Kritik an der Stellungnahme des EbM-Netzwerks zu COVID-19-Strategien

Die Krux mit der Evidenz

Die bisher durchgeführten Maßnahmen zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie richten möglicherweise mehr Schaden an als das Virus selbst – diese These stellte das Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (EbM-Netzwerk) in einer zehnseitigen Stellungnahme auf. Es fehle belastbare Evidenz. Namhafte Experten werfen dem Netzwerk jetzt genau das vor: Die ganze Argumentation sei eine Abweichung von wissenschaftlichen Prinzipien.

Aus der Stellungnahme des EbM-Netzwerks: Die Evidenz zum Tragen von Masken: widersprüchlich, zum Nutzen von Social Distancing: wenig belastbar, zu Massentestungen: tendenziös. AdobeStock_Tobias Seeliger

Das EbM-Netzwerk hat sich in die Diskussion zur Bekämpfung der Corona-Pandemie eingeschaltet: „Es gibt insgesamt noch sehr wenig belastbare Evidenz, weder zu COVID-19 selbst noch zur Effektivität der derzeit ergriffenen Maßnahmen, aber es ist nicht auszuschließen, dass die trotz weitgehend fehlender Evidenz ergriffenen Maßnahmen inzwischen größeren Schaden anrichten könnten als das Virus selbst“ – lautet das Fazit des Papiers „COVID-19: Wo ist die Evidenz?“ Randomisierte Studien seien dringend erforderlich, um die von der Politik getroffenen Entscheidungen angemessen zu stützen. Das Netzwerk wolle daher aus der Perspektive der evidenzbasierten Medizin den derzeitigen Umgang mit SARS-CoV-2 kritisch hinterfragen. Die Krux dabei: Das Netzwerk fordert Evidenz – betont jedoch gleichzeitig, dass es diese nicht gibt!

Einige Kernaussagen aus der Stellungnahme:

  • zur Gefährlichkeit der Erkrankung: Der momentan zu verzeichnende Anstieg an Testpositiven ohne gleichzeitige Zunahme von Hospitalisierungen, Intensivbehandlungen und Todesfällen „rechtfertigt derzeit keine einschneidenden Maßnahmen“.
  • zum Nutzen von Interventionen: Es gebe wenig belastbare Evidenz, dass Maßnahmen wie Social Distancing oder die Schließung von Bildungseinrichtungen zur Verringerung der Gesamtmortalität führen. Zum Tragen eines MNS gebe es widersprüchliche Daten.
  • zu Massentestungen: Es habe den Anschein, dass die positiven Ergebnisse ohne Bezug zur Menge der durchgeführten Tests und ohne Bezug zur Bevölkerung benutzt werden, um damit die derzeitige Strategie zur Eindämmung der Pandemie zu rechtfertigen.
  • zur öffentlichen Berichterstattung: Die mediale Berichterstattung sollte die Kriterien einer evidenzbasierten Risikokommunikation beherzigen und irreführende Meldungen von Absolutzahlen ohne Bezugsgröße beenden.
  • zur Entwicklung von Impfstoffen: Es bestehe die Sorge, dass die üblichen Nachweise von Wirksamkeit und Sicherheit eines Impfstoffs zugunsten einer beschleunigten Bereitstellung aufgeweicht werden könnten.
  • zu Schäden durch den Lockdown: Dazu gebe es noch wenig Studienrelevanz.

Die Kritik an den Thesen des EbM-Netzwerks ist heftig. So zeigte sich der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf Twitter über die Stellungnahme überrascht und enttäuscht: „Die Empfehlungen entsprechen überhaupt nicht der Lage, die auf uns zukommt. Mit Studien wurde kaum gearbeitet. Der Ton war politisch, nicht wissenschaftlich. So kenne ich ebm-netzwerk.de nicht.“ Der Bonner Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck bestritt in einem ZDF-Interview, es gebe beim Thema COVID-19 zu wenig Evidenz. Man könne mittlerweile sehr gute Prognosen erstellen, um weitere Lockerungen oder Maßnahmen zu beschließen. „Ich finde diesen Text polemisch und emotional, sicherlich nicht evidenzbasiert“, sagte der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten, Charité Berlin. Er halte es für fatal, wenn einige Mediziner den Eindruck erwecken wollten, der Lockdown sei nicht nötig gewesen. Positiv hingegen äußerte sich auf Twitter der Hamburger Virologe Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit: Es handele sich um eine „gute und ausgewogene wissenschaftliche Stellungnahme“.

Das Netzwerk bleibt bei seinen Thesen

Derweil teilte das EbM-Netzwerk in „ergänzenden Hinweisen zur Stellungnahme“ mit, es lehne diePandemiemaßnahmen nicht pauschal ab, sondern verstehe seinen Vorstoß als „Einladung zur kritischen Reflexion und konstruktiven Zusammenarbeit“: „Bislang haben uns keine wesentlichen inhaltlichen Argumente erreicht, die uns zu einer grundlegenden Änderung unserer Stellungnahme Anlass geben.“

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