Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein

„Ärzte und Zahnärzte sollten mehr über den Nationalsozialismus wissen!“

Die Verbrechen von Berufskollegen in der NS-Zeit seien zu vielen angehenden Ärzten und Zahnärzten unbekannt, kritisiert der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Er plädiert dafür, die Approbationsordnung um diesen Baustein zu ergänzen. Prof. Dominik Groß, Gesamtleiter des zahnärztlichen Aufarbeitungsprojekts, begrüßt diesen Vorstoß: „Wir stellen immer wieder fest, wie wenig Vorwissen die Studierenden mitbringen und wie schockiert sie auf die Verbrechen reagieren.“

Die Ergebnisse der Aufarbeitung der Rolle der Zahnärzteschaft in der NS-Zeit müssen in die Lehre in den Universitäten getragen werden, sagt Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung. Adobe Stock_Igal

Klein: „Es gibt heute zu viele Mediziner, die unzureichende Kenntnisse über die Rolle der Medizin im Dritten Reich haben – und hier schließe ich Zahnmediziner mit ein. Beispielsweise fehlt es an Wissen über die menschenverachtenden Versuche und die eklatanten Verstöße gegen den Hippokratischen Eid von Ärzten und Zahnärzten in der Zeit des Nationalsozialismus.“

Klein setzt sich daher dafür ein, dass die Approbationsordnung für Mediziner und Zahnmediziner ergänzt wird um die Geschichte und die Verantwortlichkeit während der Zeit des Nationalsozialismus. „In dieser Zeit haben viele Berufsgruppen Schuld auf sich geladen, indem sie an den Verbrechen, vor allem an den deutschen und europäischen Jüdinnen und Juden, mitgewirkt haben – so auch deutsche Zahnärzte“, erläutert Klein.

Die Approbationsordnung muss geändert werden

„Über die Verstrickung der Zahnärzte ins Unrechtssystem der Nazis wissen die heutigen Studierenden der Zahnheilkunde nach meinem Eindruck viel zu wenig. Den zahnmedizinischen Fakultäten sollte daran liegen, dass die angehenden Zahnärzte in Zeitalter ständiger Ethikdebatten ein Bewusstsein hierfür entwickeln.“

Von hoher Bedeutung ist für Klein das Projekt der Zahnärzteschaft zur Aufarbeitung der NS-Zeit im Berufsstand. Mit der Untersuchung der Rolle der Zahnärzte während des Dritten Reichs stelle die Zahnärzteschaft sich ihrer Verantwortung. Er verwies darauf, dass sich über 60 Prozent der Hochschullehrer der Zahnheilkunde und Kieferchirurgie der NSDAP angeschlossen hatten. „Das ist ein weitaus höherer Prozentsatz im Vergleich zu anderen Berufsgruppen“, sagte Klein. „Ich halte es für wichtig, dass diese Vergangenheit der Zahnärzte in Deutschland aufgearbeitet wird. Aus diesem Grund ist eine Ergänzung der Approbationsordnung für Zahnärzte erforderlich.“


Alle Artikel der Titelgeschichte zm 18

Der „Walkhoff-Preis“ heißt jetzt „DGZ-Publikationspreis“. Damit reagiert die Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) auf Ergebnisse des Forschungsprojekts „Zahnmedizin und Zahnärzte im Nationalsozialismus“: Im Rahmen der Studie wurde bekannt, dass Namensgeber Otto Walkhoff ein glühender Verfechter des Nationalsozialismus und bereits vor 1933 in die NSDAP eingetreten war.

Hier geht's zum Artikel

Bei der Beurteilung von Personen werden oft zwei Aspekte vermengt, die wir Geschichtswissenschaftler eigentlich bewusst sehr getrennt halten: die Fachlichkeit und die Honorabilität (= Vorbildcharakter) einer Person.

Hier geht's zum Artikel

Die Verbrechen von Berufskollegen in der NS-Zeit seien zu vielen angehenden Ärzten und Zahnärzten unbekannt, kritisiert der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Er plädiert dafür, die Approbationsordnung um diesen Baustein zu ergänzen. Prof. Dominik Groß, Gesamtleiter des zahnärztlichen Aufarbeitungsprojekts, begrüßt diesen Vorstoß: „Wir stellen immer wieder fest, wie wenig Vorwissen die Studierenden mitbringen und wie schockiert sie auf die Verbrechen reagieren.“

Hier geht's zum Artikel

Hans Fliege (1890–1976) gehört zu den wenigen zahnärztlichen Hochschullehrern, denen es nach 1945 nicht mehr gelang, an ihre Karriere anzuknüpfen. Der Beitrag schildert die Hintergründe dieses Bruchs und beschäftigt sich mit der Rezeption Flieges in der Bundesrepublik.

Hier geht's zum Artikel

Aus Anlass der 70-jährigen Wiederkehr des Approbationsentzugs für Ärzte und Zahnärzte, die unter die nationalsozialistischen Rassengesetze fielen, ehrten in Bayern die KZV, die Landeszahnärztekammer und der Zahnärztliche Bezirksverband München Stadt und Land auch den Zahnarzt, Kieferorthopäden und Vererbungswissenschaftler Erich Knoche (1884–1969).1 Zunächst Hofzahnarzt in Gotha, führte Knoche seit 1921 in München eine Praxis in bester Lage, verfasste zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und konnte sich zum Bekanntenkreis von Oswald Spengler und Thomas Mann zählen. Er gehörte zu den wenigen vertriebenen Zahnärzten, die nach Deutschland zurückkehrten und denen schon früh wieder große Wertschätzung entgegengebracht wurde.

Hier geht's zum Artikel


Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Inhaber des gleichnamigen Lehrstuhls der RWTH Aachen und Leiter des zahnärztlichen Aufarbeitungsprojekts, begrüßt die Initiative des Antisemitismusbeauftragten als „richtig und wichtig“, denn die ärztliche Approbationsordnung sehe bisher keine verpflichtete Lehre in „NS-Medizin“ vor. Er erinnerte daran, dass das Thema an der RWTH Aachen bereits vor zehn Jahren eigeninitiativ in die Pflichtlehre aufgenommen worden sei. Dort werde der Medizin im Nationalsozialismus seitdem ein ganzer Seminartag gewidmet. Das liege aber auch daran, dass es in Aachen einen „Modellstudiengang“ gebe und deshalb dort von den üblichen Lehrinhalten des Regelstudiengangs Medizin abgewichen werden dürfe.

Die Studierenden sind regelmäßig schockiert

Groß: „Jedenfalls stellen wir in diesen Seminaren immer wieder fest, wie wenig Vorwissen die Studierenden mitbringen und wie schockiert sie auf die Verbrechen reagieren. Deshalb brauchen wir möglichst bald eine solche Änderung in der AO. Ich empfehle allerdings, beide Seiten zum Thema zu machen: Die Verbrechen von Ärzten im Nationalsozialismus – um die es dem Antisemitismusbeauftragten geht –, aber auch die vielen jüdischen Opfer unter den Ärzten und Zahnärzten, denn gerade diese beiden Berufe waren unter jüdischen Akademikern weitverbreitet. Ärzte waren eben beides: Täter und Verfolgte.“

Groß verwies außerdem darauf, dass aus ganz ähnlichen Gründen vor 15 Jahren der Herbert-Lewin-Preis ins Leben gerufen worden sei, an dem mittlerweile auch die BZÄK und die KZBV beteiligt sind. „Damit zeichnen wir – das Preisgericht – Arbeiten aus, die sich wissenschaftlich mit der Rolle der Ärzteschaft während der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen“, erklärte er. „Diese Schriften stammen meist von jungen Doktoranden der Medizin und der Zahnheilkunde. Je früher wir also unseren Nachwuchs für dieses Thema sensibilisieren, desto intensiver und breiter werden auch die Forschungsaktivitäten in diesem Bereich ausfallen.“

33818123356352335635333563543381813 3381814 3356357
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare