • Erfolg: Restauration ohne weitere Behandlung im betrachteten Zeitraum. Eine Reparatur wurde bei diesem Kriterium als Misserfolg gewertet.
  • Überleben 1: Restauration, die maximal einmal repariert werden durfte, um noch als klinisch akzeptabel zu gelten. Eine weitere Reparatur galt den Forschern als ein Misserfolg.
  • Überleben 2: Restauration, die gegebenenfalls auch mehrmals repariert werden durfte. Sobald alle Flächen der entsprechenden Füllung repariert wurden, wurde dies als Misserfolg eingestuft.

Ein genereller Misserfolg war der Füllungsaustausch zugunsten einer indirekten Restauration, eine endodontische Behandlung oder die Extraktion des Zahns. Im Wesentlichen schließt diese Wertung an das übliche klinische Vorgehen in der Patientenbehandlung an und würde der Bewertung durch Zahnärzte entsprechen, die entweder nie reparieren (Erfolg), Kompositfüllungen maximal einmal reparieren (Überleben 1) oder Kompositfüllungen immer wieder reparieren (Überleben 2).

Ergebnisse

Die kumulative Überlebensrate der untersuchten Originalfüllungen betrug über zehn Jahre 68,3 Prozent. Wurden die Füllungen repariert, konnte ihre Lebenszeit signifikant verbessert werden: Mit einer Reparatur überlebten bereits 77,1 Prozent und mit zwei oder mehr Reparaturen betrug die kumulative Überlebensrate über zehn Jahre sogar 80,4 Prozent.

Von den Originalfüllungen wurden 616 Füllungen repariert sowie 264 ausgetauscht und von den Studienautoren nachuntersucht. Über zehn Jahre betrug die kumulative Überlebensrate der reparierten Füllungen 43,4 Prozent. Weitere Reparaturen verlängerten auch hier das Überleben der Füllungen auf 65,7 (eine Reparatur, Überleben 1) oder auf 74,8 Prozent (mehrere Reparaturen, Überleben 2) über einen Zehn-Jahres-Zeitraum.

Die kumulative Überlebensrate der ausgetauschten Füllungen betrug über zehn Jahre 48,6 Prozent. Die Überlebensrate verbesserte sich bei diesen Füllungen ebenfalls – durch eine Reparatur auf 67,4 Prozent und durch mehrere Reparaturen auf 74,1 Prozent.

Nach 15 Jahren überlebten noch 61 Prozent der Originalfüllungen. Mit einer Reparatur steigerten die Behandler die kumulative Überlebensrate auf 70 Prozent (Überleben 1), mit mehreren Reparaturen auf 74 Prozent (Überleben 2). Von den bereits reparierten Füllungen betrug die kumulative Überlebensrate über 15 Jahre immerhin noch 31 Prozent, 55 Prozent waren mithilfe einer weiteren Reparatur noch intakt (Überleben 1) und fast zwei Drittel, 65 Prozent, waren durch mehrere Reparaturen noch intakt in situ (Überleben 2). Für Daten über einen 15-Jahres-Zeitraum war die Anzahl der ausgetauschten Füllungen zu gering.

Die Ergebnisse zeigen durchweg, dass Reparaturen in der Lage waren, die Originalfüllung länger klinisch akzeptabel in Funktion zu halten. Die Überlebensraten von bereits reparierten oder ausgetauschten Füllungen verbesserten sich ebenfalls signifikant durch eine oder mehrere (weitere) Reparaturen. Die Erfolgsraten von reparierten und ausgetauschten Füllungen unterschieden sich jedoch nicht. Eine vorherige endodontische Behandlung des Zahnes war fast immer ein unabhängiger Risikofaktor.

Diskussion

Bereits vorherige Studien konnten zeigen, dass die Überlebensraten von Füllungen aufgrund von Reparaturen verbessert werden können [van de Sande et al., 2018; Casagrande et al., 2017; Opdam et al., 2012]. Das gilt sogar bei Milchzahnfüllungen bei Kindern mit hohem Kariesrisiko [Ruiz et al., 2019]. Allerdings waren die Kriterien von Erfolg und Misserfolg in diesen Studien nicht einheitlich definiert worden.

Im Rahmen der vorliegenden Göttinger Studie sind nun erstmals nicht nur die Überlebensraten von Originalfüllungen mit und ohne Reparatur untersucht worden, sondern es wurden auch die Überlebensraten von Ersatzrestaurationen selbst ausgewertet.

Nichtsdestotrotz lässt die Methodik Spielraum für mögliche Verzerrungen: So lagen etwa keine Begründungen für die jeweiligen Interventionen „Reparatur“ oder „Austausch“ der jeweiligen Füllung vor. Beispielsweise könnten sich Behandler bei besonders kariesaktiven PatientInnen eher für einen Füllungsaustausch als für eine Reparatur entschieden haben. Dieser patientenimmanente Faktor könnte in der Folge zu häufigerem Misserfolg der Füllungstherapie durch Austausch der Originalfüllung geführt haben, was jedoch tendenziell zu einer Unterschätzung des positiven Effekts von Reparaturen führt.

Bestimmte Faktoren – wie die Größe der Ausgangsfüllung, die Lokalisation in Molaren, im Oberkiefer oder das Vorhandensein herausnehmbaren Teilzahnersatzes – konnten die Wissenschaftler als Risikofaktoren ausmachen. Frühere Studien bestätigen das [Opdam et al., 2014; Pallesen und van Dijken, 2015].

Fazit

Reparaturen verlängern den klinischen Verbleib einer Kompositfüllung in Front- und Seitenzähnen – sogar bei bereits reparierten oder ersetzten Füllungen. Reparierte Füllungen halten ähnlich lange, als seien sie vom Zahnarzt komplett ausgetauscht worden.

Quelle: P. Kanzow and A. Wiegand: Retrospective analysis on the repair vs. replacement of composite restorations. Dent Mater (2019), https://doi.org/10.1016/j.dental.2019.11.001

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