Deutsche Zahnärzte auf Mallorca

Praktizieren in der Pandemie im „17. Bundesland“

Die Pandemie führte 2020 auch auf Mallorca zu einem drastischen Einbruch der Urlauberzahlen. Nach Angaben des Instituto Nacional de Estadística (INE) kamen vergangenes Jahr 1,7 Millionen Gäste auf die Insel – 12 Millionen (87,4 Prozent) weniger als im Vorjahr. Das bekamen auch die Zahnärzte zu spüren. Rund 800 Praxen gibt es auf Mallorca, viele davon „in deutscher Hand“. Fünf deutsche Zahnärzte berichten hier von ihren Erfahrungen.

AdobeStock_ Bihlmayer Fotografie

Natürlich sind die Patientenzahlen ab März 2020 zurückgegangen“, sagt Dr. Volker Goebel, der in seiner Praxis „Excelent Dent“ in Cala d´Or in der Ferienzeit überwiegend Patienten aus Europa – zu 80 Prozent Deutsche und Briten – behandelt. „Das war schon ein massiver Einbruch, gerade weil wir ja die sowieso schwache Wintersaison 2019/20 hinter uns gebracht und uns so auf die Osterurlauber gefreut hatten“, betont er. 

Zum Glück konnte seine Praxis über die Jahre auch viele Residenten gewinnen – als Stammpatienten vereinbaren sie meist in der Nebensaison Termine, um volle Wartezimmer und lange Wartezeiten zu vermeiden. Bei den älteren Patienten war für ihn auffällig, dass viele den jährlichen Kontrolltermin auf das nächste Jahr verschieben wollten. 

„Wir hatten uns so auf die Osterurlauber gefreut“

„In den letzten Jahren kommen auch verstärkt Individualtouristen – Radfahrer, Motoradfahrer, Segler, Wanderer – in unsere Gegend“, erzählt Goebel. „Es verteilt sich jetzt mehr über das ganze Jahr, zudem hat der Robinsonclub in unserer Nähe auch ganzjährig geöffnet. Einige spanische Hotels folgen diesem Vorbild. Trotzdem ist in den Monaten Juli, August und September Hauptsaison.“ Er selbst kam 2005 wegen der „Liebe zum Wassersport in der Sonne“ auf die Insel.

Dr. Volker Goebel betreibt seine Zahnarztpraxis „Excelent Dent“ in Cala d‘Or seit 2005. Er ist der Liebe zum Wasser und zum Wassersport wegen nach Mallorca ausgewandert. „Dort arbeiten, wo andere Urlaub machen.“ | Dr. Goebel

| Dr. Goebel

Über die neuen Hygiene-Vorschriften wurde er im Frühjahr 2020 direkt von der Zahnärztekammer aus Madrid informiert. Zwar musste er während des Notstands nicht schließen, doch sah er sich gezwungen, seine Öffnungszeiten um ein Drittel zu reduzieren und zwei Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken. Für April und Mai erhielt er vom Staat einen Zuschuss von ungefähr 600 Euro. Auch die Sozialabgaben für die Angestellten wurden ihm in diesen Monaten um 80 Prozent erlassen.

„ERTE“– Kurzarbeit

Um Massenentlassungen zu vermeiden, führte die spanische Regierung eine Kurzarbeiter-Regelung (ERTE) ein. Danach werden Arbeitgeber während des Notzustands von der Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen befreit, die Arbeitnehmer erhalten einen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Im Gegenzug verpflichteten sich die Unternehmen, bis mindestens sechs Monate nach Ende der Kurzarbeit keine Mitarbeiter zu entlassen. Die ERTE-Regelung gilt aktuell bis Ende Mai 2021. 

Auch viele Zahnärzte nutzen ERTE. Zu Beginn der Pandemie verzeichneten die Praxen einen drastischen Rückgang der Patientenzahlen und hatten nur begrenzten Zugang zu SARS-CoV-2-Tests. Vielen Zahnärzten fehlten während der Pandemie Rücklagen, um Gehälter, Sozialversicherung und Steuern für ihre Angestellten zu bezahlen. 

 „Nur ein einziger Patient hatte Zutritt zur Praxis“, erinnert er sich. „Bei jedem Patienten waren Händedesinfektion und Fiebermessung Pflicht, danach eine Minute Mundspülung mit Betaisodona und H2O2. Ab September konnten wir dann regelmäßig Schnelltests für das Personal und kritische Patienten durchführen.“ Eine Maskenpflicht gab es auf Mallorca schon ab März. Beschwerden oder Missachtungen gab es ihm zufolge keine: „Die Patienten haben bis auf wenige vorbildlich mitgemacht.“

„Neue Erfahrungen hat es für mich nicht so viele gegeben. Ich bin seit 40 Jahren als Zahnarzt tätig. Schön war und ist, dass durch den Hygiene-Ablauf und den Abstand alles weniger hektisch, ja ruhiger und stressfreier für Patienten und Personal zugeht“, verrät Goebel. Er glaubt, dass 2021 für Mallorca „sehr, sehr schwer“ werden wird: „Es wird mit Sicherheit drei bis fünf Jahre dauern bis sich hier auf der Insel eine Normalität einstellt.“ 

„Mein medizinisches Personal ist geimpft“

Dr. Pascal Wagener, Leiter der Clinica Dental „Palmadentist“ in der Inselhauptstadt Palma, beobachtet ebenfalls einen deutlichen Rückgang der Patientenzahlen seit März 2020: „Vornehmlich was Touristen und Residenten-Pendler angeht. Auch bei den deutschen Rentnern wurden deutlich weniger oder nur die dringendsten Behandlungen durchgeführt.“ Er wanderte 2007 wegen des Klimas und der Lebensqualität nach Mallorca aus.

„Unter normalen Umständen sind die Wintermonate umsatzstärker als die Sommermonate“, führt er aus. Seine Patientenkartei besteht zum Großteil aus Residenten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien. Er behandelt aber auch Einheimische und „Dental-Touristen“. Seine Praxis war während des Lockdowns ab April 2020 für etwa dreieinhalb Monate geschlossen, ab Juli wurden wieder Termine gemacht. „Termine für Behandlungen vergeben wir nur mit Vorabvereinbarung“, stellt Wagener klar. Er musste keinen seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken oder entlassen. Von der spanischen Regierung hat er während der Pandemie weder finanzielle Unterstützung noch Schutzmaterialien erhalten.

Dr. Astrid Seyfried lebt und arbeitet seit fast zehn Jahren auf Mallorca. In Deutschland verlor sie wegen der Bürokratie fast die Lust an ihrem Beruf. Erst ihre Auswanderung und die Arbeit als Zahnärztin auf Mallorca gaben ihr den Spaß an der Arbeit zurück. | Dr. Seyfried

| Dr. Seyfried

Seine Bilanz: „Die wirtschaftliche Situation auf Mallorca ist derzeit größtenteils katastrophal. Wir haben einen hohen Anteil an Arbeitslosen und eine Zunahme von Obdachlosigkeit, da der Tourismus fast komplett eingebrochen ist. Es zeichnet sich eine deutliche Abwanderung ins Ausland ab – das spanische Festland und die Kanaren sind die Ziele.“

„Mehr Deutsche als sonst haben hier überwintert“ 

„Es kamen weniger junge Spanier und weniger deutsche Rentner über 70 Jahre“, beobachtete die Zahnärztin Dr. Astrid Seyfried, die ihre Praxis in Lucmajor hat. Ihr Patientenstamm besteht zu 50 Prozent aus deutschen Residenten und zu 50 Prozent aus Spaniern. 

Seyfried lebt und arbeitet seit zehn Jahren auf Mallorca. In Deutschland verlor sie wegen der Gesundheitsreformen und der vielen Bürokratie fast die Lust an ihrem Beruf. Mit ihrer Auswanderung fand sie den Spaß an ihrer Arbeit wieder.

Normalerweise bleiben ihre Patientenzahlen im Vergleich von Winter- und Sommermonaten unverändert. Nur im Januar und Februar kommen etwas weniger Patienten. „Ich hatte das Gefühl, dass hier dieses Jahr mehr Deutsche hier überwintert haben als sonst. Sie fühlten sich in der Corona-Zeit auf Mallorca offenbar freier oder besser als in Deutschland.“ Ihre Praxis musste sie wegen Corona keinen Tag schließen. „Mein Team hat während des Lockdowns etwa drei Viertel seiner normalen Arbeitszeit gearbeitet. Die Minusstunden wurden dann nach dem harten Lockdown nachgeholt.“

Von der spanischen Regierung hat sie keine finanzielle Hilfe bekommen, auch Schutzmaterial wurde nicht zur Verfügung gestellt. „Wir arbeiten seit der Pandemie mit doppeltem Mundschutz, Brille und Schutzschild. Jeder, der die Praxis betritt, muss zunächst die Hände desinfizieren. Alle werden für die Wartezeit mit einem Mindestabstand von zwei Metern platziert. Nach jedem Patienten wird das Behandlungszimmer intensiv gelüftet, zumeist wird sogar mit geöffnetem Fenster behandelt“, berichtet Seyfried. „Die Preise für Hygieneartikel wie Masken und Handschuhe sind übrigens zu Spitzenzeiten auf das Sechsfache gestiegen.“

Sie sagt: „Wir können die Situation nicht ändern. Mit Sicherheit kommen wieder deutsche Urlauber. Die meisten warten nur darauf, wieder reisen zu dürfen. Schon jetzt zu Ostern rechnen wir mit Touristen. Der große Touristenstrom wird aber bestimmt nicht vor Juni kommen“, schätzt sie. 

„Wir hatten 40 Prozent weniger Patienten“

Seit dem Beginn der Pandemie sind die Patientenzahlen um 40 Prozent zurückgegangen, sagt ein Zahnarzt aus Cala Millor, der lieber anonym bleiben will. Er ist seit 14 Jahren auf Mallorca niedergelassen. Auf die Insel kam er wegen einer damals in Kraft getretenen Gesundheitsreform in Deutschland.

Seine Patientenklientel beschreibt er wie folgt: „80 Prozent aus Deutschland, 15 Prozent aus England, der Schweiz und Österreich. Die restlichen fünf Prozent sind Spanier.“ Seine Patientenzahlen seien sommers wie winters etwa gleich. „Das einzige was variiert, ist die Behandlungsart – im Sommer haben wir mehr Schmerzpatienten, sehr oft Touristen; im Winter kommen mehr Residenten, die größere und umfangreiche Zahnersatzarbeiten machen lassen.“

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Dr. Adriana Besa hat ihre Praxis im internationalen Facharztzentrum „Clinica Picasso“ in Palma und wanderte 2005 aus Liebe zum Leben und zur Natur nach Mallorca aus.  | Dr. Besa 0

„Im ersten Lockdown mussten wir drei Wochen schließen. Wir durften nur Akut-Schmerzpatienten behandeln“, veranschaulicht er. „Seit April hatten wir nur dienstags, mittwochs und donnerstags halbtags geöffnet. Unsere Mitarbeiter haben wir in Kurzarbeit geschickt. Es gab aber keine Entlassungen“, betont er. 

„Die Patientenzahl ist seit März 2020 kurzfristig zurückgegangen, aber jetzt ist sie wieder relativ normal“, schildert die Zahnärztin Dr. Adriana  Besa ihre Lage. Besa hat eine Praxis im Facharztzentrum „Clinica Picasso“ in Palma. „Wir behandeln hauptsächlich Residenten: international, aber überwiegend Deutsche und Spanier“, konkretisiert sie. 2005 ist sie aus Liebe zur Natur nach Mallorca ausgewandert.

„Es gab keine finanzielle Unterstützung“

Sie musste zwar nicht zumachen, allerdings war zwischen März und Juni 2020 die Behandlung auf Notfälle beschränkt und sie musste ihr Team in Kurzarbeit schicken, entlassen werden musste niemand. „Es gab keine Unterstützung, nur einen Kredit von der Bank. Die Depots hatten Lieferschwierigkeiten. Die Zahnärztekammer hat sich bemüht, die Engpässe auszugleichen. Wir hatten zwar genug Material. Schutzmaterial und Desinfektionsmittel sind jedoch teurer geworden. Masken sind teuer geblieben, die Preise für Desinfektionsmittel haben sich normalisiert“, erläutert sie. 

„Beruflich gesehen haben wir bewusst erlebt, wie wir von der Produktion in China oder anderen Ländern abhängig sind und dass diese Produktionskette sehr anfällig ist. Es ist gut, Vorräte zu produzieren.“ Persönlich haben für sie die Existenzängste überwogen – „die Angst vor dem Ruin, wirtschaftlich gesehen“. 

Für sie steht fest: „2021 wird ein schwieriges Jahr werden, da es noch nicht absehbar ist, wann die Restriktionen aufgehoben werden. Die Menschen, die hier leben, haben starke wirtschaftliche Einbußen. Viele Unternehmen, die vom Tourismus abhängig sind, sind bankrott gegangen oder stehen auf der Kippe. Das macht sich auch beim Zahnarzt bemerkbar, da die Menschen entweder weniger Geld haben oder es erstmal nicht ausgeben wollen, um die Basis des Lebens wie Wohnen, Essen und Kinder finanzieren zu können. Es werden deutlich weniger Urlauber nach Mallorca kommen, da die meisten noch nicht geimpft sind und im Allgemeinen sich mit dem Reisen zurückhalten, solange die Pandemie nicht vorbei ist“, so ihr Ausblick auf 2021.

Die Lage auf den Balearen

  • Am 18. März 2020 verkündete die spanische Regierung den Notzustand – mit Ausgangsperren und starken Bewegungseinschränkungen, die auch auf den Balearen galten. Sein Zuhause durfte man nur zum Einkaufen von Lebensmitteln, zum Arbeiten oder aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Wer gegen die Regeln verstieß, dem drohtenStrafen von 600 bis 30.000 Euro. Niemand durfte nach Mallorca einreisen, nicht einmal diejenigen, die ihren Zweitwohnsitz auf der Insel haben. 
  • Der erste Lockdown endete nach 98 Tagen am 22. Juni.
  • Nachdem sich die Lage im Sommer etwas entspannt hatte, nahmen die Infektionen im Herbst wieder rasant zu. Daher verhängte die spanische Regierung am 25. Oktober einen Alarmzustand, der bis zum 9. Mai 2021 gelten soll. 
  • Aktuell liegt die Inzidenz auf Malle bei 25. Seit dem 14. März werden die Balearen vom Robert Koch-Institut (RKI) nicht mehr als Corona-Risikogebiet eigenstuft, was einen Reiseboom für Ostern auslöste.
  • Mit dem Tourismus erwirtschaften die Balearen knapp die Hälfte ihres Bruttoinlandprodukts. Wegen der langen Schließungen droht vielen Hotels und Gastronomiebetrieben das Aus. 
  • Die Zahl der Arbeitslosen stieg auf Mallorca und den Nachbarinseln in den vergangenen zwölf Monaten um 46,9 Prozent, die Steigerung ist damit doppelt so hoch wie im gesamten Land, wo die Quote um 23,5 Prozent zunahm. Ende Februar 2021 waren 84.581 Menschen auf den Balearen arbeitslos gemeldet. 
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