zm-Serie „Karrieren im Ausland“

Hermann Becks – Ein Rheinländer gründet das „American Institute of Oral Biology“

Hermann Becks gehört zu einer kleinen Gruppe deutschstämmiger Zahnärzte seiner Zeit, denen in der Emigration eine internationale wissenschaftliche Karriere gelang. Er gilt heute als Pionier der Parodontologie und der Oralbiologie. Wie kam es dazu?

Hermann Becks Reprint J. Am. Dent. Assoc. 88 (1974), 287, m.f.G. Elsevier

Das Leben von Hermann Becks (Abb.) [Baume, 1974] begann wenig spektakulär [Evans/
Meyer, 1965; Baume, 1974; UCLA, 1932–1958]: Er wurde am 24. August 1897 in Wesel am Rhein als Sohn eines Architekten geboren und verbrachte seine gesamte Schulzeit bis zum Abitur in Deutschland. Er wirkte im Ersten Weltkrieg unter anderem als Leutnant der deutschen Artillerie und zog sich bei den Kämpfen in Verdun eine schwere Verwundung zu. Durch die Wirren des Krieges konnte er erst 1918 das Studium aufnehmen: Er schrieb sich an der Universität Rostock für Zahnheilkunde und Medizin ein. Unterrichtet wurde er dort unter anderem von den zahnärztlichen Hochschullehrern Hans Moral (1885–1933), Johannes Reinmöller (1877–1955) und Max Reinmöller (1886–1977) [Groß, 2017; Schwanewede, 2019]. 1922 absolvierte er in Rostock die zahnärztliche Prüfung und im selben Jahr promovierte er ebenda mit der Arbeit „Ueber acute aleukämische Lymphadenose mit herdförmiger nekrotisierender Stomatitis als Folge einer Angina Plaut-Vincenti?“ zum Dr. med. dent. [Becks, 1922]. 

Ein Fernglas wehrte im Krieg tödliche Treffer ab

Becks gehörte zur ersten Generation zahnärztlicher Doktoranden – erst drei Jahre zuvor war in Deutschland das Promotionsrecht im Fach Zahnheilkunde eingeführt worden [Groß, 1994; Groß, 2019; Schäfer/Groß, 2007]. 1924 bestand Becks auch die ärztliche Prüfung und 1926 fertigte er seine zweite Dissertation „Zur Nosologie der haemorrhagischen Diathesen“ an, die an gleicher Stelle zur Verleihung des Dr. med. führte [Becks, 1926].

Spätestens seit 1926 arbeitete Becks dann als Assistent am Zahnärztlichen Institut der Universität Freiburg bei Prof. Wilhelm Herrenknecht (1865–1941), der just in jenem Jahr zum Vorsitzenden des „Central-Vereins deutscher Zahnärzte“ (heute: DGZMK) gewählt wurde und damit hierzulande zu den prominentesten Fachvertretern avancierte [Groß/Schäfer, 2009; Groß, 2021].

1928 folgte dann eine deutliche Zäsur: Becks emigrierte in die USA und nahm eine Lehr- und Forschungstätigkeit an der School of Dentistry der University of California in der San Francisco Bay Area wahr. Zugleich wurde er Mitarbeiter der „George Williams Hooper Foundation for Medical Research“ unter der Leitung des Pathologen Karl Friedrich Meyer (1884–1974). 1939 wurde er an der University of California zum Leiter der Abteilung für Zahnmedizin bestellt, wo er mit der Zeit einen oralbiologischen Schwerpunkt ausprägte [JADA, 1973]. 1941 stieg Becks dann an jener Universität zum ordentlichen Professor („full professor“) auf – dem Höhepunkt seiner Hochschulkarriere. Becks verstarb am 13. Juli 1962 in San Francisco noch vor der Entpflichtung.

Das Studium verdiente er sich in einer Möbelfabrik

So beeindruckend sich diese Kurzversion des Lebenslaufs liest – abzusehen war Becks erfolgreiche Karriere keineswegs. Tatsächlich wäre Becks im Ersten Weltkrieg beinahe zu Tode gekommen. Er überlebte ein Feuergefecht bei Verdun allein dank eines um den Hals getragenen Fernglases, das die gefährlichsten Treffer abwehrte. So heißt es in einem Nachruf: „Becks escaped death on April 6, 1916, only by the presence of his field glasses slung about his neck“ [Evans/Meyer, 1965]. Nachdem er genesen war, absolvierte er – wie erwähnt – ein Doppelstudium in Rostock.

Die erforderlichen finanziellen Mittel musste er sich durch das Polieren von Tischbeinen in einer Möbelfabrik verdienen.

Seine Assistentenstelle an der Universität Freiburg erwies sich dann als erstes Karrieresprungbrett: Hier verfasste er nicht nur mit seinem Vorgesetzten Herrenknecht drei Beiträge zur „Mundhygiene“ für die bekannte Buchreihe „Fortschritte der Zahnheilkunde“ (1926 bis 1928) [Herrenknecht/Becks, 1926–1928], sondern erwarb zudem wichtige Fachkenntnisse bei dem berühmten Freiburger Pathologen Ludwig Aschoff (1866– 1942), den er persönlich sehr bewunderte [Evans/Meyer, 1965]. Von Freiburg aus kooperierte er außerdem mit dem Biochemiker Karl Spiro (1867–1932) an der Universität Basel und baute sich so rasch ein fachliches Netzwerk auf.

Der Kontakt nach Basel sollte Becks Leben bald eine entscheidende Wendung geben: 1928 erhielt er nämlich ein „doppeltes Angebot“ (double appointment) [Baume, 1974] des gebürtigen Baslers Karl Friedrich Meyer und des US-Amerikaners Guy Stillman Millberry (1872–1952). 
Beide Offerten betrafen eine Tätigkeit in den USA: Millberry war zu jenem Zeitpunkt Dekan am Dental College der University of California in Berkeley und offerierte Becks ebenda eine universitäre Anstellung; Meyer wiederum leitete in Berkeley unter anderem die „George Williams Hooper Foundation“. An beiden Einrichtungen war Becks fortan tätig – und hier begründete er seine Forscherkarriere. Die University of California war schon damals eine der berühmtesten Hochschulen der Welt, allein der zentrale (und älteste) Standort Berkeley zählt bis heute über 100 Nobelpreisträger.

1930 rief Becks in Kalifornien das „Committee for Paradentosis Research“ ins Leben und übernahm zugleich den Vorsitz des Gremiums [Bertzbach, 1982]. 1943 initiierte und gründete er dann das noch heute existente „American Institute of Oral Biology“ (AIOB). Hierzu hieß es noch im Juli 2021 auf der Homepage des AIOB: „Almost seventy-seven years ago, in 1943, Professor Hermann Becks, DMD, MD, School of Dentistry, University of California, San Francisco, a distinguished teacher, educator and research scientist in the fields of oral medicine and experimental oral biology, founded the American Institute of Oral Biology, with the mission of providing a forum to emphasize the application of basic and clinical research to the prevention and treatment of oral disease [...] In addition to founding the Institute, Dr. Becks served as its president until his death in 1962“ [AIOB, 2021]. 

ein doppeltes Angebot führt nach Berkeley

In Kalifornien begann er außerdem eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Herbert McLean Evans (1882–1971). Evans war Endokrinologe und Direktor des Instituts für Experimentalbiologie auf dem Berkeley-Campus der University of California. Gemeinsam führten sie Studien zu den hormonellen und ernährungsbedingten Einflüssen auf Knochen und Zähne durch, die zu etlichen international beachteten Publikationen führten. Besonders bekannt wurde Becks durch den ebenfalls mit Evans veröffentlichten „Atlas of the Skeletal Development of the Rat“ [Becks/Evans, 1953].

Eine sehr enge Kooperation pflegte 
er überdies mit dem ebenfalls weltbekannten Schweizer Zahnarzt und Hochschullehrer Louis Baume (1913–2003), der bis zu seiner Berufung ans Zahnärztliche Institut der Universität Genf (1955) ebenfalls an der University of California wirkte und in den 1950er-Jahren regelmäßig mit Becks und Evans publizierte [zum Beispiel Baume/Becks, 1952; Baume/Becks/Evans, 1954]. Baume widmete Becks posthum einen Nachruf, in dem er ihn als „pioneer of oral biology” würdigte [Baume, 1974].

Für eine Gastprofessur geht er 1959 nach Bonn

1959 erhielt Becks ein sechsmonatiges Fulbright-Stipendium, das er für eine Tätigkeit als Gastprofessor an der Universität Bonn bei dem international bekannten Kieferorthopäden Gustav Korkhaus (1895–1978) [Groß, 2018; Groß/Wilhelmy, 2021] nutzte. Hier hielt er Vorlesungen über Probleme der Mundphysiologie und der „stomatologischen Endokrinologie“ [Kremer/Büchs, 1967]; außerdem nutzte er den Forschungsaufenthalt zum Besuch weiterer Universitäten des deutschsprachigen Raums.

Becks zeigte sich wissenschaftlich sehr breit interessiert. Seine Arbeitsgebiete waren neben den erwähnten hormonellen und ernährungsbedingten Einflüssen auf Knochen und Zähne der Speichelfluss und der Mineralgehalt des Speichels, systemische und lokale Faktoren von Karies und Parodontalerkrankungen, kariesprotektive Maßnahmen, die Ätiologie der Wurzelresorption und Beziehungen zwischen Mundkrankheiten und systemischen Störungen. Er galt als sehr versierter Grundlagenforscher. Gerade seine tierexperimentellen Studien zur skelettalen Entwicklung der Ratte und seine frühen Studien mit radioaktiven Isotopen fanden große Aufmerksamkeit.

Becks war insgesamt sehr publikationsstark. Er war von den 1930er-Jahren bis zu seinem Tod in den führenden internationalen Fachzeitschriften seiner Zeit vertreten, besonders regelmäßig publizierte er im „Journal of Dental Research“, im „Journal of the American Dental Association“ (JADA), im „American Journal of Orthodontics (and Oral Surgery)“ und in „Oral Surgery, Oral Medicine, Oral Pathology“ [zum Beispiel Becks, 1929, 1939; Becks/Collins, 1946; Becks/Wainwright, 1939; Becks et al., 1944, 1946, 1948).
Bereits zu Lebzeiten erlangte er große fachliche Anerkennung und zog Schüler aus der ganzen Welt an („he created at the School of Dentistry an unmatched center of research and postgraduate teaching to which he attracted innumerable scholars from all over the world“) [Evans/Meyer, 1965]. Becks war nicht nur ein Wegbereiter der Parodontologie und 
der Gründer des „American Institute of Oral Biology“, sondern fungierte seit 1955 auch als Juror des neu gegründeten Jaccard-Preises für die beste Arbeit auf dem Gebiet der Parodontologie. 1958 erhielt er 
den Fauchard Gold Medal Award 
der „Pierre Fauchard Academy“, 1959 das bereits erwähnte Fulbright-Stipendium.

Privat galt Becks als warmherzig, liebenswürdig und lebensfroh [Baume, 1974]. Seit 1930 war er mit der gebürtigen Chemnitzerin Elsbeth Ruth Schmitt verheiratet, die ein Jahr 
nach der Hochzeit in New York City den gemeinsamen Sohn Carlton Hermann gebar. Vier Jahre später kam die Tochter Ingeborg Ruth Jean zur Welt. Becks galt als Familienmensch, bezog aber in die familiären Treffen gezielt Mitarbeiter ein („He not only loved to have his family gather about him but also included in many of these affairs his staff members, research assistants, and graduate students“) [Evans/Meyer, 1965]. Er engagierte sich religiös in der „West Portal Lutheran Church“ in San Francisco, die er 1943 mit begründet hatte. Zudem war er ein leidenschaftlicher Gärtner und Naturliebhaber; vor allem die Hügel Kaliforniens hatten es ihm angetan – hier machte er ausgiebige Spazierfahrten [Evans/Meyer, 1965].

Becks verstarb 1962 an den Folgen eines Herzinfarkts in seinem Haus in San Francisco. Sein Tod kam plötzlich und unerwartet – er war zu diesem Zeitpunkt 64 Jahre alt und gerade mit dem Buchmanuskript „The Mouth and Jaws in Health and Disease“ befasst. Es sollte ein fachliches Vermächtnis sein, gelangte aber nicht mehr zur Veröffentlichung [Evans/Meyer, 1965].

durch und durch ein Amerikaner

1973 – elf Jahre nach seinem Tod – wurde Becks in die „Pierre Fauchard Academy“ aufgenommen. Das „Journal of the American Dental Association“ würdigte ihn im selben Jahr 
als zahnärztlichen Wissenschaftler mit „herausragenden Beiträgen in 
der präventiven Zahnheilkunde und der oralen Biologie “ [JADA, 1973]. Zudem wurde er 1973 posthum durch eine „Memorial Lecture“ der „Pierre Fauchard Academy“ geehrt. In besagter Vortragsreihe wurden ausschließlich historisch herausragende Forscher der Zahnheilkunde präsentiert. Damit stand Becks in einer Traditionslinie mit „classic leaders as Pierre Fauchard, Green Vardiman Black, J. E. Fogarty, and John Ross Callahan“, die vor ihm mit der gleichen Gedächtnisvorlesung gewürdigt worden waren [Baume, 1974]. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte Becks einen festen Platz in den Annalen des Faches Zahnheilkunde erlangt.

Becks spielte Zeitzeugen zufolge nie mit dem Gedanken, in die erste Heimat zurückzukehren. Er reiste in späteren Jahren zwar sporadisch nach Deutschland, empfand sich aber durch und durch als Amerikaner, 
wie sein langjähriger Weggefährte Louis Baume betonte: „He became so convinced an American citizen that he never longed to go back to his 
old country“ [Baume, 1974]. 

Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Klinisches Ethik-Komitee des
Universitätsklinikums Aachen MTI 2,
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

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