zm-Serie: Täter und Verfolgte im „Dritten Reich“

Karl Pieper – vom NS-Führer zum „Mitläufer“

Karl Pieper war Nationalsozialist der ersten Stunde: 1923 hat er am „Hitlerputsch“ teilgenommen, 1933 erhielt er den sogenannten Blutorden für alte Kämpfer. Doch obwohl er aufgrund seiner Beziehungen zur NSDAP bis zum Reichsdozentenführer befördert wurde, galt er nach dem Krieg als „Mitläufer“ – und damit als „rehabilitiert“.

Karl Pieper (1886–1951) Besitz der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie, Klinikum der Universität München (Prof. Reinhard Hickel) und Archiv Benz, München (Prof. Christoph Benz). Abdruck mit freundlicher Genehmigung der vorgenannten Personen.

Karl Pieper wurde am 10. Juni 1886 als Sohn eines Kaufmanns in Schwedt an der Oder geboren.1–6 Von 1906 bis 1909 studierte er Zahnheilkunde an der Universität München. Anschließend trat er dort eine Assistentenstelle in der von Fritz Meder geleiteten prothetischen Abteilung des Zahnärztlichen Universitätsinstituts an. 1911 wurde er zum Oberarzt befördert – eine Position, die er bis 1929 innehatte. Zusätzlich zeichnete er ab 1919 für den ebenfalls Meder unterstellten neu gegründeten Bereich der zahnärztlichen Orthopädie verantwortlich. 1921, zwölf Jahre nach der Aufnahme seiner Tätigkeit am Münchner Institut, promovierte Pieper zum Dr. med. dent.

1926 scheiterte Meder mit dem Antrag, die zahnärztliche Orthopädie in eine eigenständige Abteilung unter der Leitung des nicht habilitierten Pieper zu überführen. Auch das von Meder im Folgejahr gestellte Gesuch an die Fakultät, Pieper zur Habilitation zuzulassen, wurde abgelehnt. Die Gründe hierfür waren, wie Hundsdorfer (1996) feststellte, offensichtlich: „Einmal hatte Pieper zu diesem Zeitpunkt außer seiner Dissertation keine weitere wissenschaftliche Publikation vorzuweisen, zum anderen ließen ihn seine Aktivitäten im Rahmen der NSDAP in weiten Kreisen der Fakultät unakzeptabel erscheinen.“3 Ungeachtet der beiden abschlägigen Bescheide unternahm Meder 1929 einen weiteren Anlauf: Nun stellte er bei der Fakultät den Antrag, Pieper den „einfachen Titel Professor, wie er auch verliehen wird an Maler, Architekten“ zuzusprechen. Und der dritte Versuch war erfolgreich, Pieper wurde immerhin Titularprofessor.3 Mit diesem Titel ließ er sich in freier Praxis nieder, fungierte aber zugleich weiterhin als – ehrenamtlicher, das heißt unbesoldeter – Leiter der orthodontischen Abteilung.3

Erst nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nahm Piepers Karriere Fahrt auf5-8: Bereits 1934 wurde er in München zum „planmäßigen“ außerordentlichen Professor (Extraordinarius) und Vorstand der orthodontischen Abteilung ernannt. 1937 fiel dann die Entscheidung, ihn zum „persönlichen“ – nicht planmäßigen – ordentlichen Professor (Ordinarius) zu berufen. Pieper erhielt eine von Hitler persönlich unterzeichnete Ernennungsurkunde. 1938 wurde er nach dem Ausscheiden von Karl Hauenstein zusätzlich Vorsteher der konservierenden Abteilung der Universitätszahnklinik München. 1941 erlangte Pieper dann einen Ruf nach Berlin: Er sollte als Nachfolger von Hermann Schröder das Direktorat des Zahnärztlichen Instituts der Charité übernehmen – Schröder war einer der anerkanntesten und wirkmächtigsten zahnärztlichen Ordinarien seiner Zeit, und das Berliner Institut galt in Deutschland als die erste Adresse in der wissenschaftlichen Zahnheilkunde.6,9

Als die Nazis an die Macht kommen, geht es nach oben

Pieper zog jedoch den Standort München vor: Hier hatte er Bleibeverhandlungen aufgenommen mit dem Ziel, eine dem Berliner Angebot äquivalente Position zu erreichen. Mit anderen Worten: Er bemühte sich um ein „planmäßiges“ Ordinariat. Besagte Forderung konnte allerdings trotz mehrerer Fürsprecher in den involvierten Ministerien – darunter das Bayerische Kulturministerium und Max de Crinis, Ministerialreferent für medizinische Fachfragen im Amt Wissenschaft des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung – bis Kriegsende nicht realisiert werden.3

 Piepers Rolle im „Dritten Reich“ ist – im Unterschied zu manch anderen Biografien zeitgenössischer zahnärztlicher Hochschullehrer10-12 – leicht herauszuarbeiten und nicht zuletzt dank einer guten Quellenlage13 klar zu umreißen: Wie oben angedeutet, muss Pieper als früher und überzeugter Nationalsozialist gelten. Bereits 1922 war er als einer der Ersten NSDAP-Mitglied geworden (Partei-Nr. 453), und im Folgejahr hatte er am „Hitlerputsch“ teilgenommen. Damit gehörte er zu den Parteimitgliedern „der ersten Stunde“.14

Ab 1933 konnte er dann seine Parteikarriere und die Liste seiner Ehrungen erheblich ausbauen: In jenem Jahr erhielt er sowohl den sogenannten Blutorden – eine von Hitler verliehene Auszeichnung für „alte Kämpfer“ – als auch das goldene Ehrenabzeichen.3,7,8 Eine Vielzahl von parteinahen Ämtern belegt, wie gut Pieper, der auch als Zahnarzt von Heinrich Himmler zum Einsatz kam, politisch vernetzt war: Er fungierte als Verbindungsmann des Reichsverbands Deutscher Zahnärzte zur NSDAP. 1934 wurde er Mitglied des vierköpfigen „Kleinen Führerrats“, der Ernst Stuck, dem nationalsozialistischen „Reichszahnärzteführer“, zu Beratungszwecken „zur Seite gegeben“ worden war.15 Er wurde SA-Sanitätsobersturmführer, Hochschulreferent für Zahnheilkunde im Stab Stellvertreter des Führers, Reichsamtsleiter der NSDAP.

Seit 1938 fungierte er als Sachbearbeiter für Zahnmedizin in der Reichsleitung des NS-Ärztebundes, 1939 erhielt er das Ehrenzeichen des Deutschen Roten Kreuzes erster Klasse und 1944 wurde er in den Wissenschaftlichen Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt berufen.3-8 Von besonderer Bedeutung war aber fraglos ein Amt, das Pieper bereits 1936 übertragen wurde: In jenem Jahr wurde er – als Nachfolger des verstorbenen Frankfurter Professors Otto Loos16 – zum „Referenten für Zahnmedizin in der Reichsdozentenführung“ bestimmt. Damit rückte Pieper in eine hochschulpolitisch höchst einflussreiche Position ein: Die Aufgabe der „Reichsdozentenführer“ bestand in der „Säuberung“ der Hochschulen in den jeweiligen Fachdisziplinen.

Nicht genehme Kollegen schwärzte er an

Ab diesem Zeitpunkt oblag es Pieper, NS-politischen Einfluss auf die Berufungspolitik in der Zahnheilkunde zu nehmen und die Karriere nicht genehmer zahnärztlicher Hochschullehrer zu hintertreiben – eine Möglichkeit, von der er regelmäßig Gebrauch machte und die auch manches NSDAP-Mitglied einschloss.

So schrieb er mehrfach abwertende Stellungnahmen über seinen Bonner Kollegen und Parteigenossen Wilhelm Balters17, in denen er darauf verwies, dass dieser dem jüdischen Kollegen Alfred Kantorowicz18 nahegestanden habe („Seine Veröffentlichungen sind z.T. in Gemeinschaft mit seinem Lehrer Kantorowicz entstanden und verraten stark dessen Einfluss. Die Arbeiten sind casuistisch und linguistisch gewandt, wie B. auch als Redner gute Begabung zeigt, lassen aber vielfach ein tieferes Eingehen in die eigentlichen Probleme vermissen“). Zudem bezeichnete er Balters als „charakterlich schwer belastete Person“.19 Ähnlich abwertend äußerte er sich über Wolfgang Rosenthal, der zunächst ebenfalls Parteigenosse war, aber in Ungnade fiel, als er unter Verdacht geriet, ein „Viertel-Jude“ zu sein.5,20

Andererseits war er ein Fürsprecher von Carl-Heinz Fischer21, indem er sich offenbar gegen das Votum des DGZMK-Präsidenten Hermann Euler für die Beförderung Fischers zum außerplanmäßigen Professor stark machte, wie Fischer selbst in seinen Erinnerungen ausführte.22 Auch Fischer war Parteimitglied – ebenso wie der fachlich wenig profilierte Hochschullehrer Fritz Faber, den Pieper bereits 1933 für das vakante Ordinariat in Bonn empfahl.23,24 Allerdings kam der glühende Nationalsozialist Faber aufgrund der heftigen Gegenwehr der Bonner Verantwortlichen erst ein Jahr später in Freiburg zum Zug.24 Derartige Einflussnahmen Piepers auf Beförderungen und Berufungen an den unterschiedlichen Universitäten waren an der Tagesordnung.25,26 Nach eigenem Verständnis war Pieper „nicht wie Prof. Loos dem Reichszahnärzteführer Dr. Stuck unterstellt“, sondern glaubte sein Amt als zahnärztlicher Reichsdozentenführer eigenverantwortlich und unabhängig ausüben zu können.27

Das Verhältnis zu seinen Münchner Kollegen war durchaus unterschiedlich: Er war befreundet mit Erwin Reichenbach, der Piepers 25-jährige Tätigkeit am Münchner Zahnärztlichen Institut im „Dritten Reich“ in einer Laudatio ausgiebig würdigte.28 Demgegenüber war er mit seinem Kollegen Peter-Paul Kranz – wie Reichenbach und Pieper NSDAP-Mitglied – verfeindet. Pieper beschuldigte Kranz einer unkollegialen, parteiwidrigen und daher antinationalsozialistischen Verhaltensweise. Hintergrund der Fehde war der persönliche Kampf beider Professoren um die Funktion des geschäftsführenden Direktors des Münchner Zahnärztlichen Instituts und um ein planmäßiges Ordinariat.29,30

Piepers Vorwurf blieb jedoch im Fall von Kranz ohne Konsequenzen – tatsächlich waren derartige parteiintern ausgetragene Querelen im polykratisch organisierten NS-System keine Seltenheit und führten nicht immer zu Sanktionen.

Seine Publikationen? Ohne Relevanz und Anspruch

Auch wenn Piepers Agitationen nicht immer erfolgreich waren: Er war allein aufgrund seiner Beziehungen zur Partei zum ordentlichen Professor ernannt worden und gehörte somit zu den persönlichen Nutznießern des politischen Systems. Er war weder regulär habilitiert noch durch einschlägige Publikationsleistungen ausgewiesen. 1921 promovierte er 35-jährig mit einer Kasuistik – namentlich mit einem „Fall von ausgedehntem Schleimhautverlust der Mundhöhle infolge Kieferschusses“31. Einen wirklichen Forschungsschwerpunkt etablierte er weder vor noch nach der Promotion – dementsprechend spielte er in der DGZMK, der wissenschaftlichen Fachgesellschaft, keinerlei Rolle.32 Die wenigen nachweislichen Publikationen erfüllten allesamt kaum die Anforderungen wissenschaftlicher Arbeiten.33-35 Beachtung fanden noch am ehesten seine Initiativen zur „nationalsozialistischen Umgestaltung“ des zahnärztlichen Studiums – vor diesem Hintergrund nannte ihn Falck in einer Laudatio 1936 wohlmeinend einen „Vorkämpfer nationalsozialistischer Ideen“36.

Wie ging es mit Pieper nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ weiter?1–6 Im Mai 1945 wurde er von amerikanischen Truppen verhaftet. Im Juni 1947 wurde er nach einem Herzinfarkt wegen Haftunfähigkeit aus dem Internierungslager Moosburg entlassen. Bereits am 15. April 1946 war Pieper auf Weisung der Militärregierung offiziell seines Amtes als ordentlicher Professor enthoben worden. Es folgte ein langwieriges Entnazifizierungsverfahren, in dem er schlussendlich am 17. März 1949 als „Mitläufer“ (Gruppe IV) eingestuft und damit weitgehend „rehabilitiert“ wurde. Der Fall Pieper zeigt beispielhaft, dass sich die Spruchgerichte mit den Jahren immer mehr zu „Mitläuferfabriken“37 wandelten – selbst prominente Vertreter und nachweisliche Stützen des NS-Systems wie Pieper profitierten von dieser Entwicklung.38

Nutzen konnte Pieper das günstige Ergebnis des Verfahrens allerdings nicht mehr: Er starb bereits am 22. Januar 1951 im Alter von 64 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Klinisches Ethik-Komitee des Universitätsklinikums Aachen MTI 2,
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

Fußnoten:
1 Friederich, 1968, 98;
2 Egerer-Röhricht, 1971, 155–157;
3 Hundsdorfer, 1996;
4 Benz/Hundsdorfer, 1996;86:76–78;
5 Groß/Westemeier/Schmidt, 2018a, 15–37, hier 20–22;
6 Groß, 2020a;
7 Guggenbichler, 1988, 99 u. 275;
8 Klee, 2003, 461f.;
9 Hellenthal, 1978
10 Schwanke/Krischel/Gross, 2016;51:2–39;
11 Groß/Westemeier/Schmidt/Halling/Krischel, 2018;
12 Groß, 2019, 157–174;
13 BA Berlin, R 9361-VIII/ 1560054; R 9354/232; R 9361-VI/2265; R 4901/25213 – AZ W I p; R 9361-I/29869 – AZ D-46/1938; R 9361-III/568992; R 9361-II/809660; R 4901/25213;
14 Heidel, 2007;15(3):198–219, hier 207;
15 Zahnarztl Mitt 1934,25:509;
16 Groß, 2020b;109(1):im Druck;
17 Kalb, 1988;
18 Groß, 2018a;107(7):102–103;
19 BA Berlin, R 9354/ 1939;
20 Groß, 2018b;107(10):50–51;
21 Groß/Schmidt/Schwanke, 2016, 129–171;
22 Fischer, unveröffentlichtes Typoskript [1985], hier 217;
23 Höpfner, 1999, 326;
24 Groß, 2020c;109:im Druck;
25 Groß/Westemeier/Schmidt, 2018b, 285–321;
26 Forsbach, 2006;
27 Fischer, 1983, hier 11;
28 Reichenbach, 1934;34(23):929;
29 Hobbeling, 1996, hier 7;
30 Locher, 1998, hier 66ff.
31 Pieper, 1921;
32 Groß/Schäfer, 2009;
33 Pieper, 1924, Nr. 213:77;
34 Pieper, 1939;6(11):687–693;
35 Pieper,1943;34:137f.;
36 Falck, 1936;27:518f.;
37 Niethammer, 1982;
38 Groß, 2018c;73(3):164–178

Seite 1: Karl Pieper – vom NS-Führer zum „Mitläufer“
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alles auf einer Seite

Welche politische Rolle kam der Zahnärzteschaft zwischen 1933 und 1945 zu? Wer wurde zum Täter, wer verfolgt? Die Artikel der Themenseite beantworten diese Fragen.

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