Schwangerschaft und Mundgesundheit

Zahnärztliche Diagnostik und Therapie schwangerer Patientinnen

Der Mundgesundheitszustand ist eng mit den Vorgängen im ganzen Körper verbunden. So haben Schwangere ein erhöhtes Risiko für Karies, Erosionen, Gingivitis und Parodontitis – umgekehrt können sich diese Erkrankungen wieder auf den Verlauf der Schwangerschaft und das ungeborene Kind auswirken. Die neuesten Erkenntnisse und Empfehlungen zur zahnärztlichen Behandlung schwangerer Patientinnen.

Aufklärung und Instruktion einer schwangeren Patientin zu Mundhygienemaßnahmen. Hüsamettin Günay

Eine Schwangerschaft ist eine ganz besondere Situation für den Körper und geht mit zahlreichen Veränderungen einher. Betroffen davon ist auch die Zahn- und Mundgesundheit. Allerdings können nicht nur schwangerschaftsbedingte Veränderungen die Zahn- und Mundgesundheit beeinflussen, sondern diese kann umgekehrt auch einen Einfluss auf den Schwangerschaftsverlauf und das noch ungeborene Kind nehmen. Eine zahnärztliche Gesundheits(früh)förderung sollte somit als wichtiger Bestandteil in der Schwangerenvorsorge angesehen werden [Günay et al., 1991; Günay et al., 1996; Günay et al., 1998; Günay und Meyer, 2010; Meyer et al., 2012; Meyer et al., 2014].

Viele Schwangere sind jedoch nicht über die Bedeutung der oralen Gesundheit während der Schwangerschaft informiert [Al Habashneh et al., 2005; Gaffield et al., 2001; Herrmann et al., 2014; Odermatt et al., 2019; Rahman und Günay, 2005] und suchen in dieser Zeit auch keinen Zahnarzt auf. Odermatt et al. befragten aktuell 83 Schwangere in der Schweiz zum Mundhygieneverhalten und zum Wissensstand bezüglich der Ursachen und Auswirkungen einer Gingivitis. Weniger als ein Drittel der Befragten wurde von ihrem Arzt oder Zahnarzt über besondere Mundhygienemaßnahmen während der Schwangerschaft informiert. Mehr als die Hälfte der Schwangeren gab an, Entzündungszeichen wie beispielsweise Bluten beim Zähneputzen beobachtet zu haben. Bei fast einem Drittel lag der letzte Zahnarztbesuch mehr als ein Jahr zurück. Fast die gleiche Anzahl an Befragten wollte während ihrer Schwangerschaft sogar ausdrücklich nicht zum Zahnarzt gehen [Odermatt et al., 2019]. Hinzu kommt, dass nur jede vierte Schwangere von ihrem Gynäkologen über einen notwendigen Zahnarztbesuch informiert wurde.

In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild. Zwar sind die Gynäkologen über die Mutterschaftsrichtlinien seit 1999 gesetzlich verpflichtet, „im letzten Drittel der Schwangerschaft bedarfsgerecht über die Mundgesundheit für Mutter und Kind aufzuklären“ und dabei „insbesondere auf den Zusammenhang zwischen Ernährung und Karies hinzuweisen“ [Mutterschafts-Richtlinien, 2019], aber eine solche Beratung findet nur unzureichend statt.

Eine Befragung hierzu ergab, dass lediglich 2,5 Prozent von 602 Schwangeren während der Schwangerschaft Informationen zur Mundgesundheit von ihren Gynäkologen erhalten hatten [Rahman und Günay, 2005]. Der Ausbau einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gesundheitsberufen Gynäkologe, Hebamme, Zahnarzt und Kinderarzt ist somit zwingend erforderlich [Günay et al., 2007; Günay et al., 2007].

Wie die Schwangerschaft die Mundgesundheit beeinflusst

Erhöhtes Karies- und Erosionsrisiko
Die frühere Annahme, dass sich der Zahnschmelz bei Schwangeren erweicht, weil das Ungeborene Kalzium aus den Zähnen der Mutter „zieht“, um es für seinen eigenen Knochenaufbau zu verwenden, konnte in Studien widerlegt werden [Laine et al., 1986]. Eine Analyse von menschlichem Dentin extrahierter Zähne zeigte, dass sich die chemische Zusammensetzung der Zahnhartsubstanz bei Schwangeren und Nichtschwangeren nicht unterscheidet [Dragiff und Karshan, 1943; Laine, 2002].

Nichtsdestotrotz treten während einer Schwangerschaft Veränderungen ein, die ein erhöhtes Karies- und Erosionsrisiko mit sich bringen können. So sinken die Speichelpufferkapazität und der Kalzium- sowie Phosphatgehalt im Speichel, wodurch sein Remineralisationspotenzial reduziert wird [Laine, 2002; Salvolini et al., 1998]. Mit fortschreitender Schwangerschaft kommt es dadurch zu einer Absenkung des Speichel-pH-Werts auf etwa 5,9. Ferner wurde gerade im letzten Drittel einer Schwangerschaft bei den Frauen eine erhöhte Konzentration von Mutans-Streptokokken und Immunglobulin A (IgA) im Speichel nachgewiesen [Laine et al., 1986; Laine, 2002]. Das Zusammenspiel einer erhöhten Demineralisation (bedingt durch eine erniedrigte Speichelpufferkapazität und einen verringerten Speichel-pH-Wert) und eines verringerten Remineralisierungspotenzials (bedingt durch einen geringeren Gehalt an Kalzium und Phosphat) mit einem erhöhten Spiegel an Mutans-Streptokokken im Speichel kann das Kariesrisiko während einer Schwangerschaft erhöhen.

Tab. 1: Auszug aus der S2k-Leitlinie „Kariesprophylaxe bei bleibenden Zähnen – grundlegende Empfehlungen“ | Quelle: Geurtsen et al., 2016

Tab. 2: Auszug aus der S3-Leitlinie „Häusliches mechanisches Biofilmmanagement in der Prävention und Therapie der Gingivitis“ | Quelle: Graetz et al., 2018

Der pH-Wert in der Mundhöhle kann auch durch ein verändertes Ernährungsverhalten in der Schwangerschaft – etwa Heißhunger auf Süßes oder Saures, vermehrte Aufnahme von Zwischenmahlzeiten – und durch eventuell gelegentliches Erbrechen – Emesis gravidarum – gerade im ersten Trimenon zusätzlich sinken, wodurch das Karies- und Erosionsrisiko nochmals ansteigt. Eine Untersuchung ergab, dass 60 Prozent der befragten Schwangeren regelmäßig Zwischenmahlzeiten zu sich nehmen [Pistorius et al., 2005]. Um eine Demineralisation des Zahnschmelzes zu verhindern und eine Remineralisation zu fördern, sollte in der Schwangerschaft eine regelmäßige zusätzliche Fluoridierung stattfinden [Willershausen-Zönnchen, 2001].

In diesem Zusammenhang sei auf die AWMF-Leitlinie „Kariesprophylaxe bei bleibenden Zähnen – grundlegende Empfehlungen“ hingewiesen (Tabelle 1) [Geurtsen et al., 2016].

Erhöhtes Risiko für gingivale und parodontale Erkrankungen

Mehrere Studien haben gezeigt, dass schwangere Frauen häufiger an einer Gingivitis leiden als nicht schwangere Frauen, wobei in der Literatur eine Prävalenz zwischen 30 Prozent und 100 Prozent angegeben wird [Laine, 2002].

Als Ursache für eine erhöhte Gingivitisgefahr wird die hormonelle Umstellung während einer Schwangerschaft diskutiert [Laine, 2002]. Mit dem Anstieg von Progesteron wird das Bindegewebe aufgelockert und stärker durchblutet, wodurch das Zahnfleisch empfindlicher auf bakterielle Beläge reagiert. Als primäre Folge der Plaque entstehen somit schneller Entzündungen der Gingiva. Progesteron agiert während der Schwangerschaft als ein natürlicher Immunsuppressor [Stites und Siiteri, 1983], mit dessen Hilfe der Embryo der Abstoßung durch das mütterliche Immunsystem entgeht. Die zelluläre Abwehr wird qualitativ und quantitativ reduziert [Abdoul-Dahab et al., 2016; Raber-Durlacher et al., 1993]. Dadurch sind die Frauen allerdings anfälliger für Entzündungen im Bereich des marginalen Parodontiums. Der Anstieg des Östrogenspiegels stimuliert die Fibroblastenaktivität und kann die Bildung von Schwellungen und Ödemen der Gingiva (zum Beispiel Epulis gravidarum) begünstigen [Schröder, 1997].

Zudem wird das Wachstum Parodontitis-fördernder Bakterien durch einen erhöhten Spiegel an Sexualsteroiden im Blut und Speichel stimuliert. Es konnte beobachtet werden, dass Prevotella-Arten Sexualsteroide metabolisieren und als Wachstumsfaktoren nutzen können [Kandilakis und Lang, 2001; Kornmann und Loesche, 1982]. So sind Prevotella intermedia und Prevotella melaninogenica in der Lage, Vitamin K – einen wesentlichen Wachstumsfaktor – durch Östradiol und Progesteron zu ersetzen [Kandilakis und Lang, 2001; Kornmann und Loesche, 1982].

Die Veränderungen erschweren die häusliche Mundhygiene und schaffen Nischen für bakterielle Beläge. Bei einem Fortschreiten der Gingivitis kann sich die Entzündung auf das Parodontium ausbreiten. Eine bereits bestehende Parodontitis kann in der Schwangerschaft verstärkt werden. Kürzlich wurden von der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DGParo) und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) Empfehlungen zum häuslichen und chemischen Biofilmmanagement veröffentlicht [Auschill et al., 2018; Graetz et al., 2018], um der Entstehung einer Gingivitis vorzubeugen (Tabellen 2–4).

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