Interview mit Sydney Wagner

Wie es ist, wenn man als erste in der Familie (Zahnmedizin) studiert

Sydney Wagner studiert Zahnmedizin in Regensburg. Kein großes Ding? Doch. Denn ihre Schwester und sie sind die ersten in ihrer Familie überhaupt, die Abitur gemacht haben. Welche Hürden es beim Studienstart gab und warum sie keine Coronahilfe beantragt hat, erzählt sie hier.

Sydney Wagner ist 22 Jahre alt, 
aufgewachsen im Südwesten Berlins 
und studiert seit 2016 Zahnmedizin an 
der Universität Regensburg. privat

Wie sieht Ihr Hintergrund aus, welche Probleme gingen damit einher?
Sydney Wagner: Meine Schwester und ich sind die ersten in unserer Familie, die das Abitur gemacht haben und studieren. Mein Vater ist mittlerweile in Rente und meine Mutter arbeitet reduziert, da sie seit Anfang vergangenen Jahres meine Oma zu Hause pflegt. Durch diesen „bildungsfernen“ Hintergrund ergeben sich einige Hürden, etwa dass man gar keine richtige Vorstellung davon hat, was Studieren überhaupt bedeutet.

Ein anderer Aspekt ist die Finanzierung: da sich meine Eltern nur auf ihre eigenen Erfahrungen beziehen können, gab es gerade am Anfang des Studiums Fragen wie: „Bist du dir sicher, dass du das machen möchtest? Während einer Ausbildung verdient man schon von Anfang an Geld.“

Wie lief das Corona-Semester für Sie?
Ich hatte Glück, da das Corona-Semester mein erstes klinisches Semester (Phantom-3-Kurs) war und es dementsprechend relativ „normal“ ablaufen konnte. Wir durften uns nur zu den Kurszeiten im Klinikum aufhalten und der Einlass dafür wurde über einen separaten Eingang kontrolliert. Der Lehrplan wurde natürlich angepasst – die meisten Vorlesungen liefen über „zoom“ und der Kursplan wurde an einigen Stellen gekürzt, was zur Folge hatte, dass wir nicht alle regulär vorgesehenen Arbeiten machen konnten beziehungsweise durften.

Hat die Pandemie ihre finanzielle Situation verändert?
Ja, insofern, dass ich neben dem Studium nicht mehr arbeiten konnte, weil ich eine Ansteckung und damit einen Kursausschluss verhindern wollte. Ich habe ein Kleingewerbe und arbeite üblicherweise als Promoterin zum Beispiel im Bereich Mode oder Schmuck, habe aber auch schon auf Messen als Flyerverteilerin und Parkeinweiserin gearbeitet.

Wie finanzieren Sie jetzt ihr Studium?
Den Großteil meiner monatlichen Ausgaben deckt das BAföG ab, dazu kommt Kindergeld. Ansonsten jobbe ich nebenher hauptsächlich in den Semesterferien und teile mir meine Wohnung und übrigen Kosten mit meinem Freund.

Es gab ja auch noch die Coronahilfe für Studierende.
Ich hatte auch erwägt, diese zu beantragen. Aber meine finanzielle Situation ist relativ stabil geblieben, da ich durch das monatliche BAföG unterstützt werde, es den Kinderbonus gab und mein Freund seit diesem Sommer Assistenzarzt ist.

Wie haben Sie Kontakt zum Netzwerk ArbeiterKind.de bekommen?
Auf ArbeiterKind.de bin ich aufmerksam geworden, weil ich vor dem Studium nach einer Finanzierungsmöglichkeit wie einem Stipendium gesucht habe.

Als Mentorin unterstützen Sie heute andere, die in einer vergleichbaren Situation sind. Was sind die größten Probleme?
Meiner Erfahrung nach ist die Finanzierung des Studiums immer noch ein großes Problem – trotz BAföG und/oder Nebenjobs – und bedeutet auch eine große Doppelbelastung.

Was raten sie „Arbeiterkindern“, die studieren wollen?
Mein Motto ist: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Man sollte keine Hemmung haben, andere nach Hilfe zu fragen. Lasst euch nicht von eurem Ziel abbringen, auch wenn es andere nicht für möglich halten. An der Uni gibt es für unterschiedliche Probleme entsprechende Ansprechpartner. Die Eigeninitiative ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die man mitbringen sollte, denn dann wird man auch durch schwierige Zeiten hindurchkommen.
Eigeninitiative brachte Sie auch zum Zahnmedizinstudium.

Ja. Berührungen mit der Zahnmedizin hatte ich schon im Kindesalter – ich war von der Grundschule an in kieferorthopädischer Behandlung und fürs Milchzähne ziehen oder für die PZR bin ich gerne zum Zahnarzt gegangen. Eine positive Einstellung war also schon vorhanden. In den Sommerferien nach der 10. Klasse habe ich dann jeweils ein Praktikum bei meinem Zahnarzt und bei meinem Kieferorthopäden gemacht und mir hat das Berufsbild gut gefallen. Seitdem habe ich das Ziel, Zahnärztin zu werden und später eine eigene Praxis zu führen.

Wo stehen Sie im Studium aktuell?
Zurzeit bin ich im 7. Fachsemester und das erste Mal hautnah am Patienten. Darauf freue ich mich schon sehr und hoffe, dass die Situation mit Corona so stabil bleibt, dass wir auch weiterhin behandeln dürfen.

Wie ist das Feedback Ihrer Familie?
Meine Familie ist sehr stolz auf mich, sie hat großen Respekt vor dem, was an Workload mit dem Studium einhergeht, und unterstützt mich, wo es möglich ist. Sie freuen sich mit mir, dass ich den vorklinischen Abschnitt bewältigt habe. Sie warten schon darauf, dass ich sie bald behandeln kann.

Und von Mitstudierenden?
Da die meisten meiner Kommilitonen nicht wissen, dass meine Eltern nicht studiert haben, falle ich in dieser Hinsicht nicht weiter auf. Jeder muss dieselben Leistungen erbringen – mit einem zahnmedizinischen Hintergrund geht es aber an der einen oder anderen Stelle leichter. Was man von den Mitstudierenden über deren Eltern weiß, ist eher, ob diese Zahnärzte sind oder nicht.

Was hat Ihnen sonst noch geholfen?
Ich konnte mich viel am Medizinstudium meines Freundes orientieren und von seinen Erfahrungen lernen. Die wichtigste Lektion, die ich von ihm gelernt habe, war, dass man, wenn man denkt, man hat genug gelernt, doch noch nicht genug gelernt hat.

Die Fragen stellte Marius Gießmann.

Ein Netzwerk – 6.000 Ehrenamtliche

ArbeiterKind.de ist nach eigenen Angaben die größte gemeinnützige und spendenfinanzierte Organisation zur Unterstützung von Studierenden der ersten Generation und informiert seit 2008 über Studienwahl, -einstieg, -organisation und Finanzierungsmöglichkeiten. ArbeiterKind.de möchte Menschen aus nicht-akademischen Familien den Zugang zu Hochschulen und Universitäten erleichtern.

Das ist nötig: Von 100 Kindern aus nicht-akademischen Familien nehmen nur 27 ein Studium auf, während von 100 Akademikerkindern 79 studieren. Die Organisation wird von 6.000 Ehrenamtlichen an 80 Standorten getragen. Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt Gründerin und Geschäftsführerin Katja Urbatsch 2018 das Bundesverdienstkreuz.

Es gibt viele Unterstützungsmöglichkeiten: Als ehrenamtliche:r Mutmacher:in in den lokalen Gruppen, als Botschafter:in und als Spender:in – extra für Zahnärzt:innen: Zahngoldspende. Weitere Infos gibt es unter Telefon 030/679672750, per E-Mail an infotelefon@arbeiterkind.de oder unter www.arbeiterkind.de.

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