Interview mit gematik-Geschäftsführer Dr. Markus Leyck Dieken

„Die Zeiten der passiven Dienstbarkeit sind vorbei!“

Die gematik nimmt eine Schlüsselrolle beim Ausbau der Telematikinfrastruktur (TI) ein. 2019 wurde die Gesellschafterstruktur völlig neu aufgestellt. Seitdem hält das Bundesgesundheitsministerium 51 Prozent der Anteile. Zuletzt geriet die gematik wegen einer zweimonatigen Störung der Konnektoren in den Praxen in die Schlagzeilen. Die zm sprachen mit gematik-Geschäftsführer Dr. med. Markus Leyck Dieken über die Störung, verlorengegangenes Vertrauen und den Einfluss der Zahnärzteschaft in der gematik.

S. Rudat

Sie sind seit mehr als einem Jahr Geschäftsführer der gematik. Einige Monate davon fallen in die Corona-Zeit. Welche Ihrer Pläne wurden durch die Pandemie ausgebremst?
Dr. Markus Leyck Dieken: Keine. Die Corona-Pandemie gibt der Digitalisierung einen Schub. Sie hat gezeigt, dass digitale Angebote die Patientenversorgung für alle Beteiligten erleichtern können. Gäbe es schon heute das E-Rezept, hätten viele Menschen in der akuten Zeit keine Praxis aufsuchen müssen, um ihr Rezept entgegenzunehmen. Nicht zuletzt diese Tatsache beflügelt uns. Doch schon in den Monaten vor Corona haben wir unseren Modus Operandi um 180 Grad gedreht und übernehmen nun eine aktive Rolle. Die Zeiten der passiven Dienstbarkeit sind vorbei.

Was heißt das genau?
Die gematik hat ein neues Selbstverständnis. Mit der Entwicklung des E-Rezepts werden wir erstmals ein produktives Unternehmen. Wir sind damit nicht nur ein Konzepthaus, sondern müssen ein Konzept auch mit Leben füllen, um draußen zu überzeugen. Deshalb wenden wir uns heute sehr viel stärker nach außen. Unsere Mitarbeiter suchen beispielsweise den Austausch mit Vertretern von Fachgesellschaften, Patientenvereinigungen, Zahnärzten und Ärzten. Zudem gehen sie zu Pilotprojekten hinaus ins Land.

Sie sind im vergangenen Jahr angetreten, die TI in Deutschland voranzubringen. Wie soll das gelingen?
Unser oberstes Ziel ist, Deutschland bei der digitalen Aufholjagd in Europa weit nach vorn zu bringen. Das gelingt uns, wenn wir unsere Aufgabe als ein aktiver Gestalter ausfüllen. Wir sind der Bereitsteller der digitalen nationalen Gesundheitsarena. Wir müssen nicht alle digitalen Produkte selbst anbieten, sondern dafür sorgen, dass möglichst viele in die Arena kommen – etwa dadurch, dass wir interoperable Standards setzen.

Die Aufholjagd wurde allerdings gestört, als bei rund 80.000 Konnektoren in deutschen Arzt- und Zahnarztpraxen wochenlang der Online-Versichertenstammdatenabgleich nicht funktionierte. Was hat die gematik aus dieser TI-Störung gelernt?
Wir haben viel aus der Störung gelernt und arbeiten mit Hochdruck daran, unsere Prozesse zu optimieren. So werden wir beispielsweise die Prozesse stärker ausbauen, die die Stabilität der TI sicherstellen. Zudem ermöglicht uns das Patientendaten-Schutz-Gesetz, mehr Maßnahmen zu ergreifen, um künftig die Verfügbarkeit von Diensten in der TI direkter überwachen zu können. Damit können wir bei Fehlern künftig schneller intervenieren. Dazu gehört auch, die Risikoanalysen zu den TI-Notfallkonzepten zu erweitern. Perspektivisch brauchen wir für den aktuellen Konnektor einen modernen Nachfolger, mit dem technisch auch Fernbehandlungen möglich sind.

Als Reaktion auf die TI-Störung haben verärgerte Ärzte und Zahnärzte Rechnungen ihrer IT-Dienstleister, die die Störung ihrer Konnektoren vor Ort behoben haben, an die gematik weitergeleitet. Wie gehen Sie damit um?
Aus unserer Sicht deckt die Betriebskostenpauschale das erforderliche Einspielen der sogenannten TSL-Datei in Normalfällen ab. Die Pauschale wird quartalsweise von den Kassen bezahlt. Regelungsbedarf besteht bei einigen Sonderfällen, für die wir eine Taskforce Finanzierung eingerichtet haben, die die Rechnungen prüft. Darüber hinaus mussten wir leider erkennen, dass nicht jeder Konnektor täglich am Netz ist. Damit Konnektoren zuverlässig arbeiten, müssen aber regelmäßig Updates aufgespielt werden. Das funktioniert nur, wenn sie durchgängig online sind.

Wie können Sie Ärzte und Zahnärzte dazu bringen, ihre Konnektoren am Netz zu lassen?
Es wird neue Funktionen geben. Beim Versichertenstammdaten-Management (VDSM) konnte der Konnektor noch zeitweise vom Netz genommen werden. Mit den zukünftigen Anwendungen wird das nicht mehr möglich sein. Der Konnektor wird durch die Anbindung an die Kommunikation im Medizinwesen (KIM), die elektronische Patientenakte und später auch das E-Rezept durchgehend online gehalten.

Sie sind von Haus aus Internist. Können Sie als Arzt Kollegen verstehen, die der Digitalisierung ablehnend gegenüberstehen?
Gerade als Arzt erkenne ich die enormen Chancen der Digitalisierung für die Patientenversorgung. Digitale Angebote eröffnen neue Wege bei Therapieentscheidungen. Das muss in den Fokus gerückt werden. Mein Eindruck ist, dass Digitalisierung leider oft viel zu technisch erklärt wird. Wir hören immer wieder das Argument von Ärzten, dass sie keine IT-Experten seien. Das kann ich nachvollziehen. An dieser Stelle sehe ich uns von der gematik klar in der Verantwortung, unsere Produkte nutzerorientiert zu entwickeln und sie auch verständlich zu kommunizieren. Ich bin sicher, sobald die ersten Anwendungen im Praxisalltag angekommen sind, werden Zahnärzte und Ärzte diese als überzeugende Anwendung erleben.

Markus Leyck Dieken

 

 | S. Rudat

Dr. med. Markus Leyck Dieken ist seit dem 1. Juli 2019 Alleingeschäftsführer der gematik. Angetreten ist er, um die Telematikinfrastruktur (TI) in Deutschland voranzutreiben.

Der Internist und Notfallmediziner promovierte 2001 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Endokrinologie. Seine klinische Tätigkeit umfasst stationäre und ambulante Stationen in Deutschland und Brasilien.

Leyck Dieken, 1965 in Rio de Janeiro geboren und dort aufgewachsen, war als Manager in der Pharmabranche unter anderem bei Novo Nordisk, Inter-Mune Inc. und Teva Pharmaceuticals tätig und leitete dort Change-Management-Prozesse. Er gilt als IT-Spezialist. Vor seinem Amtsantritt bei der gematik baute Leyck Dieken als Senior Vice President Geschäftsführer Deutschland des japanischen Pharmaunternehmens Shionogi Europe die Deutschland-Niederlassung zur Einführung eines Antibiotikums bei Bakterien-Resistenzen auf.

Markus Leyck Dieken lebt seit 15 Jahren in Berlin und ist Mitglied im Förderkreis der Deutschen Oper Berlin, seine Lieblingsoper ist „Tristan und Isolde“.

Können Sie nachvollziehen, dass viele Ärzte und Zahnärzte die gesetzten Fristen zu kurz finden?
Wir in Deutschland müssen gerade einen Sprint absolvieren, um bei der Digitalisierung nicht den Anschluss in Europa zu verlieren. Die Aufholjagd ist natürlich anstrengend – insbesondere, wenn wir sehen, dass Portugiesen ihre Rezepte bereits in Finnland einlösen können, während wir noch nicht mal im eigenen Land ein E-Rezept nutzen können. Das wird sich zum Glück ändern und ich bin sicher, dass sich der Aufwand lohnt.


Wie schnell werden sich die digitalen Anwendungen etablieren?
 Ich wage eine Prognose: Das E-Rezept wird Deutschland rasch durchdringen. Da werden wir in zwei Jahren sehr weit sein. Auch bei KIM wird es schnell vorangehen. Dort kommen immer mehr Nutzergruppen hinzu. Es wird obligatorisch werden, darüber zu kommunizieren. Bis jetzt ist KIM ein E-Mail-basierter Dienst. Doch dabei soll es nicht bleiben, denn die Ärzte und Zahnärzte möchten auch einen KIM-basierten Messenger-Dienst nutzen. Bei der elektronischen Patientenakte wird entscheidend sein, dass wir sie von den Vorteilen der Akte überzeugen. Das kann nur gelingen, wenn wir deren Bedarfe erfragen. Dafür öffnen wir uns dem Dialog mit allen Beteiligten. Wir wollen künftig nur noch nutzerzentrierte Produkte anbieten – für Leistungserbringer und Patienten.

A propos Patienten. Dort sind die geplanten Anwendungen kaum bekannt. Wer kann dort Aufklärung leisten?
Die Aufklärung der Patienten ist enorm wichtig. Jeder Zahnarzt, Arzt Pfleger oder Physiotherapeut sollte mit seinen Patienten darüber sprechen und die Vorteile beispielsweise der ePA für die Versorgung des Patienten erklären. Vor allem chronisch kranke Patienten werden den Wert schnell erkennen. Menschen, die gute Erfahrungen mit der Digitalisierung gemacht haben, werden ihren Freunden und ihrer Familie davon berichten.

Die Übernahme von 51 Prozent der gematik-Anteile durch das BMG im vergangenen Jahr hat bei den übrigen Gesellschaftern verständlicherweise keine Begeisterung ausgelöst. Können Sie verstehen, dass sich die Leistungserbringer nicht mehr ausreichend gehört fühlen?
Die Leistungserbringer unter unseren Gesellschaftern haben in der Vergangenheit häufig mit einer starken Stimme gesprochen und das sollte auch so bleiben. Ohne sie kann Digitalisierung nicht funktionieren. Auch die Stimme der Zahnärzte wird in der gematik genauso gehört werden wie zuvor. Die neue Struktur hat die gematik deutlich vorangebracht. In der neuen gematik ist die Gesellschafterversammlung nicht nur ein Kontrollgremium. Sie sollte zu einem Runden Tisch der Digitalisierung werden, der gemeinsam Entscheidungen trifft.

Gibt es eigentlich eine perfekte TI?
Nein, die gibt es nicht. Sie ist immer im Wandel und bringt permanent Neues. Gerade das bringt uns weiter. Denn Perfektionismus bedeutet Stillstand.

Das Gespräch führten Sascha Rudat und Silvia Meixner.

Von ePa bis KIM

Die wichtigsten Projekte der gematik auf einen Blick:

  • Die elektronische Patientenakte (ePA) wird ab dem 1. Januar 2021 von den Krankenkassen angeboten. Sie ist für Versicherte freiwillig und soll in den nächsten Jahren weitere Funktionen wie Impfausweis, Mutterpass, U-Heft für Kinder und das Zahnbonusheft bekommen. Patienten können entscheiden, wer auf welche Daten zugreifen kann und diese auch wieder löschen.
  • Das E-Rezept soll im Juli 2021 starten. Ziel ist, das Erstellen, Einreichen und Verarbeiten von Rezepten einfacher zu machen. Dabei können die Patienten dann selbst entscheiden, ob sie das Rezept auf ihr Smartphone übermittelt bekommen oder ob sie einen Ausdruck mit 2-D-Code erhalten.
  • Der Elektronische Medikationsplan, kurz eMP, soll künftig auf der eGK gespeichert werden. Er soll Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Apotheker umfassend über die medikamentöse Behandlung eines Patienten informieren. So können zum Beispiel mögliche Wechselwirkungen berücksichtigt werden (Arzneimitteltherapie-Sicherheitsprüfung). Für den Einsatz ist das Einverständnis des Patienten nötig.
  • Die Kommunikation im Medizinwesen (KIM), ehemals KOM-LE, soll „über Einrichtungs-, System- und Sektorengrenzen hinweg“ für den sicheren E-Mail-Verkehr und Datenaustausch sorgen. Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Apotheker, KVen, KZVen, Krankenkassen und andere Akteure im Gesundheitswesen sollen via KIM kommunizieren. Weitere Anwendungsmöglichkeiten von KIM sind der eArztbrief und die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU).
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