Praxislektüre

Ein gutes Zahnarzt-Buch nimmt Kindern die Angst

Dr. Andrea Thumeyer ist Expertin der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege in Hessen (LAGH) in Sachen Kinderbücher. Sie weiß, welche Lektüre für die kleinen Patienten sinnvoll ist und welche Bücher man besser nicht in der Praxis auslegen sollte.

Dr. Andrea Thumeyer privat

Frau Dr. Thumeyer, die LAGH beschäftigt sich seit Jahren intensiv damit, welche Kinderbücher zur Mundgesundheitsförderung besonders empfehlenswert sind. Wie ist die Bücherliste der guten Kinderbücher entstanden?
Dr. Andrea Thumeyer: Kinderbücher rund um den gesunden Mund sind meist Sachbücher, die zeitgemäßes Wissen an die Kinder und an den erwachsenen Vorleser vermitteln. Solche Sachbücher liegen in häuslichen Kinderzimmern, in Bibliotheken, in Wartezimmern von Ärzten und Zahnärzten und werden in Kindertagesstätten und Schulen von Erziehern und Lehrern zur Bildung von Kindern gezielt eingesetzt. Gerade die pädagogischen Fachkräfte kritisierten zu Beginn der hessischen Gruppenprophylaxe Bücher, Medien und Materialien.

So entstand in der Diskussion mit Erziehern und Lehrern bald eine Bücherliste, die jährlich hinterfragt und durch Neuerscheinungen ergänzt wurde. Als die Gesamtliste immer umfangreicher wurde, teilte man sie in drei getrennte Listen – „Bücherhits“, „Nicht empfehlenswerte Bücher“ und „Absolut nicht empfehlenswerte Bücher“. Die Kriterien der Bewertung wurden transparent gemacht und sie wurden strenger. Bücherhits müssen heute auch im Einklang mit dem hessischen Konzept der Mundgesundheitsförderung „5 Sterne für gesunde Zähne“ stehen.

In einem Gespräch mit dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels haben Sie vor Kurzem erklärt, was ein gutes Buch zur Mundgesundheit ausmacht. Welche Rolle können hier die Verlage übernehmen?
Im Interesse der Zahngesundheitsförderung aller Kinder ist es erforderlich, dass alle Beteiligten beim Thema Gesundheitsvorsorge an einem Strang ziehen. Die Verlage sind hier wichtige Partner. Die Redakteure und Autoren sind in der Verantwortung, den derzeitigen State of the Art beim Thema Mundpflege in eine schöne Geschichte zu verpacken. Zähne werden morgens direkt nach dem Frühstück und abends nach dem Abendessen mit einer Reiskorn- oder Erbsengröße Kinderzahnpasta (1.000 ppm Fluorid) geputzt. Berge von Zahnpasta, aus Kindermündern quellender Zahnpastaschaum, verteilt auf Schlafanzug, Waschbecken und Boden mögen für den Grafiker lustig sein, sind aber kontraproduktiv, da sie fachlich falsch und pädagogisch zweifelhaft sind. Welche Mutter, welcher Vater und welche pädagogische Fachkraft will ein Kind, das sich so verhält wie die Identifikationsfigur eines solchen Kinderbuches?

Inhaltlich muss die KAIplusSystematik umgesetzt sein, also der Weg der Zahnbürste (Kauflächen, Außenflächen, Innenflächen) und die erforderliche Technik altersdifferenziert erklärt werden. Absolut unverzichtbar sind Eltern, die in Wort und Bild die Verantwortung für das Sauberputzen der Kinderzähne, das „plus“, aktiv übernehmen: Ohne Elternhand im Kindermund werden Kinderzähne krank.

Wie kann der Zahnarzt bei der Vielzahl von Büchern über Zähne die Spreu vom Weizen trennen?
Zahnarztteams sollten Kinderbücher auswählen, die die Gesundheitskompetenz fördern. Die Hitliste der LAGH macht es den Zahnarztpraxen leicht, die richtigen Bücher zu kaufen, zu finden ist diese Liste auf der Website der LAGH [Anm. der Red.: bit.ly/LAGH_Buecherhits].

Bei der Wahl von Büchern für den Einsatz in der zahnärztlichen Praxis sind die Bücher zu empfehlen, in denen der Zahnarzt als Freund und Helfer dargestellt wird und folgende Fragen beantwortet werden: Wozu brauche ich meine Zähne? Warum gehen wir zum Zahnarzt? Wie sieht es im Behandlungszimmer aus? Wie wird ein Zahn repariert? Wie lange, wie oft und von wem werden Zähne geputzt? Was passiert bei einer Untersuchung?

Und wann ist ein Kinderbuch über Zähne so richtig schlecht?
Bei unseren Bewertungen sind wir in den Büchern auf Inhalte gestoßen wie die Frage „Sind Zahnärzte gefährlich?“ und die Antwort lautet „Ja, das sind die Schlimmsten!“. Es wird von „grässlicher Zahnpasta“ geschrieben, die Erstickungsanfälle auslöst. Es werden überdimensionale Mengen an Zahnpasta abgebildet, die fern von unseren Reiskorn- beziehungsweise Erbsengrößen-Empfehlungen liegen. Es tauchen falsche Aussagen wie „Nach jedem Essen Zähne putzen!“ auf bis hin zu „Auch Obst, Brot und Müsli sind für die Zähne schädlich!“.
Der Besuch in der Zahnarztpraxis und Zahnhygiene wird generell als „eklig!!!“ beschrieben. In der Zahnarztpraxis sitzen Kinder und Erwachsene mit dick geschwollenen Backen, Tränen im Gesicht und Verbänden um den Kopf. Nicht selten taucht die Zahnarzthelferin mit dem Satz „Hab keine Angst!“ auf und die zahnmedizinischen Instrumente werden als Bohrmaschinen dargestellt oder als gemeine Zerstörer des eigenen Zuhauses tituliert und illustriert.

Bücher, die den Bewertungskriterien nicht entsprechen, aber auch nicht besonders schlecht sind, finden Zahnarztpraxen in der Liste „Nicht empfehlenswerte Bücher“. Bücher, die eine rote Karte verdient haben in der Liste „Absolut nicht empfehlenswerte Kinderbücher rund um den Mund“ [Anm. d. Red.: https://bit.ly/LAGH_schlechte_Buecher].

Und was muss es enthalten, um so richtig gut zu sein?
Echte Zahnbuchfavoriten sind Wegweiser zu mehr (Mund-)Gesundheit; sie motivieren ihre Leserschaft zu Zahnpflege und gesundheitsförderlichem Essen und Trinken und vermögen kindliche Ängste vor der Zahnarztpraxis und den Instrumenten in Wort und Bild gezielt abzubauen.

Die Fragen stellte Gabriele Prchala.

Dr. Andrea Thumeyer
... ist Zahnärztin in Kriftel und Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege in Hessen (LAGH).

Zuletzt von der LAGH empfohlen

 

Doris Rübel: Komm mit zum Zahnarzt. Wieso? Weshalb? Warum? Junior. Ravensburger Verlag GmbH, 2019. 9,99 Euro. ISBN: 978–3–473–32953–3

Inhalt:
Lisa, Tim und das Baby Leo gehen nach dem Essen mit Mama zur Zahnärztin. Nach fröhlichem Spiel im Wartebereich erleben sie im Behandlungszimmer das Legen einer kleinen Zahnfüllung bei Lisa und die Untersuchung von Tims Zähnen. Dabei werden die einzelnen Behandlungsschritte wie auch die Instrumente gezeigt und erklärt. Lisa führt im Anschluss kleinschrittig vor, wie sie ihre Zähne putzt; Tim benötigt für saubere Zähne noch die Hilfe der Eltern, die dort, wo seine Zähne eng stehen, auch Zahnseide benutzen. Und die ersten Zähnchen von Baby Leo putzt Papa vorsichtig mit einer Fingerzahnbürste.

Kommentar der LAGH:
Das Sachbuch mit Bildklappen für Kinder ab 2 Jahren ist Teil der bekannten und beliebten Sachbuchreihe „Wieso? Weshalb? Warum? Spielerisch die Welt entdecken“. Das erklärte Ziel dieser Sachbuchreihe ist die Beantwortung erster Kinderfragen, die kindgerechte spielerische Wissensvermittlung und das selbstständige Entdecken eines kompetent recherchierten Themenschwerpunkts. In „Komm mit zum Zahnarzt“ werden Antworten gegeben zu den Fragen:

  • Wozu brauche ich meine Zähne?
  • Warum gehen wir zum Zahnarzt?
  • Wie sieht es im Behandlungszimmer aus?
  • Wie wird ein Zahn „repariert“?
  • Was passiert bei einer Untersuchung?
  • Wie lange muss ich Zähne putzen?
  • Wie putze ich meine Zähne?
  • Wer hilft mir beim Zähneputzen?

Alle Personen präsentieren sich freundlich und sympathisch und können für die Zielgruppe gut als Identifikationsfiguren dienen. Da sowohl die Texte als auch das begleitende Bilderangebot mit den Inhalten des Hessischen Mundgesundheitsprophylaxe-Konzepts übereinstimmen, stellt dieses Sachbuch eine echte Bereicherung des Buchempfehlungsangebots rund um den Mund für Kitakinder dar.

Cordula Buschmann, Pädagogin

Eine größere Auwahl an von der LAGH empfohlenen Kinderbüchern finden Sie hier: zm-online.de

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