KZBV und BZÄK zur Aufarbeitung der Corona-Krise

Lessons learned?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich für eine umfassende Aufarbeitung der Corona-Krise ausgesprochen. Der Bundestag soll die Pandemiepolitik der Bundesregierung der letzten Monate analysieren und eine Bewertung abgeben. Die Auswertung dieser Erkenntnisse soll der Gesundheitsausschuss zusammen mit Experten vornehmen. Was die zahnärztlichen Spitzenorganisationen von der Initiative halten, haben wir die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) gefragt.

Was haben wir aus der Corona-Pandemie gelernt? AdobeStock_ Polonio Video

Was sagen Sie zu dem Plan?
KZBV: Die Initiative des Ministers wird von uns nachdrücklich begrüßt. Der Verlauf der Corona-Epidemie hat gezeigt, dass eine gründliche und umfassende Aufarbeitung der Ereignisse und Entscheidungen der vergangenen Monate notwendig ist, um auf vergleichbare Situationen – wie etwa eine weitere Infektionswelle oder eine neue Pandemie – künftig besser vorbereitet zu sein. Im Vergleich mit anderen Ländern ist Deutschland zwar bislang relativ gut durch die Corona-Krise gekommen, allerdings sind auch Defizite bei der Versorgung deutlich geworden, etwa bei der schnellen Beschaffung und heimischen Produktion von Arzneimitteln, Schutzausrüstung und Hygieneartikeln für die Zahnarztpraxen.

BZÄK: Die Pandemie stellt uns alle vor nicht geahnte Herausforderungen. Wir haben es mit einem Virus zu tun, das weitestgehend unerforscht ist und gleichzeitig lebensbedrohend sein kann. Wir haben uns alle miteinander bis zum heutigen Tag gut geschlagen, aber einen „lessons learned?“-Prozess aufzusetzen, ist Voraussetzung dafür, uns für zukünftige Herausforderungen dieser Art gut aufzustellen. Wir alle lernen an- und miteinander. Noch ist die Krise aber nicht bewältigt. Dieser Prozess wird fortgesetzt werden müssen. Wir haben dabei die Aufgabe, die Erfahrungen des Berufsstands genau im Blick zu haben. Darauf basierend gilt es sowohl für das eigene Handeln wie für die Systemebene, Schlussfolgerungen zu ziehen. Die geplante Evaluation der Auswirkungen – auch für den Berufsstand – für den Oktober dieses Jahres ist dafür eine wichtige Gelegenheit. Valide Daten und Informationen sind dafür von enormem Wert. Die erste und wichtigste Lehre: Wir sitzen alle in einem Boot, das Virus greift uns alle an. Weltweit.

Welche Punkte sind bei der Aufarbeitung wichtig?
KZBV: Insbesondere die künftige nationale beziehungsweise europäische Produktion und Beschaffung von Arzneimitteln, Schutzausrüstung und Hygieneartikeln sollten gefördert werden, um die Versorgung von Praxen und Kliniken künftig schneller und gezielter sicherstellen zu können.

Die Pandemie hat ansonsten deutlich gemacht, an welchen Stellen im Gesundheitswesen es hakt und wie wichtig freiberuflich orientierte Heilberufe sind. An dieser Stelle sei allen Zahnärztinnen und Zahnärzten sowie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich in den Praxen während dieser schwierigen Zeit unermüdlich für die Versorgung der Patienten eingesetzt haben, noch einmal ein ausdrücklicher Dank ausgesprochen.

Deutschland ist gerade auch wegen der vielen Freiberufler und ihrer Gemeinwohlverpflichtung im Gesundheitswesen in der Krise gut aufgestellt gewesen. In Ländern, in denen die Versorgung der Menschen bereits deutlich stärker von Kommerzialisierung und Industrialisierung geprägt ist, hat es mitunter erhebliche Probleme gegeben, etwa in den USA. Hier sieht man, dass privatwirtschaftlich ausgerichtete Gesundheitssysteme nicht die qualitativ gute Patientenversorgung an die erste Stelle setzen, sondern das bestmögliche wirtschaftliche Ergebnis. Deutschland darf sich daran kein Beispiel nehmen und allein ökonomischen Vorgaben folgen! Die Bedeutung und Leistungsfähigkeit der freiberuflichen Tätigkeit von Zahnärzten und Ärzten müssen in der Gesundheitspolitik stattdessen wieder stärker ins Zentrum gerückt werden und einen angemessenen Stellenwert bekommen.

BZÄK: Zuerst die Erkenntnis, dass die Vorratshaltung und die Vorhaltung von Strukturen auch in Nicht-Pandemiezeiten wichtig sind. Im Ernstfall sind im Gesundheitswesen „on demand“- und „just-in-time“-Lieferungen oft unmöglich und mitunter tödlich. Gesundheit kostet und wenn wir als Solidargemeinschaft unsere Standards erhalten und ausbauen wollen, müssen wir nachrüsten. Wie wir das klug anstellen und dennoch die Kosten im Blick behalten, wird eine große gemeinsame Herausforderung. Daseinsvorsorge gilt es neu zu definieren.

Spahns Initiative

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich Ende Juni in den Medien für eine umfassende Aufarbeitung der Corona-Politik durch den Bundestag ausgesprochen. In einem Interview sagte er: „Es ist Sache des Bundestags zu entscheiden, wie er die Zeit der Pandemie aufarbeiten will. Ich hielte es für eine gute Idee, wenn der Gesundheitsausschuss zusammen mit ausgewiesenen Experten eine große Evaluation erarbeitet, aus der wir für die nächste vergleichbare Situation lernen können. Und ich möchte die so gewonnenen Erkenntnisse dann nicht nur aufschreiben, sondern zügig umsetzen.“

Gleichzeitig müssen wir aber auch analysieren, warum der zahnärztliche Berufsstand trotz seines professionellen und verantwortungsbewussten Umgangs mit der Krise, in der politischen Wahrnehmung, aber auch bei den Unterstützungsmaßnahmen keine Rolle spielte. Die Enttäuschung der Zahnärzte ist allgegenwärtig und Ursachenforschung zwingend notwendig.

Nicht zuletzt gilt es die Folgen für die Gesundheit/Mundgesundheit der Bevölkerung und das Gesundheitssystem infolge des Verzichts auf Behandlungsmaßnahmen zu analysieren. Politische Entscheidungen dürfen nicht die medizinische Notwendigkeit von Behandlungsmaßnahmen in Zweifel ziehen oder sogar ersetzen.


Das sagen BÄK und KBV

"Die Beratungen der Gremien der Bundesärztekammer zur Aufarbeitung der Erfahrungen der bisherigen Coronapolitik und zu deren Konsequenzen sind derzeit noch nicht abgeschlossen. Jedoch hatte sich Ärztepräsident Dr. Klaus Reinhardt in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Hartmannbundes schon jetzt zu dem Thema geäußert. Er begrüßte den Vorschlag des Ministers. Er hält es aber für erforderlich, dass nicht nur ausgewiesene Experten aus der Wissenschaft an der Evaluation beteiligt sind, sondern zum Beispiel auch in der Versorgung tätige Ärztinnen und Ärzte.

Es gelte, eine kritische, rational sachliche Bewertung der Auswirkungen der jeweiligen getroffenen Maßnahmen vorzunehmen. Dieser Prozess müsse unter Beteiligung breiter wissenschaftlicher Kompetenz und gemeinsam mit erfahrenen Vertretern aus versorgenden Einrichtungen stattfinden. Zusätzlich sollten relevant betroffene gesellschaftliche Gruppen einbezogen werden. Ziel dieses Diskussionsprozesses müsse es sein, aus begangenen Fehlern zu lernen und Dinge künftig besser zu machen.

In einer weiteren Pressemeldung forderte die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Dr. Heidrun Gitter, den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) personell und strukturell neu aufstellen. Die von der Bundesregierung im Rahmen des Corona-Konjunkturpaketes beschlossenen Unterstützungsmaßnahmen für den ÖGD müssten schnell und umfassend umgesetzt werden, sagte sie.  Bei der konkreten Ausgestaltung dieser Maßnahmen sei die Expertise der Ärzteschaft mit einzubeziehen. Gitter verwies auf einen Mangel an zur Verfügung stehender Arbeitszeit bei den Gesundheitsämtern, insbesondere bei ärztlichem Personal.

Auch angesichts des hohen Durchschnittsalters der Ärztinnen und Ärzte im ÖGD bestehe dringender Handlungsbedarf, erklärte sie. Zu den notwendigen Maßnahmen gehöre außerdem eine angemessene Entlohnung. Gittter: ,Die Ärztinnen und Ärzte in den Gesundheitsämtern sind keine Verwaltungsangestellten, sondern Fachärzte, die einer ärztlichen Tätigkeit nachgehen.'"

"Grundsätzlich ist die Initiative des Ministers positiv zu bewerten. Gerne bringen wir hier die ärztliche und psychotherapeutische Perspektive aus Sicht der Niedergelassenen ein. Der vom Minister so titulierte „erste Schutzwall“ der ambulanten Praxen hat sehr gute Arbeit geleistet. Sechs von sieben COVID-Patienten wurden ambulant behandelt. Überhaupt hat das Gesundheitswesen im Land gut performed, wie es neudeutsch heißt. Die gemeinsame Selbstverwaltung hat schnelle Regelungen getroffen (telefonische AU, Ausweitung der Videosprechstunde etc.), um die besondere Situation einer Pandemie zu bewältigen. Corona hat aber auch gezeigt, wie abhängig wir etwa bei der Produktion von Schutzmaterial oder Arzneimitteln vom Ausland sind. Diese Abhängigkeit müssen wir kritisch hinterfragen."


Welche Rolle spielen für Sie die Aussagen der Wissenschaft?
KZBV: Wissenschaftlicher Diskurs und auch unterschiedliche wissenschaftliche Standpunkte – das hat die Corona-Krise gezeigt – müssen Grundlage politischer Entscheidungsfindungen sein und führen in der Regel zu besseren Ergebnissen für den Schutz und die Versorgung der Menschen.

BZÄK: Die Wissenschaft hat in den vergangenen Monaten einen extrem aufwendigen Job gemacht. Trotzdem ist es an uns, auszuhalten, mit Unsicherheiten und Kurskorrekturen zu leben. Auch Erfahrungswissen aus dem klinischen Alltag besitzt eine hohe Bedeutung. Gleichzeitig können wir im Gesundheitswesen, aber auch auf eine breite wissenschaftliche Evidenz bauen, die zum Beispiel uns als Zahnärzten im Umgang mit der Pandemie und unseren Patienten Sicherheit gegeben hat. In unserem Fall sind es die Erfahrungen, die wir mit unseren ausgezeichneten Hygienestandards gemacht haben. Aus der Gesamtschau heraus bleibt es auch weiterhin unsere Aufgabe, wissenschaftliche Erkenntnisse immer wieder neu zu bewerten, Erfahrungswissen einzubeziehen und Empfehlungen auszusprechen, die umsetzbar und der Gesamtsituation angemessen sind.

Was hat gut funktioniert und was nicht?
KZBV: Mit dem versagten Schutzschirm für Zahnarztpraxen haben Zahnärzte und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – im Vergleich zu Ärzten, Heilmittelversorgern und anderen Berufsgruppen – eine nicht nachvollziehbare Ungleichbehandlung und Herabwürdigung erfahren. Mehr noch: Unsere hervorragend funktionierenden Versorgungsstrukturen werden durch diese Regelung achtlos aufs Spiel gesetzt. Diese sind aber unabdingbar, um auch nach der Pandemie die hochqualifizierte flächendeckende zahnmedizinische Versorgung in Deutschland weiterhin zu gewährleisten. Die Bedeutung der zahnmedizinischen Versorgung als Teil der Daseinsvorsorge in Deutschland wurde auf diese Weise bagatellisiert und in erheblicher Weise diskreditiert. Diese Diskriminierung des Berufsstands muss deutlich zur Sprache gebracht werden.

Bei aller berechtigten Enttäuschung bleibt die KZBV bei diesem Thema mit der Politik aber in einem konstruktiven Dialog, insbesondere mit Blick auf die Evaluierung der Situation in den Praxen im Herbst. Es gilt jetzt, den Blick nach vorne auf professionelle Sacharbeit in den kommenden Wochen und Monaten zu richten – auch bei der geplanten Aufarbeitung der Corona-Krise.

Zahnärztinnen, Zahnärzte und ihre Praxisteams haben vom ersten Tag der Epidemie an die Versorgung der Menschen unter oft schwierigen Bedingungen aufrechterhalten. Praktisch „aus dem Stand“ hat der Berufsstand ein bundesweit flächendeckendes Netz von Behandlungszentren in 30 Kliniken und 170 Schwerpunktpraxen für die Akut- und Notfallversorgung von Patienten aufgebaut, die mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert sind oder als Verdachtsfall unter Quarantäne gestellt wurden. Die Zahnärzteschaft und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Herausforderungen der Krise bis zum heutigen Tag hoch professionell, verantwortungsbewusst und erfolgreich gemeistert.

Wichtig ist jedoch, dass der Berufsstand auch in Krisenzeiten mit einer Stimme spricht. Ebenso gab es unterschiedliche Vorstellungen einzelner Landesregierungen hinsichtlich zahnärztlicher Behandlungen, etwa in Baden-Württemberg. Die betreffenden KZVen haben durch ihre Anstrengungen aber glücklicherweise die teils abstrusen Entscheidungen der Landesregierungen korrigieren können.


Stimmen aus der Bundespolitik

Der Jurist Dirk Heidenblut ist seit 2013 Abgeordneter im Deutschen Bundestag und aktuell Mitglied im Gesundheitsausschuss. | Sina Schmidt Picture People

Was halten Sie von der Initiative des Bundesgesundheitsministers?
Dirk Heidenblut: Die Initiative halte ich für gut. In der Krise mussten viele, völlig neue Sachverhalte geregelt und schnelle Lösungen gefunden werden. Das sollten wir uns genau ansehen, auch um für die Zukunft zu lernen.

Welche Punkte sind aus Ihrer Sicht bei der Aufarbeitung wichtig?
Wichtig bei der Aufarbeitung ist zu klären, wie wirksam, zielgerichtet und ausreichend waren die Maßnahmen, um das Gesundheitssystem zu entlasten und gleichzeitig zu sichern. Und wo müssen dauerhaft Veränderungen erfolgen.

Welche Rolle spielen für Sie Aussagen der Wissenschaft?
Die Aussagen der Wissenschaft sind wichtig, aber dürfen nicht die politische Entscheidung ersetzen.

Was hat seit Beginn der Corona-Pandemie gut funktioniert? Was nicht so gut, wo müsste man noch nacharbeiten? Bitte jeweils kurz Beispiele benennen.
Gut funktioniert hat die schnelle Stützung des Gesundheitssystems und die schnelle Sicherung der Arbeitsplätze. Nicht so gut funktioniert hat zunächst die Beschaffung und Absicherung der nötigen Schutzmittel und Hygienemaßnahmen. Unterstützende Maßnahmen im Bereich Digitalisierung, wie etwa die Corona App, hätten schneller eingebunden werden können, und, wären wir hier bereits weiter, auch mehr Nutzen bringen können.

Sollten auch Ärzte und Zahnärzte an der Auswertung beteiligt werden?
Zahnärzte und Ärzte sollten als Hauptakteure auch beteiligt werden.

Dr. Kirsten Kappert-Gonther ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestags für Bündnis 90/Die Grünen. | Deutscher Bundestag / Thomas Trutschel

Was halten Sie von der Initiative des Bundesgesundheitsministers?
Dr. Kirsten Kappert-Gonther:
Der Bundesminister äußert eine Selbstverständlichkeit. Es kann keine Blaupause für die Corona-Krise geben. Und dennoch muss der Bundestag auch hier seine Kontrollfunktion wahrnehmen und die Corona-Politik der Bundesregierung - insbesondere die Praxis, per Ministerverordnung am Bundestag und Bundesrat vorbei zu regieren – kritisch aufarbeiten.

Welche Punkte sind aus Ihrer Sicht bei der Aufarbeitung wichtig?
Die Aufarbeitung muss umfassend sein. Mir ist besonders wichtig, dass wir über die soziale Schieflage der Corona-Krise sprechen und erörtern, wie dieser früher durch entschiedenes Eingreifen der Bundesregierung entgegengewirkt hätte werden können. Auch die mitunter erheblich unterschiedlichen Schutzschirme, die für einige Leistungserbringer im Gesundheitswesen zu spät oder gar nicht aufgespannt wurden, müssen wir dringend unter die Lupe nehmen. Kritisch analysiert werden sollten auch die weitreichenden Ermächtigungen des BMG und die mangelhafte Krisenkommunikation, etwa beim sogenannten Immunitätsausweis. Und natürlich muss es auch darum gehen, welche Schlussfolgerungen wir mittel- bis langfristig für unser Gesundheitssystem aus der Corona-Krise ziehen.

Welche Rolle spielen für Sie Aussagen der Wissenschaft?
Gerade in der Corona-Krise hat die Wissenschaft weltweit unverzichtbare Hinweise gegeben und es war gut, dass die politischen Entscheidungsträger*innen in Deutschland darauf gehört haben. Zahlreiche Forscher*innen arbeiten gerade an wirksamen Medikamenten und Impfstoffen, um die Corona-Pandemie nachhaltig zu überwinden. Bis es soweit ist, sind wir auf die stets aktuellen Lageanalysen angewiesen. Wissenschaft erweist sich in der Krise mehr denn je als systemrelevant und verdient unsere volle Unterstützung.

Was hat seit Beginn der Corona-Pandemie gut funktioniert? Und was nicht so gut – wo müsste man noch nacharbeiten? Bitte jeweils kurz Beispiele benennen.
Deutschland hat die Pandemie bislang verhältnismäßig gut durchgestanden. Das liegt auch an den Stärken unseres Gesundheitswesens, etwa einer guten Diagnostik. Die schnelle Bereitstellung von Intensivkapazitäten hat gezeigt, dass die Bundesregierung über wirksame Hebel in der Gesundheitsversorgung verfügt. Gleichwohl ist die Krise noch lange nicht überstanden. Es müssen weiterhin differenzierte und zielgerichtete Präventionsmaßnahmen erfolgen, um die Gesundheit insbesondere von Risikogruppen zu schützen und eine Überlastung unseres Gesundheitswesens zu verhindern. Die Corona-Krise hat auch gezeigt, dass der chronisch unterfinanzierte und unterbesetzte Öffentliche Gesundheitsdienst dauerhaft gestärkt werden muss.

Sollten auch Ärzte und Zahnärzte an der Auswertung beteiligt werden?
Unbedingt sollten auch Vertreter*innen der Leistungserbringer angehört werden. Sie können als direkt Betroffene darüber berichten, welche Auswirkungen die Gesetzespakete und Verordnungen auf die Sicherstellung und Organisation der Gesundheitsversorgung vor Ort haben. Für eine kritische Aufarbeitung der Corona-Politik sind diese Einschätzungen unerlässlich.

Juristin Karin Maag ist seit 2009 Abgeordnete im Deutschen Bundestag und gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. | Karin Maag

zm: Was halten Sie von der Initiative des Bundesgesundheitsministers?
Karin Maag:
Dass wir uns jetzt die Zeit nehmen müssen, um die ergriffenen Maßnahmen zu bewerten und hinsichtlich ihrer Wirkung zu überprüfen, steht außer Frage. Selbstverständlich müssen aber nicht nur die Maßnahmen auf den Prüfstand, sondern auch weitere Erkenntnisse aus der Krise. Es geht dabei nicht nur um die Gesundheitspolitik, sondern es sind viele Politikbereiche involviert – ich nenne hier z.B. die Innen- und Wirtschaftspolitik. Über die Art und Weise der Aufarbeitung werden wir uns hoffentlich parteiübergreifend verständigen.

Welche Punkte sind aus Ihrer Sicht bei der Aufarbeitung wichtig?
Vor allem müssen Pandemiepläne und die darauf basierenden Maßnahmen künftig regelmäßig eingeübt werden. Ein wichtiger Punkt, den wir bereits mit dem Konjunktur- und Zukunftspaket aufgenommen haben, ist die Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Die Digitalisierung hat einen sehr positiven Riesenschritt nach vorne getan. Die entsprechenden Maßnahmen müssen verstetigt werden. Lehren werden wir z.B. auch aus der sehr unterschiedlichen Belegungsdichte der Krankenhäuser ziehen. Vertragsärzte und -Zahnärzte haben einen wichtigen Beitrag zur Versorgung geleistet, auch das muss künftig z.B. bei der Bevorratung von Schutzkleidung besser berücksichtigt werden. Wichtig ist mir auch, das Zusammenwirken von Bund und Ländern zu bewerten und ggf. zu verbessern.

Welche Rolle spielen für Sie Aussagen der Wissenschaft?
Richtig war und ist weiterhin eine wissenschaftsbasierte Politik im Umgang mit Corona. Aufgrund der Neuartigkeit des Virus gab und gibt es jedoch keinen gesicherten Erkenntnisstand, auf dessen Grundlage politische Entscheidungen getroffen werden könnten. D.h. auch politische Entscheidungen müssen recht schnell neuen Erkenntnissen angepasst werden. Die Kommunikation mit den Betroffenen war deshalb nicht immer einfach und ich bin sehr dankbar, dass die Menschen uns diesen Anpassungsprozess nicht übelnehmen.

Was hat seit Beginn der Corona-Pandemie gut funktioniert? Was nicht so gut, wo müsste man noch nacharbeiten? Bitte jeweils kurz Beispiele benennen.
Seit Beginn der Corona-Pandemie ist es uns z.B. gelungen, freie Kapazitäten an Intensivbetten in Kliniken zu schaffen und mit gezielten Maßnahmen die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu verlangsamen. Auch haben wir die finanziellen Auswirkungen der Corona-Pandemie in nahezu allen Bereichen des Gesundheitswesens überbrücken können. Wir haben die Kapazitäten für die Durchführung von Tests zum Nachweis des Coronavirus erhöht, Umsatzrückgänge bei Heilmittelerbringern, Ärzten und Zahnärzten abgemildert und Rehabilitationseinrichtungen zusätzlich unterstützt. Die Corona-Warn-App zur Unterstützung der Nachverfolgbarkeit von Ansteckungswegen wird sehr gut angenommen. Was sehr deutlich wurde, ist die Abhängigkeit Europas bei der Wirkstoff- und Impfstoffproduktion. Das müssen wir ebenso ändern wie bei der Schutzausrüstung, die muss zumindest teilweise in Europa produziert werden.

Sollten auch Ärzte und Zahnärzte an der Auswertung beteiligt werden?
Für die Auswertung der getroffenen Maßnahmen ist es sicher notwendig, gerade diejenigen zu hören, die von der Umsetzung dieser Maßnahmen betroffen waren. Wie allerdings eine konkrete Beteiligung aussehen könnte, ist für mich noch offen.

Der Zahnarzt und Jurist Dr. Wieland Schinnenburg ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestags. | Copyright

zm: Was halten Sie von der Initiative des Bundesgesundheitsministers?
Dr. Wieland Schinnenburg: Ich halte die Initiative für sehr wichtig. Es ist durchaus mutig von Minister Spahn: Es kann herauskommen, dass sein Verhalten kritikwürdig ist.

Welche Punkte sind aus Ihrer Sicht bei der Aufarbeitung wichtig?

Wieso stützte sich die Bundesregierung bei ihren Entscheidungen auf sehr unsichere Zahlen betr. Infektionen? Wieso hat sie keinen Versuch unternommen, durch repräsentative Tests die wirkliche Zahl von Infizierten zu erfahren? Wieso hat es mit der Corona-App so lange gedauert? Wieso wurden die Zahnärzte so schlecht behandelt?

Welche Rolle spielen für Sie Aussagen der Wissenschaft?

Die Aussagen der Wissenschaft sind Grundlage für politische Entscheidungen. Diese werden aber von dafür gewählten Politikern getroffen- nicht von Wissenschaftlern.

Was hat seit Beginn der Corona-Pandemie gut funktioniert? Und was nicht so gut – wo müsste man noch nacharbeiten? Bitte benennen Sie jeweils kurz Beispiele.
Das (oft gescholtene) Gesundheitssystem hat gut funktioniert - es besteht Grund zu Stolz. Streckenweise sehr unbefriedigend war der Erlass von Beschränkungen, die sachlich kaum nachvollziehbar waren - z.B. die Öffnung von Geschäften nach der Größe der Verkaufsfläche.

Sollten auch Ärzte und Zahnärzte an der Auswertung beteiligt werden?
Ja, natürlich. Denn diese standen an der Front – nicht Minister Spahn.


BZÄK: Zentrale Bedeutung auch für uns Zahnärzte besitzt die Informationspolitik des RKI. Mit den Bundes- und Landesregierungen und Behörden gab es generell einen zügigen und umfassenden Austausch, so dass eine schnelle und umfassende Information an die Zahnärzteschaft erfolgen konnte. Leider waren aber auch Alleingänge der Landesregierungen mit unmittelbaren Auswirkungen für die Zahnärzte zu verzeichnen, die durch einen rechtzeitigen Austausch und Nutzung der Expertise hätten verhindert werden können.

Die Kritikpunkte sind nicht neu:

  • Die Versorgung mit persönlicher Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln in der ambulanten Versorgung war nicht mehr gesichert, weil die Märkte in Asien und die Lieferketten schnell zusammengebrochen sind.
  • Die vollständige Abhängigkeit von ausländischen Märkten, auch im Bereich der Arzneimittel, sehen wir kritisch – neben Schutzausrüstung wurden auch hier lokale Engpässe gemeldet.
  • Die Ausstattung des ÖGD mit Personal und Geld war vor der Pandemie so zurückgefahren, dass sie nicht adäquat hochgefahren werden konnte.
  • Zahnärztinnen und Zahnärzte wurden nicht wie die Ärzte mit Ausfallzahlungen sondern nur mit Krediten unterstützt.
  • Leider werden auch die Potenziale der zahnärztlichen Versorgung, sei es nun bei Impfungen oder Testungen, nicht genutzt.
  • Unterschiedliche Regelungen und Verordnungen in den einzelnen Bundesländern machten nicht nur die Abgabe von zuverlässigen Empfehlungen schwierig, sondern auch die Umsetzung der Regelungsinhalte in den Praxen.

Sollten auch Ärzte und Zahnärzte an der Auswertung beteiligt werden?
KZBV: Unbedingt. Die KZBV sammelt derzeit ohnehin schon so viele Versorgungsdaten wie möglich, um die tatsächlichen Folgen von Corona für Zahnarztpraxen exakt abbilden zu können. Diese Datengrundlage sollte in die geplante Aufarbeitung direkt einfließen. Wichtige Themen sind dabei insbesondere das Leistungsgeschehen, Nachwirkungen im Patientenverhalten und Hygienekosten. Zudem verschafft sich die KZBV Informationen darüber, ob Zahnärztinnen und Zahnärzte durch die Corona-Krise gezwungen waren, ihre Praxis zu schließen oder früher als geplant abzugeben. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, wie sich die Krise auf die Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse in den Praxen auswirkt. Welche Wirkung das Kurzarbeitergeld entfaltet. Solche Daten gehen in die Analyse der KZBV mit ein.

BZÄK: Ja, Zahnärzte und Ärzte müssen beteiligt werden. Erfahrungswissen ist in solchen Situationen von unschätzbarem Wert, denn nur wir stehen im täglichen Kontakt mit den Patienten. Haben Kenntnis von ihren Sorgen und Nöten, aber auch den Schwierigkeiten, insbesondere den Infizierten zu helfen. Auch das Stimmungsbild und die Erkenntnisse der Praxisteams laufen bei uns zusammen. Nicht zuletzt geht es um Erkenntnisse, die die unmittelbare weitere wirtschaftliche Existenz der Praxis aufzeigen. Es wird unsere Aufgabe sein, Daten zu ermitteln, um die Argumentationen zu unterlegen. Wir haben die Erfahrung gemacht, wo Dinge gut gelaufen sind, wo wir Handlungsbedarf haben. Das können und müssen wir einbringen, ohne uns bleibt die Idee der „lessons learned“ nur eine Idee.

Antworten der Gesundheitsverbände und von Mitgliedern des Bundestagsausschusses für Gesundheit auf diese Fragen finden Sie auf www.zm-online.de.

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