Flutkatastrophe

Der Schock sitzt tief

Auch einen Monat nach dem Hochwasser herrscht in Teilen Nordrhein-Westfalens und Rheinland-Pfalz alles andere als Normalität: Betroffene Zahnarztpraxen beklagen Schäden in bis zu sechsstelliger Höhe, leiden 
unter Verdienstausfällen oder teilen sich mit Geschädigten die Praxisräume. Zahnarzt Werner Jung plagt 
zudem die Gewissheit, womöglich nur knapp mit dem Leben davongekommen zu sein.

privat

Auch wenn die Aufräumarbeiten in Ahrtal schnell voranschreiten, zeigen sich tiefe Narben im Stadtbild: Brachflächen, wo eingestürzte oder instabile Häuser abgerissen werden mussten, demolierte Infrastruktur – und stillgelegte Zahnarztpraxen. Manche mussten nur vorübergehend geschlossen bleiben, andere erlitten kapitale Schäden oder wurden komplett verwüstet, wie die Praxis von Zahnarzt Werner Jung. Der 67-Jährige wird sie nicht wiedereröffnen – und die Geschehnisse der Nacht vom 14. auf den 15. Juli wohl kaum vergessen können.

Als das Wasser am nächsten Tag abgelaufen ist und Zahnarzt Werner Jung erstmals seine Praxis wieder betritt, kann er es kaum fassen: In einem Behandlungszimmer ist der Estrich gerissen und hochgeschwemmt, alle elektrischen Geräte sind unbrauchbar – und die komplette Praxis zentimeterhoch mit kontaminiertem Schlamm bedeckt. | privat

Als Jung am 14. Juli nachmittags die rund einen Meter hohe Schutzwand des Praxisgebäudes an einem Durchgang schließt, sieht es noch nach einem starken, aber nicht desaströsen Hochwasser aus. „Hochwasser mit einem Ahr-Pegel von 3,70 oder 3,80 Meter hatten wir schon”, erzählt er. Darum besitzt das Haus, das knapp 3,50 Meter dem Ahr-Niveau liegt, vier Pumpen im Keller und er eine 
Elementarschadenversicherung, die in einem solchen Fall den Neuwert seiner Praxiseinrichtung absichert. 

Jeeps und Bäume schießen durch die Straßen

Während er am frühen Abend die Datensicherung vornimmt, wird Jung dann plötzlich von dem sprunghaft steigenden Pegel der Ahr überrascht. 

„Das ging alles rasend schnell”, erinnert er sich. Auf der Straße entwickelt sich aus knöcheltiefem Wasser ein reißender Strom, der innerhalb von einer Stunde alle Geschäfte und Wohnungen im Erdgeschoss seiner Straße überschwemmt und ihm damit den Fluchtweg aus dem ersten Obergeschoss des Gebäudes versperrt.

„Die Fließgeschwindigkeit und Kraft des Wasser waren enorm”, erzählt er. „Wohnwagen, Jeeps und ganze Bäume samt Wurzeln wurden durch die Straßen gespült. Wenn man da reingefallen wäre, hätte man keine Chance gehabt.” Später erfuhr er von Ertrunkenen, die in der unmittelbaren Nähe zur Praxis in einem neu errichteten Einfamilienhaus gewohnt hatten, das infolge des Wasserdrucks eingestürzt war.

Spenden Sie für die Flut-Opfer!

Knapp zwei Wochen nach dem gemeinsamen Spendenaufruf von Kammern, KZVe) und HDZ lag das aktuelle Spendenaufkommen bereits im sechsstelligen Bereich, berichtet 
Stiftungsvorsteher Dr. Klaus-Achim Sürmann. „Die Solidarität der Kolleginnen und Kollegen ist sehr groß”, der Schaden aber noch größer.“ Denn auch wenn der genaue Bedarf erst noch ermittelt werden muss, liegt er viel höher als zunächst angenommen – auch, weil 
neben den Schäden an der Praxiseinrichtung die Wiederherstellung der Räume immense Kosten verursacht.

Hilfswerk Deutscher Zahnärzte Deutsche Apotheker- und Ärztebank
IBAN: DE28 300 60601 000 4444 000, BIC: DAAEDEDD
Stichwort: Flutkatastrophe

Eine Spendenbescheinigung wird bei genauer Adressangabe ausgestellt. Zur Steuerbegünstigung bis 300,- Euro kann als vereinfachter Zuwendungsnachweis nach § 50 Abs. 2 EStDV der Kontoauszug vorgelegt werden.

E-Mail: info@stiftung-hdz.deinfo@stiftung-hdz.de 

www.stiftung-hdz.de

Totalschaden – Nach 25 Jahren

Die Ahrbrücken waren bereits zerstört, als Dr. Klaus Styzinski den Anruf einer Nachbarin erhielt, dass seine Praxis unter Wasser steht. Genauer: unter Schlamm. Aber er sitzt auf der anderen Ahrseite fest. Am nächsten Tag schafft er es über den Fluss, der mit einem Pegelstand von fast neun Metern zwischenzeitlich zum reißenden Strom wurde – und seine Praxis verwüstet hat.

Wirtschaftlicher Totalschaden. So lautet Styzinskis Fazit nach der Praxisbegehung. Die Kosten für den Wiederaufbau schätzt er auf rund 900.000 Euro, er verlor allein einen Lagerbestand von knapp 190.000 Euro. „Vieles davon wurde einfach weggespült“, sagt er.

Im 25. Jahr lief seine Praxis mit drei Behandlungszimmern und eigenem Labor „richtig gut“ und war dank ständiger Modernisierungen auch bestens ausgestattet. Heute ziert stattdessen eine braune Wasserstandsmarke in knapp zwei 
Metern Höhe die vollkommen verwüsteten Räume. Möbel, Geräte und Boden sind zentimeterdick von einem mit Öl und Schwermetallen kontaminierten Schlamm bedeckt.

Alles muss kernsaniert werden: Böden und Leitungen müssen raus, sofern öffentlich bestellte Statiker dem Gebäude nicht noch eine Einsturzgefährdung attestieren. So lange erfolgen sukzessive Freigaben der Versicherung. Behandlungseinheiten und OPG werden fachmännisch demontiert, alles andere wandert einfach auf die Straße zu dem Schutt der umliegenden, völlig zerstörten Geschäfte von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Digitale Abrechnungen und Sicherungskopien auf Festplatten müssen jetzt zur Rekonstruktion zum Spezialisten.

Während die Arbeiten zum Wiederaufbau laufen, versorgt Styzinski im Schichtbetrieb seine Patienten in den Räumen des Kollegen Dr. Klaus Hehner, Obmann des Kreises Ahrweiler bei der Bezirkszahnärztekammer Koblenz. Seine Praxis blieb von größeren Schäden verschont, sie war durch das Hochwasser lediglich vorübergehend von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten.

Der Link führt zu einem Video auf zm-online, in dem Dr. Klaus Styzinski seine zerstörte Praxis zeigt.

„Plötzlich kam das Wasser aus dem Wänden geschossen und innerhalb von fünf Minuten stand es 20 Zentimeter hoch in der Praxis”, berichtet Jung, der sich mit einem Allgemeinmediziner, der im selben Gebäude praktiziert, ins zweite Obergeschoss in eine Mietwohnung rettet.

In der nacht stürzen die 
NachbarHäuser ein

Zusammen mit dem dort wohnenden älteren Ehepaar werden die beiden Mediziner für die kommenden Stunden eine Schicksalsgemeinschaft, die nur hilflos zuschauen kann, wie das Wasser minütlich weiter steigt und der Strom weiter an Kraft gewinnt. „Gegen 22:20 Uhr war meine Praxis dann fast komplett überflutet”, weiß Jung, denn zu dieser Zeit bleibt die knapp unter der Decke montierte, batteriebetriebene Praxisuhr stehen.

Blick aus dem ersten Obergeschoss: Durch mehrere Flutwellen stieg der Pegel der Ahr rasant. Am Ende stand das Wasser in Werner Jungs Praxis bis unter die Decke. | privat

So rauscht das Wasser bei Einbruch der Dunkelheit fast 7 Meter über dem Straßenniveau, knapp unterhalb der Dachrinne des Hauses vorbei. Dann kommt die Nacht. „Das Schlimmste war nicht das Gurgeln und Gluckern der Flut in den Räumen unter uns“, schildert der Zahnarzt diesen Albtraum, „sondern das dumpfe Grollen, wenn wieder ein Haus zusammengefallen ist. Wir haben nur dagesessen und gebibbert, dass die Wände halten.” 

400.000 Euro Schaden UND keine Versicherung

In einem weiteren Fall hier im Rheinland steht der Praxisinhaber vor der Entscheidung: Sanieren und wiedereröffnen, oder die Praxis schließen?

Der Schaden an der Praxiseinrichtung und dem Gebäude beläuft sich auf mehr als 400.000 Euro. Eine Versicherung 
gegen Hochwasser hat der Zahnarzt, der anonym bleiben will, nicht abgeschlossen: In den vergangenen 200 Jahren ist „nie etwas Derartiges passiert“. Die Praxisräume wieder nutzbar zu machen, kostet allein 1.200 Euro pro Quadratmeter, auch weil aktuell Baumaterialien so knapp sind.

Hinzu kommt die komplette Neuausstattung – eine Investition, die er in seinen verbleibenden zehn Berufsjahren wohl nicht refinanzieren kann, so sein Fazit.

Besonders bitter: Eine Nachfolgerin für die Praxis war bereits gefunden.

Gegen 2 Uhr meint Jung, einen Donnerknall gehört zu haben, in dessen direktem Anschluss der Ahr-Pegel deutlich zu sinken beginnt. Am nächsten Tag bestätigt sich die Vermutung: „Das waren die beiden Eisenbahnbrücken, die zusammengebrochen sind.”

Straßen sind Blockiert, Telefonnetze tot

Als es wieder hell wird und das Wasser weiter zurückgeht, zeigt sich am nächsten Tag das ganze Ausmaß der Schäden: überall Treibgut und Schutt, umgeknickte Laternen, zerborstene Mauerstücke, umgestürzte Lkws und entwurzelte Bäume, die zum Teil auf Balkonen zu liegen gekommen waren. „So einen Grad der Zerstörung habe ich noch nie gesehen”, sagt Jung, der nachmittags – noch immer unter Schock – zu Fuß in einen höher gelegenen Ortsteil zu einem Freund läuft. „Der hat mich dann nach Hause zu meiner Frau gebracht, die mich zwischenzeitlich als vermisst gemeldet hatte. Es war ja alles tot. Es gab kein Festnetz und kein Mobilfunknetz.” Die spätere Praxisbegehung beendet jäh die Pläne des Zahnarztes, noch bis zum 70. Geburtstag “durchzuhalten“. Überall steht zentimeterhoch brauner Schlamm, Lager und Buchhaltung sind komplett zerstört, die Einrichtung Schrott.

Schmutzkante bei zwei Meter: Auch Dr. Klaus Styzinskis Praxis stand vollständig unter Wasser. Die Wucht der Fluten hat Möbel aus der Verankerung gerissen. | privat

Die Straße als Trümmerfeld: Als Werner Jung am nächsten Tag in der direkten Nachbarschaft seiner Praxis mehrere eingestürzte Häuser sieht, wird ihm bewusst, wie viel Glück er hatte, dass das Praxisgebäude Baujahr 1982 dem Wasser standhielt. | privat

Treibgut überall: Bäume, Äste, Müll und Alltagsgegenstände sind über den gesamten Hochwasserbereich verteilt. Anders als diese Autobrücke haben zwei Eisenbahnbrücken dem Wasserdruck nicht standgehalten. Sie stürzten in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli ein. | privat

Hintergrund

Nordrhein

In Nordrhein sind bisher 100 Zahnarztpraxen von insgesamt 5.600 betroffen. Die Schäden reichen von Stromausfall bis zur völligen Zerstörung der Räumlichkeiten, Inneneinrichtung und Geräte. Bei manchen Praxen ist nur der Keller vollgelaufen, es gibt jedoch auch viele Fälle, in denen die Praxis komplett überschwemmt wurde oder wo das Haus schlichtweg nicht mehr existiert. Bei einem Viertel wird bisher von einem Totalschaden ausgegangen. Im schlimmsten Fall ist auch das Wohnhaus beschädigt. Wichtige Zufahrtsstraßen sind zerstört, der ÖPNV ist unterbrochen, so dass etliche Praxen nicht erreichbar sind. 
Vielfach können keine Patientendaten abgerechnet werden, weil die Elektrik ausgefallen ist. In einigen Orten ist das Trinkwasser nicht nutzbar, so dass die Inhaber allein deshalb Ausfälle von drei bis vier Tagen zu beklagen haben.

Betroffen sind besonders Stolberg, Bad Münstereifel, Erftstadt (Ortsteil Blessum), Teile von Oberhausen, Mülheim und Mettmann. Viele Zahnärzte und Zahnärztinnen sind gegen diese Naturkatastrophe nicht versichert oder aber die Versicherung zahlt nicht.

Rheinland-Pfalz

In Rheinland-Pfalz sind nur Praxen der Bezirkszahnärztekammern Koblenz (44 von 60) und Trier (16 von 44) betroffen. Jeweils vier Praxen wurden komplett zerstört, teilweise stehen noch Gutachten zur Gebäudesicherheit aus. In mindestens einem Fall muss das Gebäude abgerissen werden. Oft sind die Keller vollgelaufen und Kompressoren, Amalgamabscheider und Patientenkarteien beschädigt. Viele Praxen waren zudem behandlungsunfähig, weil sie auf den Wiederanschluss von Strom und Wasser – oder eine Räumung der Zufahrts-
wege – warten mussten. Viele Zahnärzte praktizieren wieder mit einzelnen Zimmern, andere müssen noch auf die Gutachten der Versicherungen warten. 

So bitter es sei, der Sachschaden an der Einrichtung ist für ihn nicht das Hauptproblem, betont Jung, denn hier wird aller Voraussicht nach die Versicherung voll greifen. „Aber die Praxis lässt sich natürlich nicht mehr verkaufen, wenn sie – auf gut deutsch gesagt – einmal abgesoffen ist.” Jetzt aufwendig zu sanieren, um wenig später eine Nachfolge zu suchen, kommt für Jung nicht infrage. 

Alles komplett zerstört, die Einrichtung Schrott

Sein größtes Problem: Er muss klären, was mit seinen Angestellten passiert. Bei komplettem Verdienstausfall könnten er und seine Frau es sich nicht leisten, die Personalkosten einfach weiter zu zahlen. Es sei jedoch noch völlig offen, ob eine außerordentliche Kündigung wegen höherer Gewalt arbeitsrechtlich Bestand habe (siehe Kasten). Gleichzeitig sei mit der kompletten Zerstörung weiterer Praxen im Kreis Ahrweiler der lokale Arbeitsmarkt für ZFA völlig am Boden.

Für den 67-Jährigen Werner Jung kommt es nicht infrage, die zerstörte Praxis zu sanieren und noch einmal wiederzueröffnen. Mit dem Hochwasser fand sein Traum, bis zum 70. Geburtstag zu praktizieren, ein jähes Ende. | privat

Seine Elementarschadenversicherung ersetzt ihm aller Voraussicht nach den Sachschaden. Doch vor allem sorgt sich Jung darum, was mit seinen Angestellten passiert. | privat

Immerhin: Das Praxisgebäude Baujahr 1982 – das zum Teil seiner Frau gehört – steht noch. Es hielt nicht nur in der Hochwassernacht den Fluten stand, sondern ist auch nach Einschätzung von Statikern des Technischen Hilfswerks nicht einsturzgefährdet. Fünf Nachbarhäuser mussten abgerissen werden. Und auch der Stress, jetzt Fragen zur Abwicklung der Praxis klären sowie den Rückbau der Einrichtung organisieren zu müssen, hat etwas Gutes. Es ist eine Ablenkung von den traumatischen Geschehnissen. „Der Schock sitzt tief”, sagt Jung. Manchmal habe er nachts Albträume.

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