Praxisbasiertes Forschungsnetzwerk Parodontologie

Risikofaktoren für den Zahnverlust in der Parodontitistherapie

In einer neuen Analyse von Daten aus dem „Praxisbasierten Forschungsnetzwerk Parodontologie“ an der Universität Freiburg wurden 125.832 Zähne über einen Zeitraum von durchschnittlich 17,63 Jahren untersucht. Insgesamt gingen während dieser Zeit 2.405 Zähne verloren (1,91 Prozent) – dabei traten über ein Drittel aller Zahnverluste in einem sehr frühen Stadium auf.

Abb. 1: Mediane Sondierungstiefen an den unterschiedlichen Zahnpositionen (1 entspricht den Zähnen 11, 21, 31 und 41 usw.) in Boxplots (Medianwerte mit 95%-Konfidenzintervall) Johan P. Woelber

Während Forschungsergebnisse zu zahnärztlichen Therapien zum größten Teil aus universitären Einrichtungen stammen, werden jedoch die meisten Patienten in niedergelassenen zahnärztlichen Praxen therapiert und betreut [Rørtveit, 2014]. Auf der einen Seite können wissenschaftliche Studien an Universitäten unter strengen Qualitätsrichtlinien durchgeführt werden, die es auch erlauben, spezifische Wirkfaktoren darzustellen. Auf der anderen Seite gibt es häufig eine Diskrepanz zwischen diesen strengen Qualitätsrichtlinien und den Behandlungsmodalitäten unter „wirklichen“ Praxisbedingungen in Bezug auf Behandlungszeit, Kosten, Ausbildung und Bezahlung sowie die Verwendung evidenzbasierter Behandlungsprotokolle [Spallek et al., 2010].

Um den Unterschied in der Forschungsbedeutung zwischen universitärer und niedergelassener Praxis zu überwinden, wurden unter anderem praxisbasierte Forschungsnetzwerke (PBFN) etabliert [Gilbert et al., 2013]. Sie bieten den großen Vorteil, Forschungsdaten aus vielen Praxen unter Alltagsbedingungen zu gewinnen – diese Daten haben eine hohe Relevanz für die Versorgungsforschung. Gleichzeitig bleibt bei den PBFN ein immanent limitierender Faktor, dass viele Einflüsse auf die Forschungsergebnisse nicht kontrolliert werden können und somit immer mit gewisser Vorsicht interpretiert werden müssen.

Analyse von daten aus niedergelassenen praxEn

In Zusammenarbeit mit dem Masterstudiengang „Parodontologie und Implantattherapie“ der Universität Freiburg und dessen zahnärztlichen Absolventinnen und Absolventen konnte nun erstmals ein Verfahren für die digitale Zentralisierung und Analyse von Therapiedaten aus der niedergelassenen, spezialisierten Zahnarztpraxis etabliert werden (siehe auch zm 11/2020). Die erste Analyse umfasste dabei Daten von 6.301 Patienten aus neun verschiedenen zahnärztlichen Praxen mit insgesamt 153.163 Zähnen [Peikert et al., 2020]. Voraussetzungen für die teilnehmenden Praxen waren die Verbindung zum Masterstudiengang sowie die Verwendung des Programms Parostatus® (Parostatus.de GmbH, Berlin, Deutschland). 

Die erste Analyse der Daten zeigte, dass im durchschnittlich erfassten Beobachtungszeitraum von 9,77 Jahren in der spezialisierten parodontalen Therapie bei Parodontitispatienten nur 2,8 Prozent aller Zähne verloren gingen. Die Anzahl der Termine war signifikant negativ korreliert zum Bluten auf Sondieren (Korrelationskoeffizient – 0,30, p < 0,0001) und die Anzahl blutungspositiver Messstellen war signifikant korreliert mit der Tiefe der Sondierungstiefen (Korrelationskoeffizient 0,43, p < 0,001). Damit konnten auf Praxisebene sowohl grundlagenwissenschaftliche Untersuchungen, die einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Sondierungstiefen und Bluten auf Sondieren fanden [Lang et al., 1986; Renvert und Persson, 2002] als auch die positiven Ergebnisse der Parodontaltherapie [Eickholz et al., 2008; Knowles et al., 1979] bestätigt werden. Abbildung 1 stellt die durchschnittliche Zunahme der Sondierungstiefen von anterior (1er, Frontzähne) bis posterior (8er, Weisheitszähne) dar.

In einer weiteren Analyse der Daten des PBFN konnten im Rahmen der Masterarbeit von Dr. Helena Walker diverse Risikofaktoren des Zahnverlusts auf Praxisebene identifiziert werden. In dieser Analyse wurden 125.832 Zähne über einen Zeitraum von durchschnittlich 17,63 Jahren beobachtet. Insgesamt gingen 2.405 Zähne verloren (1,91 Prozent von 125.832 Zähnen).

Molaren, Zähne im Oberkiefer, Zähne mit Furkationsgrad 2–3, Zähne mit erhöhter Zahnbeweglichkeit Grad 2–3, das Vorhandensein von Sondierungsblutung, erhöhte Sondierungstiefen, klinischer Attachmentverlust, häufigere Termine und die behandelnde zahnärztliche Praxis zeigten sich als signifikante Risiko- beziehungsweise Einflussfaktoren für einen höheren Zahnverlust respektive eine schlechtere Gesamtprognose der Zähne. Furkationen ersten Grades, Rezessionen und das Alter der Patienten hatten hingegen keinen signifikanten Einfluss auf den Zahnverlust.

Verlustrate nimmt im Behandlungsverlauf ab

Bezüglich des Zeitpunkts des Zahnverlusts fiel in der vorliegenden Studie auf, dass beim zweiten Termin bereits mehr als ein Drittel, also 36,7 Prozent, aller insgesamt verloren gegangenen Zähne fehlten und die Verlustrate im Verlauf der Behandlung kontinuierlich abnahm (Abbildung 2). Dies betraf vor allem Zähne mit Lockerungsgrad 3 (Abbildung 3).

Abb. 2: Anzahl der Zahnverluste im Verlauf der Parodontaltherapie pro Termin | Johan P. Woelber

Abb. 3: Kaplan-Meier-Überlebenswahrscheinlichkeit von Zähnen unterteilt nach der Beweglichkeit in der Parodontaltherapie > 10 Jahre | Johan P. Woelber

Falls der Verlust der Zähne vereinbar war mit Zahnextraktionen, so wären diese zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Parodontitistherapie erfolgt. Eine solch „frühe“ Extraktion muss kritisch diskutiert werden, zumal zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Parodontitistherapie immer wieder eine Neubeurteilung der Zahnprognose vorgenommen werden muss, da viele Zähne im Rahmen einer adäquaten Parodontitistherapie ihre Prognose signifikant verbessern können [Mathews und Spear, 2021; Levin und Halperin-Sternfeld, 2013; Machtei und Hirsch, 2007]. Allerdings kann in dieser Patientenpopulation keine Aussage gemacht werden zu eventuell notwendigen prothetischen Versorgungen, die eine frühere Extraktion rechtfertigen würden.

Weiterhin konnten die Daten andere Untersuchungen bestätigen, die ein zunehmendes Zahnverlustrisiko mit zunehmendem Furkationsgrad festgestellt hatten (Tabelle).

Tab. Vergleich der Daten aus dem PBFN zum Risiko für Zahnverlust von Molaren mit Furkationsbefall mit zwei weiteren Studien [Graetz et al., 2015] und [Dannewitz et al., 2016] | HR = Hazard Ratio; CI = Konfidenzintervall Quelle: Wölber et al.

Rezessionen haben keinen Einfluss auf Zahnverlust

Erfreulicherweise konnten die Daten auch zeigen, dass Rezessionen und das Alter der Patienten keinen Einfluss auf den Zahnverlust hatten. In Bezug zur etwaigen Mukogingivalchirurgie sollte daher die Indikation zur Rezessionsdeckung sorgfältig abgewogen werden, da das Vorhandensein einer Rezession nicht automatisch mit einem höheren Zahnverlustrisiko in Verbindung gebracht werden kann. Diese Beobachtung soll allerdings in einer weiteren Untersuchung spezifiziert werden. In Bezug zum Alter kann festgehalten werden, dass die Parodontaltherapie in jedem Lebensalter den Zahnerhalt unterstützen kann.

Zusammenfassend zeigten die Ergebnisse, dass in der beobachteten Studienpopulation, die in parodontal spezialisierten Praxen betreut wurde, insgesamt nur sehr wenige Zähne verloren gegangen sind. Mögliche Einflussfaktoren für Zahnverlust konnten mit der angewandten Methodik ausgewertet werden und standen im Einklang mit bisherigen Erkenntnissen. Das Alter der Patienten und das Vorhandensein von Rezessionen zeigten sich nicht als Risikofaktoren für den Zahnverlust unter und nach Parodontaltherapie. 

Der Masterstudiengang „Parodontologie und Implantattherapie“ der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg findet in Kombination von Online- und Präsenzlehre statt und startet in diesem Jahr in sein 15. Jubiläumsjahr. Nächster Studiengangsstart ist der 29. Oktober 2021. Mehr Infos unter www.masterparo.de

Prof. Dr. Johan Peter Wölber
Universitätsklinikum Freiburg
Department für Zahn-, Mund-, und Kieferheilkunde,
Klinik für Zahnerhaltungskunde
und Parodontologie
Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg
johan.woelber@uniklinik-freiburg.de

Dr. Felix Mittelhamm, M.SC. 
Zahnarztpraxis Dres. Tina und
Felix Mittelhamm,
Moorhof 7b, 22399 Hamburg

Kirstin Vach
Universitätsklinikum Freiburg, Institut für
Medizinische Biometrie und Statistik
Stefan-Meier-Str. 26, 79104 Freiburg

PD Dr. Eberhard Frisch, M.SC.
Universitätsklinikum Freiburg, Department
für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Klinik für Zahnerhaltungskunde und
Parodontologie
Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg und
Zahnarztpraxis Dres. Heike und Eberhard
Frisch, Implantologie-Zentrum Nordhessen
Industriestr. 17 A, 34369 Hofgeismar

Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger
Universitätsklinikum Freiburg,
Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Klinik für Zahnerhaltungskunde
und Parodontologie
Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg

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