zm-Serie: Täter und Verfolgte im „Dritten Reich“

Julius Misch – Nestor der sozialen Zahnheilkunde, Herausgeber der „Fortschritte der Zahnheilkunde“, deportiert

Julius Misch (1874–1942) gehörte zu den über seine Heimatstadt Berlin hinaus bekannten Zahnärzten seiner Zeit. Er war einer der Gründungsväter der sozialen Zahnheilkunde, engagierte sich in der Fort- und Weiterbildung für Zahnärzte und hinterließ ein umfangreiches und einflussreiches Werk. Nach 1933 wurde ihm die Ausübung von Ämtern und Herausgeberschaften verboten, später verlor er seine wirtschaftliche Existenzgrundlage. Im Oktober 1941 wurden Misch und seine Ehefrau Hertha in das Ghetto Litzmannstadt deportiert, wo Misch im April 1942 starb. Hertha Misch wurde kurz darauf in das Vernichtungslager Kulmhof gebracht und dort ermordet.

Abb. 1: Titelblatt des zweiten Bandes der dritten Auflage von Mischs Lehrbuch der Grenzgebiete der Medizin und Zahnheilkunde für Studierende, Zahnärzte und Ärzte (1923)

Julius Misch wurde am 4. April 1874 in Berlin in eine jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren. Seine Eltern Siegfried und Ottilie Misch führten in der Stadtmitte eine „Handschuh- und Parthiewarenhandlung“.1 Als der Vater 1885 starb, besuchte Misch noch das Königstädtische Realgymnasium, verließ es zunächst 1890 mit dem Ziel, sich „einem praktischen Berufe zu widmen“, um dann 1894 mit dem Reifezeugnis für die Prima ein Studium der Zahnheilkunde an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin aufzunehmen.2 1897 legte er sein Staatsexamen ab und eröffnete nach seiner Assistentenzeit um die Jahrhundertwende in Berlin-Schöneberg seine erste Praxis.

Er war auch im Steuerausschuss des Finanzamtes Berlin-Schöneberg aktiv

1903 – lange vor der Einführung des Dr. med. dent. im Jahr 1919 – wurde er an der philosophischen Fakultät der Berliner Universität mit einer zoologischen Arbeit promoviert.3 Im gleichen Jahr war Misch an der Gründung des „Standesvereins Berliner Zahnärzte“ beteiligt, dessen langjähriger Vorsitzender er wurde. Auch im 1907 gegründeten „Berliner Verband zahnärztlicher Vereine“ stand er an der Spitze und war Mitherausgeber der Verbandszeitschrift („Berliner zahnärztliche Halbmonatsschrift“). Er setzte sich für eine „Neugestaltung der zahnärztlichen Ausbildung“4 und die „Neuorientierung in der Zahnheilkunde und für deren volkshygienische Aufgaben“ ein,5 dazu gehörte auch sein Engagement für die Gründung eines „Seminars für soziale Zahnheilkunde“. Misch gehörte – neben Otto Walkhoff – auch zu den Vorkämpfern für die zahnärztliche Promotion an den medizinischen Fakultäten in Deutschland.6

Abb. 2: Titelblatt der von Misch herausgegebenen Fortschritte der Zahnheilkunde (1933) | Copyright

Misch war darüber hinaus vielseitig interessiert und engagiert. So meldete er 1903 zwei Patente auf dem Gebiet der Sterilisation und Desinfektion an,7 gehörte bereits seit 1908 dem Steuerausschuss des Finanzamtes Berlin-Schöneberg an, arbeitete als zahnärztlicher Sachverständiger bei Gericht. 1921 wurde er in den neu gegründeten Landesgesundheitsrat des Preußischen Ministeriums für Volkswohlfahrt berufen.8

1912 heiratete Misch die zwölf Jahre jüngere Opernsängerin Hertha Cohnheim, die auch unter dem Namen Hertha Formes auftrat. 1918 wurde der gemeinsame Sohn Hans-Horst geboren. Dass dieser 1932 eine Bar-Mitzwa feierte, deutet darauf hin, dass die Familie praktizierende Juden waren.9

Eine Rezension ist nicht nötig – jeder kennt seine Bücher

Im Zentrum seiner beruflichen Interessen stand die Synthese von wissenschaftlicher Forschung und zahnärztlicher Praxis. Zusammen mit Carl Rumpel hatte Misch 1916, während des Ersten Weltkriegs, das Lehrbuch „Die Kriegsverletzungen der Kiefer und der angrenzenden Teile“10 veröffentlic ht – eines der ersten Lehrbücher zu diesem Thema.11 1914 war Mischs „Lehrbuch der Grenzgebiete der Medizin und Zahnheilkunde für Studierende, Zahnärzte und Ärzte“ in erster Auflage erschienen.12 In einer Rezension zur zweiten Auflage von 1922,13 nun zweibändig, heißt es enthusiastisch: „Eine Besprechung über Mischs Grenzgebiete zu schreiben ist eigentlich überflüssig, da es wohl keinen Praktiker und überhaupt keinen wissenschaftlich interessierten Zahnarzt geben dürfte, der dieses Buch nicht kennte und seinen Wert nicht zu schätzen wüsste.“14 Ein Jahr später erschien bereits die dritte, wiederum vermehrte Auflage.15

Ab 1925 gab Misch monatlich die Zeitschrift „Fortschritte der Zahnheilkunde“ heraus, die auch das internationale Schrifttum referierte und damit zur Überwindung der wissenschaftlichen Isolation Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg beitragen sollte. Im Vorwort zum neunten Jahrgang 1933 bezeichnet Misch die Zeitschrift dann selbstbewusst als „das international anerkannt führende Werk in der Zahnheilkunde“.16

1926 hatte Misch hier einen programmatischen Aufsatz zur sozialen Zahnheilkunde veröffentlicht, die er in Anlehnung an das Konzept der Sozialhygiene (Grotjahn/Fischer)17 als „Zahnärztlich-soziale Hygiene“ bezeichnete. Als deren Kernaufgabe betonte er die Prophylaxe, da „die Zahncaries [...] für viele Volksseuchen nur der Schrittmacher, jedoch schon als Krankheit allein von großem volkswirtschaftlichen Einfluß ist“.18 Der Begriff fand zwar Eingang in die zeitgenössische bibliografischen Klassifikationen,19 langfristig setzte sich aber der von Alfred Cohn geprägte Begriff der sozialen Zahnheilkunde durch.20

Mit Cohn und Alfred Kantorowitz zählt Misch zu den Gründungsvätern der sozialen Zahlheilkunde in Deutschland. Er hatte bereits 1898 die Einrichtung von Schulzahnkliniken und Zahnkliniken in Krankenhäusern und 1910 den Aufbau einer schulzahnhygienischen Fürsorge gefordert.21

Mischs erfolgreiches Wirken in der deutschen Zahnheilkunde erlebte ebenso wie sein bürgerliches Leben, wie es anschaulich im Gedenkbuch für die Berliner Juden im Ghetto Litzmannstadt erzählt wurde, bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 eine tiefe Zäsur. Misch wurde aus allen Ämtern entfernt und hatte mit wirtschaftlichen Einbußen zu kämpfen.22 Obwohl er den „Deutschen Verband zur Foerderung der Universität Jerusalem“ und damit die zionistische Bewegung schon 1932 mit einer umfangreichen Bücherspende unterstützt hatte,23 sind zunächst keine konkreten Emigrationspläne nachweisbar.

Ein Jude als Herausgeber ist für die Nazis nicht länger tragbar

Um die Herausgeberschaft seiner Zeitschrift „Fortschritte der Zahnheilkunde“ kämpfte Misch bis 1936 energisch. In einer Stellungnahme der Reichsschrifttumkammer vom 8. Februar 1934 wird Mischs Urheberrecht zwar anerkannt, zugleich sei es aber „nach den vorgelegten Unterlagen dem Verlag Georg Thieme [...] nicht mehr zuzumuten, das Sammelwerk unter der Herausgeberschaft des Herrn Dr. Misch weiter zu verlegen“24. Die folgende Auseinandersetzung auf höchster ministerieller Ebene verdeutlicht die außergewöhnliche Bedeutung, die dieser Fachzeitschrift zugemessen wurde. Mischs wichtigste Argumente waren das Ansehen der deutschen Zahnmedizin im Ausland sowie mögliche Deviseneinahmen. In einem Schreiben des Reichsministers für Wissenschaft und Volksbildung an den Reichswirtschaftsminister vom 12. Mai 1936 heißt es abschließend, es sein „nach nochmaliger Rückfrage bei Herrn Dr. Stuck“ (dem „Reichszahnärzteführer“) für ein Wiedererscheinen der wissenschaftlichen Zeitschrift „Fortschritte der Zahnheilkunde“ unter der Herausgeberschaft des Dr. Misch, „nicht das geringste Bedürfnis vorhanden. [...] Meiner Ansicht nach würde die Inkonsequenz, die in der Betrauung eines Juden mit der Herausgabe einer wissenschaftlichen Zeitschrift liegt, im Ausland einen Schaden anrichten, der durch den Eingang von Devisen keinesfalls aufgehoben würde“.25

1937 gelang es dem Ehepaar , den 19-jährigen Sohn Hans-Horst in die Schweiz zu schicken. Julius und Hertha blieben in Berlin. 1941 mussten sie in ihrer Wohnung andere jüdische Berliner beherbergen, im Oktober wurden sie in das Ghetto Litzmannstadt im besetzten Polen deportiert. Dort starb Julius Misch vermutlich am 24.4.1942, seine Frau Hertha wurde kurze Zeit später nach Kulmhof deportiert und dort ermordet.26 Hans-Horst Misch schloss in der Schweiz ein Studium der Staatswissenschaften ab und kehrte nach Kriegsende nach Deutschland zurück. In einem langen – aus heutiger Sicht entwürdigenden – Wiedergutmachungsverfahren musste er belegen, dass seine Eltern vor ihrer Deportation am 29. Oktober 1941 die Praxiseinrichtung nicht vielleicht doch veräußert haben könnten.27

Misch bleibt als einer der Begründer der sozialen Zahnheilkunde, als Vorkämpfer für die zahnärztliche Promotion an medizinischen Fakultäten sowie als Herausgeber von Fachzeitschriften und Lehrbüchern in Erinnerung. Dabei wirkte er an keiner Universität, sondern übte seine berufspolitischen und publizistischen Tätigkeiten neben der Arbeit in der Praxis aus.

Dr. Matthis Krischel
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin Centre for Health and Society,
Medizinische Fakultät
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Moorenstr. 5, 40225 Düsseldorf
matthis.krischel@hhu.de

1 Holler, 2009, S. 136–140;
2 Lebenslauf, in: Misch, 1903;
3 Misch, 1903;
4 Misch, aus: Deutsche Zahnärztliche Wochenschrift, Nr. 48, 5. Februar 1930; vgl. auch Misch, 1918, 97–105;
5 Misch, in: Deutsche Zahnärztliche Wochenschrift, Nr. 50 und 51, 1918;
6 Vgl. auch Groß, 2019, S. 57–61;
7 Dr Julius Misch, in: Patentblatt, hg. v. Kaiserl. Patentamt, Band 28, 1904
8 Holler, 2009, S. 138;
9 Holler, 2009,  S. 137–138;
10 Die Kriegsverletzungen der Kiefer und der angrenzenden Teile, hg. von Julius Misch, 1916;
11 Vollmuth/Zielinski, in: WMM 58 (2014), 245–250, S. 249 (https://wehrmed.de/article/2591-die-kriegsbedingte-entwicklung-neuer-medizinischer-spezialdisziplinen-das-beispiel-mund-kiefer-und-gesichtschirurgie.html);
12 Misch, 1914;
13 Misch, 1922;
14 Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde 40 (1922), S. 539;
15 Misch, 1923;
16 Misch, in: Misch, Julius, Fortschritte der Zahnheilkunde, 9 (1933), S. III;
17 Heinzelmann, 2009;
18 Misch, in: Fortschritte der Zahnheilkunde 2 (1926), S. 465;
19 Hesse, Richard, Index der deutschen und ausländischen Zahnärztlichen Literatur und zahnärztlichen Bibliographie;
20 Cohn, 1922;
21 Heidel, 1995, S. 46–57;
22 Holler, 2009, S. 138–139;
23 The Hebrew University has received a number of additions to its library from various countries, in: Jewish Daily Bulletin 9 (1932) Nr. 2341, S. 3
24 BA R 4901/14005;
25 BA R 4901/14005;
26 Holler, 2009, S. 139–140;
27 LA Berlin B_Rep 025/05 Nr. 5_WGA 1855/59.

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