US-Studien

Neun von zehn Medizinstudierenden haben das Hochstapler-Syndrom

Studien zufolge leiden fast 90 Prozent der Medizinstudierenden unter dem Imposter- oder „Hochstapler“-Syndrom. Unabhängig von der tatsächlichen Studienleistung entwickeln sie massive Selbstzweifel. Warum gerade sie?

Unter angehenden Medizinern ist das Hochstapler-Syndrom überproportional stark verbreitet, unabhängig von Studienort und -zeitpunkt. AdobeStock_vectorfusionart

Das Hochstapler-Syndrom oder -Phänomen (IP) ist ein psychologisches Phänomen, bei dem leistungsstarke Personen ihren Erfolg nicht auf sich beziehen, sondern externen Faktoren wie Glück oder Zufall zuschreiben und massive Selbstzweifel an den eigenen Fähigkeiten oder ihrer Intelligenz entwickeln. 

Das Syndrom wurde 1978 zunächst für besonders leistungsstarke Akademikerinnen beschrieben [Clance & Imes, 1978], es gilt aber mittlerweile als belegt, dass Männer und Frauen gleichermaßen betroffen sind. Verschiedenen Studien zufolge ist es mit Persönlichkeitsmerkmalen wie Depressionen, Angstzuständen, Neurotizismus, geringem Selbstwertgefühl, maladaptivem Perfektionismus, erhöhtem arbeitsbedingten Stress, Underperformance, Selbstsabotage und verminderter Karriereentwicklung verbunden.

Zur gesamtgesellschaftlichen Prävalenz gibt es unterschiedliche Vermutungen, neue Forschungsarbeiten gehen davon aus, dass 70 Prozent aller Menschen in einer bestimmten Lebensphase oder unter bestimmten Umständen einmal darunter leiden. Zwei Studien haben nun die IP-Prävalenz bei Medizinstudierenden zu Beginn, am Ende des ersten Studienjahres sowie nach der ersten Prüfung der United States Medical Licensing Examination (USMLE) untersucht, die US-Studierende in der Regel nach zwei Studienjahren absolvieren. 

das Phänomen verstärkt sich Im ersten Studienjahr

Die eine Forschergruppe [Rosenthal et al., 2021] untersuchte 257 Studierende (128 Männer, 129 Frauen) der Pennsylvania Medical School einen Monat vor ihrem Studienstart sowie nach einem Jahr. Sie nutzte dazu den von Clance entwickelten Fragebogen CIPS, der mithilfe von 20 Parametern Inzidenz und Grad des IP prüft und auf einer dreistufigen Skala („niedrig”, „mittel”, „hoch”) klassifiziert. 

Die Forschenden führten verschiedene Persönlichkeitsmessungen durch, um die Empathiefähigkeit, den Grad der empfundenen Selbstachtung und -liebe sowie die empfundene Einsamkeit quantifizierbar zu machen. Ergebnis: 32 Prozent der Studierenden wiesen vor dem Studienstart hohe, 55 Prozent moderate IP-Grade auf – lediglich bei 13 Prozent waren die Werte niedrig. Höhere IP-Werte korrelierten dabei signifikant mit niedrigeren Werten für Selbstwertgefühl, Selbstmitgefühl und Geselligkeit.

Umgekehrt hatten Studierende mit niedrigeren IP-Werten niedrigere Werte bei Neurotizismus und Einsamkeit. Am Ende des ersten Studienjahres hatte sich der Anteil der Studierenden mit hohen IP-Werten von 32 auf 49 Prozent erhöht und der Anteil in der moderaten IP-Kategorie von 55 auf 43 Prozent reduziert.

Die Forschenden vermuten, dass die hohen IP-Werte vor Studienbeginn zum Teil auf den intensiven Druck und den Wettbewerb um die Zulassung von Bewerbern für medizinische Fakultäten zurückzuführen sein könnten und weiter untersucht werden sollten. Da IP ein formbares Persönlichkeitskonstrukt ist und daher auf Interventionen reagiert, „sind unterstützendes Feedback und kollaboratives Lernen, Mentoring durch die Fakultät, akademische Unterstützung, individuelle Beratung und Gruppendiskussionen mit Gleichaltrigen hilfreich”. Sie berichten, dass darum an der Pennsylvania Medical School neuerdings gezielt zum Thema IP informiert wird und Workshops, Einzeltherapie und Gruppentherapie angeboten werden. Die Autoren sind überzeugt, dass eine frühzeitige Identifizierung von IP für Studierende zu einer rechtzeitigeren Intervention führen kann, die so Stress und IP-bedingte Burn-outs bei zukünftigen Ärzten verhindert. 

Internalisierte und echte Leistung decken sich nicht

Eine weitere Studie der Universität von Louisville, Kentucky, USA [Shreffler et al., 2021] zeigt, dass IP auch an anderen Studienstandorten und zu anderen Studienzeitpunkten unter angehenden Medizinern überproportional stark verbreitet ist. In Louisville wurden 233 Medizinstudierende nach der ersten USMLE-Prüfung mit dem CIPS-Fragebogen untersucht, wobei die Ergebnisse in einer vierstufigen Skala klassifiziert wurden. Ergebnis: 10,3 Prozent hatten ein „intensives”, 31,8 Prozent ein „häufiges”, 47,6 Prozent ein „moderates” und nur 10,3 Prozent „wenig” IP. Dabei zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede der IP-Intensität bei der getrennten Betrachtung nach Güte der Prüfungsergebnisse. 

Geschlussfolgert wird, dass die Internalisierung der Leistung und des Gefühls von IP der Studierenden nicht konsistent mit ihrer tatsächlichen Leistung übereinstimmt. Zudem deuteten Antwortvariationen bei einzelnen CIPS-Fragen darauf hin, dass die zugrundeliegenden Faktoren zu Schwankungen in IP und Performance führen können. Die Autoren sehen die Notwendigkeit zusätzlicher Forschungsarbeiten zum Thema, um die Konstrukte von IP zu identifizieren, die speziell Medizinstudierende beeinflussen. Es gehe darum, perspektivisch an den Fakultäten Ressourcen zu implementieren, um Personen mit IP zu unterstützen.

Rosenthal S et al.: „Persistent Impostor Phenomenon Is Associated With Distress in Medical Students“. Fam Med. 2021;53(2):118–122. doi.org/10.22454/FamMed.2021.799997. Shreffler J et al.: „Association between Characteristics of Impostor Phenomenon in Medical Students and Step 1 Performance“. Teach Learn Med. 2021 Jan-Mar;33(1):36–48. doi: 10.1080/10401334.2020.1784741. Epub 2020 Jul 7. PMID: 32634054.

Clance P R & Imes S A (1978): The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241–247. doi.org/10.1037/h0086006

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